Estudiantes
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Estudiantes de la Plata von Osvaldo Zubeldía (1968)

Seitdem der argentinische Fußball 1931 professionalisiert wurde, machten bis 1967 die fünf großen Vereine Racing Club, Independiente, Boca Juniors, River Plate und San Lorenzo den Titel unter sich aus. Erst nach 36 Jahren, 1967, gelang es den Estudiantes de la Plata die Phalanx zu durchbrechen und eine neue Ära einzuleiten.

Eine der beeindruckendsten und erfolgreichsten Mannschaften des argentinischen Fußballs, die in einem Artikel allein nicht beschrieben werden kann, hatte ihren Ursprung am 15.1.1965. An diesem Tag wurde Osvaldo Zubeldía als neuer Trainer der Estudiantes de la Plata vorgestellt. Nach zwei Saisons, in denen man im oberen Mittelfeld landete, gelang 1967 der große Wurf und man konnte als erste Mannschaft die Vorherrschaft der fünf Großen durchbrechen. Neben dem Titel gewann man zusätzlich noch Sympathien im ganzen Land, da man ohne Stars, ohne vermeintliche Bevorteilung der Schiedsrichter, und ohne viel Geld, Meister geworden war. Doch ab 1968 sollten noch viel größere Taten folgen.

Der Trainer – Osvaldo Zubeldía

Estudiantes

By Unknown – http://ozubeldia.blogspot.com/2008/06/el-camino-de-un-triunfador.html (Wikimedia Commons)

Osvaldo Zubeldía leitete eine neue Ära im argentinischen Fußball ein. Als Spieler unspektakulär, machte er als Trainer den Unterscheid aus. Er war seiner Zeit weit voraus, und gemessen an seiner Leistung wird ihm viel zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Zubeldía der nicht umsonst den Spitznamen „El Zorro/Der Fuchs“ verpasst bekam, ist sowohl durch seine Innovationen als auch seine unorthodoxen Trainingsmethoden in Erinnerung geblieben. Die Kernelemente seiner Philosophie sind aber, ganz nach traditioneller Magath-Manier, harte Arbeit und Einsatzwille. Laut dem Fuchs konnte „Schönheit auch Leiden sein“.

Außerdem scheute er nicht davor zurück an der Grenze, oder jenseits des Erlaubten spielen zu lassen. Sein Dogma war, dass man als kleiner Verein alle Mittel ausreizen musste, welche die vorherrschenden Klubs nicht akzeptierten. Estudiantes wurde zudem auch das „verflixte Ding des bürgerlichen Fußballs“ (el hecho maldito del fútbol burgués) getauft, in Anlehnung an den Peronismus, der von der herrschenden bürgerlichen Gesellschaft als ungewolltes Übel angesehen wurde, da er den Status Quo durchbrechen wollte.

Das Training

Zu den traditionellen Tugenden führte Zubeldía die Videoanalyse ein, und fing an Standardsituationen, Taktiken (Abseitsfalle) sowie bestimmte Spielzüge einzustudieren. Auch für die Spieler waren die Methoden komplett neu, „das erste Mal, dass der Trainer auch arbeitete und nicht nur einen Ball hinwarf“. Oscar Malbernat sagte im Vergleich zum Verein „wurde in der Nationalmannschaft improvisiert“.

Zubeldía baute die Mannschaft zusammen mit Hilfe von Jugendtrainer Miguel Ignomiriello hauptsächlich aus Jugendspielern und Neuzugängen von kleineren Vereinen auf. Der Verein wurde gut geführt, die Spieler fühlten sich wohl, und es entstand ein starkes Kollektiv.

Wie bereits erwähnt, stand harte Arbeit über allem, und als Zubeldía eines Tages nicht zufrieden war mit dem Einsatz seiner Spieler, ließ er sie am nächsten Tag um vier Uhr in der Früh antreten. Dann lud er sie in einen Bus und fuhr zum Bahnhof. Dort angekommen befahl er seinen Männern einfach die Leute zu beobachten, die auf dem Weg zur Arbeit waren. Er tat dies „um zu zeigen wie gut es ihnen geht, denn sie würden für das bezahlt was sie am meisten liebten, Fußball spielen“.

Copa Libertadores 1968

Für die 9. Auflage der Copa Libertadores qualifizierte man sich als ungeschlagener Vizemeister des Torneo Nacional (9S, 6U). Zur Meisterschaft reichte es jedoch nicht, da Independiente eine noch bessere Bilanz vorweisen konnte (12S, 2U, 1N). Trotzdem wurde die Serie der 15 ungeschlagenen Spiele in der nächsten Auflage des Torneo Nacional noch bis auf 27 ausgebaut, was bis heute Vereinsrekord ist.

Die Copa Libertadores bestand aus einer ersten Gruppenphase (5 Gruppen), in der jeweils zwei Teams aus zwei Ländern aufeinandertrafen. Estudiantes war dabei mit Independiente in der Argentinien/Kolumbien-Gruppe. Es qualifizierten sich jeweils die beiden Gruppenersten für die Halbfinal-Gruppenphase. Dort traf man abermals auf Independiente, sowie auf Universitario de Deportes aus Lima. Nach einer Auftaktniederlage bei den Peruanern konnte man die restlichen drei Spiele gewinnen und sich für das Halbfinale qualifizieren, in dem man mit Racing Club (Titelverteidiger) schon wieder auf eine argentinische Mannschaft traf.

