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WM-Vorschau Brasilien: Sind Tités Mannen titelreif?

Wie vor jeder Weltmeisterschaft gilt Brasilien wieder als einer der Mitfavoriten auf den Titel. Die Mannschaft kann in Russland auf international erfahrene Topspieler zurückgreifen. Mit Tité haben sie zudem einen Trainer dem es gelungen ist, aus lauter Individualisten ein starkes Team zu formen.

Der Weg nach Russland

Der lange Weg durch die südamerikanische Qualifikationsrunde war eine Machtdemonstration und der Beweis der Brasilianer, dass sie zu vergangener Stärke zurückgefunden haben. Mit zehn Punkten Vorsprung auf Verfolger Uruguay und gar 13 Zähler mehr als der Dauerrivale Argentinien, sicherten sie sich bereits vorzeitig das WM-Ticket. Damit war die Mannschaft von Trainer Tité nach dem Gastgeber Russland das erste Team, welches sich für die Endrunde qualifizieren konnte. Nur eine Niederlage musste Brasilien auf dem Weg nach Russland einstecken – und das am 1. Spieltag in Chile, im Oktober 2015.

Die WM-Geschichte

Keine Nation blickt auf eine erfolgreichere Historie zurück als die Seleção. Fünf WM-Titel hat sich die Mannschaft vom Zuckerhut bereits sichern können; als einziges Team waren die Brasilianer an jeder WM-Endrunde beteiligt. Nach 1958, 1962 und 1970 sind die beiden Titel jüngerer Vergangenheit auf 1994 und 2002 datiert. Neben den großen Erfolgen zählen allerdings auch tragische Niederlagen zur Historie der Mannschaft. Besonders erwähnenswert sind die unerwarteten Niederlagen im Maracanã-Stadion gegen den kleinen Nachbarn aus Uruguay im Jahr 1950 und das 1:7-Debakel beim Halbfinale der Heim-WM 2014 gegen die deutsche Mannschaft. Dieses bis dato letzte WM-Spiel der Brasilianer sitzt noch tief in den Köpfen der Bevölkerung und soll nun in Russland vergessen gemacht werden. Der Rekordsieger will jedenfalls nach 16 Jahren wieder den goldenen Pokal nach Brasilien bringen.

Die Mannschaft

Fast schon traditionell sind die Brasilianer mit Weltklassespielern gespickt. Viel wird über Rekordmann Neymar und dessen Fitness gesprochen. Bei 100% soll er aktuell noch nicht sein, aber seine Teilnahme scheint als gewährleistet. Er kann den Unterschied ausmachen – damit ist er allerdings nicht alleine. Das brasilianische Ensemble auf den Superstar von PSG zu reduzieren, wäre der Mannschaft gegenüber aber nicht gerecht: In der Offensive tummeln sich mit Phillipe Coutinho und Gabriel Jesus noch zwei hochbegabte und schnelle Spieler, die in Europa unlängst Fuß gefasst haben. Hinter Gabriel Jesus reiht sich Roberto Firmino vom Champions-League-Finalisten FC Liverpool noch ein und wird ein starker Backup sein, welcher im Zweifel auch von Beginn an kommen kann.

Casemiro und Paulinho im Mittelfeld sind ebenso feste Größen bei ihren Vereinen Real Madrid bzw. dem FC Barcelona. Casemiro wird als „Staubsauger“ vor der Abwehr agieren, während Paulinho eher als „8er“ zu sehen ist und zuletzt durch seine Torgefahr in den Fokus gerückt war. Renato Augusto, der inzwischen seine Brötchen in China verdient, könnte das Mittelfeld komplettieren.

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Auch die Defensivreihe verdient das Prädikat Weltklasse. Mit Thiago Silva und Marquinhos stehen zwei Teamkollegen von Neymar in der Innenverteidigung. Die beiden streiten sich zusammen mit Miranda von Inter Mailand um die beiden Plätze in der Startelf. Auf der linken Außenbahn kann auf Champions-League-Sieger Marcelo und Euro-League-Sieger Filipe Luís zurückgegriffen werden. Rechts muss man den Ausfall von Routinier Dani Alves verkraften. Er wird voraussichtlich durch Danilo ersetzt, der zwar nicht die Erfahrung und Klasse von Alves besitzt, allerdings bei Manchester City in der Premier League ordentliche Leistungen zeigt.

