Narcofutbol – Fußball in Zeiten der großen Drogenkartelle 2/6

Wieso Fußball? Im heutigen Teil der Serie, werfen wir einen Blick darauf, weshalb die Drogenbosse sich für den Fußball interessierten, und welche Auswirkungen ihr Mitwirken auf den kolumbianischen Fußball hatte.

Das Vermögen der kolumbianischen Narcos (Drogendealer) wuchs in den Zeiten des Kokainbooms in den USA so schnell, dass es ihr größtes Problem war das Geld zu waschen. Da die Kartellanführer mehr oder weniger fußballaffin waren, ergriffen sie die Möglichkeit um ihr Hobby mit dem „Beruf“ zu verbinden, und verwendeten die Vereine primär als Geldwaschmaschine, und sekundär, ganz in heutiger Scheichmanier, als Profilierungsspielzeug. Bereits damals setzte der Fußball Millionen um, und was viel wichtiger war, die Tickets wurden mit Bargeld bezahlt. Daher war es ein Kinderspiel auf dem Papier ein paar Zuschauer dazuzuerfinden, um dann zwei statt einer Million Tageseinnahmen zu verbuchen. Eine andere ebenso beliebte wie simple Geldwäschemethode waren Spielertransfers. Man sagte einfach man hätte mehr Geld bekommen als tatsächlich eingenommen wurden, und speiste die Differenz in den Geldkreislauf ein.

Dies war die geschäftliche Funktion die der Fußball für die Narcos erfüllte. Dazu kam, dass einige Bosse wirklich leidenschaftliche Fußballfans waren, sodass der Narcofutbol (Drogenfußball) Fahrt aufnehmen konnte. Dies wäre ohne die Koexistenz mehrerer Kartelle mit dem Bedürfnis Geld zu waschen nicht möglich gewesen, denn mit nur einem Akteur wären die Machenschaften zu auffällig geworden. Der kolumbianische Fußball entwickelte sich schon bald zu einem Privatwettbewerb zwischen den Drogenbossen, wo sie sich endlich miteinander messen konnten, da sie sich im Business ansonsten absprachen und nicht in die Quere kamen.

Doch der reguläre Ligabetrieb reichte den Narcos anscheinend nicht, bzw. sie wussten nicht, auf welche Weise sie ihr Geld noch ausgeben konnten. Dies führte dazu, dass Pablo Escobar gemeinsam mit seinem Freund und Mitbegründer des Medellín-Kartells Gonzalo Rodríguez Gacha alias “El Mexicano”, und Mann hinter Millonarios F.C., aus Langeweile Privatspiele organisierte. Jedoch nicht irgendwelche Privatspiele. Jeder der beiden stellte sich ein handverlesenes Dream-Team zusammen, und die Spieler wurden mit Privatjets zur berühmten Hacienda Napolés eingeflogen. Dann wetteten Escobar und Gacha jeweils zwischen einer oder zwei Millionen US-Dollar auf ihre Mannschaften.

Plata o Plomo 

Fernando Rodríguez Mondragon, Sohn des Cali-Kartell-Mitbegründers Gilberto Rodríguez alias „El Ajedrecista“ (Der Schachspieler), beschrieb die Entwicklung des Fußballs wie folgt: „Erst war der Fußball nur ein Spielzeug, aber dann wollten sie (die Bosse), dass ihr Spielzeug das Beste sei.“ Dies hatte zur Folge, dass die skrupellosen Besitzer zu Beginn der 90er Jahre zunehmend ihre kriminelle Energie auf den Sport ausweiteten. Inklusive dem Anstoß 2-Klassiker Schiedsrichterbestechung, nur mit noch zusätzlich platzierten Wetten. Das Repertoire wurde aber später um Gewaltverbrechen erweitert. Vor die berühmte Plata o Plomo-Wahl (Geld oder Blei(kugeln)), die bis dahin nur Politiker, Richter und Polizisten treffen mussten, wurde nach und nach auch Schiedsrichter gestellt.

(Überschrift: Nicht einmal die Schiedsrichter können sich retten)

Die Liste der kriminellen Auswüchse gegenüber Schiedsrichtern und investigativen Journalisten ist lang, und reicht von Bedrohung, Körperverletzung, und Entführung hin zu Mord. Trauriger Höhepunkt war der von Pablo Escobar in Auftrag gegebene Mord an Schiedsrichter und Vater zweier kleiner Töchter Álvaro Ortega. Dieser hatte die undankbare Aufgabe am 26. Oktober 1989 beim Meisterschaftsspiel zwischen América de Cali und Independiente Medellín als Schiedsrichter eingeteilt worden zu sein, und dabei kurz vor Spielschluss den vermeintlichen Ausgleich der Gäste aberkannt zu haben, sowie einen Spieler der Gäste vom Platz gestellt zu haben. Escobar’s Team aus Medellín hatte bei den Buchmachern mit 3:1 vorne gelegen und war als Favorit in das Duell gegangen, wodurch Ortega viele Wetten platzen ließ. Insgesamt sollen an diesem Abend “wegen” Ortega 300 Millionen Pesos an Wetteinsätzen verlorengegangen sein. Pablo Escobar sah sich das Spiel im Stadion persönlich an, und gab angeblich nach Abpfiff den Befehl Ortega zu suchen und zu töten. Knapp drei Wochen später, am 14. November 1989 wurde Ortega in seinem Auto mit neun Kugeln erschossen. Sein Schiedsrichterkollege Jesús Díaz saß auf dem Beifahrersitz, und musste das Attentat miterleben. Der Mord wurde juristisch nie richtig aufgeklärt. Auf sportlicher Ebene waren die Konsequenzen, dass die Liga ausgesetzt wurde, und dass in der darauffolgenden Saison kein kolumbianischer Verein an der Copa Libertadores teilnahm.

(Teil 3: Pablo Escobar der Fußballfan- und Förderer)