Chape
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“Somos todo Chape”-Ein Jahr nach der Tragödie

Am 28. November 2016 machte sich das brasilianische Team Chapecoense auf, um im kolumbianischen Medellín gegen Atlético Nacional das Erste von zwei Copa Sudamericana-Finals zu bestreiten. Was dann geschah, ist eine tragische Geschichte. Das Flugzeug stürzte ab, nur sechs Insassen überlebten die Katastrophe. Ein Jahr später ziehen wir Bilanz: Wie geht es den Hinterbliebenen und Überlebenden? Wer hat Schuld am Tod von 71 Menschen und wie steht “Chape” heute da? Chefutbol blickt zurück auf das furchtbare Unglück und dessen Folgen.

Die Überlebenden

An Bord des Fluges LaMia 2933 nach Medellín befanden sich an diesem Tag insgesamt 77 Menschen, nur sechs überlebten den Absturz der Maschine kurz vor der kolumbianischen Metropole. Neben zwei Crewmitgliedern, der Stewardess Ximena Suarez und dem Bordmechaniker Erwin Tumiri, der bolivianischen Airline überlebte der brasilianische Journalist Rafael Henzel, Mittelfeldspieler Alan Ruschel, Goalkeeper Jackson Follmann und Abwehrspieler Helio Zampier, genannt Neto.

Henzel flog gemeinsam mit der Mannschaft zum Endspiel der Sudamericana, da “Chape”, der Provinzklub aus dem Süden Brasiliens, noch nie zuvor in seiner 43-jährigen Geschichte das Endspiel des prestigeträchtigen Turniers erreicht hatte. Als Chapecoense gut neun Monate später im sagenumwobenen Camp Nou gegen den großen FC Barcelona eine Art Benefinzspiel bestritt, kommentierte Henzel die Partie für den brasilianischen Sender “RadioOeste” live aus Barcelona. Und er hatte es dem fünfmaligen Weltfußballer Lionel Messi, der an diesem Tag ebenfalls auf dem Platz stand, zu verdanken, dass er die Partie überhaupt kommentieren konnte.

Einige Wochen zuvor flog die argentinische Nationalmannschaft mit “La Pulga” an Bord mit eben jenem Flugzeug von Belo Horizonte nach Buenos Aires, Henzels Kollege Renan Agnolin wollte um jeden Preis auf dem selben Platz sitzen wie der argentinische Weltstar zuvor. Dessen Platz war allerdings Henzel zugewiesen, er tauschte mit Agnolin, der beim Absturz ums Leben kam. “Agnolin hat mein Leben gerettet”, sagte Henzel später in einer brasilianischen Talkshow. Seitdem hat er in seiner Twitter-Bio zwei Geburtstage angegeben. Einmal den 25. August 1973 und 29.November 2016. Der Tag, an dem er sein Leben erneut erhielt.

Von den drei überlebenden Spielern Chapecoenses konnte nur Alan Ruschel die Partie gegen die “Blaugrana” wirklich bestreiten. Auch er tauschte vor dem Abflug mit einem Kollegen den Sitzplatz, nur so und durch riesiges Glück konnte er lebend aus den Trümmern geborgen werden. Am Schlimmsten sei für ihn die Tatsache, dass er seine Teamkollegen nie wieder sehen würde, gab er nach der Partie sichtlich bewegt zu Protokoll. Privat hat Ruschel sein Glück gefunden. Im Februar 2017 fand die Hochzeit zwischen ihm und seiner Freundin Marina statt.

Goalkeeper Follmann führte mit Neto zwar den Anstoß aus, allerdings musste ihm der rechte Unterschenkel amputiert werden, sodass er seine Karriere als Profifußballer leider Gottes beenden musste. Aber seinen Willen hat er nicht verloren. Aktuell arbeitet Follmann als eine Art Zeugwart im Klubheim von “Chape”, das Training führt er jedoch weiterhin fort.

Sein Traum ist es, eines Tages für das brasilianische Paralympics-Team zu spielen. Desweiteren bietet Follmann Gespräche zum Thema “Bewältigung traumatischer Erlebnisse” an, um so nicht nur das tragische Unglück, dass ihm widerfuhr zu verarbeiten, sondern zugleich anderen Menschen in ähnlichen Situationen zur Seite zu stehen. Die für Dezember 2016 geplante Hochzeit mit seiner Freundin Andrea hat auch er mittlerweile nachgeholt.

