Gremio
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Spotlight: Gremio Porto Alegre vor dem Libertadores-Finale

Gremio und Lanus kämpfen in den beiden Finalspielen am 22. und 29. November um Südamerikas Fußballkrone. Für die Tricolor soll der Erfolg ein neues Zeitalter einläuten. Wir blicken auf das große Gremio, einem stolzen Verein, der auch seine Schattenseiten offenbart.

Der 1903 gegründete Club aus Porto Alegre steht vor seiner fünften Finalteilnahme. Gegen den argentinischen Vertreter von Lanus geht Gremio als leichter Favorit ins Rennen. Die Anhänger träumen vom großen Coup und schwelgen in Erinnerung an Triumpfe alter Zeiten. Es wäre das Ende einer langen internationalen Durststrecke. In den letzten Jahren gab es nämlich nicht so viel zu bejubeln. Der Pokalsieg im vergangenen Jahr sollte endlich die Wende einläuten und das Finale der Libertadores ist die große Möglichkeit, eine neue Ära einzuleiten.

Auf die Tradition ist man sehr stolz bei den „Gremistas“. Gerne erzählen die Fans vom 10:0 Erfolg über den Stadtrivalen Internacional im Jahre dessen Gründung 1909. Ebenso wird gerne davon berichtet, dass Gremio die erste ausländische Mannschaft ist, welche die Boca Juniors in „La Bombonera“ bezwingen konnte. Der 11. Dezember 1994 geht auch als Kuriosität in die Clubgeschichte ein. An diesem Tag bestritt Gremio drei Pflichtspiele der Campeonato Gaúcho an nur einem Tag. Trotz dieser Strapazen ergatterte die Mannschaft dennoch sieben Punkte. Viele große Spieler trugen bereits das dreifarbige Trikot, auf das man in Brasiliens Süden so stolz ist.

Vom „glücklichen Hafen“ in die ganze Welt

Später fanden einige dieser Akteure den Weg nach Europa, insbesondere auch nach Deutschland. So kennt man hierzulande Carlos Eduardo, Douglas Costa, Grafite oder Marcelinho als Virtuosen am Ball. Sie alle waren zunächst im blau-weiß-schwarzen Dress aktiv, ehe sie den Sprung über den Atlantik wagten und unsere Fußballherzen erwärmten. Die ersten Gehversuche im Profifußball unternahm auch ein gewisser Ronaldo de Assis Moreira bei Gremio. Eben aufgrund dessen Herkunft aus Porto Alegre, wird besagter Herr heutzutage nur noch Ronaldinho Gaúcho gerufen. Die Clubikone ist dennoch ein anderer.

Neben 36 Staatsmeisterschaften, 5 Pokalsiegen und 2 Meisterschaften, sind vor allem die Triumpfe in der Copa Libertadores (1983 und 1995) der Grundstein für den „Mythos Gremio“. Diese Erfolge konnten nur noch durch den Sieg im Weltpokal 1983 getoppt werden. Damals unterlag der Hamburger SV der Mannschaft aus Porto Alegre mit 2:1 nach Verlängerung. Doppeltorschütze und seitdem Kultfigur bei der Anhängerschaft Gremio´s ist der heutige Trainer des Clubs, Renato Gaúcho, welcher sich nun in seiner zweiten Amtszeit befindet. Er reiht sich hinter Trainergrößen des Clubs, wie Felipe Scolari oder auch Vanderlei Luxemburgo ein.

Am 17. Juli 2007 entging die Mannschaft nur hauchdünn einem dramatischen Flugzeugunglück, bei dem später 199 Personen ihr Leben lassen mussten. Die Maschine des TAM-Linhas-Aéreas-Flug 3054 schoss bei der Landung über das Ausrollfeld hinaus und kollidierte mit einem Gebäude. Die Mannschaft Gremios hätte in diesem Flugzeug sitzen sollen, um zu einem Auswärtsspiel nach Sao Paulo zu gelangen. Ihre Tickets wurden jedoch noch kurz vor der Abreise umgebucht. So entging der Club einer Katastrophe, wie sie einst Manchester United oder erst vor circa einem Jahr die Mannschaft von Chapecoense erleben musste.

Alte Bekannte und ein begehrter Star

Zwei ganz wichtige Eckpfeiler des Teams sind die beiden alten Bekannten aus der Bundesliga: Pedro Geromel ist zum Abwehrchef der Tricolor geworden. Der Ex-Kölner und Kapitän ist im Abwehrverbund nicht mehr wegzudenken und befindet sich in der Blüte seiner Karriere. Im Angriff sorgt seit dieser Saison Lucas Barrios für die Tore. Der „Wahl-Paraguayer“, welcher einst für die Borussia aus Dortmund auf Torejagd war, wurde vom Ligarivalen Palmeiras verpflichtet und steuerte bisher sechs Treffer in diesem Wettbewerb bei. Die beiden Haudegen bringen internationale Erfahrung in die Mannschaft von Gremio.

