Camp Nou

60 Jahre Camp Nou

Das Camp Nou ist mehr als einfach nur ein Ort, an dem Fußball gespielt wird. Es ist seit sechs Dekaden ein Treffpunkt für Weltstars des Fußballs, ein Sammelplatz für politische Demonstrationen, eine Art kirchlicher Zufluchtsort für so viele Katalanen und nebenbei das größte Vereins-Fußballstadion der Welt. Der Bau wurde vor 60 Jahren abgeschlossen. Die kolossale Schüssel ist in die Jahre gekommen, es soll aber noch lange nicht ihr Ende sein.

„Neues Feld“, soviel bedeutet das katalanische „Camp Nou“ in der deutschen Übersetzung. Neu ist das zum jetzigen Zeitpunkt eher marode Stadion allerdings nicht mehr. Dennoch ist es jedem Fußballfan unseres Kontinents ein Begriff. Für Fußballliebhaber ist es eine Gedenkstätte, in der so viele Feiertage dieser wunderbaren Sportart zelebriert wurden. Und das nicht erst seitdem Lionel Messi seine Solos auf den Rasen zaubert. Die größten Stars unseres Planeten jagten dem runden Leder vor phasenweise über 100.000 Zuschauern hinterher. Trotz dieser Größe liegt die aktuelle Wartezeit auf eine Dauerkarte bei über 40 Jahren. Das Camp Nou und der FC Barcelona sind zu einer Einheit verschmolzen und nun feiern sie gemeinsam den Jahrestag des Ortes, an dem die Katalanen so viele Erfolge bejubeln durften.

Estadi del FC Barcelona

Nach der dreijährigen Bauphase hatte das Stadion 1957 zunächst den Namen „Estadi del FC Barcelona“ erhalten. Von Beginn an wurde der Fußballtempel allerdings im Volksmund als „Camp Nou“ tituliert. Den meisten Menschen ist allerdings nicht bewusst, dass der Name des Stadions erst zur Saison 2000/2001 tatsächlich auch offiziell in „Camp Nou“ geändert wurde. Bei einer schriftlichen Abstimmung zu dieser Thematik hatten sich bei knapp 30.000 abgegebener Mitgliederstimmen 68% dazu ausgesprochen, dem Stadion seinen heutigen Namen zu geben. Es wurde damals errichtet, weil die vorangehende Spielstätte Namens „Les Corts“ mit seiner Kapazität von 60.000 Zuschauern bereits zu klein gewesen ist. Der Bau war ein gewagter Schritt in eine verheißungsvolle Zukunft des Clubs.

Als Ursache für die hohe Auslastung der Spielstätte in Barcelona werden die beiden spanischen Meistertitel aus den Jahren 1948 und 1949 sowie die Verpflichtung des ungarischen Starspielers Laszlo Kubala angeführt. Der FC Barcelona war bereits damals ein Aushängeschild Kataloniens und die Menschen strömten in das Stadion, um ihre Mannschaft zu bejubeln. Immer wieder wurde aber auch das weite Rund als Plattform für politische Proteste gegen das Franco-Regime oder für die Unabhängigkeitsbewegung der Katalanen genutzt. Das Camp Nou war nicht einfach nur ein Stadion, es wurde zu einem Ort der freien Meinungsäußerung, einer politischen Bewegung. Das ist es bis heute geblieben.

Frischzellenkur für die „alte Dame“ verzögert sich

Als die riesige Schüssel 1957 erbaut wurde, fanden 93.000 Zuschauer Platz. So sollte es aber nicht bleiben. Zur WM in Spanien wurde das ohnehin schon riesige Bauwerk abermals aufgestockt. Nun konnten 120.000 Zuschauer den Mannschaften auf dem Rasen zusehen, teilweise aus schwindelerregenden Höhen. Diese Menschenmasse bekommt man heutzutage aufgrund der Sicherheitsbestimmungen nicht mehr in das weite Rund. Nach diversen Auflagen sind es heute noch 99.787 Zuschauer. So soll es aber, wenn es nach dem Präsidium der Katalanen geht, nicht mehr lange bleiben. Wie eine rüstige alte Dame ist das Camp Nou in die Jahre gekommen. Höchste Zeit für Schönheitskorrekturen.

Bereits Im Jahr 2007 wurden Pläne zu einer Rundumerneuerung präsentiert. Die Mittelknappheit, welche seit längerer Zeit beim FC Barcelona vorherrscht brachte allerdings die Bemühungen zum stagnieren. Priorität wurde zunächst auf die Halle gelegt, dem anliegenden Palau Blaugrana. Dort spielen unter anderem die erfolgreichen Basketballer, Handballer sowie die Futsal-Mannschaft des FC Barcelona. Eine Erneuerung war dringend nötig, um vor allem der Basketballmannschaft die Lizenz für das Pendant der Fußball-Championsleague gewährleisten zu können. Die Sporthalle ist, wie das Camp Nou, in die Jahre gekommen und soll demnächst gänzlich mit einem 100 Mio. €-Projekt neu errichtet werden.