Und selbst das traditionelle Torwartproblem scheint der Vergangenheit anzugehören: Spielen wird voraussichtlich Alisson vom AS Rom, welcher eine überragende Saison gespielt hat und mit vielen Topklubs in Verbindung gebracht wird. Bereits in der Qualifikationsrunde war er seinen Vorderleuten ein sicherer Rückhalt. Sein Backup ist Ederson, Stammtorhüter vom englischen Meister Manchester City.

Der Trainer

Der brasilianische Nationalcoach Adenor Leonardo Bacchi, kurz Tité, hatte bereits nach wenigen Monaten etwas geschafft, was seinem Vorgänger Dunga verwehrt geblieben ist. Er hat den Respekt und die Anerkennung der Fans, Spieler und Experten im Land. Dieses steht, so scheint es, geschlossen hinter dem Trainer und seiner Mannschaft. Sogar den Aufruf „Staatspräsident Tité“ gab es nach der geglückten Qualifikation und den parallel dazu verlaufenden Skandalen auf der Politikebene des Landes – nur um sich Mal ein Bild des Ansehens des Trainers machen zu können.

Schlaflos sei er gewesen, gab Tité zu, nachdem ihm der Posten in der Selecão angeboten wurde. Brasilien stand auf einem sechsten Platz in der WM-Qualifikation, der nicht zur Teilnahme in Russland genügt hätte. Zudem stand das schwere Auswärtsspiel beim Tabellenzweiten Ecuador auf knapp 3000 Höhenmetern an. Keine leichte Ausgangsposition für jemanden, der sich in seiner Karriere zuvor Stufe um Stufe hochgearbeitet hatte und von vielen Experten schon länger als Nationaltrainer gehandelt wurde. Er startete als Sportlehrer, wurde Trainer im Amateurbereich und arbeitete in der Jugend. Es folgten Anstellungen in Liga 2 und Liga 1. 2010/2011 sortierte er bei Corinthians unter anderem einen gewissen Ronaldo aus, für den es seiner Meinung nach nicht mehr reichte.


Facebook/Confederação Brasileira de Futebol

Nach ein paar schlaflosen Nächten sagte er jedoch zu, und gewann sein erstes Pflichtspiel als Trainer Brasiliens in der Höhe Ecuadors 3:0. Es folgten neun Siege am Stück und die souveräne Qualifikation für Russland.

Brasilien spielt unter Tité souveräner und versucht den Gegner im Griff zu haben, ohne jedoch Künstlern wie Neymar oder Coutinho Freiräume zu nehmen. Tité denkt pragmatisch, den Gegner in und auswendig zu kennen gehört für ihn zum A und O eines Spiels. Seinen Plan von Kombinationsfußball mit überfallartigen Angriffen passt perfekt zu den individuell starken Spielern, denen der „Psychologe“ Tité jeglichen Druck zu nehmen versucht. Der Umgang mit seinen Stars scheint eine weitere Kunst Tités zu sein. Im WM-Quartier werden die Familien unweit der Spieler wohnen. Psychologischer Kniff sagen die einen, unprofessionell und unverantwortlich die anderen.

Vom letzten Weltmeistercoach der Brasilianer stammt übrigens sein Spitzname. In den 70ern spielte Tité mit Luiz Felipe Scolari im Süden Brasiliens beim Klub Caxias. Scolari verwechselte ihn damals mit einem anderen Spieler namens „Tité“. Scolari war zwar schnell wieder weg, der Name blieb bis heute.

Der Schlüsselspieler

Schafft er es oder nicht? Ist die Verletzung wirklich so gravierend oder sind die Sorgen unbegründet? Keine Verletzung im Jahr 2018 hat ein Land so dermaßen beschäftigt wie der Haarriss im Mittelfußknochen, den sich Neymar da Silva Santos Jùnior Ende Februar beim Spiel gegen Marseille zuzog. In unzähligen Talkshows und Radiosendungen wurde ein möglicher Ausfall Neymars für die Weltmeisterschaft in Russland diskutiert. O-Ton: ein gutes Abschneiden, was für Brasilien nicht weniger als den Weltmeistertitel bedeutet, sei alleine mit dem Ballkünstler von Paris Saint-Germain zu erreichen. Als ob die Selecão nicht über weitere großartige Fußballer mit Weltklasse-Format verfügen würde. Doch niemand von ihnen verkörpert nunmal diese individuelle Klasse eines Neymars, der nicht unbegründet auf eine Stufe hinter den zwei Giganten Lionel Messi und Cristiano Ronaldo gestellt wird. Im Land des Rekordweltmeisters, sehen viele in ihm sogar schon den besten Fußballer des Planeten.

