América de Twitter
https://assets.metrolatam.com/co/2016/01/15/captura-de-pantalla-2016-01-14-a-las-18-42-26-1600x800.jpg (Twitter)

Narcofutbol – América de Cali und das Cali-Kartell (3/3)

Während es bei América de Cali die ersten drei Jahre nach dem Ende der Generación Dorada (goldenen Generation) sportlich nicht mehr ganz so hoch her ging, nahm dafür der Drogenkrieg in Kolumbien Fahrt auf, und wurde von Jahr zu Jahr brutaler und rücksichtsloser. 

Wenn man dem Buch des Sohnes von Kartell-Chef Gilberto Orejuela Glauben schenken kann, hatten die Mitglieder des Cali-Kartells einst ernsthaft in Erwägung gezogen aus dem Geschäft auszusteigen, zögerten aber zu lange und verpassten den richtigen Moment. Denn als Pablo Escobar seinen Krieg gegen jeden und alles der nicht auf seiner Seite stand intensivierte, und auch die Zivilbevölkerung nicht mehr vor ihm sicher war, gab es für die Politik keine andere Alternative mehr als alle Kartelle zur Strecke zu bringen. Aber trotz der sich allmählich zuspitzenden Lage für die Drogenbosse hatten sie immer noch genug Zeit und Lust sich mit Fußball zu beschäftigen, wenn auch mehr und mehr aus dem Hintergrund. Bei América de Cali merkte man jedenfalls wenig von den Problemen seiner Besitzer.

1988 – Jahr 1 nach der Generación Dorada

Der Nachfolger von Erfolgscoach Uribe war dessen Assistent Humberto Ortiz, mit dem man in der Liga einen respektablen 3. Platz und in der Copa Libertadores das Halbfinale erreichte, wo man gegen Nacional aus Uruguay mit 0:1 und 1:1 den Kürzeren zog.

1989 – Ligaabbruch nach Mord an Schiedsrichter Álvaro Ortega

Pünktlich zur neuen Saison übernahm der alte Erfolgscoach Uribe wieder das Zepter bei América, und es schien so als würden mit ihm die alten Erfolge wieder zurückkehren. Die Roten Teufel konnten das Torneo Apertura (Hinrunde) und das Torneo Finalización (Rückrunde) gewinnen und lagen klar auf Meisterschaftskurs, als die Liga nach dem Mord an Schiedsrichter Álvaro Ortega abgebrochen wurde. Der Referee wurde aus einem fahrenden Auto heraus in Medellín erschossen. „Popeye“, einer der bekanntesten Auftragsmörder von Pablo Escobar, bestätigte Jahre später, dass der „Patrón“ den Auftrag dafür gegeben hatte.

(Titel: Nicht einmal die Schiedsrichter können sich retten)

 

 

Der 32-jährige Referee und Vater zweier Töchter war an seinem Todestag, dem 15. November 1989, noch als Linienrichter beim Spiel zwischen Medellín und América eingesetzt worden und befand sich somit in der Heimatstadt Escobars. Sein Todesurteil fiel angeblich jedoch schon am 26. Oktober, als er in einem der Kartell-Clássicos zwischen América und Independiente de Medellín Pablo Escobar zum Toben brachte, als er zwei Minuten vor Abpfiff den per Fallrückzieher erzielten 3:3 Ausgleichstreffer der Gäste wegen gefährlichen Spiels aberkannte.

Der Mord war der Höhepunkt der Gewalt gegen die Schiedsrichter, die sich aufgrund der Vereine in Kartell-Besitz oft zwischen den Fronten sahen, und manchmal sogar von zwei Seiten bestochen wurden. Einige wollten anschließend bestimmte Spiele nicht mehr pfeifen, da man nach schwerwiegenden Fehlern offensichtlich seines Lebens nicht mehr sicher war. Die Kartelle/Vereine wussten in der Regel im Voraus über die Schiedsrichter-Ansetzungen des Verbandes Bescheid und wussten wen es zu bestechen galt.

1990 – Uribe machts wieder: Mit 101 Toren zur 7. Meisterschaft

1990 wurde der Ligabetrieb wieder aufgenommen und die Roten Teufel knüpften an die starke Vorsaison an und konnten wieder alle drei Turniere der Meisterschaft gewinnen (Apertura, Finalización, Cuadrangular final). Die Elf von Uribe spielte eine konstant hervorragende Saison in der sie die eigenen Fans mit einer tollen Offensive berauschte: 101 Tore in 52 Spielen. Die treffsichersten Stürmer der Roten Teufel waren Antony de Ávila (25) und Sergio Angulo (20), die fast für die Hälfte der Treffer verantwortlich waren.

Vor der Saison wurde der damals 24-jährige Mittelfeldspieler Freddy Rincón (später u.a. SSC Neapel und Real Madrid) verpflichtet, dessen Stern bei der WM 1990 aufging, als er im Gruppenspiel gegen Deutschland das wichtige 1:1 für Kolumbien erzielte, und der zur ersten goldenen Generation der Cafeteros gehörte.

