Andrade

Der Ruhm und sein Preis: José Leandro Andrade

Als in Europa dunkelhäutige Menschen noch so gut wie unbekannt waren, kommandierte der schwarze uruguayische Mittelfeldspieler José Leandro Andrade die beste Mannschaft der Welt. Er tanzte in der Pariser Bohème und starb als bettelarmer Alkoholiker in Montevideo.

Wir schreiben das Jahr 1924, die Zwischenkriegsjahre. Es sind in Europa die Roaring Twenties, Jahre überschäumender Lebensfreude für die, die es sich leisten können. Die europäische Oberschicht gibt sich nur zu gern Exzessen hin und ist immer auf der Suche nach dem neuen Kick. Die Hauptstadt der Bohème ist, wie könnte es anders sein, Paris. Nur das Ausgefallenste ist den Leuten hier aufregend genug: Exotisches Essen, exotische Menschen, exotische Riten, exotische Tänze. Die Tänzerin Josephine Baker sollte hier ein Jahr später zum Star und Liebling der Bohemiens werden. Mit ihrer Eleganz zog sie massenweise Verehrer an, doch mindestens ebenso schätzte man an ihr, der schwarzen Künstlerin, das Verführerische ihrer Exotik.

In diese Welt kommt José Leandro Andrade, 23 Jahre alt, der dunkelhäutige Sohn eines Sklaven aus dem verschlafenen uruguayischen Hinterland. Andrade ist ein Lebenskünstler, der sein Geld in der Jugend als Musiker in Karnevalsschulen, als Schuhputzer und, die Legende besagt es, als Gigolo verdient hat. Der Anlass seiner Reise: Die uruguayische Fußballnationalmannschaft tritt bei den olympischen Sommerspielen an. Der junge Andrade ist einer ihrer Anführer. 1923 hatte er mit der Celeste die Südamerikameisterschaft gewonnen, doch in Zeiten ohne Fernseher, ja sogar: ohne Weltmeisterschaft sagt das den Europäern nichts. Die Jugoslawen, Uruguays erster Gegner, schickten einen Spion zum Training. Der kam mit der Kunde wieder, man brauche sich keine Sorgen zu machen: Diese uruguayische Mannschaft würden sie locker besiegen.

Doch die Urus, die den Spitzel bemerkt hatten, hatten absichtlich schlecht trainiert. Die überraschten Jugoslawen wurden mit 7:0 überrollt. Es folgten ein 3:0 über die USA, ein 5:1-Schützenfest über Gastgeber Frankreich, ein 2:1 über die Niederlage und im Finale ein 3:0 gegen die Schweiz, ein Spaziergang zu Gold. Es war der erste große überregionale Fußballwettbewerb überhaupt, die FIFA erkennt die olympischen Turniere von 1924 und 1928 als gleichwertig zu den späteren Weltmeisterschaften an. Uruguay war die mit gewaltigem Abstand beste Mannschaft der Welt, und das Team hörte auf das Kommando von José Leandro Andrade. Er spielte als rechter Läufer und war mit seiner überragenden Technik und Physis einer der herausragenden Spieler des Turniers.

Liebhaber und Zirkusnummer: Andrade und die Bohème

Doch auch wer nicht viel von Fußball verstand, der sah das Besondere in Andrade: Ein großgewachsener, kräftiger Mann mit aufrechter Statur und pechschwarzer Haut, die Haare stets gewachst und gekämmt, die Bewegungen elegant – ein Mann wie ein Filmstar, mit gerade 23.  La Maravilla Negra – das schwarze Wunder – riefen sie ihn zu Hause in Uruguay. Dazu war er Fußballer und stammte aus einem weit entfernten Land, von dem die meisten Franzosen noch nie in ihrem Leben gehört hatten. Viel exotischer als Andrade konnte man in einer Zeit, in der die meisten Europäer noch nicht einmal einen Schwarzen gesehen hatten, nicht sein. Er war der einzige dunkelhäutige Spieler im ganzen Turnier.

