(Screenshot The Two Escobars)

Narcofutbol – Fußball in Zeiten der großen Drogenkartelle 3/6

Nachdem im gestrigen zweiten Teil der Serie die geschäftliche Bedeutung des Fußballs für die Kartelle aufgezeigt wurde, inklusive deren Auswirkung auf den Platz, stellen wir heute die bisher wenig bekannte Seite von Pablo Escobar als Fußballfan, und Fußballförderer vor.

Das Pablo „El Patrón“ Escobar großer Fußballfan war, findet in den bekannten Fernsehserien über sein Leben (Narcos, El Patrón del Mal) wenig Erwähnung. Tatsächlich war der Drogenkönig jedoch genauso fußballbegeistert wie die meisten seiner Landsleute, und in Kolumbien wird gesagt, dass die ersten Schuhe, die sich der in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsene Pablo leisten konnte Fußballschuhe waren, und dass er auch mit Fußballschuhen an den Füßen vom Bloque de Búsqueda (Polizei-Sondereinheit) auf der Flucht erschossen wurde. Wie viel Geld er insgesamt in die beiden Vereine aus Medellín, Atlético Nacional und Independiente, steckte ist unbekannt, aber es sollen im Vergleich zu seinem Gesamtvermögen eher Peanuts gewesen sein. Jedoch war sein Vermögen so groß, dass es sich vermutlich immer noch um einige Millionen handelte. Denn Escobar soll allein in die Vereinigten Staaten Kokain im Wert von drei Milliarden US-Dollar geschmuggelt haben (Zu Hochzeiten 70 Tonnen/Monat), und manchmal 50 Mio. $ an einem Tag verdient haben.

Seinen größten Erfolg mit Atlético Nacional feierte er am 31. Mai 1989 als sein Lieblingsverein (was von seinem Sohn Juan Pablo Escobar bestritten wird, der sagt, dass sein Vater ausschließlich Independiente-Fan war) als erster kolumbianischer Verein die Copa Libertadores gewann. Dies stellte eine besondere Genugtuung dar, da der große Rivale América de Cali zwischen 1985-87 dreimal hintereinander im Finale gestanden war, aber jedes Mal knapp den Kürzeren gezogen hatte. Nacional traf im Finale auf Club Olimpia aus Paraguay und setzte sich nach 0:2 im Hinspiel und 2:0 im Rückspiel mit 5:4 in einem dramatischen Elfmeterschießen durch. Held war der damals 23-jährige René „El Loco“ Higuita, der vier Strafstöße parierte, und selbst verwandelte. Jaime Gaviria, ein Cousin Escobars, erzählte, dass sein Cousin der normalerweise nie Emotionen zeigte nach dem Spiel vor Freude auf und ab sprang. Nach dem prestigeträchtigen Sieg in der südamerikanischen Königsklasse lud er die Mannschaft zur Feier auf seine Ranch ein, und bezahlte jedem Spieler einen Extrabonus. „Sein“ Abwehrchef Andrés sah das freundschaftliche Verhältnis argwöhnisch, und nahm die Einladungen – die nicht viel mit einer Einladung im klassischen Sinne zu tun hatten, da Ablehnen keine ratsame Alternative war – des Patrón nur widerwillig an.

Diese Besuche hörten auch dann noch nicht auf, als dieser bereits im Gefängnis La Catedral (Die Kathedrale) einsaß. Dem Spitznamen der über Medellín thronenden Einrichtung lässt sich entnehmen, dass sie nicht viel mit einer Haftanstalt zu tun hatte.

La Catedral war das selbsterbaute Luxusgefängnis von Pablo Escobar. Escobar hatte es zuvor durch die Bestechung zahlreicher Politiker geschafft, dass die Auslieferung von Verbrechern wieder aus der Verfassung gestrichen wurde. Anschließend ergab er sich unter der Bedingung seine Strafe in seinem sebsterrichteten Privatgefängnis absitzen zu dürfen. La Catedral – ironischerweise eine ehemalige Drogenentzugsanstalt – bot alle Annehmlichkeiten eines 5-Sterne Hotels, inklusive maximaler Sicherheit und Prostituiertenbesuchen. Zur Ausstattung gehörten unter anderem ein Pool, ein künstlicher Wasserfall, eine Diskothek, und ein Fußballplatz.

Das Vermächtnis des Patrón

Mehrere tausend Personen waren am 3. Dezember 1993 bei der Beerdigung eines der größten Kriminellen der Geschichte anwesend. Einige nur weil sie einen Blick auf den Sarg des sagenumwobenen Verbrecherkönigs erhaschen wollten, andere tatsächlich um Abschied zu nehmen. Abschied von einem Mann, der großen Anteil daran hatte, dass Kolumbien zeitweise die höchste Mordrate der Welt vorzuweisen hatte, der dafür verantwortlich war, dass ein Passagierflugzeug während des Fluges explodierte, dass ein Präsidentschaftskandidat ermordet wurde, und ein Land jahrelang in Angst und Schrecken lebte. Ein Mann der aber auch im Jahr 1982 dank vieler Stimmen der Menschen aus den Armenvierteln seiner Heimatstadt Medellín in das kolumbianische Repräsentantenhaus gewählt worden war, was ihm Immunität und Schutz vor Auslieferung garantierte.

