Argentinien

Argentinien 1973 – La selección Fantasma

Um sich für die Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland zu qualifizieren, musste Argentinien seine 3er-Qualifikationsgruppe mit Bolivien und Paraguay gewinnen. Da man nichts dem Zufall überlassen wollte, und um in La Paz auf über 3600m Höhe zu bestehen, schickte man einen Teil der Nationalmannschaft für über 30 Tage in ein Höhentrainingslager, wo sie fast in Vergessenheit gerät.

Ausgangslage

Da sich Argentinien nicht für die Weltmeisterschaft 1970 qualifizieren konnte, hätte eine erneute Nicht-Qualifikation für die WM 1974 die eigene Bewerbung für die Ausrichtung des Turniers 1978 gefährdet. Zudem hatte sich mit Brasilien bereits der große Rivale als Ersatz-Gastgeber in Stellung gebracht. Um sich für die Auflage in der Bundesrepublik zu qualifizieren, musste die Albiceleste ihre Gruppe mit Bolivien und Paraguay gewinnen.

Nachdem man die Qualifikation für die Endrunde von 1970 unter anderem durch eine 3:1-Niederlage in Bolivien verpasste, und zu diesem Zeitpunkt seit 20 Jahren nicht mehr auf solcher Höhe gewinnen konnte, fasste der Verband einen einmaligen Entschluss. Ausgehend von der Initiative des Co-Trainers Miguel Ignomirielo, schickte man ihn und eine B-Nationalmannschaft für über einen Monat in ein Höhentrainingslager nach Tilcara, im Nordwesten des Landes (Provinz Jujuy). Dort sollte man sich akklimatisieren, um den Höhenvorteil der Bolivianer in La Paz auszugleichen. Das B-Team sollte also das Auswärtsspiel in der Höhe Boliviens bestreiten, während das A-Team für die drei Spiele auf Meeresniveau eingeplant war; also für beide Heimspiele in Buenos Aires und das Auswärtsspiel gegen Paraguay in Asunción.

Der Plan: 45 Tage, 15 Spiele, 14 Siege, 1 Unentschieden, 4000m Höhe und ein paar Dollar

Dies sind die Zahlen einer einmaligen Höchstleistung, hinter denen sich aber noch viel mehr Geschichten verbergen. Bis auf Aldo Pedro Poy waren alle Spieler, die sich auf dieses Abenteuer begaben, noch junge und relativ unbekannte Spieler. Anders war dies auch nicht möglich, da diese besondere Vorbereitung während der regulären Saison stattfand, und die Topvereine ihre Stars niemals über einen Monat abgestellt hätten. Einige von ihnen sollten später noch Legenden und Weltmeister werden, wie Ubaldo „Pato“ Fillol, Ricardo „El Bocha“ Bochini oder Mario „El Matador“ Kempes, andere dagegen nie wieder das Trikot der Nationalmannschaft tragen.

1. Etappe: Tilcara 2465m

Am 19. August 1973 flog jenes Team erst bis Salvador de Jujuy, um dann mit dem Bus weiter nach Tilcara zu fahren. Tilcara ist ein Dorf mit ca. 5600 Einwohnern, das auf 2465m liegt. Ursprünglich wollte man in La Quiaca (3442m) Quartier aufschlagen, aber das einzige Hotel dort wurde zu dieser Zeit renoviert.

In der selben Zeit machte die A-Nationalmannschaft eine Spanienreise, während der man u.a. gegen Atlético Madrid und den FC Málaga spielte. Die Kontraste zwischen den beiden Mannschaftsteilen hätten wohl größer kaum sein können. Während es sich die Spanienreisenden mit Trainer Enríque Omar Sívori und einigen Verbandsfunktionären wohl bei Serrano-Schinken und Wein gut gehen ließen, gerieten ihre Mannschaftskameraden in Vergessenheit. Ironischerweise glaubte man der Truppe in den Bergen manchmal nicht, dass sie auch Nationalspieler waren, und man entgegnete ihnen, dass die echte Nationalmannschaft in Spanien sei. Nachdem dem Journalisten José María Otero beim Verband niemand Auskunft über das B-Team geben konnte, taufte er es „Equipo Fantasma“ (Geistermannschaft).

