Mágico González
Flickr / Moritz Barcelona

Cádiz CF: Mágico González – Die Legende aus El Salvador

Jorge “Mágico” González war mit Talent aber auch einer ungeheuren Lebenslust gesegnet. Ein Porträt der salvadorianischen Legende des Cádiz CF.

Wenn man einen Gaditano (so werden die Einwohner Cádiz’ genannt) auf den größten Spieler der Vergangenheit des örtlichen Fußballvereins Cádiz CF anspricht, weiten sich die Augen des Gegenübers, ein Lächeln macht sich im Gesicht breit und ein gewisser Stolz macht sich im Gesichtsausdruck bemerkbar, während er die folgenden Worte sagt: „Mágico González!” Jorge Alberto González Barillas war und ist das Idol des kleinen andalusischen Klubs an der Atlantik-Küste. Sucht man mittlerweile im, mit stromlinienförmigen und von Medienberatern geschulten Profis à la Phillipe Lahm überschwemmten, modernen Fußball vergeblich nach Profis mit Ecken und Kanten, kann man eines sicher sagen: Mágico González hatte seine Ecken und Kanten, und das gewiss nicht zu wenige.

„Ich gebe ja zu, dass ich kein Heiliger bin, dass mir das Nachtleben gefällt, und, dass nicht einmal meine Mutter, mir die Lust einen draufzumachen, austreiben könnte. Ich weiß, dass ich unverantwortlich und kein guter Profi bin, und es kann sein, dass ich die Gelegenheit meines Lebens wegwerfe. Ich weiß es, aber ich habe einfach diese dumme Einstellung: Ich mag den Fußball nicht als Arbeit ansehen. Wenn ich das machen würde, wäre ich nicht mehr ich selbst. Ich spiele nur um Spaß zu haben.“

Jorge Alberto González Barillas wurde 1958 in San Salvador (El Salvador) geboren. Im Jahre 1975 feierte er im Alter von 17 Jahren sein Debüt in der Salvadorianischen Liga. Fünf Jahre lang verzauberte er die Fans in seiner Heimat, Höhepunkt war die Qualifikation für die WM 1982 in Spanien. Das zweite und letzte Mal bis heute, dass sich das keine Land für eine Weltmeisterschaft qualifizieren konnte. Im entscheidenden Spiel gegen Mexiko startete González ein unwiderstehliches Solo in der eigenen Hälfte, seinen Schuss konnte Mexikos Torwart nur abprallen lassen, Ever Hernández staubte zum Siegtreffer ab. El Salvador war bei der WM dabei.

Die WM 1982 als Sprungbrett für Mágico González

El Salvador hat jedoch wenig Glück bei der Auslosung und muss nach den Spielen gegen Ungarn, Belgien und Argentinien (mit dem 21-jährigen Diego Armando Maradona) mit null Punkten und einem Torverhältnis von 1:15 die Heimreise antreten. Doch ein dünner 24-jähriger Junge mit schwarzem langem und gelocktem Haar, der in seiner Heimat El Salvador bei Club Deportivo FAS spielt und dem sie dort den Spitznamen “El Mago” gegeben haben, sticht heraus. Er überrascht alle mit seinen unglaublichen Finten, schnellen Haken und seiner Geschwindigkeit: Es ist Mágico González. Er wird trotz der desaströsen Bilanz seines Teams in die Elf der WM gewählt. Einige europäische Klubs werden so auf ihn aufmerksam.

Unter anderem Paris Saint-Germain, mit denen bereits ein Vertrag ausgehandelt worden war und nur noch die Unterschrift fehlte. Der Führungsstab des französischen Vereins und eine Menge Fotografen erwarteten Mágico in einem Hotel in Paris zur Vertragsunterschrift. Doch der kam einfach nicht. Gerüchten zufolge, verschlief er, und hatte auch keine Lust nach Paris zu ziehen. “Was soll ich in Paris? Ich kann die Sprache nicht, die Stadt ist riesig. Wie soll ich hier leben können?” Überraschenderweise wechselte El Salvadors Nummer 11 dann in die zweite spanische Liga nach Cádiz. Cádiz steht für Fröhlichkeit, Spaß, für die Leichtigkeit des Seins. Eben genau das, wofür auch Mágico González stand.

Mágicos Verpflichtung sorgt kaum für Aufruhr

Facebook / Jorge “Mágico” González

In Cádiz nimmt man die Verpflichtung des salvadorianischen Ausnahmefußballers zwar wahr, aber mehr auch nicht. Großes Interesse oder gar Euphorie? Suchte man vergebens. Doch das sollte sich schnell ändern, denn “El Mago” sollte bald zum absoluten Publikumsliebling der Gaditanos werden. Aber der Reihe nach.

