Osvaldo Zubeldía
Buchcover - Osvaldo Zubeldia. A la gloria no se llega por un camino de rosas. (Autor: Nicolas Morente)

Osvaldo Zubeldía – “Zu Ruhm gelangt man nicht auf einem Rosenweg“

Die Tafel mit dem berühmtesten Zitat, von einem der größten argentinischen Fußballtrainer, steht heute noch am Ort seines größten Erfolges, im Manchester United-Museum im Old Trafford. Diese Worte, die charakteristischer für diesen Mann nicht sein könnten, gab Osvaldo Zubeldía seinen Männern vor dem Gewinn des Weltpokals 1968 mit auf den Weg. Chefutbol stellt euch den Trainer vor, der den argentinischen Fußball revolutionierte, und auch in Kolumbien tiefe Spuren hinterlassen hat.

Besagter Mann, kam am 24. Januar 1927 in Junín in einer Familie mit baskischen und italienischen Wurzeln auf die Welt. In der Stadt, in deren Nähe Evita Perón aufwuchs, kam der junge Osvaldo früh mit den beiden Dingen in Kontakt, die seinen Charakter und später seine Arbeit prägen sollten: Arbeit und Fußball. Schon als Kind arbeitete er als Kofferträger in einer Pension, um zum Familienhaushalt beizutragen, und in seiner Freizeit spielte er mit seinen Freunden Fußball. Er war großer Fan von River Plate, und am Tag, an dem ihm seine Mutter Fußballschuhe schenkte, ging er mit diesen an den Füßen ins Bett.

Spielerkarriere

Zubeldía begann seine Spielerkarriere beim lokalen Verein B.A.P. (Club Atlético Buenos Aires al Pacífico), einem der ältesten Vereine überhaupt in Argentinien (Gründungsjahr 1892). Im Nachhinein wird gesagt werden, dass er kein herausragender Fußballer war, jedoch reichte es um einige Jahre in der ersten Liga zu spielen, u.a. Vélez Sarsfield, Boca Juniors, Atlético Atlanta und Banfield. Während er bei Banfield seine Karriere als Spieler ausklingen ließ, arbeitete er bereits zeitgleich als Trainer bei Atlanta. In dieser Zeit führte er unzählige Gesprächen mit seinem damaligen Trainer Valentín Suarez, und ein Ex-Mitspieler erzählte, dass er „der Trainer auf dem Platz war“. Einmal bot sich ihm die Möglichkeit bei seinem Lieblingsverein River Plate vorzuspielen, doch angeblich war er zu nervös um mit den dortigen Stars mitzutrainieren, und fuhr wieder nach Hause.

Beginn der Trainerkarriere

Bei seiner ersten Trainerstation, Atlético Atlanta, saß Zubeldía zwischen 1960 und 1963 bei 89 Spielen auf der Bank, und ist damit der Coach mit den zweitmeisten Spielen in der Geschichte des Vereins. In den drei Saisons erzielte er beachtliche Ergebnisse, und erreichte mit den Bohemios einen 4., einen 7., und einen 5. Platz. Bereits in dieser Zeit machte Zubeldía mit seinen modernen Trainingsmethoden und Taktiken auf sich aufmerksam. Die größte Neuerung, die bei jedem Verein sein Markenzeichen werden sollte, war das tägliche Training, falls möglich sogar mit zwei Einheiten pro Tag. Im Anschluss an seine Tätigkeit bei den Bohemios nahm sich Zubeldía eine Auszeit, und veröffentlichte 1965 zusammen mit Argentino Geronazzo, das Buch “Táctica y Estrategia del Fútbol“.

Estudiantes de la Plata – Fußball als Arbeit

Während der Saison 1965 übernahm er bei Estudiantes de La Plata, mit dem Ziel Klassenerhalt, und führte den Verein noch bis auf Platz sechs. Dies war ein erster Fingerzeig an die Konkurrenz, doch was in den nächsten Jahren folgte, hätte sich wohl niemand zu vorstellen vermocht.

Nur zwei Jahre später vollbrachte er historisches und trieb die junge und talentierte Mannschaft, in der sich Spieler wie Juan “La bruja“ Verón und Carlos Bilardo befanden, zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte zur Meisterschaft (Metropolitano vom 3.3.-6.8.1967). Im anschließenden Torneo Nacional (8.9.-17.12.1967) wurde man Vizemeister und qualifizierte sich dadurch für die Copa Libertadores. Als die Qualifikation feststand, erzählte Carlos Bilardo, versammelte Zubeldía das Team und fragte wer vor habe zu heiraten. Dann gab er zu verstehen, dass sie entweder jetzt oder erst nächstes Jahr heiraten könnten, denn durch die Copa Libertadores bliebe während der Saison keine Zeit dafür. Laut Bilardo rannte danach die Hälfte der Mannschaft zum einzigen Telefon der Stadt und bereitete die Hochzeiten vor, die andere Hälfte heiratete erst nach der Saison.

Doch wie hatte es Osvaldo Zubeldía geschafft, dass seine Spieler diese Ansage bedingungslos schluckten, und wie gelang es ihm Estudiantes anschließend zu drei aufeinanderfolgenden Copa Libertadores-Titeln (1968-1970) und einem Weltpokal zu führen?

Wenn zwei Mannschaften gleich stark sind, gewinnt diejenige die härter arbeitet!

Die Grundlage für das Vertrauen seiner Mannschaft in Zubeldía war, dass er vorlebte was er erwartete. Er war ein Trainer, der unermüdlich arbeitete, nichts dem Zufall überließ, aus der Mannschaft einen verschworenen Haufen machte, und der darüber hinaus ein hervorragender Motivator war. Kurz um, die Spieler waren bereit für ihren Trainer zu sterben, und waren überzeugt davon, dass der Stil Zubeldías sie zum Erfolg führen würde.

Auf der einen Seite kann man ihn, für damalige Verhältnisse, als innovativen Fußballprofessor à la Ralf Rangnick mit neuartigen Trainingsansätzen beschreiben, die über das bisher Gewohnte hinausgingen. “El profesor“ ließ auch schon einmal Rugby im Training spielen, und während seinem kurzen Intermezzo als Nationaltrainer forderte er Englischkurse und Ernährungspläne für die Nationalspieler. Auf der anderen Seite war er noch ein Trainer der alten Schule, bei dem harte Arbeit und Einstellung die Basis für alles waren. Gemäß dem Motto, das “Erfolg” nur im Wörterbuch vor “Schinderei” kommt, war auch sein Training aufgebaut. Als Zubeldía eines Tages nicht zufrieden war mit dem Einsatz seiner Spieler, ließ er sie am nächsten Tag um vier Uhr in der Früh antreten. Dann lud er sie in einen Bus und fuhr sie zum Bahnhof. Dort angekommen befahl er seinen Männern einfach die Leute zu beobachten, die auf dem Weg zur Arbeit waren. Diese Maßnahme sollte seinen Spielern „zeigen wie gut es ihnen geht, denn sie würden für das bezahlt was sie am meisten liebten, Fußball spielen“.

Daher tat es ihm in der Seele weh, wenn er einen Spieler der hart arbeitete wieder aus der Startelf nehmen musste. „Wenn ich das tun muss, kann ich nicht schlafen, und muss den Doktor nach Beruhigungsmitteln fragen“. Spieler die sich ihm unterordneten und bedingungslos folgten entwickelten sich unter ihm weiter und sahen eine Vaterfigur in ihm. Wer jedoch mit seiner fordernden Art nicht zu Recht kam hatte ein Problem, und wurde nicht glücklich unter ihm.

Osvaldo Zubeldía – Der Pionier

Allein mit den traditionellen Tugenden wäre Zubeldía wahrscheinlich nicht so weit gekommen, doch “el zorro“ (der Fuchs) revolutionierte das bisher bekannte Training und Spiel. Er erfand die neuen Trainingsmethoden zwar nicht von Grund auf neu, doch er inspirierte sich viel im Ausland und schaute über den bekannten Tellerrand hinaus. In Argentinien war er der erste Coach, der Manndeckung einführte, der mit Vorstopper spielen ließ, der komplette Spielzüge einübte, und der Standardsituationen sowie die Abseitsfalle einstudierte. Vor allem die beiden letzten Mittel hatten es ihm angetan. Die Abseitsfalle, da sie seinen Worten nach den gegnerischen Angreifern Angst machte, denn ein Stürmer der schon fünfmal ins Abseits gelaufen ist, traut sich am Ende nicht mehr in den Strafraum zu laufen. Zudem war er der Erste, der in Argentinien die Ecke auf den kurzen Pfosten einführte, und sie mit Effet zum Tor hinschlagen ließ. Sie wurden zu einer sehr gefährlichen Waffe der Pincharatas und die Bolzplatzweisheit, dass zwei Kopfbälle im Sechzehner ein Tor Wert sind, wurde relativ schnell Wahrheit. Außerdem war er der erste argentinische Trainer der die Videoanalyse einführte. Auch für die Spieler waren seine Trainingsmethoden und seine Professionalität etwas bis dato Unbekanntes, „das erste Mal, dass der Trainer auch arbeitete und nicht nur einen Ball hinwarf“. Und Oscar Malbernat sagte im Vergleich zum Verein „wurde in der Nationalmannschaft improvisiert“.

