“El Trinche“
Cuori Rossoblu

Tomás “El Trinche“ Carlovich – Der Maradona rosarino

Es gibt vermutlich keinen anderen Spieler, von dem so viele Argentinier so ehrfurchtsvoll berichten, und von dem nur eine Filmaufnahme existiert, wie Tomás “El Trinche“ Carlovich. Ein Porträt über einen Mann der keine große Karriere hinlegte, aber trotzdem zur Legende wurde. Ein Mann „der lieber nur Fußball spielte als Profi zu sein“.

Tomás kam am 20. April 1949 als jüngstes von sieben Kindern einer jugoslawischen Einwandererfamilie in Rosario zur Welt. Von Kindesbeinen an spielte er barfuß, mit einem selbst aus Lumpen zusammengenähten Ball, auf dem Bolzplatz seines Viertels. Der “Potrero” (Bolzplatz) der bekanntermaßen die Fußballer hervorbringt an die sich die Welt einmal erinnert, formte auch den jungen Tomás. Zu dieser Zeit bekam er seinen Spitznamen “El Trinche“ (Die Gabel) verpasst, dessen Herkunft und Bedeutung wie so vieles bei ihm aber unbekannt sind.

So wenig über seine fußballerische Karriere bekannt ist, umso weniger ist über seine Kindheit und Jugend bekannt. Sicher ist jedoch, dass er sehr an seinem Viertel, Belgrano, hing, und nie große Lust verspürte seine Heimat zu verlassen. Sein großes Talent blieb in der fußballverrückten Stadt jedoch nicht lange unentdeckt, und Tomás spielte schon in jungen Jahren in den Jugendmannschaften von Rosario Central. Mit 20 Jahren debütierte er schließlich in der ersten Mannschaft.

Zu dieser Zeit war Miguel Ignomiriello der Trainer von Central, der später als Co-Trainer von Osvaldo Zubeldía bei Estudiantes de la Plata und als Trainer der Selección Fantasma berühmt wurde. Er war ein Coach der sehr viel Wert auf Disziplin und Fitness legte. Daher war es keine große Überraschung, dass es nicht lange gut gehen konnte, mit dem jungen Mann, für den Fußball nur Freude und keine Verpflichtung darstellte. Für Carlovich war deshalb schon nach zwei Spielen Schluss bei den Canallas, welche die einzigen beiden Erstligaspiele seiner Karriere bleiben sollten, danach sollte er nur noch in der 2. und 3. Liga auflaufen. Im Nachhinein sagte man, dass “El Trinche“ zur falschen Zeit geboren wurde, da in dieser Epoche des Fußballs das Physische das Wichtigste war. Laut Jorge Valdano, war er dagegen „das Symbol dieses romantischen Fußballs, der schon nicht mehr existiert“.

“El Trinche“ kam im Anschluss bei Córdoba Central unter, dem dritten Verein in Rosario, wo er sofort zum Liebling der Fans avancierte. Die Liebe beruhte auf Gegenseitigkeit, Córdoba Central wurde auch für ihn zu seinem Herzensclub. Für Central aufzulaufen, war das Größte für ihn, es war sein „persönliches Real Madrid“, mit dem er zwei Zweitliga-Titel holte. Aus dem Stadtteil Tablada begann sich seine fußballerische Extraklasse zu verbreiten. Er verzauberte die Fans so sehr, dass man auf der Straße nicht mehr sagte „heute spielt Central“, sondern „heute spielt El Trinche“, und die Fans von Newell’s und Rosario Central gingen gemeinsam zu den Charrúas ins Stadion um ihn zu sehen. Sogar Marcelo „el loco“ Bielsa ging fast vier Jahre ununterbrochen jeden Samstag ins Estadio Gabino Sosa um ihm zuzuschauen.

