Zamorano

Ivan Zamorano: Der chilenische Bomber

Ivan “Bam Bam” Zamorano war ein Mittelstürmer, ein klassischer Neuner, ein Killer vor dem Tor. Ein Porträt über die personifizierte Torgefahr.

Die klassische Nummer 9 ist im heutigen Fußball eine aussterbende Spezies. Gerade in Mannschaften, die ein ballbesitzorientiertes Spiel pflegen, werden Mittelstürmer immer häufiger von der modernen Variante verdrängt, quasi ein Angreifer 2.0. Die falsche 9 spielt umtriebig, lässt sich fallen und ist kaum mehr im gegnerischen Strafraum anzutreffen. Doch es gab auch einmal Zeiten, da verbreiteten klassische Torjäger genau dort Angst und Schrecken. Ivan der Schreckliche beispielsweise.

Die Rede ist von Ivan Zamorano, ein Strafraumungeheuer der 90er-Jahre. Er erhielt seinen Spitznamen in Anlehnung an Iwan IV. Wassiljewitsch, im 16. Jahrhundert der erste Großfürst von Moskau und später selbsternannter Zar Russlands. Mit der historisch belegten Grausamkeit des autoritären Machthabers hat Zamorano jedoch wenig gemein. Der Chilene war als aktiver Fußballer, zum Leiden der gegnerischen Abwehrspieler, einfach nur grausam effizient.

Seine ersten Tore im Profifußball machte Zamorano für Club de Deportes Cobresa, ein chilenischer Verein aus El Salvador, dessen Stadion am Fuße der Anden liegt. Bereits in jungen Jahren zeigte der Stürmer seine klinische Effizienz, mit 20 war er fester Bestandteil der chilenischen Nationalmannschaft, seinen ersten Treffer für “La Roja” erzielte er gleich bei seinem Debüt gegen Peru.

Vom vermeintlichen Transferflop zum Torschützenkönig – Traumduo mit Davor Šuker

Die Qualitäten des Stürmers hatten sich nun bis nach Europa rumgesprochen. Im Jahr 1988 nahm ihn der FC Bologna unter Vertrag, nur um ihn leihweise in die Schweiz zum FC St. Gallen abzuschieben, da man ihn beim italienischen Erstligisten als nicht gut genug befand. Ein großer Irrtum, wie sich später herausstellen sollte. Für Bologna machte der damals schmächtige Zamorano kein einziges Spiel, St. Gallen nahm den Chilenen nur gegen eine Zuzahlung des FIFA-Agenten Vinico Fioranelli in seinen Kader auf. Er war der erste südamerikanische Spieler in der Geschichte des Erstligisten, seine Motivation für den Wechsel in die Schweiz war aber eine andere. “Ich wollte meiner Familie ein Haus kaufen, einen schönen Platz, in dem alle gemeinsam wohnen können. Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich mir so etwas leisten”, erzählte der in Armut aufgewachsene Stürmer einmal über die damalige Zeit.

Zamorano war ein von den schweizerischen Medien prognostizierter Transferflop, doch diese Stimmen verstummten schnell, als er mit 23 Treffern Torschützenkönig der nationalen Liga wurde. Nach zwei Spielzeiten beim FC St. Gallen wechselte der heute 49-Jährige nach Spanien zum FC Sevilla, wo er mit dem Kroaten Davor Šuker ein Sturmduo bildete, von dem sie sich noch heute bei den Andalusiern erzählen. Schnell legten die beiden ein nahezu blindes Verständnis an den Tag und harmonierten so, als hätten sie seit jeher als Doppelspitze auf dem Feld gestanden. Šuker, gesegnet mit einer Technik wie kaum ein anderer Angreifer zu dieser Zeit, war die perfekte Ergänzung zu Zamoranos Torinstinkt und Kaltschnäuzigkeit.

Die große Bühne wartete auf Zamorano

Gemeinsam spielten sie sich ins Rampenlicht, doch Zamorano war nach nur zwei Jahren bei Sevilla bereit für eine noch größeren Bühne, der vielleicht bedeutendsten im europäischen Fußball: Real Madrid verpflichtete den Chilenen im Jahr 1994 für die heute winzig anmutende Ablöse von fünf Millionen Dollar. Hier erlebte Zamorano unter Trainer Jorge Valdano die wohl beste Zeit seiner Karriere. Der Argentinier, früher selbst für die Königlichen am Ball, war die vielleicht prägendste Figur in der Karriere Zamoranos. “Ich hatte viele tolle Trainer, doch Valdano war definitiv der Beste. Als Spieler bin ich unter ihm unglaublich gereift. Er ist eine ehrliche Person, die Vertrauen in mich hatte”, erzählte der Chilene in einem Interview mit dem britischen FourFourTwo-Magazin.

