Coutinho
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Bem-Vindo Philippe Coutinho oder cartera statt cantera

Mit der Verpflichtung von Philippe Coutinho beendet der FC Barcelona eine sechsmonatiges Transfertheaterstück. Für 120 Millionen Euro plus 40 Millionen Euro in Variablen wechselt der Brasilianer von Liverpool zu den Blaugrana. Was bedeutet der Wechsel für den Club, den Spieler und Barcelonas Philosophie?

Es war ein komisches halbes Jahr für den FC Barcelona. Statt Marco Verratti, an dem man aggressiv gebaggert hatte, zu verpflichten, ging Superstar Neymar nach Paris. Ein Wechsel von Philippe Coutinho gelang trotz aller Bemühungen bis zum letzten Tag der Sommertransferperiode nicht, statt dessen holte man für viel Geld Ousmane Dembélé, der sich postwendend verletzte. Zudem wurden die Blaugrana im spanischen Supercup von Real Madrid phasenweise vorgeführt und die Fußballwelt lästerte und rätselte über den 40-Millionen-Transfer von Paulinho aus China. Wenige Monate später stehen die Katalanen dank Trainerfuchs Ernesto Valverde, dank Keeper Marc-André ter Stegen in Topform, dank eines genialen Lionel Messi und auch dank Paulinhos Toren deutlich vor der Konkurrenz auf Tabellenplatz Eins in La Liga, sind souverän durch die Champions-League-Gruppenphase marschiert, haben zuletzt das Clásico in Madrid gewonnen und strotzen nur so vor Selbstbewusstsein. Und jetzt hat auch noch der Wunschtransfer im zweiten Versuch geklappt. Coutinho kickt in Zukunft für den FC Barcelona.

Die Verlockung nach Titeln ist groß

Wer könnte dem 25-Jährigen diesen Wechsel verdenken? Der Brasilianer verlässt einen Verein, dessen letzter Meistertitel über 25 Jahre zurückliegt und der auch in Europa in den vergangenen Jahren kaum für Forure gesorgt hat. Und er geht zu einem Club, der aller Voraussicht nach bereits kommenden Sommer mindestens einen großen Titel feiern kann. Der FC Barcelona müsste sich in der Rückrunde regelrecht anstrengen, um nicht spanischer Meister zu werden. In der Champions League ist Coutinho zwar bis Sommer nicht spielberechtigt, weil er in dieser Spielzeit bereits für Liverpool im gleichen Wettbewerb gekickt hat, aber kommendes Jahr wird er sich mit den Blaugrana mehr Chancen auf den Königspokal ausrechnen als mit den Reds, die sich womöglich gar nicht für den Wettbewerb qualifizieren. Zudem lockte den Brasilianer eine der schönsten Städte Europas samt Mittelmeerküste und angenehmeren Temperaturen als an der englischen Westküste. Und bei allem Respekt vor Salah, Mané und Co.: Wer würde nicht gerne in einem Team mit Lionel Messi spielen? Und mit Luis Suarez trifft Coutinho auch einen alten Bekannten wieder. In der Saison 2013/2014, bevor sich der Torjäger nach Barcelona verabschiedete, kickten die beiden zusammen an der Mersey. Statt ein Teil der “Fab Four” von Liverpool zu sein, könnte der Brasilianer nach seinem Wechsel am Dreikönigstag mit seinen neuen Mitspielern nun “MSC” oder vielleicht die “Reyes Magos” (wie die Heiligen Drei Könige in Spanien genannt werden) bilden.

Wo soll Coutinho spielen?

Wo aber wird Coutinho spielen? Denkbar sind etliche Varianten. Der Brasilianer könnte einerseits die Rolle seines im Sommer nach Paris gewechselten Landsmannes Neymar auf Linksaußen übernehmen. Damit würde Barcelona mit Coutinho das bisher in dieser Saison so erfolgreich praktizierte 4-4-2 mit Suarez als echte 9 und Messi als hängende Spitze und Spielmacher in einem aufgeben. “Opfer” dieses Systems wäre einerseits der nach einer monatelangen Verletzung gerade erst wieder fit gewordene Dembélé und andererseits einer der bisher gesetzten Mittelfeldspieler, am ehesten Paulinho.

