Celta
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Fall und Aufstieg von Celta de Vigo: Himmelsstürmer

Iago Aspas' größter Tag

Mit Celta de Vigo steht der wohl größte Außenseiter der spanischen Europapokalteilnehmer sensationell im Halbfinale der Europa League und wird dort gegen Manchester United antreten. Doch wo kommen die Galizier eigentlich her? Wir zeichnen den sportlichen Fall und besonders den kontinuierlichen Wiederaufstieg der Himmelblauen nach.

Dass der 20. April den Fans von Celta de Vigo immer im Gedächtnis bleiben würde, war schon lange klar. Schließlich war es am 20. April 1994, als der 1923 gegründete Klub aus Galizien einem Titelgewinn am nächsten kam. Nur ein Elfmeterschießen trennte gegen Real Zaragoza sie vom Pokalsieg, doch weil dem fünften Schützen, Alejo Indias, die Nerven versagten, scheiterten die Himmelblauen denkbar knapp. Doch nun ist der 20. April 2017 ist ein ebenso wichtiges Datum in der Geschichte des Real Club Celta de Vigo: Pione Sistos Traumtor reichte zu einem 1:1 im Rückspiel des Europa-League-Viertelfinals in Genk. Nun stehen die Galizier im Halbfinale des zweitwichtigsten europäischen Wettbewerbs, gegen Manchester United, und spielen im Theater der Träume um den Einzug ins Finale. Dabei stand der Klub vor nicht einmal acht Jahren vor dem Abgrund.

Noch vor 20 Jahren wäre ein Halbfinaleinzug der Celestes (Himmelblauen) dabei keine wirkliche Sensation gewesen. Damals war Celta eine Hausnummer im europäischen Vereinsfußball, mit Valeri Karpin, Claude Makelele, Haim Revivo, Sylvinho und natürlich Alexandr Mostovoi, genannt der Zar, dem genialen Russen, ein königlicher Spielmacher für eine königliche Offensive. Drei Mal in Folge, von 1999 bis 2001, drang man ins Viertelfinale des UEFA-Cups vor. 2000/01 stand man auch im nationalen Pokalfinale, verlor aber – erneut gegen Zaragoza. 2003/04 schaffte man es nach einem Auswärtssieg im Giuseppe-Meazza-Stadion beim AC Mailand sogar ins Achtelfinale der Champions League, wo gegen den FC Arsenal Schluss war (2:3, 0:2). Wenig später stand man vor Trümmern: Die teure, international erfolgreiche Mannschaft, zu der auch ein gewisser Eduardo Toto Berizzo gehörte, hatte auf heimischem Parkett eine grauenhafte Saison hingelegt und stieg als Vorletzter in die Segunda División ab. Die wichtigsten Spieler, darunter Mostovoi, über Jahre das Gesicht der Mannschaft, verließen den Klub.

Und doch kam Celta zunächst schnell wieder zurück: In der Segunda División des Folgejahres wurde man Zweiter und stieg prompt wieder auf. Direkt nach dem Aufstieg wirkte Celta, als hätte es den Abstieg nie gegeben – trotz eines weniger prominenten Kaders stürmte der Aufsteiger unter Fernando Vásquez auf Platz 6, nur sechs Punkte hinter Vizemeister Real Madrid, und qualifizierte sich für die Europa League. Dort schaffte man es 2006/07 bis ins Achtelfinale, wo gegen Werder Bremen jedoch Schluss war. In der Liga wirkte sich die Doppelbelastung jedoch erneut katastrophal aus – in einem Herzschlagfinale stiegen die Galizier trotz dreier Siege an den letzten drei Spieltagen auf Rang 18 ab. Ein Punkt mehr hätte den Klassenerhalt bedeutet. Doch dem Team, das damals von der bulgarischen Legende Hristo Stoichkov trainiert wurde, fehlte es letztlich an Konstanz und wohl auch lange am Bewusstsein, wie nah der Abstieg wirklich war.

