FC Barcelona
Twitter / Emilio Sansolini

FC Barcelona — Das größte Debakel der Vereinsgeschichte?

Barcelona scheidet im Viertelfinale aus der Champions League aus. Kennt man schon. Aber so schlimm wie diesmal, gegen die AS Rom, war es noch nie. Weil es so unterwartet kam – und so unnötig wie nie zuvor.

Vermutlich haben sie in Barcelona schon Hotels verglichen in Liverpool, München oder Madrid. Haben sich in auf mögliche Halbfinalgegner vorbereitet, schon Material für Videoanalysen zusammengesucht und sich gefragt, ob es eine anstrengende Woche wird, wenn am 21. April das Copa del Rey-Finale ansteht gegen Sevilla und es wenige Tage später im Champions-League-Halbfinale gegen einen großen Gegner geht.

Die gute Nachricht für alle im Katalonien: Darüber muss man sich jetzt keine Sorgen mehr machen. Denn der stolze FC Barcelona, der Club von Lionel Messi, von Iniesta und Piqué, von Luis Suarez und Sergio Busquets, ist raus aus der Champions League. Gescheitert an der Associazione Sportiva Roma, dem Tabellendritten der italienischen Liga, nach einem 4:1 im Hinspiel. Unfassbar, unglaublich, unbeschreiblich.

Ganz Fußball-Europa reibt sich verwundert die Augen. Jürgen Klopp konnte die Nachricht vom Ausscheiden der Blaugrana nach dem eigenen Triumph gegen Manchester City erst gar nicht glauben. Andere, wie die Ex-Realspieler Guti und Alvaro Arbeloa, amüsieren sich köstlich und teilen das in den sozialen Medien auch allen mit, die es interessiert.

Wie aber ist das möglich, dass der Pokalfinalist, der ungeschlagene spanische Tabellenführer und designierte Meister, der Champions-League-Mitfavorit auch bei den Buchmachern so untergeht?

Die größte spanische Sportzeitschrift Marca hat in ihrer Internetausgabe die Fans gefragt. Etwa die Hälfte der Teilnehmer an der Umfrage gibt der Mannschaft die Schuld. Falsch liegen sie nicht. Der Torwart ter Stegen? Noch der beste Mann bei den Gästen, aber beim frühen 1:0 durch Dzeko (6. Spielminute) zu zögerlich. Die Abwehr? Ein Hühnerhaufen. Umtiti, der seit Wochen mit seiner Form kämpft, und auch Piqué waren mit den großen Stürmern Schick und vor allem Dzeko überfordert. Bei jedem hohen Ball in den Strafraum brannte es lichterloh. Auch, weil Semedo und Alba auf ihren Seiten viele Flanken nicht verhinderten und offensiv praktisch nicht zu sehen waren und nicht für Entlastung sorgten. Semedo, der 30-Millionen-Euro-Neuzugang, kam beim entscheidenden 0:3 viel zu spät und war vermutlich der schlechteste Mann auf dem Platz. Im Mittelfeld erreichte ebenfalls niemand Normalform. Der noch vor kurzem verletze Busquets konnte nicht wie gewohnt das Spiel beruhigen oder mit gezielten Pässen aufbauen. Rakitic an seiner Seite ging ebenso im Sturm und Drang der Römer unter wie Sergi Roberto auf rechts und der bemitleidenswerte Andres Iniesta, der gefühlt keinen einzigen Zweikampf gewann.

Selbst Messi wirkte überfordert

Und vorne? Luis Suarez rieb sich wie gewohnt auf, aber bekam kaum gute Zuspiele im oder um den gegnerischen Strafraum. Und Lionel Messi, der am Wochenende mit drei Toren der Matchwinner gegen den spanischen Zwerg Leganes war, wirkte müde und überfordert. Ein großes Wort für den Mann, den viele als besten Spieler der Welt oder sogar der Geschichte betrachten. Fakt ist, dass Messi nun zum dritten Mal in Folge im Viertelfinale aus der Champions League ausscheidet. Ein Tor ist ihm dabei weder gegen Atletico Madrid 2016 noch gegen Juventus 2017 noch gegen Rom 2018 gelungen. Der überragende Mann in La Liga ist in Europa viel zu oft nicht auf der Höhe. War sich die ganze Mannschaft, die vermeintlich in Bestbesetzung in Rom auflief, zu sicher, dass es nicht mehr schief gegen kann nach dem 4:1 im Hinspiel? Spätestens nach dem frühen Rückstand galt diese Ausrede nich mehr.