Nach einer 0:2 Niederlage im Hinspiel, konnte man das Rückspiel mit 3:0 gewinnen. Jedoch musste ein Entscheidungsspiel gespielt werden, da die Tordifferenz erst nach dem dritten Spiel zum Siegkriterium wurde. Das Entscheidungsspiel endete 1:1 Unentschieden, dank eines Fallrückziehertores von Verón, womit man im Finale gegen den brasilianische Meister Palmeiras stand.

War die alte Tordifferenz-Regelung im Halbfinale noch zum Nachteil der Pinchas, so profitierten sie im Finale davon. Nach einem 2:1 Heimsieg und einer 3:1 Auswärtsniederlage, kam es zum Entscheidungsspiel in Montevideo. Im Estadio Centenario, vor tausenden eigenen Fans, die per Fähre die Mündung des Río de la Plata überquerten, holte man sich mit einer bärenstarken Leistung, durch ein 2:0, durch Tore von Felipe Ribaudo und Juan Verón den Pokal.

Neben dem Titel sollte vor allem das Tor von Juan Ramón “La bruja” Verón im Hinspiel in Erinnerung bleiben. Er schoss sieben Minuten vor Abpfiff, nach einem Solo über den halben Platz, bei dem er einen Spieler mehr ausdribbelte als Maradona in seinem berühmten Solo gegen England, das Ausgleichstor. Nur zwei Minuten später drehte Eduardo „Bocha“ Flores das Spiel dann zu Gunsten von Estudiantes.

Weltpokal gegen Manchester United

Im Weltpokal traf man auf Manchester United, das den Europapokal der Landesmeister durch ein 4:1 gegen Benfica Lissabon gewann. Zu dieser Zeit schnürten Weltklassespieler wie Denis Law, Bobby Charlton und George Best die Schuhe für die Engländer; insgesamt sieben Weltmeister von 1966.

Nachdem die vorherige Auflage des Weltpokals, zwischen Racing Club und Celtic Glasgow, in eine Feldschlacht ausgeartet war, befürchtete man dasselbe für dieses Spiel. Zusätzliches Feuer wurde vor dem Spiel durch den Benfica-Trainer Otto Glória gegossen, der den United-Mittelfeldspieler Nobby Stiles als „Attentäter“ bezeichnete. Zudem war noch die WM 1966 präsent, als der England-Coach die Argentinier nach dem Spiel als „Tiere“ bezeichnete.

Hinspiel – 1:0

Das Spiel in Argentinien wurde in der Bombonera ausgetragen, und die Estudiantes-Spieler gingen von Anfang an grenzwertig zu Werke. Vor allem Nobby Stiles wurde hart bearbeitet, sowohl fair als auch unfair, sodass dieser in der 79. Minute endgültig die Nerven verlor, zurückschlug, und die rote Karte sah. In Sachen hartes Spiel stach Carlos Bilardo heraus, über den Sir Matt Busby nach dem Spiel sagte „wenn man den Ball in seiner Nähe hatte, war man in Lebensgefahr“. Und George Best äußerte „es war furchterregend. Wir fuhren dahin und die waren nicht wirklich daran interessiert Fußball zu spielen, sondern um zu treten“. Doch nebenbei wurde auch Fußball gespielt, und Marcos Conigliaro erzielte in der 27. Minute per Kopf das Tor des Tages. Nach dem Spiel jubelten die United-Spieler, dass man nur mit 1:0 verloren hatten, und sie waren für das Rückspiel positiv gestimmt.

Rückspiel – 1:1

In das Rückspiel startete United mit Vollgas und suchte das frühe Tor, um das Hinspiel auszugleichen. Sie erarbeiteten sich auch von Beginn an gute Chancen, doch Alberto Poletti hielt mehrmals herausragend, und nahm seinen Mannschaftskameraden damit die Unsicherheit. Zudem brachte „La bruja“ Old Trafford schon in der 7. Minute mit seinem Kopfballtreffer zum Schweigen. Im Anschluss stemmten sich die Red Devils weiter gegen die Niederlage, doch Poletti wuchs an diesem Tag über sich hinaus und hielt stark gegen Charlton und Law. Kurz vor der Halbzeit hätte jedoch Estudiantes das Spiel fast vorentschieden, doch Conigliaro’s Schuss ging nur an die Latte.

In der 2. Halbzeit kesselte United die Pinchas weiter ein, kam aber erst in der 90. Minute durch Willie Morgan zum Ausgleich. Und dann hätte es schon 1968 fast ein „Barcelona-Finale“ gegeben, denn in der Nachspielzeit erzielte Brian Kidd mit der letzten Aktion den vermeintlichen Siegtreffer, der ein Entscheidungsspiel bedeutet hätte. Allerdings zählte der Treffer nicht, da der Jugoslawische Schiedsrichter wenige Sekunden zuvor bereits abgepfiffen hatte, und Estudiantes schon aufgehört hatte zu spielen.

Sieg als Initialzündung

Noch heute findet man im Vereinsmuseum von Manchester United eine kleine Tafel mit Sprüchen von Zubeldía, die er seinem Team mitgab. Der berühmteste von diesen ist “zu Ruhm kommt man nicht auf einem Rosenweg”. Besser kann man vermutlich auch ihn selbst nicht beschreiben. So kontrovers wie die Spielweise seines Teams auch diskutiert wurde, und so überhart sie manchmal spielten, war die Leistung einmalig. Und zweifelsfrei war der Erfolg das Ergebnis harter Arbeit, auf deren Basis die Pinchas noch mehr Geschichte schreiben sollten.