Newell's
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¡Newell’s, carajo! – Das “Ñubel” von Marcelo Bielsa 1990-1992

Ganze drei Jahre war Marcelo “El Loco“ Bielsa Trainer von den Newell’s Old Boys, doch diese Zeit reichte ihm, um unsterblich zu werden. Auch wenn ihm der Titel in der Copa Libertadores versagt blieb, trug sich die heutige Trainerlegende mit den Leprosos in die Annalen des argentinischen Fußballs ein.

Es ist schwer über dieses Newell’s zu sprechen ohne nicht ausschließlich über El Loco“ (der Verrückte) Bielsa zu sprechen, jedoch waren wohl wenige Meisterschaften so eng mit dem Namen eines Trainers verbunden wie diese. Doch weshalb wurde das Stadion des Vereins später auf seinen Namen umbenannt, und nicht auf den von José Piojo“ Yudica, der mit Newell’s ebenfalls Meister wurde und im Finale der Copa Libertadores stand? Was war die Geschichte hinter dieser Mannschaft?

El esfuerzo no se negocia – Der Einsatz ist nicht verhandelbar

Der junge Marcelo Bielsa übernahm im Alter von 33 Jahren, noch bevor er seinen Spitznamen verpasst bekam, die erste Mannschaft der Newell’s Old Boys im Juli 1990. Vorausgegangen war eine stark durchwachsene Saison von Erfolgstrainer Yudica. Zu diesem Zeitpunkt hatte Bielsa sich bereits erste Sporen als Jugendtrainer des Vereins verdient, weshalb der Jugendleiter von Newell’s, und sein erster Mentor , Jorge Griffa, ihn gegenüber großen Vorbehalten als neuen Trainer durchsetzte. Vor allem da Bielsa als Spieler keine große Karriere hingelegt hatte, war wurde er von dem Großteil der Fans argwöhnisch angesehen, bzw. war ihnen gar kein Begriff. Jorge Griffa war es auch der Bielsa überzeugte, auf die Talente Fernando El Negro“ Gamboa (20) und Mauricio El Poche“ Pochettino (18) in der Innenverteidigung zu vertrauen.

Griffa hatte Bielsa schon als Spieler kennengelernt und seine Anfangsjahre als Trainer begleitet. Er beschrieb ihn als belesenen Mann mit gutem Charakter, der gut erzogen war, und der eine eiserne Sturheit besaß um seine Ziele zu erreichen; zudem als schüchtern und eloquent. Auch sah er in ihm einen Mann der sehr akribisch auf dem Trainingsplatz arbeitete, der Lösungen suchte und fand, dessen großes Temperament aber noch ab und an gezügelt werden musste.

„Man kann schlecht, normal oder gut spielen, aber den Einsatz kann man nicht trainieren, er kommt von einem selbst, und er ist nicht verhandelbar.“ (Bielsa)

Viele werden zustimmen, wenn man sagt, dass Bielsa seiner Zeit voraus war. Er ließ damals bereits ein totales Pressing spielen, in dem die drei Stürmer schon in der gegnerischen Hälfte dessen Spielaufbau störten. Auswärts ließ er spielen wie zuhause, und er wollte so viel Ballbesitz wie möglich haben. Trotz seines jungen Alters und seiner Unerfahrenheit behandelte er alle Spieler gleich, und forderte von allen dasselbe ein.

Newell’s – Die Mannschaft

Die Mannschaft war eine Mischung aus Spielern die frisch aus der eigenen Jugend hochkamen, wie u.a. Pochettino oder Saldaña, und erfahrenen Spielern wie Gerardo El Tata“ Martino und Norberto El Gringo“ Scoponi, die bereits 1987/88 Meister geworden waren. Um sich die jungen Talente zu sichern, schloss Newell’s damals schon Kooperationsverträge mit kleineren Vereinen ab, von denen alle Seiten profitieren sollten, anstatt darauf zu warten, dass die Spieler selbst zum Verein kamen. Nur so war es möglich mit den Vereinen aus Buenos Aires mitzuhalten, denn damals wie heute waren Meister die nicht aus der Hauptstadt kamen eine Seltenheit. Bielsa selbst fuhr mit seinem Citroën durch das ganze Land um junge Talente zu finden die er formen konnte. 1992 waren von den 25 Spielern die im Kader des Finals der Copa Libertadores standen 23 im Verein ausgebildet worden.