Nach seiner Zeit bei Estudiantes heuerte er bei Huracán an, wo der Erfolg jedoch ausblieb. Auch bei seiner nächsten Trainerstation Vélez Sarsfield stellten sich die erhofften Ergebnisse nicht ein. Erst bei seiner nächsten Station, San Lorenzo, kehrte er in die Erfolgsspur zurück und führte die Cuervos 1974 zur Meisterschaft. Nach 64 Spielen war das Kapitel bei dem Klub aus dem Stadtteil Boedo aus Buenos Aires jedoch wieder beendet. Zu guter Letzt trainierte er ebenso kurz wie erfolglos Racing Club, bevor er in seine neue Heimat wechselte.

Zeit in Kolumbien – “Kínder de Zubeldía“

„Ich habe den kolumbianischen Fußball revolutioniert, weil ich die Siesta abgeschafft habe. Auch die kalorienreichen Frühstücke und die ausgedehnten Mittagessen habe ich abgeschafft. Ich habe sie auf den Platz geschickt und es wurde in der Früh und am Nachmittag gearbeitet!“

1976 wurde Osvaldo Zubeldía auf Wunsch des Präsidenten Hernán Botero Moreno Trainer bei Atlético Nacional de Medellín. In Kolumbien gewann er sechs Monate nach seiner Ankunft bereits die Meisterschaft. Er baute eine Mannschaft aus jungen Spielern auf, die als “Kínder“ von Zubeldía bekannt wurden, u.a. Víctor Luna, Gabriel Jaime Gómez und Norberto Peluffo. Zubeldía fühlte sich wohl in Medellín, wo er im Hotel wohnte, das dem Präsidenten gehörte. Das Personal sei seine zweite Familie gab er immer zu verstehen. Er äußerte, „dass er Nacional wieder an die Spitze führen würde, und dann gehen würde“. So sollte es auch geschehen, jedoch tragischer und metaphorischer als gedacht. 1981 holte “el zorro“ noch einmal die Meisterschaft, verstarb aber einen Monat später an einem Herzinfarkt an der Pferderennbahn in Medellín. Über 200.000 Menschen nahmen Abschied von ihm, bevor sein Sarg nach Junín gebracht wurde, wo er heute begraben liegt. Ein Fan sagte im Nachhinein, dass „Zubeldía das Fundament für die heutige Größe von Atlético Nacional gelegt hat“.

Wikipedia / Germanraoms

Totaler Fußball, Antifußball und unfaires Spiel

Über die Spielweise seiner Teams scheiden sich bis heute die Geister. Der ehemalige holländische Nationaltrainer Rinus Michels antwortete einmal auf die Frage wer denn der Erfinder des Totalvoetbal sei: „Den hat Osvaldo Zubeldía bei Estudiantes de la Plata erfunden“. Gegner warfen seiner Mannschaft dahingegen eine besonders defensive und unfaire Spielweise vor, inklusive vieler Fouls und Zeitspiel. Vor allem das Weltpokalfinale gegen den AC Mailand das als “Schande von La Plata“ in Erinnerung blieb. Nach dieser Schlacht nahm die Polizei sogar drei Spieler von Estudiantes fest. Zubeldía verteidigte sich, und gab zu verstehen, dass die “hässliche“ Spielweise nach 1968 das Ergebnis des körperlichen Verschleißes der Spieler war. Man hatte zu viele Spiele, zu viele Verletzte und keine Neuzugänge, sodass man aus Notwendigkeit die Bälle wegdrosch, und keineswegs aus taktischen Gründen. Außerdem gewinnt man mit Antifußball nicht den Weltpokal.

Wikipedia / El Gráfico № 2789 (Néstor Combin vom AC Mailand, nachdem ihm Ramón Suárez mit einem Schlag die Nase gebrochen hatte)

Weitere Anekdoten:

  • Zubeldía weckte seine Spieler mitten in der Nacht auf um sie zu fragen wen sie am nächsten Tag decken sollten.
  • Man ließ nach Problemen im Privatleben der gegnerischen Spieler suchen. Falls man welche herausfand, sprach man die Rivalen während dem Spiel darauf an, um sie abzulenken. Roberto Perfumo, damalige Legende von Racing versicherte, „dass Bilardo (Estudiantes-Spieler) sogar wusste, wenn man sich mit der Freundin gestritten hatte“.
  • Er lud Schiedsrichter ein, die den Spielern erklären sollten, was die Grenzen des Erlaubten waren, um daraus Vorteile zu ziehen.

Legenden mit unklarem Wahrheitsgehalt:

  • Die Spieler von Estudiantes sollen ihre Gegenspieler angeblich mit Stecknadeln gepiekt haben, und ihnen Getränke mit Schlafmitteln gegeben haben.
  • Zubeldía soll den Ehefrauen der Spieler empfohlen haben beim Sex „oben“ zu sein, damit die Spieler Energie sparen könnten.