Di Stéfano
Flickr / Enrique A Sanabria

Politik & Fußball: Die Entführung des Alfredo di Stéfano

Heutzutage stehen Fußballprofis in der Öffentlichkeit und sind schillernde Persönlichkeiten. Früher war das eigentlich noch anders. Die Fußballer von damals konnten sich frei auf der Straße bewegen –  so dachte man – bis Alfredo di Stéfano dessen sportlicher Erfolg und der große Name zum Verhängnis wurden: 1963 geriet er durch seinen Ruhm ins Visier politischer Bestrebungen. Um Aufmerksamkeit zu generieren, wurde er in Venzuela verschleppt und als Geisel genommen. Hier ist die Geschichte des womöglich ersten Weltstars und den Schattenseiten seines Erfolgs. Es ist die Geschichte von Alfredo di Stéfano, der zum Spielball der Politik wurde.

In Lateinamerika besitzt Alfredo di Stéfano bereits Heldenstatus, bevor man ihn in Europa auf dem Zettel hat. Er war schon mit River Plate zweifacher argentinischer Meister und stand in Kolumbien bei den Millionarios aus Bogotá unter Vertrag, als der junge di Stéfano vermeintlich zum ersten Mal Spielball der Politik wird. Zu diesem Zeitpunkt ging es darum, welcher Klub den torgefährlichen Offensivmann unter Vertrag nehmen darf: Real Madrid oder der FC Barcelona. Es entwickelt sich ein Transferstreit, der bis heute Diskussionen in beiden Lagern nach sich zieht.

Transferstreit und Vorwurf der politischen Einflussnahme

Der FC Barcelona hatte La Saeta Rubia“ (der blonde Pfeil) quasi schon verpflichtet und bereits in Freundschaftsspielen eingesetzt, als Santiago Bernabéu – seines Zeichens Präsident von Real Madrid – auf den Argentinier aufmerksam wurde. Das findige Oberhaupt der Königlichen machte sich die Ungewissheit über die Transferrechte des Spielers zu eigen und überwies eine Ablösesumme an dessen Ex-Klub in Bogotá, während der FC Barcelona über einen Wechsel mit River Plate einig gewesen ist. So kam es zu der Situation, dass sich beide Vereine die Transferrechte des Spielers gesichert hatten und das spanische Sportministerium ein Urteil fällen musste, für welchen Verein der Argentinier letztlich auflaufen soll.

Die hinfällige Entscheidung lautete, dass di Stéfano zwei Jahre in Madrid spielen werde und im Anschluss für zwei weitere Jahre nach Barcelona wechseln solle. Für die Katalanen ein Affront, woraufhin sie von der Verpflichtung des Spielers abrückten. Bis heute existieren Vorwürfe aus dem katalanischen Lager, dass bei diesem Urteil das Franco-Regime seine Finger im Spiel gehabt hätte. Weil er sich mit dem sportlichen Erfolg des Hauptstadtklubs schmückte, soll er diesen beim Transfertheater unterstützt haben. Zwar nur Gerüchte, die aber angesichts anderweitiger Geschichten rund um die Franco-Diktatur nicht abwegig erscheinen.

Di Stéfano als unfreiwillige politische Werbe-Ikone

Falls das Regime tatsächlich aktiv Einfluss genommen hatte, war dieser Eingriff erfolgreich. Alfredo di Stéfano wurde zur Ikone des Klubs und war Gesicht der erfolgreichsten Epoche in der Vereinsgeschichte. Diese Erfolge führten zu enormer Strahlkraft des „blonden Pfeils“ und der resultierende Ruhm rückte ihn parallel noch weiter in den Fokus politischer Bewegungen. Als die Königlichen 1963 in Venezuela bei einem internationalen Turnier angetreten sind, wurde die Bekanntheit di Stéfanos zu dessen Verhängnis: Früh am Morgen klopfte es an seinem Hotelzimmer in Caracas, drei uniformierte Männer standen vor seiner Tür. Sie gaben sich als Polizisten zu erkennen und baten den Argentinier, sie auf das Revier zu begleiten. Der Fußballer soll unter Verdacht stehen, Drogen zu besitzen – wie sich herausstellte nur ein Vorwand.

Mit der Vermutung, lediglich Opfer eines großen Missverständnisses zu sein, begleitete di Stéfano die Gruppe. Die vermeintlichen Polizisten offenbarten später im Wagen, von der Gruppierung „Fuerzas Armadas de Liberacion Nacional“ (FALN), einer linksradikal gerichteten Guerilla-Organisation zu sein. Die Entführer machten ihm klar, dass sie ihn als Geisel nehmen würden, ihm aber nichts zustoßen würde, wenn er sich an die Regeln halte. „Wir haben nichts gegen Sie, wir machen das einfach nur, damit sich die Presse für uns interessiert“, sollen sie dem Fußballer erklärt haben. Die separatistische Bewegung, bestehend aus Regimekritikern, Revoluzern und radikalisierten Mitgliedern der kommunistischen Partei, hatte es sich zum Ziel gesetzt, gegen die Regierung des damaligen venezolanischen Präsidenten Rónulo Betancourt zu protestierten – und die Idee fruchtete.

Verständnisvolles Opfer

Durch die Entführung des erfolgreichsten Fußballers jener Zeit war die FALN in Medien und Öffentlichkeit stark vertreten. Die Entführung schmückte die Titelseiten von Zeitschriften auf der ganzen Welt. Der Erfolg der Aktion war für Di Stéfano ein Glücksfall. Weil das einzige Ziel – Aufmerksamkeit für die Verhältnisse in Venezuela zu erwecken – mit der Entführung erreicht wurde, konnte der Argentinier nach 72 Stunden in Gewahrsam wieder freigelassen werden. Die Entführer brachten den Spieler in die Avenida Libertadores und forderten ihn auf, auszusteigen. Dort nahm er sich ein Taxi und fuhr zur spanischen Botschaft. Trotz der Strapazen demonstrierte das Opfer  Verständnis für die Ziele und Anliegen der Bewegung: „Das waren Altruisten, die haben Ideale“, gab sich der Fußballer anschließend empathisch.

Letztlich kam er mit dem Schrecken davon und blieb unversehrt. Auf Wunsch von Bernabéu ging er sogar am Tag seiner Freilassung bereits wieder seiner Berufung nach, spielte eine Halbzeit gegen São Paulo, ehe er aus Erschöpfung ausgewechselt werden musste. Im Nachhinein kursierten Meldungen, er habe während der Gefangenschaft mit seinen Entführern Karten und Schach gespielt, als hätte der Argentinier neue Freundschaften geschlossen: „Zuhause hängt ein Bild, abgezeichnet von einem der Entführer. Er schickte es mir, um mich für die Leiden zu entschädigen.“ Ob er in Kontakt mit seinen Peinigern geblieben ist, wird nicht berichtet. Aufgrund des glimpflichen Ausgangs der Aktion konnte di Stéfano jedenfalls wieder das tun, was ihm am meisten Freude bereitete: Tore schießen. Ganz getreu seiner Weisheit, „Fußball ohne Tore ist wie ein Tag ohne Sonne.“