Die Pariser Bohème in ihrer ewigen Sehnsucht nach dem Unbekannten erkannte, dass dieser Mann eine interessante Unterhaltung sein könnte. Irgendjemand lud Andrade zu einer der Feiern ein, und er wollte nie wieder gehen. Er, José Leandro Andrade, der weit vor Einführung des Vollprofitums sich im ziemlich provinziellen Montevideo so durchschlagen musste, war ein Star, als man das Wort für Fußballer kaum verwendet hätte, und er genoss das Rampenlicht und all die schönen Frauen. Andrade verschwand regelmäßig aus dem Teamhotel, und viel lieber als zu trainieren trieb sich der hochmusikalische Uruguayer in den Bars und Cafés um Montmartre herum. Die Wertschätzung war gegenseitig, aber doch immer davon geprägt, dass Andrade für die Pariser Bohème eher ein exotisches Spielzeug war als alles andere. So urteilte die Journalistin Colette einmal, der Uruguayer sei „eine seltsame Kombination aus Barbarie und Zivilisation – besser als der beste Gigolo“. Andrade war umschwärmter Liebhaber und Zirkusnummer in einem, trat als Sänger, Variétékünstler und Tänzer auf. Sein Mitspieler Angel Romano berichtete einmal davon, wie er den mit einem Kimono bekleideten Andrade aus einer Pariser Nobelvilla abholte, mehrere leichtbekleidete Mädchen im Schlepptau. Doch Andrade war vor allem ein großartiger Fußballer und gut genug, um trotz seiner Eskapaden in der uruguayischen Startelf zu bleiben und am Ende den verdienten Titel zu holen.

Titel und ein trauriges Ende

Der rauschhafte Sommer 1924 ging vorbei und Andrade kehrte in sein Heimatland zurück, doch ein Jahr später ging er mit seinem Verein Club Nacional wieder auf Europatournee. Wieder war Andrade der herausragende Mann seiner Mannschaft, auf und neben dem Feld, doch noch während der Tournee diagnostizierte ihm ein Arzt Syphilis. Er hatte sich im ausschweifenden Nachtleben von Paris angesteckt. Andrade verkraftete die Hiobsbotschaft nicht gut und tauchte erst einmal in Europa unter, während seine Teamkameraden die Tournee zu Ende spielten und heimreisten. Erst nach zwei Monaten tauchte er wieder in Uruguay auf. Dennoch blieb Andrade ein herausragender Sportler und wurde in der Nationalmannschaft eher noch wichtiger. 1926 gewann er erneut die Südamerikameisterschaft, 1928 in Amsterdam die Olympischen Spiele und 1930 in seinem Heimatland Uruguay die erste Weltmeisterschaft überhaupt. Andrade, der körperlich schon abgebaut hatte, wurde in die beste Elf des Turniers gewählt. Er war der Fixpunkt der Nationalmannschaft, die den Weltfußball dominierte wie vor ihr wohl keine und nach ihr wohl höchstens die spanische Mannschaft zwischen 2008 und 2012. Zudem spielte er für die beiden größten Klubs Uruguays, Peñarol und Nacional, ehe er zum Karriereausklang nach Argentinien wechselte.

Doch trotz aller Erfolge kannte das Schicksal keine Gnade mit Andrade. Im Halbfinale von Olympia 1928 kollidierte er mit dem Torpfosten und zog sich eine schwere Augenverletzung zu, die Sehkraft nahm rapide ab. Später sollte er auf dem Auge erblinden. Körperlich beeinträchtigt, musste er später seine Karriere beenden, doch als man ihm den Fußball nahm, war es um Andrade geschehen. Von Syphilis gezeichnet und auf dem rechten Auge erblindend, als besserer Hobbyfußballer ohne einen Cent Erspartes, wurde Andrade, der einer der besten Fußballer seiner Zeit gewesen war und das Pariser Nachtleben für sich eroberte hatte –  ein Star, fast 100 Jahre vor Neymar -, zu einem Niemand, der unbemerkt und traurig in den Armenvierteln Montevideos vor sich hin trank. Der deutsche Journalist Fritz Hack, der 1956 auf seine Geschichte aufmerksam wurde, musste fast eine Woche lang in der uruguayischen Hauptstadt nach Andrade suchen, so vergessen war José Leandro Andrade, der Weltmeister und zweifache Olympiasieger. Er fand ihn sturzbetrunken und nicht ansprechbar in einem Keller. Kein Jahr später, mit 56 Jahren, starb der Mann, den sie das schwarze Wunder nannten.