Jener Rincón erzählte Jahre später, dass ihm die Orejuela-Brüder mehrmals verboten hatten den Verein zu verlassen, auch wenn sie ihn nie bedroht hätten. Trotzdem musste er bis 1994 warten bis er die Erlaubnis bekam zu Cruzeiro nach Brasilien wechseln zu dürfen. Im Jahr 2007 saß Rincón 123 Tage in einem brasilianischen Gefängnis, da gegen ihn wegen Drogenschmuggel, Geldwäsche und Verbindungen zu kriminellen Vereinigungen ermittelt wurde.

1991 – Vizemeister und USA-Trips

In der endgültig letzten Saison mit Gabriel Ochoa „El Médico“ Uribe auf der Bank reichte es für den Titelverteidiger nur zur Vizemeisterschaft. Den nationalen Titel holte sich Atlético Nacional aus Medellín, gegen den América auch im Viertelfinale der Copa-Libertadores den Kürzeren zog (0:0, 0:2), obwohl man in der Gruppenphase noch beide Duelle für sich entschieden hatte. Da selbst der südamerikanische Fußballverband (Comnebol) fürchtete, dass es bei Spielen auf kolumbianischem Boden zu Schiedsrichterbestechungen kommen könnte, mussten die beiden Vereine in der Spielzeit 1991 ihre Spiele außerhalb des Landes durchführen. Die Partien wurden entweder in Venezuela (San Cristobal) oder in den USA (Miami, Los Angeles) ausgetragen.

Dr. Gabriel Ochoa Uribe ist bis heute einer der – wenn nicht sogar der – berühmtesten kolumbianischen Trainer. Insgesamt saß er bei 1.565 Spielen auf der Bank und ist Rekordtrainer von América (763 Spiele) und von Millonarios (546). In seiner Trainerlaufbahn gewann der Mann aus der Kleinstadt Sopetrán 13 Meisterschaften: 7 mit América, 5 mi Millonarios und 1 mit Santa Fe. Sein letztes Spiel auf der Trainerbank war der 3:1 Sieg von América gegen Santa Fe am 18.12.1991.

1992 – 8. Meisterschaft und Halbfinal-Aus gegen das Newell’s von Bielsa

Zur neuen Saison übernahm mit Francisco Maturana ein anderer bekannter kolumbianischer Coach das Traineramt bei den Diablos Rojos und führte América direkt zur 8. Meisterschaft und bis ins Halbfinale der Copa Libertadores. Die Meisterhelden und Stars der Mannschaft waren u.a. Freddy Rincón, Jorge Bermúdez, Antony de Ávila, Nestor Fabbri, Wilmer Cabrera und Stürmer Jorge da Silva. Die Meisterfeier wurde vom Kartell organisiert und fand in einer lokalen Diskothek statt, zu der die drei besten Salsa-Gruppen Calis zu dieser Zeit eingeladen waren.

Der argentinische Mittelfeldspieler Néstor Villareal, der vor der Saison 1992 von Independiente CA zu América gewechselt war, erzählte dass ihm während der Feier José „El Chepe“ Santacruz (Mitbegründer des Cali-Kartells) sagte, dass er einen Wunsch frei hätte. Jedoch wusste Villarreal nicht was er antworten sollte, da er erst seit kurzem in Cali war, und noch nicht richtig wusste wie mit solchen Vorschlägen der Kartell-Chefs umzugehen war. Im Nachhinein sagten ihm seine Freunde, dass dies der Moment war sich ein Haus zu wünschen.

(Villarreal links vom Torwart)

Um seine Verpflichtung hatte sich Miguel Rodríguez Orejuela persönlich gekümmert, der ihn als Ersatz für den verletzten kolumbianischen Nationalspieler Leonel Álvarez im Team haben wollte. Villareal erzählte, dass er an dem Tag zu Vertragsgesprächen am Vereinssitz von Independiente weilte und man gerade eine Pause machte. In dieser wurde er ans Telefon gerufen und die Stimme mit kolumbianischem Akzent am anderen Ende die Leitung fragte, wie viel er verdienen wolle. Überrascht und ohne groß nachzudenken entgegnete Villarreal: “90.000 Dollar.” Die Antwort des Anrufers war: “Gut ich zahle dir 90.000, ein Auto und eine Wohnung und wenn wir Meister werden gibt es nochmal 20.000 obendrauf.” Später stellte Villarreal fest, dass es sich bei dem Anrufer um keinen geringeren als Miguel Rodríguez Orejuela gehandelt hatte.

Im Halbfinale der Libertadores traf América auf die Newell’s Old Boys aus Rosario, mit Marcelo „El Loco“ (Der Verrückte) Bielsa an der Seitenlinie. In beiden Duellen stand es nach Schlusspfiff jeweils 1:1, sodass der Sieger vom Punkt aus ermittelt werden musste. Das Elfmeterschießen das folgte, sollte in die Geschichte des Wettbewerbs eingehen, denn erst der 26. Elfmeter brachte die Entscheidung: 11:10 n.E. hieß es am Ende für die Leprosos. Zum Helden in Cali avancierte Newell’s Keeper Scoponi, der zwei Versuche parierte und selbst verwandelte.

