Pinola
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Javier Pinola: Schabrackentapir und Robin Hood

Die Rückspiele im Halbfinale der Copa Libertadores stehen heute Nacht an, und mit Javier Pinola befindet sich noch ein alter Bekannter aus der Bundesliga im Kampf um die Krone des südamerikanischen Vereinsfußballs. In Nürnberg einst für zu alt befunden, erlebt der 34-jährige in seiner Heimat einen goldenen Karriereherbst.

Heute Abend spielt der ehemalige Nürnberger Pokalheld mit River Plate im Rücksiel gegen CA Lanús; das Hinspiel gewann River Plate mit 1:0. Und selbst so mancher Clubberer wird stutzen und fragen: „Unser Pinola?“ Nur um sich anschließend für ihn zu freuen und zu erwidern: „Der hat alles richtiggemacht, dass er nicht bei uns geblieben ist.“ Der Glatzkopf der zehn Jahre und über 400 Spiele das rot-schwarze Dress mit für Franken ungewohnt viel Emotionen trug, und dem Verein in guten wie in schlechten Zeiten treu war, erfreut sich im Frankenland nach wie vor großer Beliebtheit. Mittlerweile trägt ein Block im Max-Morlock-Stadion seinen Namen, und im städtischen Tiergarten wurde ein Schabrackentapir nach ihm benannt.

Nach Nürnberg kam der damals noch mit viel Haar gesegnete Pinola zur Saison 2005/06 auf Leihbasis von Atlético Madrid. Bei den Colchoneros hatte er sich zuvor nicht durchsetzen können, und war in die Heimat an Racing Club zurückverliehen worden, was ihm immerhin die Ehre einbrachte mit Diego “Cholo” Simeone in derselben Mannschaft zu spielen. Bei seinem zweiten Versuch in Europa Fuß zu fassen stand der junge Verteidiger daher bereits unter dem Druck den Durchbruch schaffen zu müssen. Voller Tatendrang musste er sich aber zunächst einen katastrophalen Saisonstart mit sieben sieglosen Spielen überwiegend von der Bank aus anschauen.

Doch nach der Entlassung von Wolfgang Wolf, und der darauffolgenden Verpflichtung von Hans Meyer wendete sich sowohl für den Argentinier, als auch für den Ruhmreichen alles zum Guten. Der Klassenerhalt wurde dank einer begeisternden Rückrunde vorzeitig unter Dach und Fach gebracht, und unter der Regie der bis dahin nur ostdeutschen Trainerlegende sollte noch Größeres vollbracht werden. Die Saison 2006/07 beendete der 1. FCN auf dem 5. Tabellenplatz und gewann 39 Jahre nach dem letzten Titel den DFB-Pokal durch ein 3:2 n.V. im Finale gegen den amtierenden Meister VfB Stuttgart. Dank seiner starken Leistungen fand sich Pinola sogar in der Kicker-Rangliste “Außenbahn defensiv” auf dem ersten Platz wieder. Zur Belohnung wurde er zum ersten Mal für die argentinische A-Nationalmannschaft berufen. Mit der U20 der Albiceleste hatte er 2003 schon die Copa América gewonnen. Auf die Frage eines Journalisten wie man denn das Finale gegen Paraguay gewonnen hatte, antwortete er typisch argentinisch und in bester Oliver Kahn-Manier: „Mit viel Eiern“ (Con mucho huevo).

„Gegen Pinola ist Robin Hood ein Dreck“                                       

Unter Hans Meyer war der Linksfuß gesetzt, und mit seiner leidenschaftlichen Spielweise gepaart mit großem Kampfgeist gewann er etwas, was nicht vielen gelingt: Einen Platz im Herzen der Club-Fans. Manchmal zeigte er von beidem aber zu viel des Guten, sodass er vor sich selbst geschützt werden musste. Die mittlerweile gesamtdeutsche Trainerlegende Meyer sah sich im Spiel gegen den FC Bayern gezwungen den argentinischen Heißsporn nach 20 Minuten auszuwechseln, da dieser sich eine Privatfehde mit Hasan Salihamidzic lieferte, und kurz davor war mit gelb-rot vom Platz zu fliegen. Es war auch nach diesem Spiel als Hans Meyer das Zitat von sich gab, dass gegen Pinola „Robin Hood ein Dreck“ sei, gemessen an seinem übertriebenen Gerechtigkeitssinn, den man auf dem Fußballplatz jedoch nicht gebrauchen könne, da er unter anderem beinhaltete dauernd mit dem Schiedsrichter zu diskutieren, und Freistöße für den Gegner zu provozieren. Da Pinola Meyer nach der frühen Auswechslung erzürnt sein Trikot vor die Füße warf, machte ihm dieser unmissverständlich klar, dass er solche Aktionen nicht dulden würde. Die unrühmlichste Aktion seiner Karriere leistete er sich ebenfalls in einem Spiel gegen den Rekordmeister, als er Bastian Schweinsteiger anspuckte, und im Nachhinein für vier Spiele gesperrt wurde.

