Vélez
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Vélez Sarsfield de Bianchi – Aus dem Schatten der Großen

Der Gewinn der erst zweiten Meisterschaft im Jahr 1993 stellte für Vélez Sarsfield den Startschuss für die erfolgreichsten Jahre der Vereinsgeschichte dar. Maßgeblichen Anteil am Erwachen aus dem Dornröschenschlaf hatte dabei Vereinslegende Carlos Bianchi.

Der Verein wurde 1910 gegründet und liegt im Stadtteil Liniers im Osten von Buenos Aires. Bis zum Beginn der erfolgreichen Ära Bianchi in den 1990ern, hatte der Verein nur eine Meisterschaft auf dem Konto, die aus dem Jahr 1968 stammte. Bei dieser Meisterschaft war der junge und unbekannte Carlos Bianchi noch als Spieler im Kader, und stand erst am Anfang seiner großen Karriere. Heute ist er immer noch derjenige argentinische Spieler mit den meisten Toren in Erstligaspielen: In 546 Spielen gelangen ihm 385 Tore, davon 206 in Argentinien und 179 in Frankreich. Ein gewisser Lionel Messi wird ihn jedoch vermutlich in den kommenden Jahren ablösen.

Rückkehr des verlorenen Sohnes

Nach einigen durchwachsenen Jahren ohne Titel als Trainer in Frankreich (Stade Reims, OGC Nizza, PSG), kehrte Bianchi in das Stadtviertel zurück in dem er aufwuchs, und sollte seinen Herzensverein in bisher unbekannte Sphären führen. Er war immer noch ein Kind des Vereins, als ob er nie weggewesen wäre. Aber durch seine vielen Jahre in Frankreich kannte er den argentinischen Fußball praktisch nicht mehr, und er sprach ab und zu versehentlich französisch.

Clausura 1993 – Sieger: Vélez

Trotzdem ging der Trainerstern von Bianchi bei Vélez bereits im ersten Jahr auf. Die damalige Liga dauerte vom 7. August 1992 bis zum 12. Juni 1993 und bestand aus zwei Meisterschaften (Apertura und Clausura), deren Sieger sich jeweils für die Copa Libertadores qualifizierten. Die Apertura gewannen in diesem Jahr die Boca Juniors, doch die Clausura ging an den Verein aus dem Ostteil der Stadt. Mit einer Bilanz von 10 Siegen, 7 Unentschieden und 2 Niederlagen holte El Fortín nach 25 Jahren wieder den Titel. Der langersehnte Titel wurde mit einem 1:1 Unentschieden gegen Estudiantes de la Plata perfekt gemacht; die paraguayische Torhüterlegende José Chilavert hatte dabei einmal mehr den Treffer für Sarsfield erzielt. Die Meisterschaft kam überraschend, denn die Mannschaft war mit mehr Abgängen als Neuzugängen in die Saison gestartet. Anschließend wurde der Kader mit Talenten aus der Jugend aufgefüllt, wie z.B. José “Turu“ Flores und Omar “Turco“ Asad. Die jungen Wilden zeigten jedoch schnell, dass sie zu größerem fähig sind.

Bianchi: „Fußball ist einfach!“

Bianchi galt zu diesem Zeitpunkt noch nicht als außergewöhnlicher Trainer, hatte aber trotzdem einen Außenseiter zum Titel geführt. Was zeichnete ihn also aus? Am charakteristischsten für Bianchi waren seine Hingabe, sein Fleiß, und sein respektvolles Auftreten. In den Worten Chilaverts: „Er ist ein anständiger Mann, ein Kavalier, und ein exzellenter Trainer, und deshalb meine persönliche Nummer 1.“ Mit diesen Attributen, und seiner vorgelebten Vereinsidentifikation, konnte er dasselbe umgekehrt auch glaubhaft von seinen Spielern einfordern.

Zudem war Bianchi von der Einfachheit des Fußballs überzeugt, und die kurzen Erklärungen die er seinen Männern gab, hielt er so simpel wie möglich, denn nach seinem Credo waren sie damit umso leichter umzusetzen. In seinen Kabinenansprachen appellierte er regelmäßig an den Stolz seiner Spieler, und machte ihnen klar, dass sie das ganze Viertel repräsentieren würden. Des Weiteren schaffte es Bianchi sowohl das Selbstvertrauen der Spieler, als auch das Vertrauen in ihn maximal zu steigern. Sein ehemaliger Spieler Christian Bassedas beschrieb das Verhältnis so: „Wenn er uns gesagt hätte wir sollten von der Tribüne springen und uns würde nichts passieren, wären wir ohne nach unten zu schauen gesprungen.“ Auf dieser Basis sollte Vélez Sarsfield dann erreichen, was vermutlich niemand für möglich gehalten hätte.