Auch Ernesto Valverde hat seinen Anteil an der Katastrophe. Der Trainer setzt seit Monaten sehr oft, vielleicht viel zu oft, auf die gleichen 12, 13 Akteure. Spieler aus der zweiten Reihe wie Denis Suarez, Lucas Digne, Paco Alcácer oder der erst im Winter verpflichtete Yerry Mina spielen kaum eine Rolle. Die Stars müssen statt dessen fast immer ran. Dabei ist die Liga im Grunde seit Wochen entschieden, die meisten Trainer hätten längst viel mehr rotiert, gerade gegen kleine Gegner. Vielleicht liegt es an Valverdes Unerfahrenkeit bei absoluten Topclubs, dass er die anstrengenden Wochen im März und April, wenn es in die entscheidende Saisonphase geht, unterschätzt hat.

Aber nicht nur vor dem Spiel gegen Rom, auch während der Partie leistete er sich einen großen Fehler. Was tut ein Trainer, wenn er merkt, dass seine Mannschaft keinen Fuß auf den Boden bekommt? Er reagiert – taktisch oder mit neuem Personal. Was tat Valverde? Viel zu lange nichts. Nicht nach dem frühen Gegentreffer, nicht in der Halbzeit, als es längst nötig gewesen wäre, mindestens einen Spieler aufzuwechseln. Vor allem Iniesta und Semedo hätten sich dafür angeboten, der robuste Paulinho hätte zumindest körperlich dagegen gehalten, wenn es der ganzen Mannschaft schon nicht gelingt, ihr Kurzpassspiel durchzuziehen. Der pfeilschnelle Dembélé wäre zudem eine Option gewesen, gegen die hoch stehenden Römer mit langen Bällen zu agieren. Er kam erst in der 81. Minute – da stand es schon 0:3 aus Sicht der Blaugrana und Rom stellte sich logischerweise hinten rein. Valverde wirkte 90 Minuten lang ratlos statt entschlossen. Diese Niederlage geht auch auf sein Konto.

Xavi wurde vermisst

(Klopp Reaktion bei 7:30)

Auch die Club-Führung muss sich an die eigene Nase fassen. Was spätestens gegen Rom offensichtlich wurde, ist das Fehlen eines Xavi. Den genialen Regisseur konnte seit seinem Weggang 2015 niemand ersetzen. Zwar spielte er in seiner letzten Saison keine so große Rolle mehr, kam auch im Champions-League-Finale gegen Juventus nur von der Bank. Aber ein Zufall ist es nicht, dass Barcelona den Henkelpott seitdem nicht mehr gewonnen hat. Trotz Messi, Suarez, Busquets und all der anderen Stars. Vor dieser Spielzeit sollte Marco Verratti die Lücke füllen. Geklappt hat das nicht. Zudem ist Andres Iniesta, Xavis kongenialer Partner bei etlichen Triumphen, merklich in die Jahre gekommen. Der 33-Jährige ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Ivan Rakitic und Paulinho sind andere Spielertypen, denen die Eleganz, die Übersicht und das perfekte Passspiel eines Xavi fehlt. Die Folge: Barcelona spielt nicht mehr so dominant im Mittelfeld, hat weniger Spielkontrolle. Der Blick auf die Tabelle in La Liga täuscht darüber hinweg, dass diese Mannschaft oft, viel zu oft auf die Tore und Vorlagen ihres Superstars angewiesen ist. Auch Neymar fehlt. Sein kurzfristig im Sommer gekaufter Ersatz, Ousmane Dembélé, scheint (noch) mit den großen Fußstapfen überfordert. In der spanischen Presse gilt er auch angesichts seiner horrenden Ablösesumme von 140 Millionen Euro inklusive Prämien schon als Fehleinkauf. Der im Winter gekaufte Philippe Coutinho darf in der Champions League nicht mitspielen.

Selbst wenn der FC Barcelona erwartungsgemäß mit goßen Abstand und womöglich sogar ohne Niederlage die Liga gewinnt und auch die Copa del Rey holt. Diese Saison is seit Dienstagabend eine der größten Enttäuschungen in der Vereinsgeschichte. Wegen einer bitteren Niederlage, an der jeder seinen Anteil hat.