Camp Nou –  mehr als nur ein Stadion

Der Palau Blaugrana ist nicht die einzige Sportstätte im näheren Umfeld des Camp Nou. Das Gelände rund um das Stadion ist ein Sportkomplex. Im Mini Estadi sind die Jugendmannschaften des FC Barcelona beherbergt. Im Camp Nou selbst befindet sich das Vereinsmuseum, welches mit Führungen, der sogenannten „Camp Nou Experience“ besichtigt werden kann. Die Führung bietet nicht nur einen Blick auf die große Trophäensammlung und die Kabinen des FC Barcelona, sondern man passiert auch die kleine Kapelle im Spielertunnel. In Katalonien sind Glauben und Fußball eng verknüpft, für manch Fan der FC Barcelona gar eine eigene Religion – das Camp Nou kommt entsprechend einer Kirche gleich.

Und dann findet man noch den Geist des FC Barcelona: Dem Sportstättenkomplex vorgelagert befindet sich in einem kleinen eingezäunten Gelände eine ganz unscheinbare Bauernhütte. Jene Hütte prägte die Vereinsgeschichte des FC Barcelona und ist Sinnbild für die Erfolge des Clubs. Die Sprache ist von „La Masia“. Das Bauwerk, welches einer Steinbaracke zu ähneln scheint, stammt aus dem frühen 18. Jahrhundert und war von 1979 bis 2011 die Jugendakademie des FC Barcelona. Viele Stars, die heute als Profifußballer ihr Geld verdienen, gingen durch diese Akademie. Messi, Xavi, Iniesta, Piqué oder Busquets sind nur ein paar Beispiele. Als Initiator dieser Anstalt gilt übrigens der im letzten Jahr verstorbene Holländer Johan Cruyff. Getreu dem Vereinsmotto „Mehr als ein Club“, ist das Camp Nou auch mehr als ein Stadion.

Schauplatz des bayerischen Championsleague-Dramas

Wie es sich für ein Stadion des Kalibers Camp Nou gehört, war es bereits Schauplatz vieler großer Spiele. Vor 110.000 Zuschauern konnte der FC Barcelona 1982 den Europapokal der Pokalsieger gegen Standard Lüttich erringen. Unparteiischer der Begegnung war die deutsche Schiedsrichterlegende Walter Eschweiler. Im selben Jahr fand auch das Eröffnungsspiel der WM zwischen Belgien und Argentinien statt (1:0). Ebenso war das Camp Nou Austragungsort des Halbfinales dieser WM-Endrunde. Italien bezwang damals Polen mit 2:0. 1989 fand das Finale des Europapokals der Landesmeister in Barcelona statt. Beim 4:0 des AC Mailand gegen Steaua Bukarest waren je zweimal Marco van Basten und Ruud Gullit erfolgreich. Drei Jahre später setzten sich die Spanier im Finale der Heimolympiade 1992 mit 3:2 gegen die Mannschaft aus Polen durch.

Negativ erinnern sich die Bayern-Fans an das Championsleague-Finale der Saison 1999 zurück. Die Partie war an Drama und Spannung kaum zu übertreffen, wenngleich mit unglücklichem Ausgang für die Münchner. Viele können sich noch erinnern, als sich der FC Bayern München und Manchester United um David Beckham in Barcelona gegenüberstanden. In der sechsten Spielminute gingen die Münchner durch den Freistoßtreffer von Mario Basler in Führung und die Bayern sahen lange als der sichere Sieger aus, bis dann die Nachspielzeit anbrach. Binnen zwei Minuten stellten Teddy Sheringham (90+1) und Ole Gunnar Solskjaer (90+3) das Spiel auf den Kopf und sicherten United den begehrten Henkelpott. Ähnlich spektakulär verlief die „Remontada“ des FC Barcelona gegen Paris St. Germain in der abgelaufenen Chapionsleague-Saison. Nach der 0:4 Hinspielniederlage konnte der FC Barcelona mit drei Treffern in der Schlussphase durch ein 6:1 noch in letzter Minute in die nächste Runde einziehen.

Die Zukunft des Camp Nou

Die Pläne, welche 2007 vorgestellt und anschließend eingestellt wurden, scheinen jetzt wieder aufgegriffen zu werden. Bis 2022 sollen nun noch 400 Mio. € anstatt der ursprünglich veranschlagten 600 Mio. € in das Stadion fließen – und diese Investition ist auch dringend nötig. So riesig und anmutend dieser Bau auch wirkt, so wenig Attraktivität strahlt der Betonklotz für viele Besucher aus. Der Komfort für die Zuschauer im Stadion ist absolut ausbaufähig, aktuell lediglich die Haupttribüne überdacht. Ein Club wie der FC Barcelona braucht auch ein Stadion in Topzustand, ein Stadion, welches dem Club würdig ist. Das Camp Nou ist es einmal gewesen und soll es auch wieder werden.

Wirft man einen Blick auf die Pläne, darf man sich als objektiver Liebhaber des Fußballs auf eine Bühne freuen, die den Stars des FC Barcelona gerecht wird. Die Kapazität soll wieder über die magische 100.000 Zuschauer-Marke steigen und der Innenraum wird komplett überdacht sein. Glasfassaden und Lichtspiele machen auch das Äußere des Stadions zu einem zeitlosen Hingucker. Das Camp Nou soll wieder zu dem Prestigebau werden, was es einst war. Moderne VIP-Boxen ein vergrößerter Medienbereich und die Aufstockung des Vereinsmuseums machen aus dem Bau wieder mehr als ein Stadion, getreu dem Motto „Mehr als ein Club“. Und mit den zusätzlichen Kapazitäten verkürzt sich vermutlich auch wieder die Wartezeit für den ein oder anderen Dauerkartenanwärter.