Lozano
Flickr / Agência Brasília

Vom Winde verweht? „Chucky“ Lozano auf dem Sprung nach Europa

Artikel vom 21. Januar 2017.

Flügelstürmer Hirving Lozano ist mit 21 Jahren eine der Attraktionen in Mexikos Liga MX und die derzeit wohl größte Zukunftshoffnung des Landes. Noch kann Stammklub Pachuca das Juwel trotz lukrativer Angebote halten, doch es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis er für eine Millionensumme den Sprung nach Europa wagt.

Es ist der siebte Januar 2017, das neue Jahr ist erst eine Woche alt und auch die neue Saison in der mexikanischen Liga MX nimmt gerade ihren Anfang. Und wie so oft in den letzten Monaten sticht einer gewohnt vom Start weg heraus: Hirving Lozano. Mit Pachuca ist er zu Gast in León, ein kompliziertes Pflaster, doch Lozano erwischt einen Sahnetag. Mit beeindruckender Unbekümmertheit beschäftigt er die Abwehr der Gastgeber über 90 Minuten, am Ende gelingen ihm drei Treffer, die Pachuca zum 4:2-Auftaktsieg verhelfen.

Tore und Tritte: Harte Schule in der Heimat

Für Mexikos größtes Offensivtalent ist die Sache damit beendet. Die Leistung hat gestimmt, die Ausbeute auch – Aufgabe erledigt. Doch wie so oft ist Lozano auch im Anschluss an die Partie das große Thema, ohne dass er selbst vor die Mikrofone treten müsste. Leóns Rechtsverteidiger Fernando Navarro, im Spiel sein direkter Gegenspieler, greift zu drastischen Worten: „Lozano hat es sich verdient, dass er so oft getreten wird. Er ist ein großartiger Fußballspieler, aber ein sehr schlechter Gewinner.“ Zwei Tage später sperrt das Sportgericht Leóns Innenverteidiger Diego Novaretti für sechs Spiele. Im Anschluss an einige verbissene Duelle verlor der Argentinier die Nerven und bespuckte seinen Gegenspieler. Die Angelegenheit wird zu einem immer größeren Thema, sodass sich auch Lozano, sonst eher zurückhaltend, äußern muss. „Ich werde dazu nichts sagen, man sieht im Video was passiert und dafür gibt es das Sportgericht.“ Angesprochen auf die vielen Fouls, die er Woche für Woche einstecken muss, gibt er sich pragmatisch. „Wenn sie mich treten wollen, bitteschön. Für so etwas ist der Schiedsrichter da.“

 Mit Lozano gehen die Gegenspieler nicht gerade zimperlich um

Ob ihn der Umgang seiner Gegenspieler tatsächlich derart kalt lässt, wird sein Geheimnis bleiben, doch selbst als neutraler Zuschauer gibt es eigentlich nur zwei Empfindungen, die man während seiner Spiele verspürt. Zum einen Bewunderung für die Schnelligkeit, die leichtfüßigen Bewegungen und den gewaltigen Zug zum Tor des Rechtsfußes, der in aller Regel den linken Flügel besetzt. Und zum anderen ernsthafte Sorgen um dessen Gesundheit angesichts der zahlreichen, oft wüsten Fouls, die ihn immer wieder zu Boden zwingen. Trainer Diego Alonso sah sich bereits zu mehreren öffentlichen Appellen berufen, in denen er verstärkten Schutz für den „meistgefoulten Spieler der Liga“ forderte: „Sie schießen sich so lange auf ihn ein bis er zurückzieht, aber das wird er nicht tun. Trotzdem wird er nicht geschützt, darüber werden nicht nur wir uns am Ende ärgern, sondern ganz Mexiko.“

Vielleicht kann Lozano inzwischen so unbeeindruckt damit leben, weil er seit Beginn seiner Profi-Karriere keinen anderen Umgang erlebt hat und auch im Jugendbereich bereits kaum mit erlaubten Mitteln zu stoppen war. Diese Zeit verbrachte er seit seinem elften Lebensjahr in Pachuca, 100 Kilometer nordöstlich seiner Geburtsstadt Mexiko-City. In Mexiko spricht man oft von „La Bella Airosa“, der windigen Schönheit, wenn von der knapp 2500 Meter hoch gelegenen Stadt die Rede ist. In der Jugendakademie von CF Pachuca, dem ältesten bekannten Fußballklub mit der derzeit wohl besten Jugendabteilung des Landes, reift er über sieben Jahre, ehe er Anfang 2014 als 18-Jähriger und keine zwei Wochen nach der Geburt seiner Tochter Gabriela sein Profi-Debüt feiert.