Star des Teams ist allerdings der 24-jährige Luan Riveira. Der Angreifer, der sich als hängende Spitze wohlfühlt, erzielte sieben Treffer im Wettbewerb und weckte bereits so manche Begehrlichkeiten in Europa. Der Club darf sich also glücklich schätzen, dass Anfang November sein Vertrag bis Ende des Jahres 2020 verlängert werden konnte. Auf eine andere Säule muss die Mannschaft aus Porto Alegre seit Kurzem allerdings verzichten. Ende August wurde Pedro Rocha für 12 Mio. € von Spartak Moskau verpflichtet. Dessen drei Tore und vier Vorlagen während seiner acht Spiele in der Copa werden nun fehlen. Andere müssen ihn ersetzen, denn mit CA Lanus wartet keine Laufkundschaft im Finale.

Qualifikation die höchste Hürde für Gremio auf dem Weg ins Finale

Die Argentinier haben zwar nicht das Renommee wie die Prestigeclubs von Boca Juniors oder River Plate, aber Zweiter wurde erst im Halbfinale eliminiert. Für Porto Alegre wirkte der Weg in das Finale weniger beschwerlich als die Qualifikation für das Turnier.  Gremio spielte im vergangen Jahr eine absolut enttäuschende Saison. Mit dem neunten Tabellenplatz wurden die internationalen Ränge deutlich verpasst. Durch den Erfolg in der Copa do Brasil konnte Last-Minute noch das Ticket für den Kontinentalwettbewerb gelöst werden. Begünstigt ist Gremio durch den Umstand, dass Brasilien die einzige Nation des Verbandes ist, deren Pokalsieger sich automatisch für die Copa Libertadores qualifiziert.

In der Gruppenphase angekommen, gab sich die Tricolor dann keine Blöße. Mit 13 Punkten aus den sechs Partien gab es lediglich ein Unentschieden sowie eine Niederlage. Im Achtelfinale musste man CD Godoy Cruz aus Argentinien bezwingen, ehe es zum innerbrasilianischen Duell gegen Botafogo kam. Einer Nullnummer im Hinspiel folgte ein knapper 1:0 Sieg im Rückspiel und der Weg ins Semifinale war geebnet. Dort sorgte man in Ecuador bei Barcelona SC im Hinspiel bereits für klare Verhältnisse. Auch die 1:0 Heimniederlage im Rückspiel konnte das 3:0 aus der ersten Begegnung nicht mehr gefährden. Held des Halbfinales war einmal mehr Luan, welcher mit zwei Treffern den Weg ins Finale ebnete. Jetzt will sich die Mannschaft in die Geschichtsbücher des Vereins eintragen, welches auch eine dunkle Seite offenbart.

Die dunkle Facette des Traditionsvereins

Gremio empfängt am 22. November zunächst in der heimischen Arena do Gremio den CA Lanús. Der Fußballtempel in Porto Alegre war auch Schauplatz einer der dunkelsten Momente in der Vereinsgeschichte: Am 28. August 2014 beim Heimspiel von Gremio gegen den FC Santos waren die „Gremistas“ zum wiederholten Male mit rassistischen Beleidigungen auffällig geworden. Zielscheibe war der dunkelhäutige Gästekeeper Aranha gewesen. Der brasilianische Verband reagierte und schloss die Tricolor vom Pokalwettbewerb aus, obwohl das Rückspiel noch ausgestanden hatte.

Es war nicht der erste Fall von Rassismus im Block der Gremistas. Diese Vorkommnisse sind Relikte aus anfänglichen Epochen der Vereinsgeschichte, welche sich leider bis in die Gegenwart bei manch Stadionbesucher manifestieret haben. Bei all der Tradition des großen Clubs, eröffnet sich bei näherer Ansicht eine schaurige Schattenseite. Gremio war der Verein deutscher Einwanderer im Süden Brasiliens. Der Rassengedanke aus Europa fand auch Einhalt beim Prestigeclub aus der Hafenstadt. Wie bei vielen brasilianischen Vereinen, war es dunkelhäutigen Spielern untersagt, für Gremio zu spielen. Erst spät wurde diese Denkweise verworfen.

Der Stadtrivale Internacional legte hingegen von Beginn an großen Wert auf Gleichberechtigung. So kam es gerade bei den Derbys in der Vergangenheit zu Konflikten mit rassistischem Charakter. Auch wenn sich der Club mittlerweile von diesem Gedankengut distanziert, bleibt der fade Beigeschmack. Nun steigt der Showdown im Rückspiel der Copa Libertadores am 29. November in Argentinien. Es bleibt zu hoffen, dass die Gremistas aus Fehlern der Vergangenheit gelernt haben und die Akteure auf dem Rasen positiv befeuern – egal welche Hautfarbe sie haben. Uns bleibt ein spannendes Spiel zwischen zwei interessanten Vereinen.