Die Spielweise des Trinche

Der Mythos des „Trinche“ entstand in erster Linie durch seine einzigartige Spielweise, in der er zahlreiche Attribute und Stile vereinigte. Angefangen von dem oben erwähnten „romantischen Spielstil“, verkörperte er noch den „Estilo rosarino“, der als etwas langsamer und technisch anspruchsvoller gilt. Hinzu gesellten sich Frechheit, Dreistigkeit und ein magischer linker Fuß, mit dem er perfekte Pässe schlug. Der schnellste war er laut seinen Mitspielern nicht, doch er wusste schon bevor er angespielt wurde, wohin er passen würde. Zudem hatte er eine unglaubliche Ruhe am Ball, und verlor ihn so gut wie nie, weshalb ihn ein Mitspieler mit Gott verglich, „denn sobald man ihm den Ball zuspielte war man gerettet“. José Pékerman beschrieb ihn „als eine Mischung aus Fernando Redondo – sogar noch eine Spur eleganter – und Román Riquelme“.

Die Spezialität von Carlovich war der „caño de ida y vuelta“, der Trick bedeutet den Gegner zu tunneln, warten bis dieser sich gedreht hat, und diesen gleich noch einmal zu tunneln. Angeblich begann er einmal damit, nachdem ihn ein Fan auf der Tribüne dazu gebeten hatte, und bei Central Córdoba soll eine Prämie für jeden caño gezahlt worden sein. Viele Persönlichkeiten des argentinischen Fußballs sowie seine ehemaligen Mitspieler sind sich einig, dass Carlovich alle Voraussetzungen mitbrachte um ein Weltstar zu werden.

El Trinche auf dem Platz

Das seine Fähigkeiten über aller Zweifel erhaben sind bewies “El Trinche“ bei einem Spiel der argentinischen Nationalmannschaft gegen eine Stadtauswahl aus Rosario. Die Stadtauswahl bestand aus jeweils fünf Spielern von Central und Newell’s, sowie dem „eingeladenen Künstler“ Carlovich, dem einzigen Spieler der in der 2. Liga spielte. Das Spiel endete mit 3:1 für die Rosario-Auswahl, und Carlovich war in aller Munde. An jenem Abend gelang ihm alles, und er zeigte es allen Zweiflern, dass er nur nicht in der 1. Liga spielte, weil er es nicht wollte. Zur Halbzeit stand es bereits 3:0 für die Heimelf und der Nationaltrainer Vladislao Cap soll gefragt haben, wer dieser Spieler denn sei, und gebeten haben ihn zur Halbzeit auszuwechseln, da er mit Carlovich auf dem Feld eine höhere Blamage befürchtete. Schließlich verließ “El Trinche“ in der 65. Minute unter den Ovationen der Zuschauer das Feld. Einer seiner Gegenspieler, Aldo Poy, erzählte Jahre später, dass nachdem der Trinche in der Kabine verschwunden war, auch viele Zuschauer das Stadion verließen. Angeblich war es das einzige Spiel in der Geschichte bei dem sich Fans von Newell’s und Central umarmten. Nach dem Spiel wäre er fast zu Cosmos New York oder nach Frankreich gewechselt, doch beide Wechsel zerschlugen sich.

Während seiner Zeit bei Independiente Rivadavia (Mendoza) spielte er mit einer Stadtauswahl gegen den AC Mailand. Das Spiel gewannen die Argentinier mit 4:1 und auch in diesem Spiel war Carlovich der überragende Mann auf dem Platz. Er schoss zwar kein Tor, „aber vergnügte sich ein bisschen“, sodass die Italiener angeblich so gereizt waren, dass sie ihn verletzen wollten. In einem Spielbericht stand geschrieben, dass es Carlovich war, „der das Spielfeld mit Fußball füllte“.

El Trinche neben dem Platz

Doch auch das ganze Talent verhalf ihm nicht zur großen Karriere, da er die Professionalität vermissen ließ, denn Fußball war für ihn Freude und keine Verpflichtung. Demnach genoss das Training für ihn keine Priorität, sodass er oft lustlos wirkte, oder einfach gar nicht auftauchte. Anstalten sich irgendwie anzupassen machte Carlovich auch keine, und alle die ihn kennen sagen, dass er viel mehr aus sich machen hätte können, wenn er sich mehr angestrengt hätte. Der Vergleich mit Mágico González liegt nahe, da beide Spieler mit herausragenden Fähigkeiten gesegnet waren, den Fußball aber nicht zu 100% als Beruf sehen konnten oder wollten. Auf der anderen Seite aber liebten ihn die Menschen auch für genau diesen anti-systemischen Charakter und diese (Nicht-)Einstellung. Zu seiner Zeit bei Independiente Rivadavia gaben ihm die Fans den Spitznamen “el Gitano“ (Der Zigeuner), weil er angeblich auf dem Boden schlief und sich in Bächen badete, wobei sie diesen nach einer Galavorstellung und einem 5:1 Sieg in einem Lokalderby in „Rey“ (König) umänderten.

