Copa America in Brasilien – wer hat die besten Titelchancen?

Am 14. Juni ist es endlich so weit. Die 45. Ausgabe der Copa America – dem südamerikanischen Pendant zur Europameisterschaft – steigt dieses Jahr in Brasilien. Letzte Woche gaben die Trainer der Teilnehmerländer ihre endgültigen Kader für das Turnier bekannt. Die fußballverrückten Fans Südamerikas fiebern dem mit Superstars gespickten Wettbewerb nun sehnsüchtig entgegen und diskutieren über mögliche Ausgänge der diesjährigen Copa America. Schafft es Chile nach 2015 und der 100- jährigen Jubiläumsausgabe 2016 erneut den Titel zu verteidigen oder kann die brasilianische „Seleção“ rund um den umstrittenen Superstar Neymar die Schmach der Heim–WM 2014 bei der Heim–Copa 2019 vergessen machen? Schafft es Lionel Messi endlich einen prestigeträchtigen Titel mit der Nationalmannschaft zu holen und somit sämtliche Finalniederlagen hinter sich zu lassen?

Neymar als Kapitän entmachtet – Alves als Nachfolger

Brasiliens Superstar Neymar hat für seinen jüngsten Aussetzer nach dem verlorenen französischen Pokalfinale gegen Stade Rennes, als er einem feiernden Rennes-Fans auf dem Tribünenaufgang ins Gesicht geschlagen hatte, die Quittung von Nationaltrainer Tite bekommen. Dieser entzog Neymar die symbolträchtige Kapitänsbinde und ernannte Dani Alves, ebenfalls von Paris Saint-Germain, zu dessen Nachfolger. Neymars Verhalten neben dem Platz – zuletzt ließ er sich mit seinem Privat-Helikopter auf dem Trainingsgelände der Seleção absetzen – sorgte zuletzt immer wieder für Diskussionen in den Medien und brachte somit Unruhe in die Mannschaft.

Schaut man sich jedoch den Kader Brasiliens an, kann man gar nicht anders als dem Team die Favoritenrolle zu zuschieben. Das, auch in der Breite, sehr stark besetzte Aufgebot weißt keine erkennbare Schwachstelle auf. Zwölf der nominierten 23 Spieler konnten mit ihren Vereinen die jeweiligen Ligen gewinnen, Torwart Allison und Stürmer Firmino (beide FC Liverpool) zuletzt sogar die Champions League. Dass der in den letzten Jahren so prägende Außenverteidiger Marcelo von Real Madrid und der diese Saison so stark spielende Lucas Moura von den Tottenham Hotspurs nicht berücksichtigt wurden, zeugt von der großen Auswahl, die Trainer Tite zur Verfügung hat.

Mit Ersatztorwart Cassio und Außenverteidiger Fagner von Corinthians Sao Paulo sowie Stürmer Everton von Gremio Porto Alegre finden sich nur drei noch in der Heimat aktive Spieler im Kader. Alle anderen Akteure verdienen ihr Geld in Europa.

In der Gruppe A trifft Brasilien im Eröffnungsspiel auf Bolivien. Peru und Venezuela komplettieren die das Quartett.

Sollte es Trainer Tite gelingen der Mannschaft Teamgeist einzuhauchen und Neymar seine störenden Starallüren auszutreiben, wäre Brasilien sicherlich der heißeste Kandidat auf den Titel der Copa America. Grade vor heimischem Publikum ist der Ansporn die neunte südamerikanische Kontinetalmeisterschaft zu gewinnen mit Sicherheit nochmal größer.