Copa Libertadores 1994 – Sieger Vélez

Nach dem Gewinn der Clausura im Vorjahr, hatte man sich für die Copa Libertadores qualifiziert. Der Wettbewerb bestand in der Auflage von 1994 aus einer ersten Gruppenphase (5 Gruppen), in der jeweils zwei Teams aus zwei Ländern aufeinandertrafen. Vélez war dabei in der schweren Argentinien/Brasilien-Gruppe, mit Cruzeiro, Palmeiras und den Boca Juniors. Jedoch schied nur der Gruppenletzte aus, und die restlichen Teams kamen ins Achtelfinale. Nichtsdestotrotz setzten die Männer von Bianchi mit dem Gruppensieg ein Ausrufezeichen. Im Achtelfinale traf man auf den Gruppendritten Defensor Sporting aus Montevideo. Mit den Uruguayern hatte man jedoch mehr Probleme als gedacht, und musste nach einem 1:1 im Hinspiel, und einem 0:0 zu Hause nach 120 Minuten ins Elfmeterschießen. Doch wer einen José Chilavert im Tor hat, hat die halbe Miete. Er hielt zwei Elfmeter, verwandelte selbstverständlich seinen eigenen, und somit gewann man mit 4:3 n.E. Das Viertelfinale konnte man weniger nervenaufreibend gestalten, und man setzte sich nach einem 0:0 im Hinspiel vor eigenem Publikum mit 2:0 gegen den venezolanischen Verein Minervén durch. Torschützen waren die oben erwähnten Flores und Asad.

Im Halbfinale traf man auf den kolumbianischen Vertreter Atlético Junior, und gleichzeitig auf eine weitere Legende des südamerikanischen Fußballs: Carlos “El Pibe“ Valderrama. Das Spiel in Barranquilla endete mit 2:1 für die Gastgeber, und genauso stand es auch im heimischen Estadio José Amalfitani nach 120 Minuten, sodass wieder das Elfmeterschießen entscheiden musste. Chilavert avancierte – mal wieder – zum Helden, als er den 5. Elfmeter von Héctor Méndez halten musste, um im Spiel zu bleiben, und ihn auch hielt. Danach verwandelte Basualdo für Vélez und Chilavert hielt auch noch den 6. Elfmeter, sodass man mit 5:4 n.E. ins Finale einzog.

Im Finale traf man auf den Sieger des Wettbewerbs der letzten beiden Jahre São Paulo mit Cafú, und wie sollte es anders sein, musste wieder das Elfmeterschießen entscheiden. Zweimal 1:0 hieß es nach regulärer Spielzeit. Im Elfmeterschießen lief es eigentlich wie immer: Chilavert verwandelte wie immer als 2. Schütze, und hielt den Versuch von Palhinha. Da seine restlichen Teamkollegen alle verwandelten, setzte man sich zum ersten Mal die Krone des südamerikanischen Vereinsfußballs auf, und durfte um den Weltpokal spielen.

Weltpokal 1994 – Sieger: Vélez

In Tokio traf man am 1. Dezember 1994 auf den AC Mailand, das auf dem Papier als klarer Favorit in das Spiel ging. Die Abwehrreihe Tassotti, Baresi, Costacurta und Maldini lässt mit Sicherheit jeden Catenaccio-Fan erschaudern und an alte, bessere Zeiten zurückerinnern. Doch genau mit dieser Unterlegenheit motivierte Bianchi seine Mannschaft, und redete ihnen ein, dass die Milan-Spieler überheblich und respektlos wären, und nicht einmal die Namen ihrer Gegenspieler wussten. Außerdem wurde Milan-Trainer Fabio Capello noch um 2 Uhr nachts im Hardrock Café gesehen; eine beispiellose Respektlosigkeit. Mit dieser Motivation übersprangen die Männer von Bianchi auch das letzte Hindernis, und gewannen zur Abwechslung aus dem Spiel heraus mit 2:0. Von dem Doppelschlag der Argentinier in der 50. (Trotta) und 57. Spielminute (Asad) konnten sich die Italiener nicht mehr erholen, und Vélez war am Ziel der Träume angelangt. Seitdem hat Vélez seine Titelsammlung deutlich vergrößert, und gehört jede Saison zumindest zum Dunstkreis der Titelanwärter.