Cobresal official website

C.D. Cobresal 2015 – Desierto Florido del Fútbol

Wäre die Meisterschaftsgeschichte von C.D. Cobresal im Jahr 2015 ein Film, hätte man danach sicherlich das Bedürfnis, sich persönlich beim Regisseur für das großartige Drehbuch zu bedanken. Vor allem für das spannende Finale am vorletzten Spieltag, an dem Cobresal im Fernduell mit Universidad Católica den Titel holt. 

C.D. Cobresal ist in der auf 2.600m Höhe liegenden Bergbaustadt El Salvador beheimatet, die sich mitten in der berühmten Atacama-Wüste, einem der trockensten Flecken auf diesem Planeten, befindet. Um sie auf dem Landweg zu erreichen, fährt man mit dem Auto von der Provinzhauptstadt Copiapó 2,5 Stunden durch die Wüste, bis man dann im Nichts, in einer Senke, El Salvador findet. Die Stadt wurde in den 1950er Jahren gegründet, nachdem dort eine der größten Kupferminen der Welt entdeckt wurde. Von der Mine hängt gleichzeitig auch das Schicksal von El Salvador und auch von C.D. Cobresal ab. Wenn die Mine schließen muss, wird die Einwohnerzahl von El Salvador vermutlich deutlich zurückgehen, wie es im Nachbarort Diego de Almagro der Fall ist, und der Fußballverein wird entweder umziehen müssen oder er wird verschwinden. Der bekannteste chilenische Spieler, der bei Cobresal bisher spielte, war Ivan Zamorano, der in jungen Jahren, und lange vor seiner Zeit bei Real Madrid und Inter Mailand, in der Atacama-Wüste seine Profi-Karriere begann und 1987 den chilenischen Pokal mit Cobresal gewann, der gleichzeitig der erste Titel in der Vereinsgeschichte war.

El Salvador hat ca. 9.000 Einwohner, von denen rund 2.000 in der Kupfermine arbeiten. Die Stadt ist in der Form eines Amphitheaters angelegt, und hat außer einem Kino und einem Restaurant nichts zu bieten. Genau aus diesem Grund, um die Leute abzulenken, wurde 1979 C.D. Cobresal gegründet, was die Situation laut Aussage des Torhüters der Meisterelf, Nicolás Perich nicht sehr verbessert hat. Denn dieser gab auch 30 Jahre später noch von sich, dass man sich im ersten Moment fragt, was man eigentlich dort (in El Salvador) mache, dass es dort nichts gäbe, was man in der Freizeit machen können und dass man eigentlich nur wieder abhauen will. In dieselbe Kerbe schlägt auch der heute 35-jährige Mittelfeldspieler Victor Sarabia, der sagt, dass es in El Salvador nichts gibt, was in anderen Orten normal ist. Die Sehenswürdigkeit des Ortes ist die Kupfermine und wenn man so will, das Stadion.

Estadio El Cobre – Das größte Stadion der Welt

Das Kupferstadion (Estadio El Cobre) musste in den 1980er Jahren auf eine Kapazität von 20.000 Plätzen erweitert werden, da man sich für die Copa Libertadores qualifiziert hatte und das Stadion damals nicht die vorgeschriebene Mindestkapazität aufwies. Aufgrund der Kapazität wird das Stadion auch als das größte Stadion der Welt bezeichnet, ganz einfach da es nie ausverkauft sein wird, da es mehr als doppelt so viel Plätze wie Einwohner hat. Zudem wird in der Mine rund um die Uhr im Schichtbetrieb gearbeitet, weshalb sich die Zahl von 9.000 potenziellen Besuchern noch einmal reduziert. In der besagten Meistersaison lag der Zuschauerdurchschnitt von Cobresal bei 1.543 pro Spiel. Manchmal kommen nicht einmal 100 Zuschauer in das weite Rund, sodass man als Spieler genau merkt, wer einen auf der Tribüne anschreit und man ihn am nächsten Tag im Supermarkt darauf ansprechen kann. Am entscheidenden Spieltag, an dem es 2015 um die Meisterschaft ging, fanden immerhin 5.000 Zuschauer den Weg ins Stadion. Auch aus diesem Grund ist El Salvador nicht das typische Wunschziel eines Fußballers, zumal Cobresal traditionell eher um den Klassenerhalt als um die Meisterschaft kämpft und schon einige Auf- und Abstiege hinter sich hat.

Torneo Clausura 2015 – Spieltage 1-12

In Chile werden traditionell zwei Meister pro Saison gekürt. Die Saison 2014-2015 bestand aus dem Torneo Apertura (19.07.-21.12.2014) und dem Torneo Clausura (2.1. bis 20.05.2015). Die Liga bestand aus 18 Mannschaften, und jedes Team spielte pro Turnier einmal gegeneinander. Auch in diese Saison ging Cobresal als Abstiegskandidat und man wusste noch nicht, was man von der Mannschaft erwarten konnte. Doch entgegen aller Erwartungen holten die Mineros aus den ersten acht Spielen 5 Siege und 2 Unentschieden bei 1 Niederlage. Somit fuhr man am 9. Spieltag überraschend als Tabellenführer zum Spitzenspiel gegen Universidad Católica, einem der größten Vereine Chiles und Meisterschaftsfavorit. Trotz der Serie im Rücken und dem Gefühl eine wettbewerbsfähige Mannschaft zu haben, sah man sich bei Cobresal als krassen Außenseiter und der Matchplan war hinten dicht zu halten und dann zu schauen, was nach vorne geht. Cobresal ging trotzdem in der 33. Minute durch Jorge Donoso in Führung, musste aber kurz vor der Pause den Ausgleich der Gastgeber hinnehmen. Doch anstatt vor ungewohnt großer Kulisse (12.616 Zuschauer) einzubrechen, gewann die Elf von Coach Giovagnoli nach weiteren Toren durch Sepúlveda, erneut Donoso und Poblete, bei einem Gegentreffer von Gutiérrez, mit 4:2. Durch den Sieg wurde man jetzt auch in der Hauptstadt langsam als Titelanwärter anerkannt und auch innerhalb der Mannschaft fing man an, an die Sensation zu glauben. Zu den Schlüsselspielern von Cobresal gehörten die beiden Stürmer Ever Cantero und Matías Donoso, Mittelfeldstratege und Elfmeterschütze Hugo Sarabia und Keeper Nicolás Perich, der das Gefühl vermittelte, dass man immer mindestens mit einem Punkt nach Hause gehen würde. Im Anschluss an diesen Sieg holte man aus den nächsten zwei Spielen allerdings nur ein Punkt und verlor die Tabellenführung an Colo-Colo, dem anderen großen Hauptstadtklub. Am 12. Spieltag bot sich allerdings die Chance mit einem Heimsieg gegen Universidad de Concepción die Tabellenführung wieder zu übernehmen. Und tatsächlich, konnten die Mineros die 1:0 Führung der Gäste mit 10 Mann, Salazar war zwischenzeitlich vom Platz geflogen, durch zwei Tore in der 87. Minute und in der Nachspielzeit, noch drehen. Auf die Rückeroberung der Tabellenspitze folgte jedoch erst einmal ein Schock.

25. März – Naturkatastrophe und Umzug nach Santiago

Am 25. Und 26. März 2015 wurde die gesamte Atacama Region, wie erwähnt, eine der trockensten Regionen der Erde, deren Beschaffenheit dem Mars ähnelt, von Niederschlägen ungewohnten Ausmaßes heimgesucht, die insgesamt 31 Menschenleben forderte. Außerdem werden seitdem 49 Personen vermisst. Teilweise regnete es in einigen Stunden so viel, wie sonst in drei oder vier Jahren zusammen. Auch in El Salvador hinterließ eine Schlammlawine eine Spur der Verwüstung, die zudem die Wasserversorgung zerstörte, mit der Folge, dass die Einwohner einige Wochen lang mit fünf Liter Wasser pro Tag auskommen mussten, für die sie Schlange stehen mussten.

Aufgrund der prekären Situation in der Stadt zog die Mannschaft inklusive Familien, Präsident, Sportdirektor und Maskottchen kurzfristig nach Santiago de Chile und quartierte sich in einem Hotel ein. Die Spieler genossen den Umzug zu Beginn und fühlten sich ein wenig wie eine Schulklasse vom Land die ins Schullandheim in die große Stadt fährt, was den Teamgeist der Mannschaft sogar noch weiter steigerte. Im Laufe der Wochen kam allerdings doch ein Lagerkoller auf, da die Mahlzeiten im Hotel immer zur selben Zeit waren, und der Bus zum Training ebenfalls immer zur selben Zeit abfuhr.

Torneo Clausura 2015 – Spieltage 13-17

Nach dem erzwungenen Umzug waren noch fünf Ligaspiele zu absolvieren, wobei zu Beginn gleich das Spitzenspiel gegen Verfolger Colo-Colo im Estadio Monumental auf dem Programm stand. Zur Halbzeit stand es 1:1, wobei Sarabia sogar einen Elfmeter verschoss, ehe in der 93. Minute Johan Fuentes mit seinem starken linken Fuß, nach einem Fehler von Colo-Colo-Verteidiger Maldonado, ein Traumtor aus ca. 35 Metern Torentfernung schoss und den Sieg perfekt machte (letztes Tor im Video). Spätestens jetzt glaubte jeder bei Cobresal an die eigene Chance.

