Cucurella
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Marc Cucurella: Ein Außenverteidiger nach Guardiolas Prägung

Wenn vor einigen Jahren die Rede von sogenannten “Schlüsselspielern” war, dachte wohl zunächst jeder Fußballbegeisterte an zentrale Mittelfeldspieler wie Ronaldinho, die es stets vermochten, den tödlichen Pass in die Schnittstelle zu spielen oder an den abschlusstarken Mittelstürmer wie Ruud van Nistelrooy, den man über 80 Minuten kaum sah und der trotzdem aus dem Nichts im Sechzehner auftauchte und zum wichtigen 1:0 Siegtreffer einnetzte. Einen Außenverteidiger hätten wohl damals die Wenigsten unter eben jene Kategorie subsumiert, Roberto Carlos hier vielleicht einmal ausgenommen. Heute nehmen die Außenverteidiger in nahezu allen praktizierten Spielsystemen derartige Schlüsselpositionen ein, dementsprechend schwierig ist es, auf diesen Positionen wirkliche Qualität zu finden. Der FC Barcelona kann sich jedoch mehr als glücklich schätzen. Deren etatmäßiger Linksverteidiger Jordi Alba hat mit 28 Jahren zwar noch einige Saisons auf höchstem Niveau vor sich, der designierte Nachfolger steht aber schon bereit. Die Rede ist von Marc Cucurella. Wir stellen den 18-jährigen Linksverteidiger besser vor. 

Guardiolas Vermächtnis

Mit dem Aufstieg des exzentrischen Katalanen Pep Guardiolas begann im Jahr 2006 auch der Aufstieg der Außenverteidiger. Dass Guardiola den modernen Fußball, wie er sich heute darstellt, mit seinen nahezu unbesiegbaren Blaugrana geprägt und nachhaltig verändert hat, ist hinlänglich bekannt. Der Fokus bei der Spielanalyse lag allerdings oft auf der Position des “falschen Neuners”, die Pep mit Leo Messi selbstredend perfekt besetzt hatte. Unumstößlich für den Erfolg des Systems von Guardiola sind jedoch auch die Außenverteidiger, und das gleich aus mehreren Gründen.

Guardiolas Spielstil basiert darauf, mit viel Ballbesitz den Gegner aus seiner Grundformation zu zwingen und die dadurch entstehenden Räume auszunutzen, unabhängig von der eigenen taktischen Aufstellung. Denn egal, ob Guardiola ein 3-1-4-2 oder ein 4-1-4-1 spielen lässt, die Startformation ist bei Pep letztlich nicht mehr als eben genau das, die Startformation. Meist lässt er die Außenverteidiger “invertiert” auflaufen, das bedeutet letztlich, dass die Außenverteidiger in die Mitte schieben, um zum Einen mehr Passoptionen durch typische Dreieckskonstellation zu kreiieren und es den Außenstürmern wie Sané und Sterling zu ermöglichen, höher in die gegnerische Hälfte zu drücken, ohne dabei jeglichen Fokus auf die Defensivarbeit legen zu müssen. Hinzu kommt, dass hierdurch Überzahlsituationen geschaffen werden und der Gegner seine Flügelstürmer ebenfalls in die Mitte ziehen muss, was zu Lasten der offensiven Möglichkeiten geht. Die genaue Idee dahinter findet ihr verständlich hier noch einmal erklärt.

Dementsprechend ist es nicht verwunderlich, dass der Spanier vor der aktuellen Spielzeit für Benjamin Mendy, Kyle Walker und Danilo insgesamt knapp 140 Mio. € auf den Tisch legte. Auch während seiner Zeit beim FC Bayern waren David Alaba und Philipp Lahm bzw. Juan Bernat und Rafinha von übergeordneter Bedeutung für die aufeinanderfolgenden Meistertitel der Münchner.

Allerdings hat nicht jeder Verein das Glück, derartige Spieler in den eigenen Reihen zu haben. Auch gibt es nur eine Handvoll Klubs, die mal eben dreistellige Millionenbeträge für diverse Spieler locker machen können. Eine aktuell noch vergleichsweise günstige Lösung für dieses Dilemma könnte der junge Marc Cucurella sein. Der 18-jährige Katalane, der zunächst beim Lokalrivalen Espanyol Barcelona seine fußballerischen Anfänge machte, befindet sich seit mittlerweile sechs Jahren bei Barca, bei denen er alle Jugendmannschaften durchlief und dort zum Außenverteidiger nach Guardiolas Prägung wurde. Vor seiner Zeit als Chefcoach bei den Katalanen war Guardiola für den Nachwuchs verantwortlich und impfte den Spielern schon bald seine Spielphilosophie ein, Barcelona profitiert heute noch von der Arbeit des spanischen Startrainers, Denis Suarez und Sergi Roberto sind wohl die aktuell prominentesten “La Masia”-Absolventen.

