Narcofutbol
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Narcofutbol – Fußball in Zeiten der großen Drogenkartelle 4/6

Nachdem in den letzten Teilen die Auswirkungen der Kartelle auf den Fußball sowie der Fußballfan Pablo Escobar vorgestellt wurden, geht es heute um die gesellschaftliche Rolle des Fußballs in Kolumbien, und die aufstrebenden Cafeteros.

Fußball war und ist wie überall in Südamerika Nationalsport in Kolumbien, und als die Drogenkartelle auf dem Höhepunkt ihrer Macht waren, wuchs in dem Land mit Spielern wie Higuita, Valderrama, und Rincón die erste goldene Generation heran. 1990 gelang den Cafeteros die erst zweite WM-Teilnahme ihrer Geschichte, wo sie der Weg bis ins Achtelfinale führte. Bis zur nächsten Teilnahme 1994 in den USA hatten sich die Vorzeichen geändert. Zwischen beiden Turnieren absolvierte man 26 Länderspiele, von denen nur ein einziges verloren ging. Während den Eliminatorias (Südamerikanische WM-Qualifikation) blieb man ungeschlagen, kassierte nur zwei Gegentore, und im Endspiel um die direkte Qualifikation gelang den Cafeteros ein legendärer 5:0 Auswärtssieg vor 73.000 Zuschauern im Estadio Monumental beim direkten Konkurrenten Argentinien. Am Flughafen Ezeiza in Buenos Aires waren die Männer um Kapitän Valderrama noch als Drogendealer beleidigt worden, doch nach Schlusspfiff erhoben sich selbst die stolzen argentinischen Zuschauer und applaudierten den Kolumbianern für die gezeigte Leistung. Die Niederlage war gleichzeitig die erste Heimniederlage überhaupt in einem WM-Qualifikationsspiel in der Geschichte Argentiniens. In den vier Jahren hatten die Kolumbianer so gute Leistungen gezeigt, dass sie mit Brasilien als beste Mannschaft des Kontinents galten, und sie ein gewisser Pelé als Turnierfavorit ins Gespräch brachte. Nach außen schien es so als ob der Fußball sich von den sonstigen Vorgängen im Land unbeeindruckt zeigte, und die Bevölkerung einen und ablenken konnte. Eine Fähigkeit die auch der Politik nicht verborgen blieb.

Fußball als politisches Instrument

Während der Fußball für die Drogenmillionäre zum persönlichen Zeitvertreib diente, war er für die Bevölkerung und die Regierung von enormer Bedeutung. Die bis dato unbekannten guten Leistungen ihrer Nationalmannschaft steigerten das Selbstwertgefühl der Kolumbianer nach so viel Gewalt auf den Straßen ungemein. In den Fußballstadien vereinten sich die Schichten der Gesellschaft, und während den Länderspielen soll sogar der parallel zum Drogenkrieg herrschende Bürgerkrieg pausiert haben, und dem Mythos nach sollen Paramilitärs und Guerillas die Spiele gemeinsam verfolgt haben.

Auch die Regierung war sich sowohl der heilenden Wirkung des Fußballs für die eigene Bevölkerung, als auch der Wichtigkeit für die Außendarstellung des Landes bewusst. Bei ca. 80% der Spiele war Präsident César Gaviria in Begleitung einiger Minister im Stadion um die Mannschaft anzufeuern. Zusätzlich lud er sie ab und zu in den Präsidentenpalast ein, oder rief die Spieler einfach so an um sie zu motivieren.

Und gerade wegen der Vorbildfunktion der Nationalmannschaft, war es umso wichtiger, dass diese ebenfalls ein moralisches Vorbild war. Der damalige Geheimdienstchef Fernando Britto, machte den Spielern persönlich klar, dass Verbindungen mit den Drogenkartellen den Ruf des Landes beschädigten, und zu unterlassen seien. Angesichts der Tatsache, dass der Drogenhandel alle Bereiche des Landes wie einen Kraken in der Hand hatte, die Korruption im Land blühte, viele Vereine von den Kartellen kontrolliert wurden, und im Falle von Medellín einige Spieler auf den von Escobar gestifteten Plätzen ihre Karriere begannen, eine durchaus schwierige Aufgabe.

Schlussendlich kostete die ab 1991 kompromisslosere Marschroute der Regierung gegen die Kartelle René Higuita die WM-Teilnahme 1994. Der Torhüter der später durch seinen Skorpion-Trick weltweit bekannt wurde, hatte Escobar mehrfach in dessen Luxusgefängnis La Catedral besucht, und war dabei von Journalisten beobachtet worden. Der offizielle Grund seiner Ausbootung war seine Vermittlerrolle die zur Befreiung der Tochter des Drogendealers Luis Carlos Molina Yepes führte. Dass zuvor einmal die komplette Nationalmannschaft in Escobar’s Kathedrale zu Gast war, dort zu Mittag aß und mit ihm zusammen kickte hatte jedenfalls niemand gestört.

Screenshot aus The Two Escobars – René Higuita auf dem Weg nach La Catedral http://www.proyectopabloescobar.com/2014/11/el-asunto-higuita-en-la-catedral-1991.html

Gesellschaftliche Lage nach dem Tod Pablo Escobars

Pablo Escobar wurde am 2. Dezember 1993 in Medellín von Polizeieinheiten auf der Flucht erschossen, aber sein Tod hatte das Land keineswegs friedlicher gemacht. Escobar war zum Ende hin aufgrund seiner Bekanntheit auch ein großes politisches Ziel, und die Möglichkeit für Kolumbien ein wenig aus den internationalen Schlagzeilen zu kommen. Der Regierung waren in den letzten Monaten der Jagd auf Escobar fast alle Mittel Recht, und man verschloss die Augen vor der Einmischung der paramilitärischen Gruppierung der PEPES (Perseguidos por/Verfolgte durch Pablo Escobar). Das Vakuum das Escobars Medellín-Kartell auf dem Drogenmarkt hinterließ, wurde still und leise von den anderen Kartellen gefüllt, doch das Machtvakuum verwandelte die Hauptstadt der Provinz Antioquia in ein außerordentlich gefährliches Pflaster. Entführungen unter Mithilfe von korrupten Polizisten, Morde wegen Nichtigkeiten, und auch Bombenanschläge standen auf der Tagesordnung. Verschiedene Kriminelle versuchten durch besonders rücksichtslose Gewalt Einfluss und Kontrolle in der Stadt zu gewinnen. Nationaltrainer Maturana sagte: „Nach Pablos Tod musstest du dauernd hellwach sein, und konntest niemandem vertrauen, nicht einmal Polizisten.“

Eine für die Zivilbevölkerung, ganz gleich welcher sozialer Klasse, gefährliche Situation, die sowohl während als auch nach der Weltmeisterschaft 1994 große Auswirkungen auf den kolumbianischen Fußball hatte. Dazwischen einige Nationalspieler die zeitweise abwechselnd mit dem Präsidenten und Pablo Escobar speisten.