Weshalb der Mythos immer weiterwuchs, liegt vor allem daran, dass von “El Trinche“ nur eine einzige Videoaufnahme existiert die ihn in Aktion zeigt, da die 2. Liga damals nicht gefilmt wurde. Selbst Zeitungsartikel von ihm sind rar, und auch im Archiv von El Gráfico haben sie nur eine Mappe über ihn, jedoch sind es genug Berichte um zweifelsfrei zu beweisen, dass er wirklich existierte. Man weiß weitaus mehr über ihn durch Erzählungen als durch Bilder, und aus diesem Grund wurde die Legende immer weitergesponnen, da bekanntlich bei mündlichen Überlieferungen gerne Kleinigkeiten hinzugefügt werden. An einigen Anekdoten sei etwas dran an einigen nicht sagt Carlovich. Die Geschichte, dass er einmal lieber Angeln gegangen sei, anstatt einer Einladung zur Nationalmannschaft von Menotti zu folgen, hat er selbst verneint. Aber was er stattdessen gemacht hatte verriet er auch nicht. Dagegen gibt er zu, dass er sich manchmal während dem Spiel einfach auf den Ball setzte, doch nicht um zu provozieren, sondern weil er ein bisschen müde war.

Während seiner Zeit in Mendoza, wo er bei Independiente Rivadavia, Colón de Santa Fe und Deportivo Maipú spielte, lief es sportlich ebenfalls gut für ihn, doch er zeigte dort dieselben unprofessionellen Verhaltensweisen. Zudem war die Liebe zu seiner Heimatstadt immer größer. In einem Spiel soll er sich absichtlich in der 1. Halbzeit eine rote Karte abgeholt haben, schnell geduscht haben und zum Busbahnhof gerannt sein, um noch den letzten Bus nach Rosario zu bekommen. Außerdem soll er vor einer Vertragsunterschrift ein Auto als Prämie gefordert haben, das er vom Verein schließlich auch bekam. Mit dem Auto soll er dann nach Rosario gefahren sein und nie mehr zurückgekommen sein, Carlovich bestreitet dies aber und sagt er hätte es selber bezahlt.

Konsequenzen des Mythos

Aus dem Mangel an Fernsehbildern und den sagenhaften Erzählungen die ihm vorauseilten, waren die Fans bei Auswärtsspielen immer besonders auf “El Trinche“ gespannt, um zu sehen ob an den Geschichten etwas dran war. In einem Spiel für Córdoba Central sah Carlovich nach einem Zusammenstoß mit einem Gegenspieler früh die rote Karte. Doch die Heimfans, die hauptsächlich ins Stadion gekommen waren, um Carlovich zu sehen, zwangen den Schiedsrichter dazu die Entscheidung zurückzunehmen, sodass er das Spiel zu Ende spielen konnte.

http://www.1000cuorirossoblu.it

Er wurde im Nachhinein bekannt als der Maradona aus Rosario, und sogar Diego selbst war sich der Bedeutung des “Trinche“ bewusst. Als er 1993 bei Newell’s vorgestellt wurde und ein Journalist ihm erzählte wie stolz man doch sei, den besten Fußballspieler aller Zeiten empfangen zu dürfen, antwortete Maradona, „der beste der Welt hat bereits in Rosario gespielt, und es war ein Mann mit dem Namen Carlovich“.

“El Trinche“ beendete seine Karriere 1986 und wohnt heute immer noch in seinem Viertel in Rosario, wo er immer wieder Besuch von Journalisten bekommt, die wissen wollen welche Anekdoten wahr sind und welche nicht. Sicher ist, solch eine Persönlichkeit wird es im Fußball nicht mehr geben, und auch dieser Artikel lässt den Mythos wachsen, in der Hoffnung nur über die echten Anekdoten geschrieben zu haben.

Dokumentation auf Spanisch über “El Trinche“: