Cabanas
keyworsuggest.org

Vom Strafraum in die elterliche Backstube: Das außergewöhnliche Leben des Salvador Cabanas

„Jeder hier in Paraguay kennt die Geschichte von Cabanas. Er ist einer der besten Spieler, die dieses Land jemals hervorgebracht hat.“ Das sind die Worte von Nelson Valdez, der in der Bundesliga unter anderem für Werder Bremen seine Stiefel schnürte und in Paraguays Nationalmannschaft Seite an Seite mit Cabanas auflief. Dann aber erfuhr die verheißungsvolle Karriere des paraguayischen Stürmerstars in den frühen Morgenstunden des 25. Januar 2010 in einer Bar im Süden der mexikanischen Hauptstadt Mexiko-City ein jähes und grausames Ende. Doch eines nach dem anderen.

Von Asuncion an die Westküste Südamerikas

Salvador Cabanas wurde am 5. August 1980 in Asuncion, der Hauptstadt Paraguays, geboren. Seine Kindheit und Jugend verbrachte der spätere Torschützenkönig der Copa Libertadores in Itaugua, etwa 30 km außerhalb von Asuncion, wo er bereits im Alter von 18 Jahren für die erste Mannschaft des örtlichen Vereins, Club 12 de Octubre, auflief.

„Das Stadion des Klubs war nur ein paar Minuten von unserem Haus entfernt, deswegen kam meine Familie fast zu jeder Partie, um mich spielen zu sehen“, blickt Cabanas wehmütig auf die Anfänge seiner schillernden Karriere zurück. Doch die Fußläufigkeit des Stadions sollte sowohl für ihn als auch seine Familie nur eine vorrübergehende Annehmlichkeit bleiben.

Schnell sprachen sich die Leistungen des jungen Salvador nicht nur in Paraguay, sondern in ganz Lateinamerika herum. Nach drei Jahren in Paraguays höchster Spielklasse und insgesamt 18 Toren in 46 Spielen sowohl für Club 12 de Octubre als auch für Club Guarani, die Cabanas 1999 für eine Spielzeit ausliehen, kehrte „Chava“ seiner Heimat im Jahr 2001 den Rücken. Audax Italiano, einem Verein aus der chilenischen Hauptstadt Santiago, waren die Leistungen der paraguayischen Nachwuchshoffnung nicht entgangen, sodass Cabanas mit einem lachenden, jedoch auch mit einem weinenden Auge das elterliche Haus verließ und sein Glück fernab der Heimat im Andenstaat Chile suchte.

Durchbruch in Mexiko

Audax Italiano sollte allerdings noch nicht das Ende der Fahnenstange für Cabanas sein. Nach zweieinhalb vortrefflichen Jahren mit 29 Toren in 53 Spielen verabschiedete er sich aus der Hauptstadt Chiles, es folgte der Wechsel nach Mexiko. Knapp 400.000 € ließen sich die Chiapas Jaguares die Dienste des damals 23-jährigen Angreifers kosten. Eine Investition, die satte Rendite abwerfen sollte.

Denn in Mexiko ging der Stern des Salvador Cabanas erst richtig auf. Mit 1,73 m Größe ist Cabanas vergleichsweise klein gewachsen, jedoch mit sensationellem Talent gesegnet. Ein ums andere Mal stand der Mittelstürmer bei den Zuspielen seiner Teamkameraden in den Strafraum goldrichtig. Und war der paraguayische Stürmerstar erst einmal in aussichtsreicher Position, ließ er sich meist nicht zweimal bitten.

Neben Cabanas grandioser Übersicht und dem daraus folgenden ausgezeichneten Positionspiel war vor allem die Kaltschnäuzigkeit im Abschluss die große Stärke von „Chava“. Hinzu kam, dass er es vermochte, auf artistischste Art und Weise zum Torerfolg zu kommen. Selbst zu hoch angesetzte Flanken pflückte Cabanas mit einer Selbstverständlichkeit aus der Luft, als wäre es die einfachste Sache auf der Welt. Annehmen, abtropfen lassen, Schuss, Golazo. Ganze 20 Mal konnte der junge Salvador in seiner ersten Saison 2003/04 einnetzen. Bei 38 Spielen ergibt dies eine Quote von 0,53 Toren pro Spiel. Eine alles andere als schlechte Bilanz. Nach zwei weiteren Spielzeiten und 39 zusätzlichen Toren in Mexikos Primera Division wurde der Branchenprimus, Club America, auf den mittlerweile 25-jährigen Stürmer aufmerksam und verpflichtete den Goalgetter kurzerhand für kolpotierte vier Millionen €.

„Im Azteca-Stadion zu spielen ist etwas ganz Besonderes. Das Feld ist gigantisch, man kann kaum seine eigenen Mitspieler erkennen. Wenn ich auf dem Platz stand, dachte ich oft, dass es doch eigentlich unmöglich sei, als Paraguayer, als Ausländer, einem solchem Team anzugehören“, gab Cabanas in einem Interview mit der FIFA im September dieses Jahres zu Protokoll. Noch heute, nach 115 Spielen für CF America, schwingt Ehrfurcht in der Stimme Cabanas mit, wenn er über seine Zeit beim erfolgreichsten Klub Mexikos spricht. Es sollte auch seine erfolgreichste Zeit als Spieler gewesen sein.

Torschützenkönig und Südamerikas Fußballer des Jahres

Cabanas schlug bei Club America auf Anhieb voll ein. In seiner Zeit bei den „Azulcremas“ von 2006 bis 2010 erzielte er 66 Tore in 115 wettbewerbsübergreifenden Spielen. In seiner Premierensaison, der Clausura 2006, wurde er als erster Nicht-Mexikaner Torschützenkönig für CF America mit elf Toren. Doch der Höhepunkt seiner Karriere sollte noch folgen.

Nämlich bereits ein Jahr später, 2007. In Südamerikas Pendant zur Champions League, der Copa Libertadores, schoss Cabanas alles in Grund und Boden, ganze zehn Tore gelangen ihm im bedeutendsten Wettbewerb des Kontinents. Darunter ein Hattrick gegen Sporting Cristal aus Peru, ein Doppelpack gegen Banfield aus Argentinien und ein fulminantes Distanzschusstor aus 40 Metern gegen den chilenischen Rekordmeister Colo Colo. Da kein anderer Spieler öfter als Cabanas die gegnerischen Torhüter überwinden konnte, gewann dieser den goldenen Schuh der Copa Libertadores 2007, das Ausscheiden CF Americas gegen den FC Santos im Viertelfinale konnte Cabanas trotzdem nicht verhindern.

Die großartigen Leistungen in der Copa Libertadores führten letztlich auch dazu, dass Salvador Cabanas 2007 die begehrte Auszeichnung „Südamerikas Fußballer des Jahres“ erhielt. Vor ihm wurde diese Ehre erst drei anderen Spielern aus Paraguay, nämlich Julio Romero, Jose Chilavert und Jose Cardozo, zuteil.

Von der Copa Libertadores über die elterliche Backstube in die brasilianische Provinz

Das Jahr 2010 sollte sich für Cabanas als bedeutsamstes Jahr seiner Karriere herausstellen, jedoch nicht nur in positiver Hinsicht. Sportlich befand er sich in herausragender Verfassung. War er zur Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland noch gegenüber Roque Santa Cruz und Nelson Valdez ins Hintertreffen geraten, war Cabanas im Vorlauf der WM 2010 in Südafrika maßgeblich an der Qualifikation Paraguays beteiligt. Mit seinen sechs Qualifikationstoren sorgte der Stürmer mit dem charakteristischen Stirnband, das die wallenden schwarzen Locken zurückhielt, dafür, dass Paraguay sogar vor der argentinischen Albiceleste das begehrte Ticket für die WM 2010 lösen konnte.

Angesprochen auf seine formidablen Leistungen im Trikot der Guaranis entgegnete Cabanas nur schüchtern: „Das gesamte Team war außerordentlich stark, vermutlich eines der besten in der Geschichte des Landes. Wir haben alle überragend gespielt, nicht nur ich.“

Doch trat Cabanas die Reise nach Südafrika leider niemals an. Im Januar des WM-Jahres kam es zu einem folgenschweren nächtlichen Zwischenfall. In einer Bar der mexikanischen Metropole Mexiko-City traf Cabanas auf den in der Stadt berüchtigten Drogenkriminellen Jose Jorge Balderas, genannt „J.J.“

„Cabanas, du spielst scheiße, du beklaust uns Mexikaner, heute ist dein letzter Tag!“ waren die Worte des Angreifers, ehe er seine Handfeuerwaffe in Richtung Cabanas entlud. Nur wenige Momente später sackt der zum damaligen Zeitpunkt 29-jährige Stürmer durch einen Kopfschuss niedergestreckt zu Boden. Wie durch ein Wunder überlebt er den Hinterhalt. Doch kann die Kugel nicht aus seinem Schädel entfernt werden. Schlimmer noch, das Projektil drückt auf Cabanas Sehnerv, sodass dieser auf dem linken Auge die Hälfte seiner Sehkraft einbüßt.