Meisterschaft 1990/91

Die Liga bestand 1990 aus 20 Mannschaften, und jeder spielte einmal gegen jeden. Die ersten sieben Spiele unter Bielsa‘s Führung verliefen durchwachsen, Siege und Niederlagen wechselten sich ab, und es war nicht abzusehen, was unter seiner Regie noch kommen sollte. Die Initialzündung war der 4:3 Sieg am 8. Spieltag im Clásico rosarino, auswärts bei Rosario Central, wo man zum ersten Mal nach zehn Jahren wieder gewinnen konnte. Anschließend folgten drei 1:1 Unentschieden, ehe man aus den nächsten sieben Spielen sechs Siege bei nur einem Gegentor holte, darunter ein 1:0 Sieg gegen die Boca Juniors und ein 2:0 gegen Estudiantes de la Plata. Dank dieser Serie ging man mit einem Punkt Vorsprung vor River Plate in den letzten Spieltag, an dem Newells gegen San Lorenzo im Stadion von Ferro Carril Oeste antreten musste, und die Millonarios bei Vélez Sarsfield.

¡Newell’s, carajo!

Newell’s erreichte an jenem heißen 22. Dezember nach Rückstand allerdings nur ein 1:1 (Tor: Ruffini) gegen die Cuervos, und musste darauf hoffen, dass River nicht bei Vélez gewann, wo es vor Beginn der Schlussphase ebenfalls 1:1 stand. Für Dramatik sorgte der Fakt, dass das River-Spiel acht Minuten nach dem Newell’s-Spiel angepfiffen wurde, und die Newell’s-Spieler die nervenaufreibenden, endlosen acht Minuten auf dem Spielfeld im Radio anhören mussten. Doch „El Pato“ Fillol im Tor von Vélez, der während dem Spiel bereits einen Elfmeter gehalten hatte, war für River nicht noch einmal zu überwinden, und Gareca erzielte nach einem Konter sogar noch das 2:1 für Vélez. Newell’s war damit Sieger des Torneo Apertura (11 Siege, 6 Remis, 2 Neiderlagen; Torverhältnis: 30:13), was jedoch noch nicht den Gewinn der Meisterschaft bedeutete, denn dies war die letzte Saison des argentinischen Fußballs in dem der Meister in einem Duell aus den Siegern zwischen dem Torneo Apertura (20.8.–22.12.1990) und Torneo Clausura (22.2.–30.6.1991) ermittelt wurde. Das Torneo Clausura wurde im Frühjahr 1991 ausgespielt, und der Sieger war niemand geringeres als Boca Juniors um Gabriel Batistuta, die ihrer zehnjährigen Titeldürre endlich ein Ende setzen wollten. Im Gegensatz dazu legte Newell’s eine relativ durchschnittliche Runde hin, die auf dem 8. Platz beendet wurde (6S, 8U, 5N).

Meister gegen Boca in La Bombonera

Das Finale um die Meisterschaft fand zeitgleich mit der Copa América in Chile statt, und von beiden Vereinen weilten jeweils zwei Profis bei der Nationalmannschaft (Newell’s: Gamboa, Franco; Boca: Batistuta, Latorre). Jedoch verpflichtete der Hauptstadtklub dank Ausnahmegenehmigung des Verbandes extra für das Finale zwei Spieler nach (Luis Gaúcho“ Tofoni und Vieja Reinoso), während Newell’s dem eigenen Kader vertraute. Das Hinspiel, im Gigante de Arroyito von Rosario Central, gewannen die Männer von Bielsa, durch ein Elfmetertor von Eduardo Toto“ Berizzo. Im Rückspiel nur drei Tage später in La Bombonera hielt diese Führung im strömenden Regen auf katastrophalem Platz bis acht Minuten vor Spielende, ehe in der 82. Minute Boca-Neuzugang Reinoso per sattem Linksschuss zum Ausgleich in der Serie traf. Insgesamt hatte das Schauspiel auf dem Feld wenig mit Fußball zu tun, wie Newell’s Keeper Norberto “El Gringo“ Scoponi feststellte.

„Ich sah mir das Spiel danach noch zweimal an und fragte mich, was haben wir da eigentlich gespielt? Es sah wie Tennis aus, der Ball flog von der einen Seite auf die Andere, man grätschte, man kämpfte, man geriet aneinander. Gespielt wurde wenig.“ (Scoponi)

Das 1:0 war gleichzeitig auch der Endstand und so ging es ins Elfmeterschießen, in dem eben jener Scoponi zum Helden avancierte – und der davor dem Fitnesstrainer gestand noch nie in seinem Leben einen Elfmeter gehalten zu haben -, als er die Versuche von Graciani und Rodríguez parierte. Eduardo Berizzo erzählte im Nachgang, dass sie am Tag vor dem Spiel Elfmeter auf dem Sportgelände der Universität geübt hatten, und nicht etwa geheim, sondern vor 5.000 Studenten, und zwar ziemlich genauso wie sie sie im Finale schossen. Newell’s schaffte es somit als erster Verein Meister im Stadion von Boca zu werden, und qualifizierte sich gleichzeitig für die Copa Libertadores.