Da der Platz im eigenen Stadion nicht bespielbar war, musste Cobresal das nächste Heimspiel gegen Ñublense de Chillán in Santiago austragen, gewann dieses aber mit 1:0 durch ein Tor von Donoso in der 5. Minute. Obwohl das Spiel darauf gegen O’Higgins verloren ging, konnte Cobresal am darauffolgenden vorletzten Spieltag bereits Meister werden. Voraussetzung dafür: ein eigener Sieg gegen das schon als Absteiger feststehende Barnechea, und Universidad Católica durfte gegen Deportes Iquique maximal unentschieden spielen. Das Problem: weder Stadion noch Stadt hatten sich von dem Unwetter erholt.

Die Wasserversorgung der Stadt war immer noch unterbrochen, die Einwohner mussten für ihr Wasser immer noch Schlange stehen und der Rasen im Estadio El Cobre war nach über 20 Tagen ohne Bewässerung staubtrocken. Der Verein stand vor dem großen Dilemma: in dieser Situation einen Fußballplatz zu bewässern wäre unmoralisch, allerdings handelte es sich um eine vermutlich einmalige Chance in der Vereinsgeschichte, die Meisterschaft zu Hause zu gewinnen. Schlussendlich wurden in mehreren Nacht- und Nebelaktionen täglich über 50.000 Liter Wasser über 200 Km durch die Wüste gefahren
(3 LKWs/pro Tag, laut Legende von einem Fan gefahren) und das Feld nachts bewässert, um den Platz doch noch bespielbar zu machen. Mit Erfolg! Am 26. April konnte das Heimspiel gegen Barnechea ausgetragen werden und dies vor einer Rekordkulisse von 5.000 Zuschauern.

Das große Finale – Hollywood lässt Grüßen

Die Spiele Cobresal-Barnechea und Universidad Católica-Deportes Iquique wurden beide um 16:30 angepfiffen und entweder der Fußballgott oder die russische Wettmafia hatte sich einiges vorgenommen. Im Fernduell lag Universidad Católica nach zehn Minuten schon mit 2:0 in Führung und zum Schrecken der Cobresal-Fans kassierte man selbst in der 21. Minute das 0:1. In der 29. Minute konnte Ever Cantero zwar den Ausgleich für die Mineros erzielen, doch noch vor der Halbzeit kam es knüppeldick, Universidad erhöhte auf 3:0 und Moya erzielte für Absteiger Barnechea das 2:1. Nach 45 Minuten mussten daher insgesamt fünf Tore für die jeweils richtige Mannschaft fallen. Zwei davon musste man selbst schießen und Iquique (12.) auswärts drei beim Tabellenzweiten, jeweils ohne dabei einen Gegentreffer zu kassieren. Eine Wettquote von 1:5000 wäre bei dieser Ausgangslage vermutlich noch optimistisch geschätzt. Was danach passierte ist schwer zu erklären und eigentlich unmöglich, doch eins nach dem anderen. Iquique kämpft sich in Santiago durch Tore in der 47. und 61. Minute schnell auf 3:2 heran, und in El Salvador erzielt Cobresal durch Francisco „Paco“ Sánchez in der 62. den Ausgleich. Die Hoffnung lebt wieder und es fehlten nur noch zwei der ursprünglich fünf Tore. Und schon in der 66. Minute erzielt Iquique das 3:3 womit nur noch ein eigenes Tor fehlen würde. Acht Minuten vor Schluss kam es dann zum magischen Moment. Fast zeitgleich wurde sowohl ein Elfmeter für Universidad Católica und für Cobresal gegeben. Während in Santiago der Keeper von Iquique den Elfmeter an die Latte lenkt und auch der Nachschuss vorbei ging, verwandelt Matías Donoso nervenstark zum 3:2 für Cobresal und ließ die Wüste erbeben. Danach war zittern angesagt und Barnechea traf sogar noch einmal den Pfosten bevor der Sieg endgültig feststand. Allerdings war in Santiago noch eine Minute zu spielen und es musste gezittert werden. Erst als Stadionsprecher Jorge Ayala nach qualvollen 60 Sekunden im Herzen der Wüste „Aus“ (terminó) und „Cobresal es Campeón“ ins Mikrofon brüllt, brachen alle Dämme, und der Platz wurde gestürmt. C.D. Cobresal war zum ersten Mal, in der 36-jährigen Vereinsgeschichte chilenischer Meister geworden. (34 Punkte aus 17 Spielen, 10S, 4U, 3N).

In Chile wird der Titelgewinn von Cobresal mit dem in der Atacama-Wüste vorkommendende Naturphänomen desierto florido (Blumenwüste) verglichen. Wenn es zu Niederschlag in der Wüste kommt, erblühen dort tausende Blumen auf einmal, deren Samen teilweise seit vielen Jahren im Ruhestadium unter der Erde liegen (https://de.wikipedia.org/wiki/Bl%C3%BChende_Atacamaw%C3%BCste).