Mascherano
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EL Jefecito zieht weiter: Hasta luego, Javier Mascherano

Nach siebeneinhalb Jahren beim FC Barcelona und über zehn Spielzeiten in England und Spanien nimmt einer der ganz großen Spieler Abschied von der europäischen Fußballbühne. Javier “El Jefecito” Mascherano wechselt zu Hebei China Fortune. Bei den Blaugrana hatte er zuletzt zu wenig Einsatzzeiten, um sich für den argentinischen WM-Kader zu empfehlen.

Auf der Statistikplattform “WhoScored” heißt es unter Javier Mascheranos Eigenschaften als Spieler “likes to tackle”. Natürlich handelt es sich dabei um eine Standardformulierung, die auf etliche andere Defensivspieler zutrifft. Doch El Jefecito, der kleine Häuptling, wie er wegen seiner nur 1,74 Metern Körpergröße genannt wird, kann regelrecht als Verkörperung dieser Spielweise stehen. Mascherano räumt gerne ab. Das tut er selten unfair, für seine beherzten Grätschen findet er fast immer das richtige Timing und trifft entsprechend auch den Ball. Viele erinnern sich noch an die Schlüsselszene im Halbfinale der WM 2014 in Brasilien, als Arjen Robben in der Nachspielzeit beim Stand von 0:0 in den Strafraum der Argentinier eindrang und zum Torschuss ansetze. Es war El Jefecito, der etwas gegen das Ausscheiden der Albiceleste hatte, sich in den Schuss warf und den Ball zur Ecke abwehrte.

Diese Spezialität dürfen ab jetzt die Fans in China bestaunen. Genauer gesagt in der Hafenstadt Qinhuangdao in der Provinz Hebei. Trainiert wird Hebei China Fortune vom Chilenen Manuel Pellegrini. Zu Mascheranos neuen Mitspielern zählen sein Landsmann Ezequiel Lavezzi, der Ivorer Gervinho und der Brasilianer Hernanes. Das sind gute Kicker, aber mit Lionel Messi, Luis Suarez, Andres Iniesta und Co. nicht zu vergleichen. Wieso also der Wechsel?

Schwieriger Anfang bei Barça für Mascherano

Masche genoss und genießt in Barcelona das allerhöchste Ansehen. Im Sommer 2010 war er aus der Premier League, wo er für West Ham und den FC Liverpool im zentralen Mittelfeld gefightet und das Spiel organisiert hatte, zu den Blaugrana gewechselt. Pep Guardiola hatte mit den Katalanen soeben die zweite Meisterschaft in seiner zweiten Saison gefeiert und daraufhin Yaya Touré, dem das junge Eigengewächs Sergio Busquets im zentral defensiven Mittelfeld den Rang abgelaufen hatte, für 30 Millionen Euro nach England verkauft. Im Gegenzug wechselte Mascherano für 20 Millionen Euro nach Katalonien. Sollte er Busquets’ neuer Konkurrent um den Platz vor der Abwehr werden? Sein erstes halbes Jahr im rotblauen Dress gestaltete sich schwierig. Der Mittelfeldabräumer Mascherano schien nicht so recht zum Spielstil der Blaugrana zu passen. Aber bald stellte sich heraus: Pep hatte eine Idee, wie er die Stärken des Argentiniers einbringen konnte.

Denn El Jefecito fand sich, oft neben Gerard Piqué, zur Überraschung vieler in der Innenverteidigung wieder. Leicht war es nicht und es dauerte eine Weile, ehe sich Mascherano an die Herausforderungen auf der neuen Position gewöhnt hatte. Doch es war einer dieser Schachzüge von Pep Guardiola, die auf dem Papier niemand so richtig verstand, die aber in etlichen Spielen hervorragend funktionierten.

Mascherano als Innenverteidiger

Was Mascherano zugute kam, war die Jobbeschreibung eines Innenverteidigers beim FC Barcelona. Während bei anderen Clubs vor allem das Wegköpfen von Bällen aus dem Strafraum und das Ausschalten von gegnerischen Stürmern gefragt war, mussten Innenverteidiger unter Pep für andere Qualitäten stehen. Bei fast immer mehr als 60 Prozent Ballbesitz und aggressivem Anlaufen der gegnerischen Abwehrreihe durch die Offensivabteilung wartete auf Masche und Co. nur selten die klassische Abwehrarbeit. Viel häufiger ging es darum, dass der Ball wie gewünscht in den Reihen der Blaugrana zirkuliert. Sich für den Mitspieler anbieten, eine saubere Ballannahme, das Auge für den Nebenmann und der entsprechende Pass – ob zum zehn Meter entfernten Innenverteidigerkollegen Gerard Piqué oder auch mal steil in den Lauf eines Lionel Messi.

Das alles gehört längst zum Profil eines modernen Verteidigers, aber bei Barcelona war Mascheranos Handwerkszeug unter Pep und seinen Nachfolgern noch mehr gefragt als irgendwo sonst auf der Welt. Denn die Blaugrana standen oft so hoch, dass jeder Fehlpass und jeder unnötige Ballverlust den Gegner zum kontern einlud. Hier kam ein ums andere Mal der Zweikämpfer Mascherano ins Spiel. Der schnellste war der Argentinier auch als junger Spieler nicht, aber neben einem guten Stellungsspiel zeichnete ihn aus, dass er genau zum richtigen Zeitpunkt zum Ball ging.

