Libertadores

Copa Libertadores: Verzerrt das Klima den Wettbewerb?

Die Copa Libertadores sorgt dieses Jahr für viel Zündstoff. Das liegt allerdings nicht nur an den Ausschreitungen rund um das Final-Rückspiel, sondern auch am unterschiedlichen Klima Südamerikas.

Rund um das „Superfinal“, wie dieses Jahr das Finale der Copa Libertadores in Anlehnung an den „Superclassico“, dem wohl berühmtesten Stadtderby der Welt zwischen den Boca Juniors und River Plate genannt wird, gab es in den letzten Tagen viel Aufruhr. Jetzt soll es nach mehrfachen Verlegungen am kommenden Samstag in Madrid zum Final-Rückspiel der beiden Erzrivalen kommen. Während diese Paarung in einem Endspiel der Copa Libertadores für viele argentinische Fußballfans der Höhepunkt ihres Fußballjahres, wenn nicht sogar ihres Fußballlebens bedeutet, gibt es immer wieder Stimmen, die die Fairness der Copa Libertadores in Frage stellen. Hauptkritikpunkt ist, dass sich aufgrund klimatischer Gegebenheiten des großen Kontinents eindeutige Vorteile für einige Teams ergeben. Ist an diesen Aussagen etwas dran, oder handelt es sich dabei um die Meinung von Menschen, die mit Niederlagen nicht klarkommen?

Geographische Besonderheiten Südamerikas

Weite Teile Südamerikas liegen in den Tropen. Dort sind Temperatur und Luftfeuchtigkeit ganzjährig sehr hoch. Im Westen des Kontinents erstrecken sich jedoch in Nord-Süd-Richtung die Anden. Dort wird das Klima wesentlich stärker von der Höhenlage als von der Breitenlage bestimmt. Während es in den Tropen unangenehm heiß ist, nimmt im Gebirge mit steigender Höhe nicht nur die Temperatur, sondern auch der Sauerstoffgehalt der Atemluft ab. Eine Akklimatisierung würde einige Zeit in Anspruch nehmen, die man im Fußballgeschäft natürlich nicht hat. Die Fifa versuchte beispielsweise 2008 ein Dekret durchzusetzen, welches für Spiele in Höhenlagen über 3000 Meter eine Akklimatisierungszeit von zwei Wochen zwingend voraussetzt. Gerade in Bolivien traf dieser Beschluss auf sehr viel Protest, da es schwierig geworden wäre die Heimspiele der bolivianischen Nationalmannschaft im Stadion der größten Stadt des Landes La Paz, das auf 3637 Metern über dem Meeresspiegel liegt, auszutragen. Präsident Evo Morales schaffte es damals mit einer Klage wegen Diskriminierung und Ausgrenzung bei den Vereinten Nationen eine Ausnahmeregelung für La Paz zu beantragen und kippte die Regelung der Fifa.

Heimstärke bolivianischer Vereine

Nicht zu übersehen ist allerdings die äußerst auffällige Heimstärke der bolivianischen Klubmannschaften auf internationaler Ebene und der Nationalmannschaft in den Qualifikationsrunden für Weltmeisterschaften. Der Verein The Strongest aus La Paz beispielsweise gewann in der Copa Libertadores im eigenen Stadion 50 von 79 Partien. 13 Spiele gingen verloren und 16-mal teilte man sich die Punkte mit dem Gast. Auswärts dagegen konnten man von 77 Spielen nur vier gewinnen und verlor 61 Partien. Dasselbe ist bei der bolivianischen Nationalmannschaft zu beobachten. In der Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2018 in Russland holte man alle 14 Punkte in La Paz. Gerade die großen und stolzen Fußballnationen in Südamerika, wie Brasilien und Argentinien, versuchen immer wieder einer Partie in La Paz aus dem Weg zu gehen.

Spricht man mit bolivianischen Fußballballfans bekommt man oft als Antwort, dass gerade die brasilianischen „Diven“ die Bedingungen einfach akzeptieren sollten und es in der schon erwähnten schwül-heißen Hitze brasilianischer Städte auch nicht einfacher zu spielen sei.

