Zum Tod von René Houseman: Der Mann, der fliegen konnte

Für viele Argentinier war René Houseman so wichtig wie Diego Maradona. Der rechte Flügelläufer galt als einer der begnadetsten Dribbler der Welt und als Mann des Volkes. Am Donnerstag verstarb El Loco Houseman im Alter von 64 Jahren.

Wo ist Houseman? In der argentinischen Nationalmannschaft der Siebziger Jahre war das eine wichtige Frage, und als Houseman im Teamhotel einmal partout nicht aufzufinden war, wurde der Trainer César Luis Menotti unruhig. „Für uns war das, als würde Messi fehlen“, sagte Menotti. Doch anders als der stets fokussierte Barcelona-Profi war Houseman ein Verrückter, ein Improvisator, ein Held des Lebens und doch vom Hauch des Scheiterns umweht. Weil ihm der Alkohol zu sehr schmeckte und das Leben zu gut gefiel, brauchte René Orlando Houseman selbst zu seinen besten Zeiten immer Geld. Und womit sollte man Geld verdienen, wenn man ein wahnwitziger Dribbelkünstler war und in Las Villas, den Armutsvierteln von Buenos Aires, viele Freunde hatte? Man ließ sich für Geld anheuern, Matches im Viertel zu spielen. Und Houseman ließ dafür auch mal ein Training der Nationalmannschaft sausen. Weil er so wichtig war, suchte ihn Menotti und fand ihn beim Kick auf einem Bolzplatz von La Villa – auf der Bank. „René, was machst du da?“ „Wie, was ich hier mache? Schau dir den Rechtsaußen an, der ist ein Phänomen“. Es ist eine Anekdote, die viel über René Houseman aussagt: Ein Hang zum Wahnsinn, seine Geldprobleme, seine Verwurzelung im Viertel, aber auch die Wichtigkeit, die er dank seiner Klasse für die argentinische Nationalmannschaft, mit der er 1978 Weltmeister werden sollte, hatte.

In jenen Jahren, die die glücklichsten in der Karriere des René Houseman waren, lief El Loco hauptberuflich für Huracán auf. El Globo, der Ballon, nennen die Fans den legendären Klub aus Parque Patricios, und tatsächlich lernte der Verein in jenen Jahren das Fliegen. Unter César Luis Menotti spielte Huracán oft rauschhaften Fußball, stellte die beste Offensive der Liga und gewann das Campeonato Metropolitano 1973. Und es war der rechte Flügelstürmer, el wing derecho, der für die Höhenflüge von El Globo verantwortlich war: René Houseman. Und auch Houseman selbst schien nicht wie Normalsterbliche mit dem Boden verhaftet: So schnell wie El Loco die Linie auf und ab wetzte, konnten ihn seine kurzen Beine eigentlich gar nicht tragen, und seine blitzschnellen Richtungswechsel konnte niemand mitgehen. 109 Tore erzielte René Houseman in neun Jahren für die Quemeros. Doch viel wichtiger als Statistiken sind bei Huracán, dem die tragische Niederlage immer näher stand als der heroische Sieg, die Erinnerungen. Und es gab keinen Spieler in jenen Jahren, der mehr Erinnerungen produzierte als René Houseman: Er war einer dieser Spieler, von deren Finten und Anekdoten sich Generationen an Fans erzählen, an die Zeitgenossen mit glänzenden Augen zurückdenken und deren Namen auch die pickligen Teenager aus der Kurve kennen, aus den immer schwärmerischer werdenden Erzählungen der Alten. Sogar Künstler inspirierte Houseman (ihm ist das Lied „Sobre la Hora“ von Ariel Prat gewidmet). Dieser Außenstürmer, keine 1,65 Meter groß, mit den immer herunterhängenden Stutzen und dem wehenden Haar war ein Romantiker des Spiels, ein Kind im besten Sinne, voller Freude am Überraschenden, mit unglaublichem Spielwitz und brillanter Technik. Es gibt ein berühmtes Tor, wo Houseman drei Mal den Kasten vor Augen hat, drei Mal verzögert, dann scheinbar abdreht – und den Ball aus der Drehung über den sich streckenden Verteidiger in den Winkel chippt, eine flüssige und vollkommen unvorhersehbare Bewegung. Ein anderes Tor, das zu Housemans Berühmtheit beitrug, erzielte er 1977: Bis weit in den Morgen hinein hatte El Hombre Casa zu Hause gefeiert, setzte vor dem Teamhotel sein Auto gegen einen Pfeiler, kreuzte noch betrunken bei seinen Mitspielern auf – und wollte dennoch spielen. Team und Trainer ließen sich darauf ein, und der Torschütze zum 1:0 gegen River Plate hieß: René Houseman.

