Lincoln
Facebook / Clube de Reagatas do Flamengo

U17-WM: Lincoln auf dem Weg zurück ins Licht

Lincoln ist ein verheißungsvoller Spieler mit großem Potential. Er kann sich in die traditionsreiche Riege der großartigen „9er“ des brasilianischen Fußballs einreihen. Kritiker haben ihn allerdings bereits wieder in der Anonymität des riesigen Talentpools im fußballverrückten Brasilien versinken lassen. Das ist er allerdings nicht. Im letzten halben Jahr führte er lediglich eine fußballerische „Schattenexistenz“. Nun ist er aber zurück und darf sich beweisen.

Es ist der 20. März 2017. Die U17-Nationalmannschaft Brasiliens trifft zum letzten Spiel der Südamerikameisterschaft auf den ärgsten Konkurrenten Chile. Der Gewinner darf sich bestes Juniorenteam des südamerikanischen Kontinentes in dieser Altersstufe nennen. Das Spiel wird zu einer Machtdemonstration der Brasilianer und endet mit 5:0. Unter den Torschützen befindet sich Lincoln, es ist sein fünfter Turniertreffer. Lediglich dessen Landsmann, Vinicius Junior, ist mit sieben Toren noch erfolgreicher gewesen. Gemeinsam mit seinem kongenialen Sturmpartner dominiert Lincoln die gegnerischen Abwehrreihen. Auf Anhieb entsteht ein enormer Hype um beide Sturmjuwele. Sie verbindet mehr als nur der gemeinsame Erfolg bei der Südamerikameisterschaft. Auch in der Jugendakademie von Flamengo gehen sie zu diesem Zeitpunkt gemeinsam auf Torejagd.

Duo geht getrennte Wege

Nach dem Kontinentalturnier entwickeln sich die Karrieren der beiden 16-Jährigen allerdings unterschiedlich. Vinicius Junior wird nach dem Turnier direkt von keinem geringeren Club als Real Madrid umworben. Flamengo will die Gelegenheit für ein gutes Geschäft nicht verstreichen lassen. Vinicius Junior wird zu den Profis befördert und sein Vertrag verlängert. Damit stieg automatisch der Marktwert des Spielers. Real Madrid scheint allerdings von dessen Qualitäten dermaßen überzeugt zu sein und überwies schlappe 45 Mio. € für das Talent. Weil er sich noch entwickeln soll, wird er zumindest bis 2018 noch bei Flamengo spielen. Dennoch ist er bereits heute in allermunde. Lincoln hingegen nicht – wieso eigentlich?

Nach dem gemeinsamen Triumph waren die Angebote für Lincoln scheinbar nicht derart spektakulär wie für dessen Sturmpartner. So spielte er seit März für die U20 von CR Flamengo. Im brasilianischen Pokal erreichte er mit seiner Mannschaft das Finale, musste sich allerdings Atletico Mineiro im Elfmeterschießen geschlagen geben. Mit zwei Treffern im Wettbewerb blieb er hinter manch Erwartungen zurück. Bei der U20 Meisterschaft lief es für ihn persönlich besser. Mit vier Treffern in vier Spielen war er erfolgreichster Schütze seines Teams. Dennoch verpasste Flamengo als Tabellendritter die Qualifikation für die zweite Phase der Landesmeisterschaft. In den Fokus internationaler Scouts konnte er damit nicht rücken. Für Skeptiker bereits Grund genug, um zu hinterfragen, was mit dem angeblichen Wunderknaben passiert sei.

Wer ist Lincoln?

Der Stürmer erinnert von Statur, Körperbau und Spielstil ein wenig an Breel Embolo vom FC Schalke 04. In Brasilien vergleichen sie ihn eher mit Gabriel Jesus. Er ist vielseitig und fühlt sich im sturmzentrum heimisch. Dennoch kann er auch flexibel auf den Flügeln eingesetzt werden. Im Zweikampf ist er robust und besitzt zudem die Fähigkeit, mit einem Pass in die Tiefe die Abwehrketten auszuhebeln. Mit 1,80 m Körpergröße ist er kein klassischer Strafraumstürmer, sondern ein moderner „9er“. Dennoch erzeugt Lincoln Gefahr durch sein Kopfballspiel. Offensichtlich vereint er bereits im jungen Alter viele Attribute, die ihm auf dem Weg zu einem Star weiterhelfen können. Auch Allüren darf man ihm bereits andichten. Seine Art, Strafstöße auszuführen würde manch einer als arrogant deklarieren. Doch der Erfolg gibt ihm recht.