Der Final-Fluch des Lionel Messi

Angeführt vom wohl momentan besten Fußballer der Welt Lionel Messi, der erst im März sein Nationalmannschaftscomeback gab, gehört auch Argentinien zum engeren Favoritenkreis der Copa America. Auch wenn sich der neue Trainer Lionel Scaloni für sehr viele neue Gesichter im 23-Mann Kader entschieden hat, hat man mit Messi, Dybala, di Maria und Agüero immer noch etablierte Spieler von Weltklasseformat. Letzterer hatte nach dem Achtelfinal-Aus gegen Frankreich bei der WM 2018 ebenfalls eine Pause eingelegt und kehrt nun zu seinem wohl letzten großen Turnier im Trikot der Nationalmannschaft zurück. Nachdem man bei den Turnieren 2014 (WM), 2015 und 2016 (beides Copa America) jeweils im Finale scheiterte, setzt Trainer Scaloni auf einen Umbruch im Team. Damit kommt er der Forderung der Fans der Albiceleste nach, endlich vermehrt auf Spieler der heimischen Liga zu setzen und nicht auf „die europäischen Söldner“, denen ein Titel mit der Nationalmannschaft egal sei und sie auch dementsprechend ohne „Herzblut“ spielten. Insgesamt sieben Spieler aus der argentinischen Superliga stehen im Aufgebot Scalonis. Auf Spieler wie Stürmer Gonzalo Higuain oder Mauro Icardi, der in den letzten Wochen oft negativ auffiel und bei Inter Mailand die Kapitänsbinde verlor, verzichtet der neue Coach komplett.

Sollte es Lionel Messi gelingen an seine starke Saison mit Barcelona anzuknüpfen und endlich auch mal einen Titel mit der Nationalmannschaft zu gewinnen, würde er es allen Zweiflern und Kritikern in der Heimat noch einmal zeigen. Falls nicht würde er auf ewig im Schatten Diego Maradonnas stehen, der sogar Weltmeister mit der Albiceleste werden konnte. Um den ewigen Rivalen Brasilien zu schlagen und die Copa America nach 1993 endlich mal wieder nach Argentinien zu holen, braucht es allerdings einen Messi in Topform und eine Mannschaft, die alles aus sich rausholt und ihren Superstar unterstützt.

In der Gruppe B trifft Argentinien auf Geheimfavorit Kolumbien, Paraguay und Gastmannschaft Katar.

Chile, Kolumbien und Uruguay im erweiterten Favoritenkreis – Katar und Japan als Gastmannschaften

Titelverteidiger Chile, Kolumbien um Superstar James Rodriguez und Uruguay mit den beiden Topstürmern Luis Suarez und Edinson Cavani komplettieren den Favoritenkreis. Chile kann sich dieses Jahr allerdings nur geringe Hoffnungen auf eine weitere Titelverteidigung machen. Ehemalige Topspieler wie Aturo Vidal oder Alexis Sanchez spielten diese Saison bei ihren Vereinen keine große Rolle mehr und haben nicht die nötige Spielpraxis, um auf Topniveau mithalten zu können. Ähnliches gilt für Kolumbien. Stars, wie der noch bei Bayern unter Vertrag stehende James oder Juan Cuadrado von Juventus Turin, hatten die Saison immer wieder mit kleineren Verletzungen zu kämpfen und wurden zu selten aufgestellt. Rekordsieger der Copa America (15 Titel) Uruguay hat hingegen die besten Chancen einen der beiden Topfavoriten zu ärgern. Zwar muss Trainerlegende Oscar Tabárez noch um den Einsatz des angeschlagenen Luis Suarez bangen, hat aber mit Godin und Gimenez von Atletico Madrid zwei Weltklasse Innenverteidiger in der Startelf. Auch das Mittelfeld, mit den Jungen Lucas Torreira vom FC Arsenal und Rodrigo Bentancur von Juventus Turin, die diese Saison beide überzeugen konnten und viel Spielzeit bekamen, ist gut besetzt. Sollte Suarez, dessen Rückkehr auf den 08.06 datiert ist, bis zum Turnierstart wieder fit sein, ist mit Uruguay definitiv zu rechnen.

In der Gruppe C trifft die Auswahl von Oscar Tabarez auf Chile, Ecuador und Japan.

Das Feld von zwölf Teilnehmern komplettieren dieses Jahr nicht wie so häufig Mexiko und noch ein anderes sich auf dem amerikanischen Kontinent befindlichen Landes, sondern Japan, die 1999 schon einmal dabei waren, und der umstrittene WM-Gastgeber 2022 Katar. Grade für Katar ist das Turnier der letzte Pflichtspieltest vor der Weltmeisterschaft, da sie als Gastgeber keine Qualifikation spielen. Nachdem man den Asia Cup dieses Jahr schon gewinnen konnte, folgt nun der erste Härtetest gegen Mannschaften, die bei jeder Weltmeisterschaft zum Kreis der Favoriten zählen.