Iago Aspas‘ größter Tag, Eusebios Aufbauarbeit

Der nächste Zweitligaaufenthalt war für Celta de Vigo keine so glatte Angelegenheit. Stoichkov scheiterte am Projekt Wiederaufstieg fulminant, und nach zwei Trainerwechseln beendete man die Saison 2007/08 nur drei Punkte vor den Abstiegsplätzen. Dazu drückte ein Schuldenberg in Höhe von über 80 Millionen Euro – kaum zu bewältigen für ein Zweitligateam, das in der Folge peu à peu seine besten Spieler verlor. Ersetzt wurden diese durch durch und durch mittelmäßige Neuzugänge, während die Spieler aus der eigenen Jugend weitgehend ignoriert wurden. Die nächste Saison war dann auch keinen Deut besser, auch nachdem Ex-Spieler Eusebio im März den Klub übernahm. Der Spanier, der zwei Jahre lang für Celta das defensive Mittelfeld organisiert hatte, stammte aus der Barca-Schule, schien aber mit seiner Idee vom schönen Fußball in der zweiten Liga zu scheitern. Am 40. Spieltag, gegen Alavés, klopfte sogar das Abstiegsgespenst an: Celta stellte eine schwache Zweitligamannschaft, offensiv notorisch unproduktiv, defensiv oft von allen guten Geistern verlassen und mit einer katastrophalen Bilanz: Auf Platz 17 stehend, mit nur einem Sieg aus den letzten 20 Spielen. Der Gegner, der erst 2001 das Endspiel des UEFA-Cups erreicht und dort eine unvergessen dramatische 4:5-Niederlage gegen Liverpool erlitten hatte, stand nun auf Platz 19 noch etwas schlechter da als Celta. Bei einer Heimniederlage wäre jedoch Celta auf einen Abstiegsplatz zurückgefallen, buchstäblich ein Ticket in die Hölle, in Spaniens viergleisige dritte Liga.

 Ein kleiner, blasser Junge – und Celtas Retter: Iago Aspas.

Gegen Alavés gab es nun, angesichts der genannten desaströsen Form der Himmelblauen, kaum Hoffnung im Estadio Balaidos. Auch die erstmalige Kadernominierung eines gewissen Iago Aspas war für die Celtiñas kaum ein Silberstreif am Horizont – schließlich war dieser schmächtige, blasse Stürmer mit seinen 18 Jahren eigentlich noch ein Jugendspieler. Doch Eusebio schenkte ihm das Vertrauen und brachte Aspas nach 59 Minuten für den wie so häufig glücklosen Oscar Diaz. Seit diesem Tag weiß jeder Celta-Anhänger, wer dieser schmächtige, blasse Junge ist: Nach 81 Minuten, beim Stand von 0:0, brachte Dani Abalo eine Flanke in die Mitte, wo sich Aspas gegen die größeren Innenverteidiger absetzte und per mustergültigem Aufsetzer einköpfte. Doch Alavés schlug zurück, kam nach 88 Minuten zum Ausgleich und brachte das Estadio Balaidos zum Schweigen. Umso mehr explodierte Celtas Stadion in der vierten Minute der Nachspielzeit: Erneut zeigte Aspas sein Näschen und schob einen Abpraller von Alavés-Torwart Bernardo ins Netz. Der 2:1-Sieg stürzte Alavés in die dritte Liga, für Celta aber leitete er eine langsame Wende ein.

Auch wenn in der folgenden Saison 2009/10 unter Eusebio nur ein mäßiger 14. Platz zu Buche stand, geriet man auch nie in Abstiegsgefahr. So war zumindest die ganz große Gefahr gebannt, dass der Klub dauerhaft von der Bildfläche verschwinden würde – auch weil die Arbeit des neuen Präsidenten Mouriño Früchte trug und man langsam Schulden abbauen konnte. Zudem begann ein fußballerischer Aufwärtstrend, der auch in Eusebios Faible für junge, fußballerisch begabte Spieler begründet war. Neben dem immer wichtiger werdenden Aspas schaffte so etwa ein 18-jähriger Rechtsverteidiger namens Hugo Mallo, der 25 Spiele bestritt, den Durchbruch. Auch andere Talente aus der eigenen Jugend, wie etwa Andrés Túñez, Joselu, Yoel oder Michu, kamen immer mehr zum Einsatz.