Barras Bravas

Die Macht der Barras Bravas im argentinischen Fußball

„Es gibt wohl keinen Ort, keine Stadt auf der Welt, in der das Herz des Fußballs lauter schlägt als in Buenos Aires.“ Mit diesen Worten beginnt eine Fernseh-Dokumentation über die Fanszene in der argentinischen Hauptstadt. Wer die Bilder der vergangen Wochen noch im Kopf hat, als das Rückspiel des „Superfinals“, dem diesjährigen Finale der Copa Libertadores, zwischen den Boca Juniors und River Plate aufgrund von Fankrawallen mehrfach abgesagt und am Ende sogar auf einen anderen Kontinent verlegt werden musste, der fragt sich, ob das Herz des Fußballs diesmal nicht etwas zu laut geschlagen hat. Die zerborstenen Scheiben des Mannschaftsbusses der Boca Juniors, ein bewusstloser Fahrer und sich übergebende Boca-Spieler, sind das jüngste Sinnbild für das größte Problem des argentinischen Fußballs: die Gewalt und Macht der Hooligans.

„Barra Bravas“ – Stimmung in den Stadien – Kriminalität auf der Straße

Brennende Särge in den Farben der gegnerischen Mannschaft, Schiedsrichter, die auf der Straße angegriffen werden und eine Liste, die seit 1922 328 Todesopfer im Zusammenhang mit dem Fußball zählt. Was in Deutschland undenkbar wäre, ist in Argentinien die traurige Realität. Verantwortlich dafür sind die Barra Brava, die „wilde Horde“, eines jeden argentinischen Fußballvereins. Die Einen sehen sie als bedingungslose Fans ihres Vereines, die im Stadion den Ton angeben und für die berüchtigte Stimmung verantwortlich sind. Die Anderen sehen sie eher als Kriminelle, die Drogen verkaufen, Geld waschen und sich untereinander verprügeln. Alles unter dem Denkmantel der Liebe zum Verein. Recht haben wohl beide Seiten.

In der internen Hierarchie einer Barra spricht man von drei Linien. Die oberste umfasst den Anführer und seine an einer Hand abgezählten Vertrauensmänner. Meist ist der sogenannte „Capo“ eine Person des öffentlichen Lebens oder sehr bekannt im heimischen Stadtviertel. In der zweiten Linie folgen gewaltbereite Alpha-Tiere, die den Verkauf von Drogen und Eintrittskarten kontrollieren, Kontakte zur Polizei haben und in kurzer Zeit große Schlägertrupps aus bestimmten Stadtvierteln mobilisieren können. Diese bilden eine undurchsichtige dritte Linie. Oft sind es Jugendliche aus problematischen Verhältnissen, wie es sie in Argentinien sehr häufig gibt, und die sich mit der Barra identifizieren können. Für Anerkennung, eine Eintrittskarte oder ein Päckchen Drogen gehen sie über Leichen. Aufsteigen kann man in dieser Hierarchie, indem man die Fahnen einer anderen Barra stiehlt oder seine eigene erfolgreich verteidigt. Verliert man sie, wird man intern nicht mehr beachtet und verliert jegliche Anerkennung.

Funktionäre und Politik profitieren von Barras Bravas

Anders als in Europa, wo die Ultras meist die Opposition zur Vereinsführung bilden, sind die Barras eng mit den Klubstrukturen verwachsen. Laut dem argentinischen Sportjournalisten Gustavo Gabria ist es „unmöglich Funktionär oder Präsident eines Vereins zu sein, ohne Beziehung mit den Barras zu haben.“ Da die Mitglieder ihren Präsidenten selbst wählen, müssen diese die Anhänger bestechen, um nicht abgesetzt zu werden. Die Barras bekommen regelmäßig Geld oder Tickets für den Schwarzmarkt. Im Gegenzug garantieren sie die Stimmung und Sicherheit in den Stadien. Bei höheren Einnahmen steigen jedoch die Forderungen. Wer sich dagegen wehrt, wird gestürzt. Ein Beispiel dafür ist der ehemalige Präsident des Vereines Atlético Independiente, Javier Cantero, der vor ein paar Jahren mit seiner Mannschaft regelrecht aus dem Saal geprügelt wurde, weil er nicht mehr zahlen wollte.

