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Huracán von Menotti 1973 – „Sieg des romantischen Fußballs“

Im Jahr 1973 holte C.A. Huracán seinen ersten und bis heute einzigen Meistertitel im argentinischen Profifußball. Angeleitet von dem 34-jährigen Trainernovizen César Luis Menotti verzauberte die Elf um René „El Loco“ Houseman den Stadtteil Parque Patricios und das ganze Land.

Der Verein, der in einem der authentischsten Stadtteile von Buenos Aires, Parque Patricios, direkt neben Boedo dem Stadtteil von San Lorenzo, zu Hause ist und der neben seiner vielen Bolzplätze auch für seinen Tango berühmt ist, hatte bis dato nur vier Amateurmeisterschaften aus den 1920er Jahren auf der Habenseite.

Doch am 2. Mai 1971 legte der Vereinspräsident Luis Seijo den Grundstein für das was folgen sollte und dies obwohl er seinen Wunschkandidat Osvaldo Zubeldía nicht überzeugen konnte El Globo zu übernehmen. Denn nach dessen Absage fuhr er nach Rosario um einem damals 34-jährigen César El Flaco (der Dürre) Luis Menotti, der damals Co-Trainer bei den Newell‘s Old Boys war und sonst keine weitere Trainererfahrung hatte, den Trainerposten bei Huracán anzubieten. Der junge Mann zögerte nicht lange und ergriff die sich ihm bietende Chance. Menotti hatte sich in das Brasilien der WM 1970 um Pelé verliebt und begann in der Saison 1972 die Mannschaft nach seinen Vorstellungen umzubauen und seine Spielphilosophie – der heute als Menottismo bekannt ist – zu indoktrinieren, der heute neben dem Bilardismo (zurückgehend auf Carlos Bilardo) zu den beiden großen argentinischen Spielstilen gehört und mit denen man sicherlich so manche Philosophievorlesung an der Universität einleiten kann. Für die Fußballliebhaber aus dem Land des Río de la Plata gibt es ein vor und nach Menotti. Sehr verkürzt gesagt fördert der Menottismo das ästhetische Spiel, wohingegen beim Bilardismo dem Sieg alles untergeordnet ist und dieser Zweck die Mittel heiligt.

Bei Huracán fand El Flaco mit Omar Larrosa, Carlos El Inglés Babington (später u.a. Wattenscheid 09), Miguel Brindisi, Alfio Coco Basile und Roque Avallay die Spieler vor, die ein Jahr später auch zu den Korsettstangen der Meistermannschaft gehören sollten. Im Torneo Nacional 1972 (13. Oktober – 17. Dezember) zeigte man schon gute Ansätze, wurde 3., schlug Boca einmal mit 5:1 und gewann das Derby gegen den späteren Meister San Lorenzo mit 3:0, verfehlte aber den Einzug in die KO-Phase. Allerdings merkte man rund um den Parque Patricios, dass bald mehr möglich war als der gewöhnliche Platz im grauen Tabellenmittelfeld. Vor dem großen Wurf im nächsten Jahr stieß noch ein Mann vom Drittligisten Defensores de Belgrano zu Huracán, der zum Gesicht des Titels wurde und von dem viele sagen, dass er vor der Entdeckung Maradonas der beste argentinische Spieler der Geschichte war: René El Loco (der Verrückte) Orlando Houseman. Weitere wichtige Neuzugänge waren die Verteidiger Jorge Carrascosa und Alberto Fanesi.

Das Campeonato Metropolitano von 1973 (2. März– 30. September 1973) war eine der beiden Saisons, die damals im Kalenderjahr in Argentinien gespielt wurden, und bestand aus Hin- und Rückrunde à 16 Spielen (17 Vereine).