Traumdebüt von Lozano im Estadio Azteca

Im Gastspiel bei Rekordmeister América wird er im Estadio Azteca in der 84. Minute beim Stand von 0:0 eingewechselt. Anstelle von Jürgen Damm, zur damaligen Zeit ähnlich hoch gehandelt wie Lozano heute, betritt er mit der Rückennummer 70 das weite Rund. Anlaufzeit braucht er anschließend nicht: Fünf Minuten später nimmt er an der Mittellinie über rechts Tempo auf, zieht bis vor den Strafraum und erzielt in der 89. Minute mit einem Flachschuss aus 16 Metern den Treffer zum 1:0-Sieg, den er anschließend in der Jubeltraube seiner Teamkollegen mit Tränen in den Augen feiert.

Kurz darauf steigt Lozano zum Stammspieler auf, absolviert seitdem über 100 Ligaspiele mit mehr als 50 Scorerpunkten für Pachuca, das in dieser Zeit einen Meistertitel und eine Vizemeisterschaft verzeichnet. An seiner Seite prägen weitere Eigengewächse das ansehnliche Spiel der Mannschaft, auch die jungen Érick Gutiérrez und Rodolfo Pizarro steigen durch ihre herausragenden Leistungen zu mexikanischen Nationalspielern auf. Den größten Schrecken aber verbreitet, ganz seinem Spitznamen entsprechend, Flügelflitzer Lozano. Seit dieser sich in Pachucas Jugendinternat regelmäßig unter den Betten versteckte um seine Mitspieler zu erschrecken, wird er in Anlehnung an die bekannte mörderische Horrorfilm-Puppe oft nur „Chucky“ gerufen.

Zu derlei Streichen ist er mit 21 Jahren inzwischen nicht mehr aufgelegt, die ersten Jahre als Profi und das Leben als Familienvater und Ehemann haben ihn früh reifen lassen. Anders als bei vielen mexikanischen Talenten vor ihm droht der Fortgang der anfangs vielversprechenden Karriere nicht an fehlender Charakterstärke zu scheitern, denn vom zu Tränen gerührten Debütanten aus dem Estadio Azteca ist außer den fußballerischen Fähigkeiten nicht mehr viel übrig geblieben. Dazu trug auch das Umfeld in Pachuca seinen Teil bei, der Klub ist deutlich weniger im medialen Fokus als die großen Klubs des Landes, sodass gerade die jungen Spieler vor verfrühtem Rummel geschützt werden.

Europa als stete Motivation und nächster Schritt

Nach inzwischen drei Jahren als Profi in Pachuca, in denen Lozano sich mustergültig und ohne nennenswerte Rückschläge entwickelte, soll in absehbarer Zeit nun der nächste Schritt folgen – der Wechsel nach Europa. Während viele Talente, wie zuletzt auch Ex-Teamkollege Pizarro, einen ligainternen Transfer nach Guadalajara als Zwischenschritt vorziehen, kommt für Lozano einzig und allein der Sprung ins Ausland infrage. „Entweder Europa oder Pachuca“, äußerte er sich in dieser Hinsicht unmissverständlich. Ein Schnäppchen wird er dabei allerdings nicht werden: Der im letzten Jahr bis 2020 verlängerte Vertrag beinhaltet eine Ausstiegsklausel in Höhe von 20 Millionen Euro, mehrere Angebote im zweistelligen Bereich konnten Pachuca bisher nicht dazu bewegen, von der festgelegten Forderung abzurücken.

Angesichts verschiedener Gerüchte, zuletzt unter anderem über das vermeintliche Interesse von Ajax Amsterdam, wird Lozano immer wieder auf seine Zukunft angesprochen, bleibt dabei aber stets diplomatisch: „Ich bin sehr glücklich und zufrieden mit der positiven Resonanz, aber ich nehme diese Sachen ganz entspannt hin. Bei Gelegenheit werden wir uns mit Präsident Jesús Martínez unterhalten und gemeinsam schauen, was die beste Option für mich ist.“

Spätestens im Sommer dürfte man bei diesen Gesprächen zur Übereinkunft kommen, dass die Zeit für den nächsten Schritt gekommen ist. Hirving Lozano überragt regelmäßig in der heimischen Liga, hat sich in der mexikanischen Nationalmannschaft etabliert und Pachuca nach zuvor neun titellosen Jahren zurück zu alter Größe geführt. Was nun folgt, scheint logisch: „Chucky“ wird der windigen Schönheit nach einer gemeinsamen Dekade den Rücken kehren, um seinen Schrecken fortan in den europäischen Abwehrreihen zu verbreiten.