Katastrophale Organisation

Die Bedingungen in Tilcara waren erbärmlich. Die Ausrüstung erreichte die Männer erst drei Tage vor Abflug auf persönlichen Druck von Ignomirielo, der das Team trainierte. Und keiner der Funktionäre hatte Lust auf die Reise in die Provinz. Der Verband kontaktierte sieben Männer, die alle eine Ausrede parat hatten, sodass am Ende ein Freund Ignomirielo‘s das Team begleitete. Immerhin erreichte man so, dass die Wut auf den Verband die Spieler zusammenschweißte.

Vor allem Mario „El Matador“ Kempes ließ kein gutes Haar an den Bedingungen vor Ort und an der AFA, es war ein „Dreckshotel“ und das wenige essen, das es gab, war sehr schlecht. „Das Püree, das es gab konnte man an die Decke werfen und es blieb dort kleben, vom Fleisch gar nicht zu sprechen, das war hart wie Stein“. Nicht einmal ein Telefon gab es, um mit dem Verband oder den Familien zu kommunizieren, und irgendwann kam kein Geld mehr, um die Unterkunft zu bezahlen. Drastischer formulierte es Verteidiger Rubén „Hueso“ Glaría, er beschrieb es als „Gulag“, und Reinaldo “Mostaza” Merlo reiste nach wenigen Tagen wieder ab, da er mit den Bedingungen nicht zurechtkam.

„Die AFA hat uns vergessen, und uns ging es wirklich schlecht. Wir hatten nicht einmal was zu essen. Zwei Freundschaftsspiele waren angesetzt, aber am Ende spielten wir sieben, um Geld zu verdienen. Damit kauften wir die Sachen im Supermarkt und einer von uns bereitete das Essen zu. Ich kam mit acht Kilo weniger zurück.“ (Kempes)

2. Etappe: Peru

Nach der Grundlagenarbeit in Argentinien, reiste man weiter nach Cuzco (3416m). Dort spielte man unter anderem ein Testspiel gegen den lokalen CS Cienciano, das man mit 1:0 gewann. Doch anstatt der ausgemachten 5000 Peso Prämie, bezahlten die Peruaner nur 3500, da es sich nicht um die “echte” Nationalmannschaft handelte. Zu allem Überfluss wurde am Spieltag in Peru zum Generalstreik aufgerufen, sodass alle Köche des Hotels ihre Arbeit verließen. Doch als die Spieler selbst auf den Markt gingen, um Essen zu kaufen, lag das ganze Fleisch am Boden und war so verdreckt, dass allen der Hunger verging.

Danach fuhr man nach Arequipa (2335m) hinunter, um gegen den aktuellen Meister FBC Melgar zu spielen, den man ebenfalls 1:0 schlug. Die Anreise war jedoch eher etwas für Backpacker als für Fußballspieler. Allgemein glichen die Fahrten eher einer Tortur, und man verbrachte nicht selten fünf Stunden auf einer Holzbank in einem Bus oder Zug, der sie durch die Anden fuhr. In Arequipa herrschte dann wenigstens ein angenehmeres Klima, und diesmal wurden auch die vereinbarten 5000 Pesos Prämie bezahlt.

Wie bereits beschrieben, war die Truppe um Ignomirielo für den Rest des Landes in Vergessenheit geraten, und die AFA zu dieser Zeit ein unorganisierter Haufen. Als das Team in Arequipa stand, rief ein Funktionär Ignomirielo an und gab ihm zu verstehen, dass er nicht noch mehr Spiele gegen Geld austragen dürfe. Worauf dieser antwortete, dass wenn sie nicht spielen würden, sie nichts zu essen hätten. Daraufhin sagte der Funktionär, dass er ein Flugzeug mit allem Nötigen schicken würde. Und Ignomirielo erwiderte spöttisch, „Sie konnten uns bisher nicht einmal einen Schinken schicken, und jetzt wollen sie uns ein Flugzeug schicken?” Es wurde munter weitergespielt.