1993 – Platz 4 und erneutes Halbfinal-Aus

In einer sehr engen Finalrunde der Meisterschaft reichte es für América am Ende nur zum 4. Platz, und damit nicht zur Teilnahme an der Copa Libertadores im nächsten Jahr. Die vier Finalteilnehmer trennten am Ende ganze zwei Punkte, und Juniors aus Barranquilla holte sich die Meisterschaft nur dank der besseren Tordifferenz.

In der Copa Libertadores drang man wieder bis ins Halbfinale vor, wo man gegen Universidad Católica (Chile) im Rückspiel – mal wieder – dramatisch scheiterte. Nach der 1:0 Hinspielniederlage in Chile führte man im Rückspiel im heimischen Estadio Pascual Guerrero bis zur 87. Minute mit 2:1, ehe Lunari den Ausgleich für die Chilenen erzielte. Allerdings wurde América de Cali in der 90. Minute noch ein schmeichelhafter Elfmeter zugesprochen, mit dem man zumindest die Verlängerung hätte erzwingen können, da die Auswärtstorregel erst ab dem Entscheidungsspiel zur Anwendung kam. Doch Escobar versagten die Nerven und América schied aus.

1994 – Letzte Saison unter dem Cali-Kartell

Nach einem mittelmäßigen Saisonstart und Platz 7 nach Torneo Apertura und Torneo Finalización spielten die Roten Teufel eine starke Halbfinal- und Finalrunde und wären fast noch Meister geworden. Am Ende der knappen Finalrunde kostete letztendlich doch die durchwachsene erste Saisonhälfte den Titel, da man im Vergleich zu den Rivalen kaum Bonuspunkte mit in die Endrunde nahm, die am Ende entscheidend dafür waren, dass sich Atlético Nacional den Titel holte. (Spalte „Bon“=Bonuspunkte (ergeben sich aus Platzierungen in Apertura/Finalización); bis 1995 immer noch 2-Punkte- Regel)

1995 – Nachwehen der Zerschlagung des Cali-Kartells

Die Köpfe des Cali-Kartells, die Orejuela-Brüder Gilberto und Miguel sowie die große Mehrheit ihrer Partner, wurden im Juni bzw. August 1995 festgenommen. Damit versiegte zwar die größte Geldquelle des Vereins, doch für die Zukunft weitaus schlimmer war die Tatsache, dass der Verein auf die sogenannte Clinton-Liste gesetzt wurde. Mit der Clinton-Liste ging die US-Regierung gegen Vereine, Firmen und Privatpersonen vor, denen sie unterstellte Verbindungen zur Drogenkriminalität zu haben. Stand man auf der Liste, musste man abgesehen von einer zerstörten Reputation damit rechnen, dass alle Vermögen in den USA eingefroren wurden, dass man keine Visa mehr für die USA erhielt und dass man keine legalen Geschäfte mehr mit US-Bürgern tätigen konnten. Auch Preisgelder aus internationalen Wettbewerben konnten nicht mehr ausgezahlt werden, sodass América de Cali bald fast ausschließlich nur noch Ticketeinnahmen erzielte. Dies führte dazu, dass der Verein, dessen Besitzer einst 150 Spielerpässe horteten und den Stadionausbau mitfinanzierten, finanziell langsam ausblutete und nicht mehr konkurrenzfähig war. Dieser “schleichende” Tod mündete 2011 in den ersten Abstieg seit 60 Jahren, und erst 2013 wurde der Verein wieder von der Clinton-Liste gestrichen, was die Bedingung für den Wiederaufstieg war.

Wiederaufstieg und Eklat beim Freundschaftsspiel

América de Twitter

Ende November 2016 kehrte América de Cali nach fünf Jahren Zweitklassigkeit wieder in die erste Liga zurück. Einige Monate zuvor, im Januar, kam es bei einem Freundschaftsspiel in Miami zu einem Eklat, als “Fans” der Roten Teufel ein Plakat zeigten, auf dem sie Miguel Orejuela für sein früheres Engagement dankten, auf dem «Muchas gracias, don Miguel Rodríguez» stand. Dies war nicht nur wegen der Aussage polemisch, sondern auch weil die Orejuela-Brüder ihre Haftstrafen in der Nähe Miamis verbüßen. Sie hatten gestanden zwischen 1990 und 2002 über 200.000 Tonnen Kokain in die USA geschmuggelt zu haben und hatten Glück, dass die 1980er nicht in die Anklage mit aufgenommen wurden.

(NetflixES-Werbung aus dem letzten Jahr, nach dem Mega-Transfer von Neymar: “Die Paten aus Cali haben genug Geld um euch alle zu kaufen, ihr Feiglinge.”)