Da man in Barcelona weder mit den Leistungen des Franzosen Lucas Digne zufrieden ist, noch Wunschspieler Lucas Hernández von Atlético Madrid seine Koffer in Richtung Katalonien packte, man aber trotzdem nach einem Backup für den arg strapazierten Jordi Alba sucht, könnte Cucurella die naheliegendste und zugleich beste Lösung für die Blaugrana sein.

Cucurella als kompletter Außenverteidiger

Denn der junge Spanier bringt nahezu alles mit, was es heutzutage braucht, um auf der Bühnen des internationalen Fußballs erfolgreich zu sein. Cucurella zeichnet sich durch ein immenses Tempo und eine hohe Spielintelligenz aus, zusätzlich verfügt er über ein mehr als solides Pass-und Flankenspiel, sodass er es sowohl vermag, als “invertierter” Außenverteidiger im zentralen Mittelfeld den Spielaufbau mitzugestalten, als auch mit überlappenden Läufen über die Außen Überzahlsituationen zu generieren und Bälle hinter die gegnerische Abwehr gefährlich in den Strafraum zu bringen. Nicht umsonst hat der FC Barcelona diesen Sommer erst den Vertrag mit Cucurella, dessen Marktwert auf 2,5 Mio. taxiert wird,  bis 2021 verlängert, die vertraglich fixierte Ausstiegsklausel beläuft sich auf 12 Mio. €. Die Katalanen haben sich jedoch eine einseitige Vertragsoption vorbehalten. Sollte die Entwicklung des jungen Linksverteidigers wie erwartet voranschreiten, könnte Barca den Kontrakt einseitig um weitere zwei Jahre verlängern, die fixierte Ablöse würde sich in diesem Fall auf 30 Mio. € erhöhen.

In dieser Spielzeit kam Cucurella bereits 19 mal für die zweite Mannschaft in LaLiga 2 zum Einsatz, sein Profidebüt für die erste Mannschaft der Katalanen gab er vergangenen Oktober in der Copa del Rey. Beim 3:0 Sieg über Murcia kam Cucurella für Lucas Digne in die Partie. Bei der vergangenen Sommertour durch die USA des 24-maligen spanischen Meisters war Cucurella ebenfalls mit von der Partie.

Bei allem Talent ist selbstredend klar, dass Ernesto Valverde bei Cucurella noch auf keinen “fertigen” Spieler zurückgreifen kann, der in jeder Spielsituation einen kühlen Kopf bewahrt und mit stets richtigen Entscheidungen aufzuwarten weiß. Für junge Spieler ist es unabdingbar, sich auf dem Platz auch auszuprobieren und auch Fehler zu machen. Problematisch ist für Cucurella hierbei allerdings, dass er nicht bei irgendeinem Verein auf dem Platz steht, sondern bei einem der größten Klubs der Welt. Fehlertoleranz ist nun nicht unbedingt eine Tugend, die bei Barcelona zwingend groß geschrieben wird.

So gesehen hat Cucurella zwei Möglichkeiten. Zunächst besteht die Option, weiter auf Einsatzzeiten zu warten und in den Trainingseinheiten einen guten Eindruck zu hinterlassen. Cucurella könnte sich so mehr und mehr in das Team hineinarbeiten, sich von Größen wie Piqué, Alba und Busquets den ein oder anderen Kniff abschauen und so peu a peu zu einem Außenverteidiger mit internationalem Format zu reifen. Die zweite Möglichkeit besteht in einer Leihe. Auch Spieler wie Philipp Lahm mussten einst den Umweg über einen kleineren Verein, in jenem Fall den VfB Stuttgart gehen, bevor er sich beim Branchenprimus FC Bayern durchsetzen könnte. Eine Ausleihe zu einem LaLiga-Verein könnte somit sowohl für Cucurella als auch Barca Sinn ergeben, vorausgesetzt Valverde baut in den verbleibenden Ligaspielen nicht auf den Youngster. Unabhängig davon, wie der FC Barcelona die Situation mit Cucurella handhabt, sollte der Außenverteidiger sein ohne Zweifel vorhandenes Potenzial in naher Zukunft voll ausschöpfen und zu kontinuierlichen Einsätzen kommen, dürfte auch Pep Guardiola im fernen Manchester noch einmal einen wehmütigen Blick zurück an die alte Wirkungsstätte werfen.