Während seiner Zeit in Madrid erzielte Zamorano 101 Tore in 173 Spielen – zur damaligen Zeit eine der besten Trefferquoten in der Geschichte der Königlichen. Mit 27 Treffern wurde der Chilene 1995 Torschützenkönig, im selben Jahr gewann er mit Real Madrid die spanische Meisterschaft und durchbrach so die Dominanz des FC Barcelona, der in den Spielzeiten zuvor den nationalen und internationalen Fußball unter Trainer Johann Cruyff maßgeblich geprägt hatte. Es war das Ende einer Ära, das Real Madrid mit einem berauschenden 5-0 Erfolg im Clasico bereits während der Saison einläutete. Zamorano erzielte an jenem Tag drei Tore und galt nun als einer der besten Stürmer der Welt.

Von Real Madrid zu Inter Mailand und zur Rückennummer “1+8”

Doch auch die Ära Zamoranos bei Real Madrid währte von da an nur mehr ein Jahr, 1996 verließ er die spanische Hauptstadt in Richtung Mailand. Die Königlichen wollten eine Mannschaft um den jungen Raúl aufbauen, bei Inter war gerade Massimo Moratti neuer Eigentümer geworden, um den Klub zu altem Glanz zu führen. Zamorano wählte wieder seine angestammte Rückennummer 9 und erreichte in der ersten Saison mit den Nerazzurri das Uefa Cup-Finale gegen Schalke 04, wo man gegen die “Eurofighter” jedoch den Kürzeren zog.

Es war das Jahr 1997, das bei Inter und Zamorano große Veränderungen mit sich brachte. Moratti verpflichtete mit Ronaldo den damals teuersten und besten Spieler seiner Zeit. Der Chilene verlor nicht nur seinen Stammplatz, sondern aus Marketinggründen auch seine Rückennummer. “R9” ist bei Nike eine internationale Marke geworden, Inter hatte mit dem amerikanischen Giganten gerade einen Ausrüster-Kontrakt unterzeichnet. Zamorano wollte aber nicht auf seine Lieblingsnummer verzichten. Er wählte die 18 und ließ das Trikot zwischen den Ziffern kurzerhand mit einem “+” bedrucken. Zumindest in der Summe hatte der Chilene wieder seine Nummer 9.

Mit Ronaldo war Inter wieder im Konzert der Großen angekommen. In der Serie A belegten die Mailänder den 2. Platz hinter Juventus Turin, noch heute diskutieren die Tifosi über fragwürdige Schiedsrichterentscheidungen während der Saison 97/98. Im Uefa Cup erreichte Inter abermals das Finale, gewann diesmal aber 3:0 gegen Lazio Rom. Zamorano war neben Ronaldo einer der Torschützen an jenem Abend von Paris.

Unrühmliches Ende bei Colo Colo

In den Folgejahren investierte Moratti voller Sehnsucht nach dem Scudetto immer mehr Geld in die Mannschaft, allen voran im Angriff. Große Namen wie Christian Vieri, damals der teuerste Transfer aller Zeiten, Roberto Baggio oder Álvaro Recoba sorgten dafür, dass Zamorano fortan nicht mehr über die Rolle des Ergänzungsspielers hinauskam. Seine Karriere beendete er wenig rühmlich bei Colo Colo in Chile. Beim Finalrückspiel der Apertura-Runde 2003, das Colo Colo gegen CD Cobreloa bestritt, rastete der Stürmerstar aus und attackierte aufgrund einer umstrittenen Abseitsentscheidung den Schiedsrichter mit Fausthieben und Fußtritten. Das Ergebnis seines Ausrasters: die rote Karte wegen Tätlichkeit und in der Folge eine Rekordsperre von elf Spielen, die vom nationalen chilenischen Verband verhängt wurde. Colo Colo verlor das Spiel 0:4 und Zamorano beendete daraufhin seine Profikarriere. Es war der wohl unrühmlichste Moment von Ivan dem Schrecklichen.