https://www.youtube.com/watch?v=XNFOevNlauY

Narcofutbol – Fußball in Zeiten der großen Drogenkartelle 1/6

Heutzutage dient der Fußball sowohl als Profilierungsbühne neureicher Scheichs, als auch als „Die Menschenrechte sind egal“-Karte für Emirate um von der Missachtung quasi aller Menschenrechte abzulenken. Wenden wir uns daher einer „romantischeren“, da ehrlich kriminellen, Episode dieses schönen Sports zu, dem Narcofutbol in Kolumbien der 90er Jahre.

Die vorentscheidende Niederlage der kolumbianischen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 1994 in den USA gegen den Gastgeber mit Andrés Escobar in der tragischen Hauptrolle, markierte den unrühmlichen Beginn der fußballerischen Rezession des südamerikanischen Landes. Der Fußball, der in Kolumbien dank der Vermögen der Drogenkartelle in den 80er und 90er Jahren bisher unbekanntes Niveau erreicht hatte, und gleichzeitig gemäß Eco’scher Prophezeiung, als Opium des Volkes eine Gesellschaft von alltäglicher blutiger Gewalt ablenkte. Eine Gesellschaft die vor allem in Medellín nach dem Tod von Pablo Escobar Zeuge einer sich immer wilder drehenden und unberechenbareren Gewaltspirale wurde, die schließlich auch das Leben seines Namensvetters und Abwehrchefs der Cafeteros Andrés forderte. Um zu verstehen weshalb die kolumbianische Nationalmannschaft vor dem entscheidenden Spiel gegen die USA Todesdrohungen aus der Heimat erhielt, weshalb Kriminelle erfolgreich fordern konnten dass bestimmte Spieler nicht aufliefen, und weshalb der Mord an dem beliebten Fußballer Anrdrés Escobar doch auch etwas mit dem Tod des berühmtesten Drogenkönigs der Welt zu tun hat, muss einiges an Geschichte aufgearbeitet werden. Der Artikel orientiert sich dabei an dem Dokumentarfilm The Two Escobars des amerikanischen Brüderpaars Jeff und Michael Zimbalist.

Andrés Escobar (1967-1994) – “El caballero de la cancha”

Der Mann, dessen Tod Kolumbien bis heute nicht ganz überwunden hat, kam 1967 in Medellín auf die Welt und wuchs im Stadtteil Calasanz auf. Andrés war ein gewissenhafter und disziplinierter Schüler, der immer seine Hausaufgaben machte, um danach auf allen Straßen des Viertels dem runden Leder nachzujagen. Seine Mutter nahm ihn jeden Morgen vor der Schule mit in die Messe, und als sie im Alter von 52 Jahren an Krebs starb, war dies ein schwerer Schlag für den Jungen. Aber der Fußball half ihm dabei diesen Schicksalsschlag zu verarbeiten, und sich später dafür zu entscheiden auf den Traum Profifußballer bei Atlético Nacional zu werden hinzuarbeiten, und kein Studium zu beginnen.

Und dieser Traum begann an irgendeinem Samstag im Jahr 1987 Wirklichkeit zu werden. Der damals 20-jährige war zur richtigen Zeit am richtigen Ort, besser gesagt auf dem richtigen Fußballplatz, dem Platz neben dem die Profimannschaft trainierte. Der Trainer der 1. Mannschaft Nacional’s „Profe“ Maturana hatte gerade Nolberto Molina nach einem Disput aus dem Team geworfen, und sah Escobar auf dem Nebenplatz spielen und rief hinüber: „Du da drüben, du spielst jetzt bei uns mit!“ Zugegebenermaßen kannte Coach Francisco Maturana den jungen Escobar schon flüchtig, und charakterisierte ihn später nicht nur als exzellenten Spieler, sondern auch als Personifikation der Geradlinigkeit. Andrés sah den Fußball als Werteschule an, und dementsprechend verhielt er sich auch. Er sollte sowohl bei Atlético Nacional, als auch in der Nationalmannschaft eine erfolgreiche Ära mitprägen, und wurde wegen seines Betragens respektvoll El caballero de la cancha (Der Kavalier des Feldes) genannt. Ausgerechnet der Liebling des Landes wurde 1994 nur wenige Tage nach dem WM-Aus, bei dem ihm ein folgenschweres Eigentor unterlief, in Medellín erschossen. Der Innenverteidiger war eines der Idole des Landes, und auf dem Platz mitverantworlich für den fußballerischen Aufschwung. Doch wie sah es allgemein bei Atlético Nacional und im kolumbianischen Fußball aus?

Situation des Fußballs

Den letzten Titel hatten El Verde 1981 unter dem legendären argentinischen Trainer Osvaldo Zubeldía gewonnen – der von sich selbst sagte, dass er den kolumbianischen Fußball revolutioniert hatte -, war aber seitdem titellos geblieben. Die Titeldürre hielt bis 1989 an, und wurde mit dem historischen Triumph in der Copa Libertadores beendet (mehr dazu in Teil 3).

Allgemein war der kolumbianische Fußball zu diesem Zeitpunkt von überschaubarem Niveau und international unbedeutend, was sich jedoch ab Ende der 90er Jahre verdächtig schnell änderte. Zum einen da tatsächlich die erste goldene Generation heranwuchs, und zum anderen da bei bestimmten Vereinen auf einmal Geld im Überfluss vorhanden war. Genauer gesagt bei den Vereinen die zu den Spielzeugen der Drogenbosse mutiert waren. Dabei handelte es sich in erster Linie um América de Cali (Cali-Kartell, angeführt u.a. von den Brüdern Miguel & Gilberto Rodríguez Orejuela), Millonarios F.C. (Medellín-Kartell, Gonzalo Rodríguez Gacha), sowie Atlético Nacional und Independiente Medellín (Medellín-Kartell, Pablo Escobar). Allerdings nutzten die Vereine das frische Geld, das ohne Bedingungen in großen Mengen floss sinnvoll. Einerseits setzten sie es ein um die guten einheimischen Talente zu halten, und andererseits wurden erfahrene Trainer und talentierte Spieler aus dem Ausland verpflichtet. Nacional-Trainer und mehrfacher Nationalcoach Francisco „Pacho“ Maturana gab zu verstehen: „Wir haben unser Verhalten nicht geändert, wir bekamen einfach nur mehr Geld, aber das fußballerische Niveau stieg zwangsläufig.“

Die Verbindung von Kartellen und Fußball wurde in der kolumbianischen Öffentlichkeit jedoch erst zum Thema, als der Drogenkrieg später eskalierte, obschon die meisten Menschen wohl wussten oder ahnten woher das Geld stammte. Für die Spieler von Atlético Nacional war es ebenfalls ein offenes Geheimnis, sie kannten Pablo Escobar teilweise seit vielen Jahren, und wussten genau, dass er den Verein führte. Zudem wurden sie von ihm öfter auf Privatpartys eingeladen. Auch wenn lange ein anderes Bild gezeichnet wurde, das vom Fußball als verbrechensfreien Raum, ist heute klar, dass auch er sich nicht den Tentakeln der Drogenkartelle entziehen konnte.

Morgen Teil 2: Wieso interessierten sich die Kartelle für den Fußball?