1. Runde Metropolitano (2.3. – 24.6.1973) – Ganaba, gustaba, goleaba

Die Standardaufstellung von Menotti’s Huracán in der Meistersaison lautete wie folgt: Héctor Roganti, Nelson Chabay, Daniel Buglione, Alfio Basile, Jorge Carrascosa, Miguel Brindisi, Francisco Russo, Carlos Babington, René Houseman, Roque Avallay und Omar Larrosa. In der Hinrunde der Saison legte die Mannschaft den Grundstein für die Meisterschaft. Sie holte elf Siege, spielte vier Mal unentschieden und verlor nur ein einziges Mal. Doch vor allem die Art und Weise, wie die Elf von Menotti spielte und die bis heute vielen in Erinnerung ist, blieb hängen. Sie gewann (ganaba), gefiel (gustaba) und schoss darüber hinaus noch viele Tore (goleaba). Bereits am 1. Spieltag wurden die Argentinos Juniors mit 6:1 aus dem eigenen, emblematischen Estadio Tomás A. Ducó gefegt und auch bei den nächsten beiden Heimspielen ließ man Atlanta (5:2) und Racing Club (5:0) nicht den Hauch einer Chance. Aus den ersten sechs Spielen holte man sechs Siege, begeisterte das eigene und teilweise sogar das gegnerische Publikum, und sendete ein deutliches Zeichen an die Konkurrenz. Beim 5:0 Auswärtssieg am 11. Spieltag im Estadio Gigante de Arroyito gegen ein starkes Rosario Central um Aldo Poy erhoben sich sogar die Heimfans und spendeten den Spielern von Huracán Applaus für ihre berauschende Leistung, wobei ein anderer Teil den Huracán-Bus abbrannte. Der Trainer Victorio Spinetto von den Argentinos Juniors klopfte einmal 2:0 hinten liegend bereits in der Halbzeitpause bei Huracán an und gratulierte der Elf zu dem schönen Spiel. Selbst ins eigene Stadion sollen sich angeblich ab und zu Fans anderer Vereine begeben haben, um das spektakuläre Spiel von El Globo und El Loco zu sehen, bei denen die Hauptaufgabe aller Spieler, die nicht in der 4er-Abwehrkette um Coco Basile standen, darin bestand, kreativ zu sein und Tore zu machen. Der Journalist Raúl Fernández bezeichnete das Huracán von 1973 als den damaligen FC Barcelona – wenn auch ein bisschen langsamer, entsprechend dem damaligen Tempo –, der mit Houseman seinen eigenen Messi hatte, der offensiv presste und der mit Ballbesitz das Spiel kontrollieren wollte. Menottis Spielidee beinhaltete nur wenige Grundregeln und Taktik war für ihn nur ein Hilfsinstrument, das er den Spielern an die Hand gab und keines, um sie einzuengen, weshalb sich seine Spieler persönlich auf dem Platz entfalten konnten und dies auch taten.

Metropolitano (2. März– 30. September 1973) – Geschwächt zum Titel

In der Rückrunde der Saison war die Bilanz nicht mehr ganz so gut wie in der Hinrunde, was jedoch daran lag, dass Huracán teilweise bis zu sechs Spielern für die Nationalmannschaft abstellen musste, die sich für die WM 1974 qualifizieren wollte. Schlussendlich standen nach 16 Spielen neun Siege, drei Unentschieden und vier Niederlagen zu Buche. Trotz einer 2:1 Heimniederlage gegen Gimnasia y Esgrima La Plata stand Huracán zwei Spieltage vor Saisonende, am 16. September, vor Vizemeister Boca Juniors, als Meister fest. Zu den Schlüsseln des Erfolges gehören zweifelsfrei die Verpflichtung von Menotti als Trainer, der Argentinien fünf Jahre später auch zum ersten WM-Titel führen sollte und der zu Recht als einer der größten argentinischen Trainer und zugleich als großer Motivator gilt. Dazu gesellte sich die spielerische Klasse, vor allem in der Offensive, um Omar Larrosa (Toptorschütze des Teams mit 15 Toren), den begnadeten Dribbler Babington, den außergewöhnlichen Houseman, der machte was er wollte, ohne zu wissen wie, und Avallay, die alle heiß darauf waren Tore zu machen. Doch ohne die Defensive um Basile, Keeper Roganti, und Dauerläufer und Kapitän Miguel Brindisi im zentralen Mittelfeld, die sowohl hart verteidigen konnten als auch schön hinten rausspielen konnten, wäre der Triumph nicht möglich gewesen. Zudem herrschte ein guter Teamgeist in der Kabine und Menotti musste die Spieler mehrfach persönlich nach Hause schicken, als diese noch Extraschichten nach dem regulären Training einlegten. Zum Training gesellte sich auch manchmal der berühmte argentinische Boxer Oscar “Ringo” (weil er dem Beatles-Schlagzeuger Ringo Starr ähnlich gesehen haben soll) Bonavena – der auch gegen Muhamed Ali kämpfte -, der ebenfalls Vereinsmitglied von Huracán war und von dem gesagt wird, dass er gerne Fußballer geworden wäre.

(René Houseman und Alfonso Roma bei der Ehrenrunde)

Huracán: Der Meister dem wir alle applaudieren solllten!

Der bekannte Fußballexperte- und Autor Roberto Fontanarrosa aus Rosario beschrieb die Huracán-Elf wie folgt und fasst gut zusammen, was sie so besonders machte: “Huracán Meister. Dieses Ereignis war mehr als die bloße Summe von positiven Ergebnissen. Hinter dem Meister des Metropolitano von 1973 stand eine besondere fußballerische Haltung: Diejenige, ohne Gemeinheiten zu spielen, sich aufzuopfern, immer daran zu denken Tore zu schießen und den Fußball zu genießen. Wir freuen uns vor allem über die Art und Weise wie Huracán den Titel holte und welches Vorbild sie hinterließen. Eine Haltung, die die 45 Jahre, die Huracán auf seinen Titel warten musste, überdauert: Diejenige mit Freude zu spielen.”