In der darauffolgenden Saison sollte Pinola den wahren Club kennenlernen, bzw. lernen, dass der Spruch „Der Club is a Depp“ nicht von irgendwo herkommt. Mit fast unverändertem Kader stieg der FCN als amtierender Pokalsieger in die 2. Liga ab, und bekleckerte sich auch bei der Entlassung von Hans Meyer wahrlich nicht mit Ruhm. Im Gegensatz zu vielen anderen Spielern ging der Mann aus Olivos, an dem unter anderem Bayer 04 Leverkusen interessiert war, mit in die 2. Bundesliga, da er sich dem Verein gegenüber moralisch verpflichtet fühlte. Gleichzeitig initiierten die Fans die Kampagne pinolamussbleiben.de, die beinhaltete, dass jeder Fan einen Euro bezahlte, um den Vertrag des Gauchos weiterzubezahlen. 60.000€ kamen auf diese Weise zusammen, die der edle Gaucho jedoch spendete. Am Ende der Saison stand der souveräne Wiederaufstieg fest, nach dem es zu Beginn der Saison nicht unbedingt aussah.

„Ich dachte nie, dass ich so viel Zeit in Deutschland verbringen würde, aber manchmal findet einer seinen Ort auf der Welt, und ist dort glücklich.“

Es folgten anschließend vier Saisons in der Bundesliga in denen es meistens um dem Klassenerhalt ging, bevor 2014 erneut der Gang in die 2. Liga feststand. Unter Gertjan Verbeek war der 1,82 m-Mann in der Zwischenzeit zum Innenverteidiger umgeschult worden, was seine neue Hauptposition werden sollte. Pinola ging wieder den bitteren Schritt mit ins Unterhaus, wobei diesmal nicht der direkte Wiederaufstieg gelang. Und unter Neu-Trainer René Weiler folgte nach zehn Jahren das Aus beim Verein in der Stadt seines Herzens, über die er sagte „Argentinien ist meine Heimat, aber Nürnberg ist für mich genauso wichtig wie mein Land.“ Dass sich der Club bei der Kommunikation seiner Nicht-Vertragsverlängerung sich eben wie der Club verhalten hat, ist die eine Seite der Medaille. Doch auf der anderen Seite war sich selbst die rot-schwarze Anhängerschaft nicht sicher, ob es bei dem Argentinier noch einmal für höchste Ansprüche reichen sollte. Übrigens dachte man genauso über Neu-Nationalspieler Marvin Plattenhardt, der nie an Pinola vorbeikam. Genau wie der Hertha-Spieler, sollte Pinola alle Skeptiker Lügen strafen.

Der Publikumsliebling wechselte in die Heimat zu Rosario Central, was sich für beide Seiten als Glücksgriff erwies. Bei den Canallas (dt. Gesindel) fand er zu alter Stärke zurück, und wurde auf Anhieb zu einem der besten Innenverteidiger der Liga. Mit Central zog er in den folgenden Saisons zweimal in das argentinische Pokalfinale ein, wobei man zweimal nach katastrophalen Schiedsrichterentscheidungen gegen Boca Juniors den Kürzeren zog. Trotzdem wurde er nach neun Jahren von Tata Martino wieder für die Nationalmannschaft nominiert, und stand beim 2:0 Sieg gegen Bolivien auf dem Platz. Weitere Einsätze hätten Folgen sollen, doch in einem Spiel in der Copa Sudamericana (Vergleichbar mit der Europa-League) gegen Medellín brach er sich das Schienbein, und fiel für acht Monate aus. Sein Comeback feierte er mit einem Sieg im Lokalderby gegen Newells, und nur wenige Wochen später zeigte er beim 0:0 Unentschieden auswärts bei River Plate eine herausragende Leistung. Dieses Spiel schien die Verantwortlichen von River Plate wohl derart beeindruckt zu haben, dass sie bereit waren die festgeschriebene Ablöse von 1,35 Mio. € für den 34-jährigen Pinola auf den Tisch zu legen.

Ein Kindheitstraum geht in Erfüllung

Der Transfer sorgte leider für unschöne Begleiterscheinungen, da man bei Central fest mit seiner Vertragsverlängerung gerechnet hatte. Präsident Raúl Broglio war so wütend, dass er im Radio forderte, den Präsidenten von River Plate auf einem öffentlichen Platz zu verbrennen. Vermutlich sprach der Frust aus Broglio, denn Pinola war nicht der erste Central-Spieler der zum Hauptstadtklub wechselte. Zudem beschädigten Chaoten die Fassade der deutschen Goethe-Schule in Rosario, die Pinolas Kinder besuchten. Dabei wurde die Fassade in Brand gesetzt und “Pinola Verräter” an die Wand gesprayt. Nach diesem Vorfall zog die Familie sofort nach Buenos Aires.

Bei seinem neuen Verein, dessen Fan er von Kindesbeinen an ist, und bei dem sein Großvater in der Jugend spielte, ist “el pelado” (dt. Glatzkopf) gut angekommen, ist unumstrittener Stammspieler und Führungsfigur. Dem inzwischen ruhigeren Musterprofi, der vor jeder Trainingseinheit eine Stunde in den Kraftraum geht und auf seine Ernährung achtet, würde zumindest ganz Nürnberg den Sieg in der Copa Libertadores wünschen. In die Halbfinalduelle gegen Lanús geht River Plate auf jeden Fall als Favorit.