Trotz der Gewaltbereitschaft sind die Funktionäre an der Nähe der Barras Bravas interessiert. Je nach Klubgröße hat man Hunderte bis Tausende Menschen an seiner Seite und kann diese für seine eigenen Interessen nutzen. Bei dem eben schon genannten Verein Independiente ist beispielsweise der jahrzehntelange Chef der Fernfahrergewerkschaft Hugo Moyano Präsident. Man kann das grüne Logo der Gewerkschaft bei jedem Heimspiel auf der Tribüne sehen. Bei Straßenblockaden der Fernbusfahrer, die den Verkehr im ganzen Land lahmlegen, tauchen häufig Demonstranten in Independiente-Fanutensilien auf.

Aber auch Politiker paktieren mit den Barras. Zu Zeiten der Regierung von Cristina Kirchner füllten Anhänger des Zweitligisten All Boys bei einer Veranstaltung des venezolanischen Staatspräsidenten Nicolás Maduro die leeren Sitzreihen aus, um die Popularität beider Staatsoberhäupter zu bezeugen. Eben jene Frau Kirchner sprach den Barras Bravas im Jahre 2013 die Gewaltbereitschaft ab und machte falsche Schiedsrichterentscheidungen für die Ausschreitungen verantwortlich. Was ihr die Gunst fast aller Barras bescherte, war in den Augen einiger Journalisten ein Freifahrtsschein für die Hooligans, unterschrieben von der obersten Autorität des Landes, sich ordentlich auszutoben. Im selben Jahr wurden in Stadien keine Gästefans mehr zugelassen, was für eine Kapitulation der Politik und der Verbände vor der Gewalt im argentinischen Fußball spricht.

Ein weiteres Beispiel für die politische Macht des Fußballs und der Barras Bravas in Argentinien ist die Rückkehr des Vereines San Lorenzo in ihr altes Stadion. Sie mussten ihr Stadion im Stadtteil Boedo in Buenos Aires 1979 aus ungeklärten Gründen verlassen und spielen seitdem im Bezirk Flores. Das Grundstück wurde von der damaligen Militärregierung unter Wert an eine Supermarktkette verkauft. Der Traum der Rückkehr nach Boedo wurde im Jahre 2013 zur Wirklichkeit. Die Supermarktkette wurde per Gesetz dazu verpflichtet das Grundstück für umgerechnet eine Millionen Euro an San Lorenzo zu verkaufen – ein Spottpreis. Die entscheidende Sitzung des Stadtparlaments wurde von einer der größten Demonstrationen der Geschichte von Buenos Aires begleitet. Geschätzt 110 000 Leute auf der Plaza de Mayo sorgten dafür, dass nicht ein Abgeordneter gegen das Gesetz stimmte. Und das Ganze, obwohl San Lorenzo mit über 20 Millionen Euro verschuldet war. Mal wieder bekam die Politik die Macht der Barras zu spüren.

Diese Art von Sondergesetzen ist nicht das einzige in der argentinischen Fußballgeschichte. Auch als Racing im Jahre 1999 Pleite ging, wurde ein Spezialgesetz entworfen. Es besagt, dass Fußballvereine nicht bankrottgehen können, egal wem sie wie viel Geld schulden.

Sogar der jetzige Staatspräsident Maurizio Macri führte einst zehn Jahre lange die Boca Juniors und nutzte seine dort gewonnene Popularität als Sprungbrett für eine politische Karriere.

Ein Abbild der Gesellschaft

So wie in Argentinien das Fußballgeschäft funktioniert, so funktionieren auch alle anderen Bereiche des Landes. Frustration, Gewalt, Spaltung, Intoleranz und vor allem Korruption sind an der Tagesordnung. Die schnell wachsende Armut und Perspektivlosigkeit in den problematischen Stadtvierteln argentinischer Städte füttert dieses System mit immer neuen Handlangern.

Die einzige Möglichkeit dieses System zu stoppen, wäre es „implodieren zu lassen und bei null anzufangen. Aber das möchte niemand. Denn jeder steckt bis zum Hals mit drin und alle machen viel Geld damit.“, sagt Gustavo Gabria

Klar ist, dass eine Stadt wie Buenos Aires, in der es so viele Vereine und Stadien wie nirgendwo sonst auf der Welt gibt nicht ohne den Fußball leben kann. Auch die Barras sind in den Stadien unverzichtbar und beginnen das Spektakel auf den Tribünen mit ihren Fahnen und Trommeln. Doch dieses Spektakel rechtfertigt nicht die Prügeleien und Morde, die im Namen der Barras Bravas begangen werden. Eine Besserung ist aufgrund der Machtlosigkeit der Politik und Verbände jedoch nicht in Aussicht.