Einer seiner Auftragsmörder, Jhon Jairo Velásquez, alias „Popeye“ beschrieb die Reaktionen auf den Tod von Pablo Escobar wie folgt: „Die Reichen feierten, die Verbrecher weinten im Gefängnis, die Armen gingen zu seiner Beerdigung.“

(Screenshot The Two Escobars – Pablo Escobar bei der Eröffnung eines Fußballplatzes)

Fußball als ständiger Begleiter

Der sogenannte Narcoterrorismo (Drogenterrorismus) begann 1984, als zum ersten Mal Escobar’s Drogenverbindungen an die Öffentlichkeit kamen. Doch abgesehen von seinem erzwungenen Rückzug aus der Politik beeinträchtige ihn dies vorerst wenig, da er in Medellín praktisch mehr Macht besaß als die Regierung in Bogotá, und er aufgrund korrupter Polizisten über die Aktionen der Polizei immer im Voraus Bescheid wusste. Darüber hinaus stieg der Drogenumsatz zunächst weiter an. Effektiv verbrachte Escobar nur die letzten zweieinhalb Jahre seines Lebens, ab Juni 1991, auf der Flucht, bzw. in seinem Privatgefängnis. Sein Gefährte „Popeye“ erzählte, dass der Fußball eine placebo-artige Wirkung auf Escobar hatte, und er während der Flucht vor der Polizei gewöhnlicherweise mit seinem Walkman-Radio Fußballübertragungen anhörte. Laut „Popeye“ waren sie eines Tages von Sicherheitskräften umzingelt, und Pablo versuchte ihn mit der Nachricht zu beruhigen, dass Kolumbien gerade ein Tor erzielt hatte. Auch Escobar’s Schwester Luz María erklärte, dass ihr Bruder den Fußball liebte.

Doch weshalb hatte die ärmere Bevölkerung Escobar ins Parlament gewählt, beweinte seinen Tod und schrie „Viva Pablo“ an seinem Grab? Die Armen, zu denen sich Pablo trotz seines absurden Reichtums bis zu seinem Lebensende selbst zählte, lagen ihm am Herzen, und ihnen gegenüber zeigte er sich großzügig. Er sah sich selbst als eine Art kolumbianischen Robin Hood, der von den reichen stahl, und der der einzige war, der sich für die Belange der Armen einsetzte. Bekanntestes Beispiel dafür ist das Barrio (Stadtteil) Medellín sin Tugurios, – im Volksmund Barrio Pablo Escobar – in seiner Geburtsstadt Medellín. Auf der ehemaligen Müllhalde ließ er 443 Häuser für 700 Menschen errichten – heute bereits über 4000 Häuser und 16.000 Einwohner -, die dort zuvor unter prekären hygienischen Bedingungen lebten. Zudem ließ er regelmäßig Geld, Medikamente und Nahrung verteilen. Seine Wohltaten führten dazu, dass ihn viele Menschen als eine Art Messias sahen, als den Mann der Arbeitsplätze und Nahrung brachte.

Aber auch für den Fußball spendete er Geld, ließ Flutlichtmasten aufstellen, und baute viele Fußballplätze in den ärmeren Stadtteilen. Und nicht wenige der besten Fußballer des Landes und spätere Nationalspieler, wie Alexis García, Chicho Serna, René Higuita, Leonel Álvarez oder Chonto Herrera begannen ihre Karrieren in jenen Armenvierteln auf den von Escobar bezahlten Plätzen. Zwar sprachen laut Higuita auch alle über deren Sponsor, und der Drogenhandel wurde von der Mehrheit kritisch gesehen, aber trotzdem konnten die jungen Spieler über diese Verbindung hinwegsehen. Stattdessen war man eher glücklich über diese Wohltaten, da von der Politik kaum Hilfe zu erwarten war.

(Screenshot The Two Escobars – Einwohner danken Pablo Escobar für den Fußballplatz)

Auf den gespendeten Plätzen in den Barrios wurden regelmäßig Turniere zwischen den verschiedenen Stadtteil-Teams ausgetragen, die oft das größte soziale Ereignis der jeweiligen Viertel waren, und zu denen fast alle Bewohner strömten. Für kurze Zeit boten die Turniere den Menschen die Möglichkeit ihre Sorgen, und die Missachtung durch die restliche Gesellschaft auszublenden. Besonders die Spieler konnten, nicht selten unter den Augen des Patrón, für einen Moment ihre Herkunft vergessen. Im Rahmen dieser Turniere entstanden sogar Freundschaften – manche oberflächlich, manche tiefer –  zwischen Escobar und Spielern. Einige der Talente die später bei Nacional ihre Karriere starteten, kannte er teilweise schon seit deren Kindheit. Abgesehen davon, dass Escobar ohnehin ihre Gehälter bezahlte, zeigten sie sich ihm dankbar, indem sie ihn von Zeit zu Zeit auf seiner berühmten Hacienda Napolés besuchten und dort Showspiele austrugen, bei denen der Patrón mitkickte.