Innenverteidiger Neto ist von allen Überlebenden am Schlimmsten versehrt. Nach diversen Knie- und Rückenoperationen trainiert er weiter für sein Comeback, mittlerweile im Kreise der Mannschaft. Im September brachte Neto seine eigene Biographie heraus, die den Titel “Ich glaube an morgen” trägt. Darin schildert er unter Anderem, dass er in der Nacht vor dem Absturz einen Albtraum hatte, der die Tragödie sozusagen prognostizierte.

Für Ximena Suarez begann mit dem Absturz ebenfalls eine Leidenszeit. Die Stewardess ist bis zum heutigen Tag auf Physiotherapie angewiesen, aufgrund einer Verschiebung der Nasenscheidewand durch den Aufprall wäre eine Nasenoperation eigentlich dringend von Nöten. Die finanziellen Mittel dafür fehlen leider. Auch Ximena verarbeitete das tragische Erlebnis in einem Buch, das ihren größten Traum als Titel trägt. “Mein Traum ist es, wieder fliegen zu können”.

Bordmechaniker Tumiri hat sich dahingegen völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Der 25-Jährige hat ein Studium begonnen, das Flugzeug kommt für ihn als Transportmittel nicht mehr in Frage.

Die Hinterbliebenen

Für die Hinterbliebenen des Flugzeugunglücks hat die Leidenszeit ebenfalls noch kein Ende gefunden. Zusätzlich zum Verlust geliebter Menschen warten die Angehörigen noch heute auf Entschädigungszahlungen. Um ihre Interessen besser vertreten und durchsetzen zu können, wurde AFAV-C gegründet, die Vereinigung der Familien der Opfer des Chapecoense-Flugs. Einige Familien gingen sogar soweit, den ehemaligen brasilianischen Fußballstar Romario, der nach seiner Karriere nun eine Position als Senator inne hat, um Unterstützung zu bitten.

Grund hierfür ist, dass die Verfahren hinsichtlich der Entschädigungszahlungen und der Strafbarkeit aus diversen Gründen immer weiter verschleppt werden. Vom Verein selbst haben die Hinterbliebenen zwar eine einmalige Ersthilfe erhalten, laut Opfer-Anwalt Fabiano Emery stehen den Angehörigen insgesamt aber gut 400 Mio. $ zu. Die bolivianische Versicherungsfirma “Bisa” weigert sich bislang, den entsprechenden Betrag zu entrichten. Deren Angebot beläuft sich derzeit auf 200.000 $ Zug-um Zug gegen Abtretung jeglicher Ansprüche, die möglicherweise gegen die Airline bestehen und einen Verzicht auf strafrechtliche Verfolgung der Fluglinie “LaMia”.

Dieses Angebot wurde von der AFAV-C abgelehnt.

Die Schuldfrage

Die Frage, die allen Angehörigen wohl immer noch schlaflose Nächte bereitet, ist die Frage, wer nun Schuld am Tod der 71 Menschen hat. Problem ist, dass die komplexe Ausgangslage, die insgesamt drei Länder, nämlich Bolivien, Brasilien und Kolumbien involviert, dazu beiträgt, die tatsächliche und rechtliche Aufarbeitung des Sachverhaltes weiter zu verschleppen und zu verschleiern. Die Opfer sind brasilianische Staatsangehörige, die Airline hat ihren Sitz in Bolivien, der Unfallort befindet sich nahe der kolumbianischen Stadt Medellín.

Fakt ist: Der Absturz des Flugzeugs erfolgte angesichts der Tatsache, dass der Kerosinfüllstand der Maschine für den Flug von Chapeco nach Medellín schlicht zu niedrig war. Wohlgemerkt handelt es sich hierbei um eine weltweit gängige Praxis, da im Falle von Notlandungen Kerosin abgelassen werden muss und die Airlines somit aus Kostengründen mit der geringstmöglichen Spritmenge kalkulieren. Grob fahrlässig, leider jedoch Usus.