Logischer ist es allerdings, den Brasilianer als Iniesta-Ersatz zu betrachten. Der 33-Jährige zeigt zwar nach wie vor seine Klasse beim Behaupten und Verteilen von Bällen und ist neben Messi auch für geniale Momente zuständig. Aber Coach Ernsto Valverde nimmt den alternden Superstar mittlerweile sehr häufig schon Anfang der zweiten Halbzeit vom Feld. Für mehr als maximal 60 Minuten Fußball auf höchstem Niveau scheint die Kraft nicht mehr zu reichen. Mit Coutinho kann sich Iniesta in der Rückrunde also noch mehr ausruhen und seine Kräfte beispielsweise für die entscheidenden Champions-League-Spiele sparen, in denen der brasilianische Neuzugang ja gesperrt ist. Offen ist in dem Fall, ob Paulinho für einen fitten Dembélé geopfert wird und Coutinho in einem 4-3-3 den Iniesta-Part übernimmt, oder ob Dembélé häufiger als Edeljoker zum Einsatz kommt und es beim 4-4-2 bleibt.

Wird Paulinho geopfert?

Dieses System könnte auch beibehalten werden, wenn Coutinho den Part von Paulinho übernimmt. Dieser hatte in den vergangenen Monaten eine schwer zu definierende Freirolle im Mittelfeld inne. Ohne klar festgelegte Position besetzte er das Zentrum des Platzes, sorgte dort für Überzahlsituationen und stieß bei Ballbesitz häufig in die Spitze vor, wo er neben Suarez zum zweiten Abnehmer von Messis Zuspielen wurde und wo ihm nicht ohne Grund sechs Ligatore gelangen. Coutinho könnte die Rolle des Zehners in einer Mittelfeldraute klassischer ausfüllen als sein Landsmann. Für diese Position scheint er geschaffen zu sein. Er hat die Technik, das Auge für den Mitspieler, den Antritt und ist zudem torgefährlich. In der Rolle als “10” könnte er auch mit Messi immer wieder die Plätze tauschen, wenn der Argentinier sich fallen lässt.

Deutlich wird: Mit Philippe Coutinho vervielfältigen sich die Optionen für Trainer Ernesto Valverde. Er wird darüber nicht undankbar sein, aber es kann auch Gefahren birgen, mitten in der Saison wegen eines Spielers die bisher so erfolgreiche taktische Ausrichtung zu ändern. Zudem ist möglich, dass der Wechsel nicht allen Akteuren bei Barcelona schmeckt. Es gab bereits in der Vorrunde etliche Spieler, die sich mehr Einsatzzeiten erhofft hätten, von Gerard Deulofeu über Denis Suarez, Aleix Vidal, Paco Alcácer und André Gomes bis hin zu dem lange verletzten Rafinha und dem Talent Carles Aleñá. Noch vor ein paar Jahren wurde in Katalonien gespottet, man sei mit der cantera erfolgreicher als der große Rivale in Madrid mit der cartera. Nachwuchsarbeit statt Brieftasche zücken hieß die Prämisse in Barcelona. 2009 und 2011 etwa standen jeweils sieben Spieler aus der eigenen Jugend im Champions-League-Finale in der Startelf.

Kaum mehr Nachschub aus La Masia

Doch diese Zeiten sind vorbei. Zuletzt hat nur Sergi Roberto den Sprung aus La Masia in die erste Elf geschafft – diese Saison hat er sich etwas überraschend als Rechtsverteidiger gegen den teuren Neuzugang Nelson Semedo behaupten können auch wenn der 25-Jährige lieber im Mittelfeld spielt. Der 20-jährige Aleñá, der als großes Spielmacher-Talent gilt, aber bisher nur in der Copa zum Einsatz kam, könnte angesichts der großen Konkurrenz im Sommer aus Barcelona flüchten. Und er wird nicht der einzige sein. Deulofeu ist bei seinem Trainer in Ungnade gefallen und wird kaum eine weitere Saison auf der Bank oder gar auf der Tribüne sitzen wollen. Auch Denis Suarez könnte seinen Abgang vorbereiten, weil er trotz guter Anlagen keine Chance sieht, Stammspieler zu werden.

Und was macht Barcelona mit den Einnahmen? Womöglich kommt im Sommer der dritte Spieler, der die 100-Millionen-Schallmauer knackt. Seit Dezember soll sich Barcelona mit Antoine Griezmann über einen Wechsel nach dieser Saison geeinigt haben. Die feste Ablösesumme liegt dann bei 100 Millionen Euro. Nicht gerade ein Schnäppchen, aber durch einige Transfererlöse wohl zu stemmen. Dann ist der Club, der so gerne darauf verwies, dass er lieber ausbildet als sündteure Superstars zu kaufen, zu einer katalanischen Version der Galácticos mutiert. Und für die Talente wird es noch schwieriger, den Weg von Messi, Xavi oder Iniesta zu gehen.