Legendäre Grätsche gegen Bendtner

Mascherano selbst erzählte Journalisten einst, es sei wohl das Rückspiel gegen Arsenal im Achtelfinale der Champions League gewesen, das ihm den Weg zum Stammspieler in der Innenverteidigung ebnete. Nicklas Bendtner, damals noch bei den Gunners, war schon einschussbereit vor Victor Valdes, doch der Argentinier grätschte in höchster Not dazwischen. Der Rest ist Geschichte. Barcelona holte den Königspokal und Mascherano war fortan als Innenverteidiger eine feste Größe und erlebte goldene Jahre in Katalonien.

Völlig unumstritten war El Jefecito aber schon in den vergangenen Jahren nicht. Trotz aller Stärken, es gibt einfach komplettere Verteidiger im Spitzenfußball. Immer wieder wurde spekuliert, wann Mascherano ersetzt wird. Einige Jugendspieler konnten sich gegen ihn und Gerard Piqué nicht durchsetzen, einen teuren Neuzugang in der Abwehr holten die Blaugrana lange nicht. Das lag an Mascheranos Qualitäten und seiner vorbildlichen Arbeitsauffassung. Aber, wie man munkelt, etwas auch am Einfluss Lionel Messis, der sich für seinen Landsmann einsetzte. Erst in der vergangenen Saison gelang es dem Neuzugang Samuel Umtiti, den alternden Argentinier nach und nach zu verdrängen. Dennoch kam El Jefecito im dritten Jahr unter Luis Enrique noch auf 25 Ligaspiele, davon 20 von Beginn an, und war auch in der Champions League fast immer gesetzt.

Trainerwechsel zu Valverde läutet Mascheranos Ende ein

Zu Mascheranos Verhängnis wurde der Trainerwechsel im vergangenen Sommer. Unter Ernesto Valverde dominiert der FC Barcelona die spanische Liga nach Belieben, es läuft auch in der Champions League und bis zur Niederlage gegen Espanyol auch im Pokal. Aber Valverdes Barcelona unterscheidet sich in einigen Punkten von jenem von Pep und seinen Nachfolgern. Denn der neue Trainer lässt, auch wegen Neymars Abgang, Dembélés langwieriger Verletzung im Herbst und weil Flügestürmer Gerard Deulofeu zu Beginn der Saison nicht überzeugte, fast immer mit einem 4-4-2 spielen.

Valverde setzt viel mehr auf defensive Stabilität als auf Fore-Checking, Barcelona steht insgesamt tiefer. Gegner bekommen nun etwas mehr Zeit am Ball, der Raum vor der Abwehr wird durch Ivan Rakitic, der neben Busquets oft als zweiter “6er” agiert, verdichtet. Das heißt auch: Teilweise wird der Gegner zu Flanken aus dem Halbfeld eingeladen. Es heißt nun also doch wieder öfter “Ball wegköpfen” für die Abwehrreihe der Katalanen. Der Kauf des kolumbianischen Hünen Yerry Mina, der mit 1,95 Metern Mascherano überragt, ist da nur folgerichtig. Zuletzt, als sich abzeichnete, dass Mascherano den Verein im Winter verlassen wird, bekam er von Valverde noch einige Gelegenheiten, sich zu zeigen und sich gebührend von den Fans zu verabschieden. Er erledigte seine Arbeit so, wie er es immer getan hat, mit der nötigen Konsequenz und Konzentration. Bei seinem letzten Ligaspiel gegen Levante Anfang des Monats konnte Mascherano auch noch einmal sein gutes Auge für den Mitspieler zeigen. Butterweich hob er den Ball vor dem 2:0 in den Lauf von Außenverteidiger Sergi Roberto, dessen Ablage Luis Suarez verwertete. Später lag es nur an Suarez’ schwachem Abschluss, dass Mascherano in dieser Saison für einen weiteren überragenden Pass kein Assist mehr zugeschrieben wird. Beim heutigen Copa-Spiel gegen Espanyol steht er nicht mehr im Kader.

Goldener Karriereherbst

Nun hat El Jefecito die Konsequenzen aus seinen geringeren Einsatzzeiten gezogen. Eine neue Herausforderung im Reich der Mitte wartet. Er kann sich dort den Karriereherbst vergolden – es ist die Rede von umgerechnet rund sieben Millonen Euro pro Jahr und damit mehr, als er in Katalonien verdient haben soll. Und er kann sich für die WM 2018 in Russland in Form bringen. Dort will er beim vermutlich letzten großen Highlight einer langen Karriere nochmal richtig angreifen. Die Champions League hat El Jefecito zweimal gewonnen, dazu jeweils viermal spanische Liga und Copa del Rey, zweimal die Club WM. Er gehörte ab 2010 zum legendären Pep Team, das für viele Fans die beste Vereinsmannschaft aller Zeiten ist. In der vergangenen Saison durfte er über sein erstes und nun auch einziges Pflichtspieltor für Barcelona jubeln – beim 7:1-Kantersieg gegen Osasuna durfte er einen Elfmeter verwandeln.

International hat Javier Mascherano aber noch etwas nachzuholen. Bei der WM 2014 wurde er zweiter Sieger, auch bei der Copa America hatte er im Trikot der Albiceleste kein Glück, viermal ging das Finale verloren. Auch wenn China fußballerisch keine große Herausforderung für den 33-Jährigen sein dürfte, Javier Mascherano wird weiterhin alles geben. “Es wird seltsam sein, in die Kabine zu kommen und dich dort nicht neben mir zu sehen”, hatte Lionel Messi seinem alten Kumpel als Abschiedsworte mit auf den Weg gegeben. Auch “La Pulga” weiß, was er an Mascherano hatte und hat. Und dass er sich im Sommer in Russland wieder auf einen der besten Ballverteiler und Zweikämpfer dieses Jahrzehnts verlassen kann.