„Die Tragödie passierte, als ich für Dortmund spielte. Mein Vater rief mich um fünf Uhr morgens an, und ich wusste sofort, dass es keine guten Neuigkeiten sein würden. Als er mir sagte, dass Cabanas einen Kopfschuss erlitten hatte, dachte ich im ersten Moment, er müsse tot sein. Doch dann sagte mein Vater, dass er sich im Koma befinde, also haben ich und meine Familie für Salvador gebetet, dass er nicht sterben möge“, schilderte Nelson Valdez sichtlich bewegt in einem Interview mit der FIFA, wie er die Schreckensnacht erlebte.

Und seine Gebete sollten erhört werden. Cabanas überlebt. Und auch die Karriere als Fußballer will er nicht so einfach aufgeben. Er kämpft sich durch die Reha und gibt am 11. August 2011 für seinen alten Klub CF América sein Comeback in einem Benefizspiel gegen die Nationalelf Paraguays. Für beide Mannschaften spielt er je neun Minuten, von längeren Einsätzen raten ihm die Ärzte ab.

Doch Cabanas gibt seinen Traum vom Profi-Fußball nicht auf. Er kehrt dorthin zurück, wo einst alles begann. In das kleine Städtchen Itaugua, zu Club 12 de Octubre. Er läuft als Kapitän für seinen Jugendklub in der dritten Liga Paraguays auf und schafft den Aufstieg, seine Verletzung verhindert jedoch eine Rückkehr auf das höchste Spielniveau und auch eine langfristige Weiterbeschäftigung. In der Apertura 2014 gehört Cabanas aufgrund seines schlechten Fitnesszustands nicht mehr zum Aufgebot von Club 12 de Octubre.

Finanziell sieht es ebenso alles andere als rosig aus. Seine Ex-Frau und sein ehemaliger Berater hatten sich mit dem gesamten Vermögen Cabanas aus dem Staub gemacht, während er im Koma lag und um sein Überleben kämpfte. Nun ist er auf die Mitarbeit in der elterlichen Bäckerei angewiesen. Statt voller Stadien und der schimmernden Bühne des Profifußballs heißt es für Cabanas nun Brötchen ausfahren vor Sonnenaufgang. An Tragik kaum zu überbieten.

Als ein paraguayischer TV-Sender dem Werdegang der einstigen Sturmhoffnung eine Reportage widmet, gehört auch der Brasilianer Irineu Alves zum Publikum. Ihm gehört der brasilianische Drittligaklub Tanabi Esporte Clube aus dem weiteren Umland der Millionenstadt Sao Paulo.

Er handelt im Mai 2014 mit Cabanas einen Vertrag für zunächst drei Spiele aus, bereits am Ende des Monats gibt dieser sein Karriereende bekannt.

Eine Legende sagt Adios

Im September 2017 kehrt Cabanas im Alter von 37 Jahren noch einmal auf den Fußballplatz zurück. In einem Benefizspiel für die Opfer des schweren Erdbebens in Mexiko-City läuft er für die Legendenauswahl der Chiapas Jaguares auf, Gegner ist eine Jahrhundertelf Mexikos. Nun soll allerdings Schluss mit dem Fußball sein. „Ich möchte jetzt ein für alle Mal mit dem aktiven Fußball aufhören. In meinen Profi-Jahren habe ich meine Familie nur an Weihnachten oder Neujahr gesehen, jetzt möchte ich ihnen mehr Zeit widmen“, verkündet er nach Abpfiff der Partie.

„Ich bin glücklich und zufrieden, nur wenige Menschen überleben so einen gefährlichen Angriff. Ich möchte mein Wissen nun an die nächste Generation weitergeben. Deswegen arbeite ich in einer Fußballakademie in einer kleinen Stadt nicht weit von hier, um das, was ich in all den Jahren gelernt habe, anderen beizubringen.“

Cabanas lebt heute fernab seiner ehemaligen Wahlheimat Mexiko wieder im kleinen Städtchen Itaugua, von wo aus einst seine Karriere ihren Lauf nehmen sollte. Dort hat er seinen Frieden gefunden, sowohl mit sich als auch dem tragischen Ende seiner Fußballkarriere. Viele würden in einer solchen Situation mit Depressionen kämpfen, wütend ob der Ungerechtigkeit werden, den Schützen verfluchen. Doch wer wie Cabanas dem Tod von der Schippe gesprungen ist, sieht Vieles aus einem anderen Blickwinkel. Die kleinen Dinge im Leben gewinnen wieder an Wert, denn von einem Augenblick auf den anderen kann auf einmal alles vorbei sein. In Anbetracht dessen erscheint auch Brötchen ausliefern um 4 Uhr morgens als gar nicht mal so übel.