Wie großartig Houseman seinen Zeitgenossen und insbesondere den Fans von Huracán erschien, unterstreicht ein Zitat von Carlos Babington, einst Teamkollege von Houseman und eine Institution bei El Globo. Vom Journalisten Cherquis Bialo befragt, wer denn nun der beste argentinischen Fußballer aller Zeiten gewesen sei, antwortete Babington: „Der beste Spieler in der Geschichte des argentinischen Fußballs ist René Houseman“. Die andere Seite der Medaille steuerte der Trainer Alfio Coco Basile bei, der Babington erwiderte: „Du musst die ganze Karriere betrachten, du kannst Houseman nicht mit Diego vergleichen oder mit Messi. Das Licht von René Houseman war wie ein Streichholz: Es flammte kurz auf, und weg war es“. Für die unbestreitbare Klasse, die „der beste Rechtsaußen der Geschichte“ (Mitspieler Daniel Valencia) hatte, wirkt seine Karriere tatsächlich trotz des Weltmeistertitels von 1978 unvollendet. Daran hatte Houseman selbst großen Anteil: Der Alkohol wurde immer wichtiger, der Körper immer kaputter, dazu plagten ihn Geldsorgen, mit Huracán stritt er sich um Prämien. Und so endete Housemans Karriere mit einer Tingelei durch die Weltgeschichte: Bei Colo-Colo, AmaZulu, Independiente blieb er stets nur kurz und war ein Schatten des alten Loco, ehe er im Alter von nur 32 Jahren zu den Excursionistas wechselte. Es war die Erfüllung eines Traums, sein Leben lang war Houseman fanatischer Anhänger des für den Rest der Menschheit quasi bedeutungslosen unterklassigen Vereins gewesen. Doch es war zu spät, der Körper machte nicht mehr mit: Nach nur einem Einsatz musste er die Schuhe an den Nagel hängen.

Auch nach seinem Karriereende fand Houseman nicht mehr zu sich selbst: Mehrmals musste er auf Entzug, sein Körper war gezeichnet vom Alkohol und den Tritten der Gegenspieler, Geld hatte er nie. Doch Houseman hatte vielleicht viele Probleme, aber er hatte auch eine Heimat: Bajo Belgrano, das Unterschichtsviertel, in dem sich Houseman immer wohler fühlte als irgendwo sonst. Sein Solidaritätsgedanke war so stark, dass er seinen ersten Lohn bei Huracán mit seinen Freunden aus der Villa brüderlich teilte, und den Bolzplatz von La Villa gab er sowieso nicht auf, solange der Körper einigermaßen mitspielte. Für Houseman war diese Verankerung sehr wichtig, und wenn er mal wieder Hilfe brauchte, konnte er oft auch auf die Unterstützung von Huracán und den Excursionistas zählen – schließlich war Houseman nicht nur der beste Fußballer der Geschichte beider Vereine, sondern auch einer der beliebtesten Menschen. Am Donnerstag erschütterte eine traurige Nachricht den argentinischen Fußball: René Houseman verstarb im Alter von 64 Jahren an den Folgen von Lungenkrebs. Hunderte Fans begleiteten am Freitag die Trauerzeremonie von Huracáns Stadion über den Sitz der Excursionistas bis zum Friedhof Chacarita, wo René Houseman seine letzte Ruhe finden soll. Seine Legende wird ihn überleben.