Es sind die genialen Momente, Dribblings in atemberaubenden Tempo und wunderschönen Tore, die die Fans verzücken lassen. Er war es, der die Brasilianer 2016 zum Olympiasieg gegen Deutschland schoss. Gegen das Land, gegen das Brasilien ohne ihren verletzt fehlenden Superstar bei der Heim-WM 2014 die denkwürdigste Fußballpleite in der Geschichte Brasiliens erleben musste.


Facebook/Confederação Brasileira de Futebol

Zwar gehören zu Brasiliens 1A-Offensive mit Coutinho, Roberto Firmino oder Gabriel Jesus weitere Garanten des europäischen Spitzenfußballs, doch keinem dieser Spieler werden so extrem spielentscheidende Fähigkeiten wie Neymar zugeschrieben. Seine Kreativität, seine Abschlüsse, seine Dribblings, seine Finten und seine Technik sind auch unter diesen vielen Ausnahmekönnern einmalig. Zwar werden in Brasiliens Formation auch auf Defensivspieler wie beispielsweise Casemiro Schlüsselrollen zukommen, die allergrößte hat allerdings zweifelsohne Neymar inne.

Das Talent

Neben all den Stars wie Neymar, Coutinho, Casemiro usw. sticht ein junger Mann mit markanten Wangenknochen heraus. Die Rede ist von Gabriel Fernando de Jesus, kurz Gabriel Jesus. Der Youngster vom englischen Meister Manchester City gilt als größtes Talent im WM-Kader der brasilianischen Nationalmannschaft. Obwohl er erst 21 Jahre ist, wirkt er schon sehr abgezockt. Nationaltrainer Tité baut große Stücke auf den jungen Mann und plant mit ihm fest als 9er. Dass es das Vertrauen der Mannschaft und seines Coaches hat, wurde im Testspiel gegen Kroatien deutlich, als er die Seleção sogar als Kapitän aufs Feld führte, obwohl mit Thiago Silva, Marcelo und Casemiro etablierte Stammkräfte in der Startelf standen.


Facebook/Gabriel Jesus

Doch was macht Gabriel Jesus so stark und zugleich wertvoll für die brasilianische Nationalmannschaft? Dazu müssen wir einen Blick auf seine Vergangenheit werfen. Das Bild wie er für die Weltmeisterschaft 2014 die Straßen bemalt, ging weltweit viral. Vom Tellerwäscher zum Millionär. So könnte wohl eine Headline über Gabriel Jesus lauten. Nur, dass er eben keine Teller gewaschen hat, sondern Straßen bemalte. Vier Jahre später ist er nun einer der großen Hoffnungsträger des brasilianischen Volkes. Der 1,75m große Stürmer entstammt der Palmeiras-Jugend. Bereits bei den Junioren zeigte sich sein großes Talent. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er für die Profis debütieren würde. Bereits 2014 wurde er hin und wieder in den Profikader berufen, bekam aber noch keine Einsatzzeiten. 2015 war es dann soweit: Gabriel Jesus debütierte erstmals für Palmeiras und wurde am Ende der Saison auch noch zum Newcomer des Jahres gekürt. 2016 legte er noch eine Schippe drauf und führte Palmeiras erstmals nach 22 Jahren wieder zu einer Meisterschaft. Es folgte die Berufung in den Olympia-Kader und anschließend in die Seleção. Für 32 Mio. Euro wechselte das Supertalent im letzten Jahr zu Manchester City und mischte die Premier League ordentlich auf: 20 Tore in 39 Spielen sprechen für sich. Seine Quote in der Nationalmannschaft kann sich ebenfalls sehen lassen: 9 Tore in 16 Einsätzen.

Doch was macht ihn so wertvoll? Gabriel Jesus kann als Mittelstürmer, falsche 9 oder auch auf den beiden Außenpositionen spielen. Zudem gilt er als klassischer Straßenfußballer: Dribbelstark, wendig, explosiv und zugleich trickreich. Ein Alleskönner eben.

Chefutbol-Prognose

Die brasilianische Nationalmannschaft gilt ganz klar als einer der heißen Favoriten auf den Titel. Mit Serbien, Costa Rica und der Schweiz haben die Männer vom Zuckerhut eine Gruppe erwischt, in der sich die Brasilianer mit großer Wahrscheinlichkeit als Tabellenerster für KO-Runde qualifizieren dürften. Personell ist die Seleção großartig besetzt. Heißt: Das Minimalziel kann nur Halbfinale lauten. Wenn es den Brasilianern gelingt, im Kollektiv ihr Können abzurufen,, dann ist der WM-Titel allemal drin (vielleicht auch ein Muss).