Die bolivianische Regierung machte im Zuge der Ermittlungen kurzerhand “LaMia” Besitzer Miguel Quiroga verantwortlich. Eben jener Miguel Quiroga befand sich allerdings ebenfalls als Pilot an Bord der Maschine und hat den Absturz leider nicht überlebt. Sein Geschäftspartner Marco Rocha ist nicht auffindbar. Die Ermittlungen der brasilianischen Staatsanwaltschaft erlauben allerdings andere Schlüsse und zeigen auf, wie komplex sich der gesamte Sachverhalt darstellt.

Angeblich war Quiroga zum Zeitpunkt des Absturzes nicht Eigner von “LaMia”, sondern die Venezolanerin Loredana Albacete. Angeblich hat Albacete, nebenbeibemerkt Tochter des mächtigen venezolanischen Politikers Ricardo Albacete, den Gewinn des Fluges über ein Konto in Hongkong erhalten.

Auch ein Jahr nach der Katastrophe sind somit immernoch nicht alle Umstände geklärt, was es allen Beteiligten zusätzlich erschwert, mit dem Unglück auch psychisch abzuschließen.

Der Verein – Wo steht “Chape” heute?

Sportlich gesehen erholte sich “Chape” auch dank weltweiter Anteilnahme und Solidarität recht zügig. Als Chapecoense vom einen auf den anderen Tag quasi ohne erste Mannschaft da stand, liehen zahlreiche Clubs ihre Reservisten an “Chape” aus, mehr als 10.000 neue Mitglieder hat der Verein seitdem gewonnen. Mit insgesamt 23 Neuzugängen konnte Chapecoense im Mai diesen Jahres die Bundesland-Meisterschaft gewinnen, zeitweise führte man sogar die brasilianische Serie A als an. Allerdings schied “Chape” schon früh in der Copa Libertadores aus, insgesamt zwei Trainer verschlissen die Brasilianer und man musste bis zum Schluss auf den Klassenerhalt hoffen, der letztlich allerdings gelang.

Mitleid habe das Team auf dem Platz schnell keines mehr erfahren, gab Alan Ruschel zu verstehen. “Am Anfang hat es viel Mitgefühl gegeben. Es wurde viel gesprochen über das, was passiert ist. Aber jetzt ist schon ein Jahr seit der Tragödie vorbei und wir mussten die Routine eines normalen Teams aufnehmen. Die Freude in der Kabine wiederzufinden, davon lebt eine Fußballmannschaft.” gab der Außenstürmer zu verstehen.

Im August dann durfte die gesamte Mannschaft nach Rom in den Vatikan reisen, Papst Franziskus hatte zur Audienz geladen, um sein Mitgefühl auszudrücken.

Am Jahrestag der Tragödie hat der Klub bewusst auf eine große Zeremonie verzichtet. Das Stadion, die Arena Conda, wurde allerdings für Gebete und Anteilnahme geöffnet, tausende kamen um den Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Auch Atlético Nacional hielt am Jahrestag eine Gedenkveranstaltung in Medellín ab.

Chapecoense und den designierten Gegner aus Medellín im Finale der Copa Sudamericana 2016 verbindet seit dem Unglück eine tiefe Freundschaft. Ohne zu zögern überließen die Kolumbianer “Chape” den Titel, auch um dem brasilianischen Klub die Siegprämie zuteil werden zu lassen. Der Absturzberg, “Cerro Gordo”, was soviel wie “fetter Hügel” bedeutet wurde in “Cerro Chapecoense” umbenannt.

Die Bürger der Metropole Medellín bildeten sogar eine Bürgervereinigung, um die persönlichen Gegenstände, die teils unbefugt vom Unfallort zum Zwecke der Hehlerei entwendet wurden, wie bspw. Armbanduhren, den Hinterbliebenden zukommen zu lassen – im Mai fanden fast 200 persönliche Dinge zurück zu den Angehörigen. Medellíns Bürgermeister, Federico Gutiérrez, skizzierte die Situation kurz und prägnant: “Aus einer großen Traurigkeit und Tragödie erwächst die Möglichkeit zu einer großen Freundschaft”.

Das Flugzeugunglück wird, wie beispielsweise auch bei Manchester United, für immer einen festen Bestandteil der Vereinshistorie ausmachen. Allerdings hat man sich ein neues Motto gegeben. “Pra sempre Chape”, für immer “Chape”. Denn, wie auch Chapecoense in einer Pressemitteilung in treffender Weise konstatierte, ist die größte Errungenschaft des Vereins die Tatsache, dass er nach so vielen Verlusten weiterlebt.