Copa Libertadores 1992

An der Copa Libertadores 1992 (18.2.–17.6.) nahmen 21 Mannschaften Teil, deren zwei aus jedem Land (ohne Zentralamerika) plus dem Titelverteidiger Colo-Colo aus Chile. Diese wurden in vier Gruppen à vier Mannschaften und eine mit fünf Teams eingeteilt. Dabei trafen in jeder Gruppe die Vertreter zweier Ländern aufeinander. Newell’s war in der Argentinien/Chile-Gruppe zusammen mit San Lorenzo, Universidad Católica, Coquimbo Unido und Titelverteidiger Colo-Colo (die eigentlich für das Achtelfinale gesetzt waren, aber aus finanziellen Gründen die Gruppenphase spielen wollten). Für die Mannschaft aus Rosario begann die Runde mit einer alptraumhaften 0:6 Heimklatsche gegen San Lorenzo, welche aber die einzige Niederlage bleiben sollte, sodass man sogar als Gruppenerster weiterkam. Im Achtelfinale setzte man sich gegen Defensor Sporting aus Uruguay mit 1:1 und 1:0 durch, ehe man im Viertelfinale wieder auf San Lorenzo traf. Im Hinspiel revanchierte sich die Bielsa-Elf für die derbe Niederlage aus der Gruppenphase, und gewann glatt mit 4:0. Nach einem 1:1 im Rückspiel stand man im Halbfinale.

Dort wartete der kolumbianische Verein América de Cali, und in beiden Duellen stand es nach Schlusspfiff jeweils 1:1, sodass der Sieger im Elfmeterschießen ermittelt werden musste. Jenes sollte denkwürdig werden, denn erst der 26. Elfmeter brachte die Entscheidung. 11:10 n.E. hieß es am Ende für Newell’s, und in Cali avancierte abermals Keeper Scoponi zum Helden, der zwei Versuche parierte und selbst verwandelte.

La Lepra bot sich also vier Jahre nach der Niederlage gegen Nacional Montevideo wieder die Möglichkeit sich erstmals die kontinentale Krone aufzusetzen. Im Finale wartete der FC São Paulo angeführt von Raí, dem kleinen Bruder Sócrates. Das Hinspiel in Rosario gewann Newell‘s durch ein Elfmetertor von Berizzo mit 1:0, musste sich aber im Rückspiel vor 105.185 Zuschauern im Estadio Morumbí mit dem selben Ergebnis geschlagen geben; ebenfalls durch ein Elfmetertor von Raí aus der 82. Minute. Demnach musste erneut das Elfmeterschießen entscheiden, aber diesmal war das Glück nicht mehr auf der Seite von Newell’s, Berizzo, Mendoza und Gamboa versagten die Nerven, und São Paulo gewann mit 3:2 n.E. Trotz der großen Enttäuschung zeigte die Mannschaft im Nachgang großen Charakter, und tröstete sich mit dem Meistertitel.

Torneo Clausura 1992

Über das Torneo Apertura 1991 (10.9. – 22.12.), legt man am besten den Mantel des Schweigens, denn diese Saison beendeten die rojinegros auf dem drittletzten 18. Platz. Dagegen lief die Newell’s-Maschine im Torneo Clausura (21.2.-5.7.) wie geschmiert, das parallel zur Copa Libertadores lief, und man konnte schon am vorletzten Spieltag die Meisterschaft feiern (11S, 7U, 1N). Höhepunkte der Runde war der 1:0 Sieg im Derby gegen Central am 3. Spieltag, bei der bei Newell‘s neun Spieler aus der 2. Mannschaft in der Startelf standen, da man nur 27 Stunden später in Chile gegen Universidad Católica antreten musste. Zudem ging der 5:0 Auswärtssieg am 12. Spieltag bei River Plate in die Geschichtsbücher ein, da der Schiedsrichter Castrilli vier Spieler der Millonarios, inklusive Trainer Passarella des Feldes/Bank verwies. Es war der vierte Meistertitel in der Geschichte des Vereins, und endlich war man gleichauf mit Stadtrivale Central. Nur wenig später verkündete Marcelo Bielsa seinen Rücktritt, und im Jahr 2009 wurde das Stadion von Newell’s, der El Coloso del Parque zu seinen Ehren in Estadio Marcelo Bielsa umbenannt.