Anekdote #1

Kaum jemand erinnert sich an sein Debüt für den Cádiz CF. Es war Ende August 1982, als “el submarino amarillo” im 7.000-Einwohner-Dorf Trebujena zu einem Vorbereitungsspiel antrat. Nach dem Spiel gab es ein vom Gastgeberverein organisiertes Essen, gemeinsam saßen die beiden Teams zu Tisch. Zufälligerweise saß González mit seinem direkten Gegenspieler Rafael am Tisch, dem er zuvor reihenweise Knoten in die Beine gespielt hatte. Trainer von Cádiz war der Jugoslawe Dragoljub Milosevic. Er wollte, dass seine Spieler weder zu viel aßen noch, dass sie Alkohol tranken. Also wies er seinen Co-Trainer David Vidal an, das ganze zu überwachen. Kurz nachdem das Essen los ging, fragte Mágico, der sich bewusst war, dass Vidal ihn nicht aus den Augen ließ, seinen Tischnachbarn Rafael:

M:”Was trinkst du, amigo?”

R:”Coca-cola.”

M:”Nein, du trinkst Wein!”

R:”Hä, was? Nein, ich trinke Coca-cola, siehst du doch.”

M:”Ja, schon klar. Aber ab jetzt bestellst du Wein. Du trinkst meine Coca-cola und ich trinke deinen Wein.”

Das war Mágico González.

Anekdote #2

Mágico war endgültig auf andalusischen Boden angekommen. In der weiteren Vorbereitung beeindruckte er seine Teamkollegen auch mit seiner Physis. Sein Ex-Mitspieler Hugo Vaca erzählte: “In der Vorbereitung mussten wir immer am Strand joggen. Während wir schon kaum mehr Luft bekamen, lief er immer noch rückwärts und erzählte uns irgendwelche Geschichten. Er hatte eine wahnsinnige Physis, die es ihm erlaubte, nicht so viel wie die anderen machen zu müssen.”

Anekdote #3

Facebook / Jorge “Mágico” González

Allerdings merkten sie in Cádiz auch schnell, dass dieser exzellente Fußballer genauso gern Feiern geht wie er Fußball spielt. Somit beauftragten die Klubdirigenten seinen Teamkollegen Pepe Mejías, ihn vor jedem Training oder Spiel zu wecken. Mejías: “Ich hatte die Schlüssel seiner Wohnung. Anfangs bin ich jeden Morgen gekommen, um ihn zu wecken, damit er nicht zu spät zum Training kam. Dieser Typ lebte nachts und schlief tagsüber. Er kam zu spät zum Training, oder manchmal auch gar nicht…Aber man verzieh es ihm, weil er in den Spielen die Kohlen für uns aus dem Feuer holte. Die Fans liebten ihn und somit mussten sowohl der Verein als auch die Trainer diese Disziplinlosigkeiten durchgehen lassen. Es blieb uns ja nichts anderes übrig.”

Mejías war möglicherweise einer der Teamkollegen, die González am meisten respektierte. Öfters nach dem Training war er bei Mejías und seiner Frau zum Essen. Nach dem Aufstieg in die Primera División 1982/1983 sagte Mágico zu seinem Teamkollegen: “Pepe, ich muss dich jetzt mal zum Essen einladen. Als Dank dafür, wie gut du dich um mich kümmerst und auch um den Aufstieg zu feiern.” Eines Tages lud ihn González dann wirklich in seine Wohnung ein, wo er zwar alleine wohnte, aber in Wirklichkeit selten eine Nacht ohne weibliche Begleitung verbrachte. Mejías fragte schließlich in der Wohnung angekommen:

Mejías:”Und was werden wir essen, Jorgito?”

Mágico:”Schau mal in den Schrank, was es gibt!”

Das einzige was Mejías dort fand war eine Packung Nudelsuppe. “Wir haben dann Wasser heiß gemacht, die Nudelsuppe gemacht und sie gegessen. So war Jorge einfach. Man musste ihn mögen, auch wenn er manchmal einfach mit seinem Kopf in den Wolken war.”

Anekdote #4

Legenden gibt es viele über Mágico. Eine gibt es, die besonders magisch und mysteriös ist. Es geht um ein Spiel im Halbfinale um die „Trofeo Carranza“, ein Turnier, das jeden Sommer in Cádiz ausgetragen wird. Dort wartete der FC Barcelona auf die Heimmannschaft aus Cádiz. Mágico González kam – wie so oft – sichtbar betrunken und zu spät zum Spiel. Die erste Halbzeit verschlief er komplett in der Kabine, wo er schließlich vom Zeugwart aufgeweckt wurde. 3:0 stand es da bereits für die Katalanen. Die Legende spricht von einer atemberaubenden Vorstellung von Mágico González in der zweiten Hälfte, seine zwei Tore und zwei Torvorlagen ließen Cádiz das Spiel drehen und mit 4:3 gewinnen. Angeblich führte diese Leistung Mágicos dazu, dass ihm der FC Barcelona eine Chance gab, die Vorbereitung bei ihnen mitzumachen. Es gibt keine Videos von diesem magischen Spiel, auch sucht man das Ergebnis vergeblich in den Almanachen des spanischen Fußballs. Aber in Cádiz behaupten sie fest, dass es stattfand. Imagination oder einfach nur pure Magie?

Anekdote #5

Mágico González

Mágico und Diego Maradona

Und in Wirklichkeit machte Mágico die Vorbereitung der Katalanen im Sommer 1984 mit, als das Team mit Diego Armando Maradona auf dem Spielfeld und César Luis Menotti auf der Bank sich auf eine USA-Reise begab. Der Salvadorianer machte auch zwei Spiele vor amerikanischem Publikum für die Katalanen und zeigte sich von seiner besten Seite, schoss sogar zwei Tore. Wäre da nicht ein Feueralarm gewesen, wer weiß wie die Karriere Mágicos verlaufen wäre. Man erzählt sich, dass der Testspieler aus Cádiz sich mit einer Bekanntschaft im Zimmer des Hotels in Kalifornien vergnügte, als plötzlich der Feueralarm losging. Alle Spieler verließen ihre Zimmer, nur einer fehlte: Mágico. Auf den Vorfall angesprochen, sagte er nur: „Wenn ich etwas anfange, bringe ich es auch zu Ende.“ Menotti, der ihn eigentlich fest verpflichten wollte, überlegte es sich doch anders. Neben Diego Maradona konnte er kein weiteres „Enfant Terrible“ gebrauchen.

Das ausufernde Nachtleben wirkt sich auf Mágicos Leistung aus

Im ersten Jahr in Cádiz schoss González 15 Tore in 33 Spielen und sein Team damit zum Aufstieg. 1983/1984 waren es in der Primera División dann 14 Tore in 31 Spielen. Im dritten Jahr machte sich sein ausschweifendes Nachtleben aber immer mehr bemerkbar: Er absolvierte nur 11 Spiele und erzielte nur ein kümmerliches Tor. Daraufhin wurde er an Valladolid verkauft, wo er aber überhaupt nicht glücklich wurde. Zu viele Auflagen machte ihm der Klub, zu wenig frei fühlte sich Mágico. Somit kehrte er zur Saison 86/87 in sein geliebtes Cádiz zurück, wo sie ihn allerdings nur noch pro Spiel bezahlten. Auch musste er Strafen zahlen, wenn er nicht zum Training erschien oder zu spät zu den Spielen kam. Da ihm Geld aber nicht sonderlich wichtig war und er auch das Nachtleben nicht aufgeben wollte, bekam er am Monatsende fast immer weniger Geld als seine Teamkollegen.

Doch die Nachmittage ließen seine Nächte vergessen. In seinem zweiten Abschnitt bei Cádiz sah man wohl den besten Mágico aller Zeiten. Soweit, dass Atlanta Bergamo ihn mit einem astronomischen Gehalt nach Italien locken wollte. Doch González entschied in seinem geliebten Cádiz zu bleiben, wo er bis 1991 spielte und dann einen  unrühmlichen Abschied hatte: Er wurde zusammen mit seinem Teamkollegen Quevedo wegen versuchter Vergewaltigung von zwei Frauen angezeigt. Einer Haftstrafe entging er aufgrund der Zahlung einer hohen Entschädigung. Bis zum Jahr 2000 spielte “El Mago” González dann noch bei seinem früheren Verein Deportivo FAS, wo er schließlich im Alter von 42 Jahren seine Karriere beendete.

Traumtor #1, 1984 vs. FC Barcelona:

Traumtor #2, 1986 vs. Racing Santander:

Mágico González war ein außergewöhnlicher Fußballer mit Licht- und Schattenseiten, der in Cádiz das perfekte Ökosystem für sich fand. Dort fühlte er sich verstanden und von den Leuten geliebt, und konnte seine besten Leistungen abrufen. Er war ein Künstler. Er hätte der König des Fußballs sein können, aber er wollte nicht. Die Nostalgie schwingt bei jedem Satz mit, den man über Mágico spricht. Die Erinnerungen an einen herausragenden Fußballer bleiben, der mit mehr Disziplin nun vielleicht in einer Riege mit Maradona, Pelé und Co. genannt werden würde. Doch Jorge González zeigte auch Schwächen, war menschlich. Und genau deshalb liebten und lieben ihn die Gaditanos wohl so sehr.