Lincoln Correa dos Santos ist Jahrgang 2000, am 16. Dezember wird er 17 Jahre alt. In Fachkreisen ist es kein Geheimnis, dass er der beste Mittelstürmer des Landes in seinem Jahrgang ist. Geboren ist Lincoln in Serra. Das ist eine Stadt mit ca. 400.000 Einwohnern im Bundesstaat Espirito Santo, nördlich von Rio de Janeiro. Seit 2014 kickt der Rechtsfuß beim Regatterclub am Zuckerhut und hat eine erstaunliche Entwicklung genommen. Der Guardian zählt ihn zum Kreise der zehn größten Talente des Jahrgangs 2000. Neben Jadon Sancho, welcher diesen Sommer von Manchester City zum BVB wechselte und hoffentlich bald in der Bundesliga für Furore sorgen wird, gehört auch sein alter Weggefährte Vinicius Junior zum erlesenen Kreis der Top Ten. Ob sie es wollen oder nicht: Lincoln und Junior werden sich womöglich den Rest ihrer Karrieren solcher Vergleiche stellen müssen.

Viel Lärm um nichts?

Nur weil Lincolns Karriere seit März nicht kometenhaft angestiegen ist und noch kein europäischer Spitzenclub Unsummen für den Spieler geboten hat, läuft es dennoch nicht schlecht. Vielleicht ist auch gerade dieser Umstand sein Vorteil. Während Vinicius bereits im Rampenlicht steht und alle Augen auf ihn gerichtet sind, kann sich Lincoln in der Jugendakademie von Flamengo in Ruhe entwickeln. Wie viele zukünftige Peles und Neymars gab es in Brasilien bereits und wie viele haben es letztendlich wirklich zum Weltstar gebracht? In der brasilianischen Talentküche wurden schon derart viele „Suppen“ versalzen, dass vielleicht Geduld das passende Gewürz für den Erfolg sein wird.

Definitiv ist es zu früh, um über Stagnation auf seinem Karriereweg zu berichten. Ein solches Urteil ist nur durch die Reflektion mit Vinicius Junior möglich – und falsch. Vor allem skeptische Urteile sollten nicht voreilig getroffen werden. In Brasilien ist man sich sicher, dass er es ins A-Nationalteam schaffen wird und auch in Europa Fuß fassen kann. Es braucht eben Zeit und Ruhe. Wenn ein Spieler im Alter von 16 Jahren für 45 Mio. € zu einem Topclub Europas wechselt, wird von perversen Entwicklungen auf dem Transfermarkt berichtet. Wenn allerdings ein 16-jähriger ein gutes Turnier spielt und ein halbes Jahr später noch nicht von den europäischen Clubmanagern bezirzt wird, schreiben Medien von der Karriere in der Sackgasse.

Lincoln zurück im Fokus

Im Gegensatz zu Vinicius Junior, ist Lincoln bei der U17-WM in Indien dabei. Das freut nicht nur dessen Trainer bei der Seleção. Auch im kalten Fußballdeutschland können wir den brasilianischen Wunderknaben live und in Farbe bestaunen. Damit rückt Lincoln auch wieder in den internationalen Fokus. Und er weiß diese Bühne für sich zu nutzen. Im ersten Spiel gegen die Spanier traf er beim 2:1 zum zwischenzeitlichen Ausgleich. Beim zweiten Sieg in der Gruppenphase über Nordkorea ist er ebenfalls erfolgreich gewesen. Das Fehlen von Vinicius Junior an seiner Seite scheint ihn nicht zu stören. Möglicherweise befreit es ihn, aus der Anonymität hervorzutreten. Nun wartet im Viertelfinale die DFB-Auswahl auf Lincoln und Co.

Es sieht jedenfalls so aus, als hätte Lincoln keinen Karriereknick erlitten. Er entwickelte sich lediglich im Schatten Vinicius’ weiter. Jetzt ist er wieder da und trifft. Wie es aussieht, kann das Turnier für die brasilianische U17 und Lincoln noch ein paar Spiele dauern. Macht Lincoln so weiter, werden die Angebote mit horrenden Summen aus Europa nicht mehr lange auf sich warten lassen. Und spätestens dann können wir uns wieder Sorgen machen, ob Zweistellige Millionenbeträge zu große Summen für ein Kind sind. Die Debatten, ob dessen Karriere einen Schiffsbruch erlitten hat, liegen dann ad acta. So oder so, es wird diskutiert werden über den brasilianischen Wunderknaben. Es lohnt sich, seinen Weg zu verfolgen. Er hat viel zu bieten.