3. Etappe: Bolivien

Als man in La Paz eintraf, arrangierte man ein Spiel gegen Independiente Unificada aus Potosí (3900m) im südlichen Zentralbolivien. Von dem Spiel bekam die örtliche Fiat-Zentrale Wind und wollte mit den Argentiniern gegen Volkswagen Werbung machen, das im Land gerade die erste Niederlassung eröffnet hatte. Sie baten die Argentinier, dass sie mit Autos nach Potosí fuhren. Man einigte sich und so legte man die gut 500km in fünf Fiats zurück, deren Vergaser man abklemmte, damit sie in der Höhe nicht kaputtgingen.

Im Spiel lag man zur Halbzeit mit 1:0 zurück und Ignomirielo machte seinen Spielern klar, dass sie das Spiel auf keinen Fall verlieren durften, da dies sonst überall in den Zeitungen stehen würde, und sie vor dem A-Trainer Sívori schlecht aussehen würden. Die Spieler begannen die 2. Halbzeit dementsprechend nervös, und zu allem Überfluss wurden noch zwei Spieler wegen Beleidigungen vom Platz gestellt, da sie sich provozieren ließen. Trotzdem wurde das Spiel noch 3:1 gewonnen. Doch die einheimischen Gemüter waren so erhitzt, dass sie die Fiats mit Steinen bewarfen, und stark demolierten. Die Fiat-Verantwortlichen schäumten natürlich vor Wut, und bezahlten natürlich weniger als ausgemacht.

Das Spiel

Am 23. September war es dann so weit, und das entscheidende Spiel im Estadio Hernando Siles in La Paz stand an. Der Trainer der A-Mannschaft Sívori stieß am Abend vor dem Spiel zur Mannschaft. Zur Überraschung nominierte er, entgegen der Abmachung, auch noch fünf Spieler aus der anderen Mannschaft. Diese hatte bereits Vorarbeit geleistet und das Heimspiel gegen Bolivien gewonnen, und in Paraguay Unentschieden gespielt. Trotzdem fühlten sich die Spieler verraten, nach allem was sie durchgemacht hatten. Sportlich hingegen waren die Wechsel nachvollziehbar.

Im Spiel erzielte passenderweise Oscar „El Fantasma/Das Gespenst“ Fornari in der 18. Minute das 1:0, das bis zum Ende eisern verteidigt wurde. Mit dem Sieg stand man mit einem Bein bereits in Deutschland, jedoch nahm auch diesen heroischen Sieg in Argentinien zunächst nicht jeder sofort war, denn am selben Tag wurde Juan Domingo Perón zum dritten Mal zum Präsident gewählt. Die Nicht-Beachtung verfolgte sie bis zum Ende. Eine Woche später wurde dann mit einem 3:1 Sieg gegen Paraguay die Qualifikation perfekt gemacht.

Abschließende Betrachtung

Ob das Trainingslager tatsächlich der ausschlaggebende Grund für den wichtigen Sieg war, kann nicht zu 100% gesagt werden. Denn Fakt ist auch, dass Bolivien eine relativ schwache Mannschaft hatte, und auch Paraguay, ohne besonderes Trainingslager, in La Paz gewann. Auf alle Fälle fühlte sich die Mannschaft aber gut vorbereitet und Rubén „Hueso“ Glaría drückte dies so aus, „wir haben von 2000m bis auf 4200m gespielt, doch wir hatten so viele Probleme, dass die Höhe die geringste war“. Zudem fügte er hinzu, dass “am Ende alle gute Geschäftsleute geworden waren, da man beim Aushandeln der Antrittsprämien für die Spiele immer im Hinterkopf haben mussten, wie viel für das Hotel und das Essen benötigt wurde.”

Eigentlich hat die FIFA das Austragen von Qualifikationsspielen auf über 3000m verboten, jedoch erhielt La Paz eine Ausnahmegenehmigung. Und in schöner Regelmäßigkeit gelingt den Bolivianern ein überraschender Sieg gegen höher eingeschätzte Teams.

Mil gracias a Federico Vazza, director del documental “La selección Fantasma” para hacernos posible verlo desde Alemania. / Tausend Dank an Federico Vazza, Regisseur der Dokumentation “La selección Fantasma”, der es uns ermöglichte die Dokumentation in Deutschland zu sehen.

https://twitter.com/fedevazza

https://twitter.com/selecfantasma