Eliminatorias – Perus Weg in die Play-Offs: Söhne des Tigers

Die peruanische Nationalmannschaft könnte erstmals seit 1982 zur Weltmeisterschaft fahren. Zu verdanken hat sie das ihrem Coach, dem Argentinier Ricardo Gareca.

32 Jahre ist es her, da Ricardo Gareca, genannt El Tigre, das wichtigste Tor seiner Laufbahn schoss. Es war wahrlich nicht das schwerste Tor des hochgewachsenen argentinischen Angreifers, doch mit seinem simplen Abstauber nach Passarellas Pfostentreffer buchte er für seine Albiceleste in allerletzter Sekunde die Plätze bei der Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko, auf Kosten der peruanischen Nationalmannschaft, die mit einem Sieg die Play-Off-Plätze erreicht hätte.

Seit 2015 ist Ricardo Gareca Coach der peruanischen Nationalmannschaft, und natürlich erinnerte man sich – und ihn – sofort an jenen schicksalhaften Treffer im Juli 1985. Seit jenem Jahr war Peru nicht einmal mehr in die Nähe einer WM-Qualifikation gekommen. In den letzten WM-Qualifikationen waren die Auftritte meist kläglich gewesen: Abgeschlagener Letzter bei der Quali für die WM 2010, zehn Punkte hinter dem Play-Off-Platz 2014. Das hatte nicht nur sportliche Gründe: Skandale einer indisziplinierten Mannschaft waren an der Tagesordnung, und bei mehr als einem vermeintlichen Star wusste man nie, ob die Laufleistung so gering war, weil er sich zu schonen wollte oder weil ein Kater von der durchzechten Vornacht den Antritt hemmte. Mit der Mission „WM 2018“ betraute man nun ausgerechnet den Mann, der einst alle Hoffnungen geraubt hatte: El Tigre Gareca, der in seiner vorletzten Station beim argentinischen Erstligisten Vélez Sarsfield fünf Jahre – eine Ewigkeit im südamerikanischen Vereinsfußball – durchgehalten  und den Verein zu vier Titeln geführt hatte, hatte hatte sich über die Jahre einen Ruf als langfristig planender führungsstarker und seriöser Coach erarbeitet. Seine Aufgabe war es, den chaotischen Zuständen innerhalb der Blanquirroja endlich ein Ende setzen und nach Jahren sinn- und zielloser Rotation auf dem Cheftrainerposten voranzugehen.

Mit dem Umbruch kommt der Erfolg

Doch nach einem überragenden dritten Platz bei der Copa America 2015 dauerte es seine Zeit, bis Gareca die richtige Mischung für die WM-Qualifikation fand. Die ersten Spiele setzte Peru rundweg in den Sand: Vier Punkte gab es aus den ersten sechs Spielen – ein mühevolles 1:0 über Paraguay, ein in letzter Sekunde erreichtes 2:2 gegen Venezuela, vier Niederlagen. Sechs  Punkte lag Peru hinter dem Play-Off-Platz.  Doch die sechs Spiele war alles, was Gareca gebraucht hatte, um einschätzen zu können, auf wen er setzen konnte. Die Stars der Mannschaft, oft gute Fußballer mit Hang zur Selbstüberschätzung, durften im Juli 2016 statt zur Copa in den Urlaub fahren: Die aus der Bundesliga bekannten Claudio Pizarro, Jefferson Farfán, Carlos Zambrano und Carlos Ascues wurden ebensowenig berücksichtigt wie Juan Manuel Vargas, lange Jahre einer der Führungsspieler der Blanquirroja. Schon vorher hatte es André Carrillo erwischt. Gareca, der Tiger, begann, neue Spieler um sich zu scharen, Alter egal, Kriterien: Lernwillig und diszipliniert. Und auch wenn der Siegtreffer ein skandalöses Handtor von Ruidiaz in der Nachspielzeit war: Dass eine Mannschaft mit neun Startelfspielern aus der schwachen heimischen Liga Brasilien bei der Copa America schlug, war ein gewaltiges Ausrufezeichen.

Vargas, Pizarro, Ascues und Zambrano sollten bis heute nie wieder ein Länderspiel bestreiten, André Carrillo und Jefferson Farfán erst nach langer Bedenkzeit und mit neuer Demut. Die Gesichter der Mannschaft waren jetzt andere: Der schussstarke Mittelfeldspieler Christian Cueva, der filigrane Edison Flores, der kampfstarke Rechtsverteidiger Aldo Corzo, die flexible Arbeitsbiene Yoshimar Yotún, sie waren die neuen Stammspieler der Blanquirroja. In Peru sorgte das für Skepsis, die in Häme umschlug, als man Anfang September das Auswärtsspiel in La Paz mit 0:2 verlor. Mehr als einer schrieb die WM-Quali schon vorzeitig ab, mehr als eine Zeitung forderte den Kopf von Gareca. Doch El Tigre hatte sich nicht geirrt. Im nächsten Spiel, schon ein Endspiel, siegte Peru durch ein spätes Tor von Renato Tapia mit 2:1 gegen Ecuador. Spätestens ab da sah man ein neues Peru: Diszipliniert und kampfstark, jeder mit vollem Einsatz für seinen Mitspieler, ohne Firlefanz. Immer vorneweg: Paolo Guerrero. Den hatte Gareca zu seinem Kapitän gemacht, als Claudio Pizarro abgesägt wurde. Und die einstige Skandalnudel antwortete mit vollem Einsatz, kämpfte wie ein Besessener um jeden Ball, traf mehrmals. So machte Peru langsam etwas Boden gut, siegte etwa 4:1 in Paraguay. Es war für Peru der erste Auswärtssieg in der WM-Qualifikation seit dem 1. Juni 2004. Dennoch: All die harte Arbeit schien nur Aufbauarbeit für die WM 2022. Acht Punkte lag Peru Ende 2016 hinter dem Fünften, Argentinien.

