UdSSR
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Chile gegen UdSSR: Eine geisterhafte Begegnung im Estadio Nacional

Das Qualifikationsrückspiel für die Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland zwischen Chile und der UdSSR am 21. November 1973 ist das wohl absurdeste Beispiel dafür, dass Politik und Sport nicht stets für sich stehen, sondern auch auf bedrückende Art und Weise verstrickt sein können. Chefutbol erzählt, was sich im Herbst 1973 im Estadio Nacional de Chile zutrug. 

Im Vorjahr der Fußballweltmeisterschaft 1974 in Deutschland befand sich der bis dato sozialistisch geprägte Andenstaat Chile in keinem guten Zustand. Zwar qualifizierten sich die von Rudi Gutendorf trainierten Chilenen für die Playoffs gegen die UdSSR, politisch gesehen befand sich das Land jedoch in Aufruhr. Augusto Pinochet hatte an Seiten des Militärs Präsident Allende gestürzt und die Macht übernommen, es herrschte eine düstere Atmosphäre. Soldaten patroullierten in den Straßen und Pinochet verfolgte all seine politischen und ideologischen Gegner mit harter Hand.

14 Tage nach dem Putsch stand für die chilenische Auswahl das Playoffrückspiel im Estadio Nacional in Chile an. Das Hinspiel in Moskau endete torlos, die Heimmannschaft lag vor dem Rückspiel demzufolge leicht im Vorteil. Zu besagtem Aufeinandertreffen kam es jedoch nie, obwohl die Partie so gesehen stattfand.

In Folge der radikalen Verfolgung politischer Gegner wandelte Putschist Pinochet das Estadio Nacional de Chile in der Hauptstadt Santiago kurzerhand zu einem Konzentrationslager um, Menschen wurden in den Katakomben des Stadions festgehalten, misshandelt und getötet.

Die Tatsache, dass das begehrte WM-Ticket nun an einem Ort vergeben würde, wo zeitgleich Menschen aufgrund ihrer politischen, in erster Linie “linken” Überzeugungen interniert und Gewalt ausgesetzt sind, war für die UdSSR ein untragbarer Zustand, sie legte Protest bei der FIFA ein.

Der Weltfußballverband wollte von all dem nichts wissen, und auch der chilenische Verband würde den Austragungsort nicht verlegen, dachte man doch, der Protest sei nichts als eine bloße Ausrede der UdSSR aufgrund des Hinspielresultats.

Es blieb folglich bei der Ansetzung für den 21. November im Estadio Nacional. Die Auswahl der UdSSR bestieg jedoch gar nicht erst das Flugzeug nach Südamerika, sodass am Spieltag die chilenischen Akteure neben nahezu leeren Rängen auch keine Gegnermannschaft vorfanden. Dafür allerdings jede Menge Militärs, die sicherstellen sollten, dass alles seinen gewohnten Ablauf nehmen würde.

“Uns wurde klar, dass sich Politik und Fußball doch nicht so leicht voneinander trennen lässt. Das ganze Stadion war voll mit Soldaten, einige von ihnen eskortierten uns sogar ins Stadion und auf den Platz. Und dann standen wir auf dem Rasen: allein, ohne Gegner. Elf Chilenen in diesem riesigen Stadion. Wir kamen uns aber nicht nur auf dem Platz ziemlich alleine vor, auch die Ränge waren so gut wie leer.” berichtete der chilenische Mittelstürmer Carlos Caszely von diesem denkwürdigen Tag.

Chiles Nationalstadion fasste zum damaligen Zeitpunkt knapp 100.000 Fans, gekommen waren neben den Soldaten höchstens 15.000 Zuschauer, alles geladene Gäste des neuen Machthabers Pinochets.

Der österreichische Referee Erich Linemayr pfiff die Partie an, die Chilenen passten den Ball ein paar Mal hin und her ehe Kapitän Francisco Valdes zum 1:0 einschob. Da die Partie in Ermangelung eines Gegner im Anschluss nicht wieder angepfiffen werden konnte, wurde das Spiel abgebrochen und mit 2:0 für die Hausherren gewertet.

Carlos Caszely verließ aufgrund seine politischen Nähe zu Allende das Land, erst 1978 kehrte er in den Andenstaat zurück. Chiles Nationalelf sicherte sich das begehrte Ticket für die WM in Deutschland. Dort enttäuschte “La Roja” jedoch. Nach zwei Unentschieden gegen die DDR und Australien verlor man auch gegen die BRD und musste den frühen Heimweg antreten. Doch viel denkwürdiger als Chiles Teilnahme an dieser Weltmeisterschaft ist vielmehr der Weg dorthin.

Die Playoff-Begegnung der Chilenen gegen die UdSSR wird nicht nur den elf Spielern und den Zuschauern als gespenstisch in Erinnerung bleiben, es zeigt auch, dass Politik und Sport nicht immer klar voneinander abgrenzbar sind.