Gleicher Meinung sind auch Sportärzte wie Robert C. Roach. Der Spezialist für Höhenmedizin von der Universität Colorado schreibt, dass hohe Temperaturen Athleten vor wesentlich größere Probleme stellen als die Höhe das tut. Der Akklimatisierungsprozess bei Hitze vollzieht sich nur, wenn man sich mindestens fünf Tage in der Hitze belastet. So viel Zeit hat man als Fußballer während einer „englischen Woche“ (drei Spiel in sieben Tagen) allerdings nicht. Warum die Fifa in diesem Falle nichts vorschreiben möchte, weiß niemand. Der Verdacht, dass sich mit dem attraktiveren Fußball brasilianischer Klubs und der Nationalmannschaft, gegenüber der aus Bolivien mehr Geld verdienen lässt, ist, gerade aufgrund jüngst aufgedeckter Vorgänge innerhalb der Fifa, nicht ganz so weit hergeholt.

Erfindergeist der Teamärzte gefragt

Um den körperlichen Einschränkungen der Höhe zu entgehen, überlegten sich Teamärzte in der Vergangenheit schon die verrücktesten Dinge. Die Spieler von River Plate bekamen 2015 vor dem Spiel gegen den bolivianischen Verein Club San José aus Oruro eine Mixtur aus Koffein, Aspirin und Viagra verabreicht. Das gleiche war bei Gremio Porto Alegre in Brasilien im Gespräch, als sie in der Copa Libertadores bei mehreren Auswärtsspielen in Folge gegen Klubs ranmussten, deren Stadien jenseits der 2500 Metermarke liegen.

Viagra scheint also nicht nur ein Potenzmittel zur sein, sondern auch ein Medikament mit dem Traditionsreiche Vereine von der Küste gegen die Höhenkrankheit vorgehen. Sildenafil, ein Wirkstoff in Viagra, senkt nämlich den Lungenhochdruck, zu dem es in Folge des Sauerstoffmangels in extremen Höhen kommt. Ob Viagra in der in der verabreichten Dosierung bei den Spielern auch so gewirkt hat, wie es das normalerweise tut und manche Körperteile stärker durchblutet wurden als andere, ist nicht überliefert.

Keine Copa Libertadores-Sieger aus Bolivien

Trotz der Vorteile bolivianischer Teams in der Höhe, schaffte es noch keines die wichtigste Trophäe im südamerikanischen Vereinsfußball zu gewinnen, geschweige denn ins Finale zu kommen. Spätestens im Halbfinale war bisher immer Schluss. Ein Grund dafür ist, dass die finanziellen Mittel der Klubs aus dem ärmsten Land Südamerikas deutlich geringer sind, als die der Teams aus Buenos Aires oder Rio de Janeiro. Außerdem gibt es auch immer ein Rückspiel, bei dem sie dann auch mit den „unfairen“ klimatischen Bedingungen der Stadt des Kontrahenten leben müssen und diese, wie die Statistik von The Strongest zeigt, meistens als Verlierer verlassen.

Es ist ganz klar zu sehen, dass aufgrund der klimatischen Beschaffenheit Südamerikas in einem internationalen Wettbewerb ganz selten „faire“ Bedingungen geschaffen werden können. Denn so wie die einen von der Höhe stark beansprucht werden, leiden die anderen unter schwül-heißen Temperaturen. Sich zu beschweren ändert nichts, auch wenn die Fifa schon versucht hat den Sport in über 3000 Metern Höhe einzuschränken. Gibt man sein bestes und hat den totalen Siegeswillen, ändert auch das Klima nichts am Ausgang eines Spieles. Den Sport in der Höhe einzuschränken, während man bei 95 Prozent Luftfeuchtigkeit und 40 Grad Celsius spielen lässt, wäre allerdings, wie es der bolivianische Präsident Evo Morales damals so schön sagte, „gegen die Universalität des Sportes“ und eine „Aggression gegen alle Familien und menschlichen Wesen, die in der Höhe leben“.