Im ersten Spiel 2017 schien dies nicht besser zu werden, 2:0 lag Peru zur Pause beim hoffnungslosen Tabellenletzten Venezuela zurück. Doch das Jahr 2017 scheint im Zeichen des Tigers zu stehen: In Venezuela trafen Carrillo und Guerrero noch zum Ausgleich, und Peru sollte bis zum heutigen Tage im Jahr 2017 ungeschlagen bleiben. In Serie besiegte man Uruguay, Bolivien und Ecuador, wieder auswärts, in der Höhe von Quito, wo Peru noch nie gewonnen hatte. Dazwischen kam ein heftiger Energieschub von Außen: Der Caso Cabrera. Die erbärmliche 0:2-Niederlage in Bolivien wurde so am grünen Tisch zu einem 3:0-Auswärtssieg. Das als abgeschlagener Achter ins Jahr gestartete Peru war auf einmal Vierter, ein direkter Qualifikationsplatz.

Dann kam der Oktober 2017 und mit ihm zwei eminent wichtige Spiele gegen die Mitkonkurrenten Argentinien und Kolumbien. Gegen Garecas Heimatland Argentinien hielt der Defensivriegel dank des überragenden Torwarts Pedro Gallese, Endstand 0:0. Vor dem letzten Spiel gegen Kolumbien herrschte Ausnahmezustand: Das Nationalstadion war zum Bersten gefüllt, der Präsident gab allen Staatsangestellten ab Nachmittag frei, im ganzen Land wurde gefeiert. Und ausgerechnet dann schien sich das Blatt dann doch noch gegen Peru zu wenden: Argentinien siegte in Ecuador, man selbst lag gegen Kolumbien zurück – es hätte das Aus bedeutet, so kurz vor dem Ziel. Nicht nur Paolo Guerrero standen nach dem Rückstand Tränen in den Augen. Doch die Blanquirroja gibt nicht mehr so einfach auf wie früher. Sinnbildlich stand Aldo Corzo, der Rechtsverteidiger, der sich in der 75. Minute mit letzter Energie und dem Kopf voraus in einen Zweikampf warf, in dem ihm der kolumbianische Gegenspieler durchaus den Kopf hätte wegschießen können. Es gab Freistoß wegen gefährlichen Spiels, und Paolo Guerrero, der Kapitän und Anführer, schoss – unter gütiger Mithilfe des kolumbianischen Schlussmanns Ospina – den einen Treffer, den Peru für die Play-Offs brauchte, und sorgte landesweit für Jubelstürme. Dann brachten beide Teams das Remis über die Zeit.

Heute Nacht, um 04:15 MEZ, spielt Peru in Auckland um ein Ticket nach Russland, das Rückspiel findet in der Nacht vom 15. auf den 16. November in Lima statt. Ein ganzes Land fiebert seit Wochen den beiden Spielen entgegen, es sind die wichtigsten Spiele für Peru seit 32 Jahren. Und genau so lange haben Ricardo Gareca und die Blanquirroja noch eine Rechnung mit der Weltmeisterschaft zu begleichen: Gareca dafür, dass er nach seinem entscheidenden Treffer nicht für die anschließende WM nominiert wurde und nicht Teil der Weltmeister von 1986 sein durfte, und Peru dafür, dass El Tigre Gareca sie in letzte Sekunde um den sicher geglaubten Einzug in die Play-Offs brachte. Es ist ein Augenzwinkern des Schicksals, dass beide nun zusammen in den Play-Offs zur WM 2018 stehen, nur 180 Minuten von Perus erster Endrundenteilnahme seit 1982 entfernt. Es ist aber auch nicht nur Schicksal: Ohne den Mut des Tigre, einen radikalen Umbruch auf Kosten der Altstars vorzunehmen, deren Egomanie das Team viele Jahre blockierte, wäre die Blanquirroja jetzt nicht Perus beste Mannschaft seit vielen Jahren. Hijo de Tigre, Sohn eines Tigers, sagt man im Spanischen, wenn ein Kind früh das Verhalten von Erwachsenen imitiert. Der 59-jährige Ricardo Gareca hat eine junge  Mannschaft um sich geschart, die seine Söhne sein könnten und die in all ihrer Willenskraft tatsächlich ihrem Coach ähnelt. Es sind Hijos del Tigre, Söhne des Tigers.