Ferretti

Geschichten aus 1201 Spielen: Ferretti ist Rekord-Trainer

Seit seiner Amtsübernahme 2010 führte Ricardo Ferretti den mexikanischen Universitätsklub Tigres UANL zu vier Meisterschaften und ungeahnter Größe. Mit nun insgesamt 1201 Pflichtspielen als Trainer bei verschiedenen Klubs im Land ist der brasilianische Trainer endgültig zur Legende aufgestiegen.

Für einige Minuten musste Ricardo „Tuca“ Ferretti noch zittern, dann konnte er einen gelungenen Abschluss seines Rekordspiels feiern: Beim 2:1-Sieg seiner Tigres gegen Monarcas Morelia am achten Spieltag der Liga MX saß der brasilianische Trainer zum 1201. Mal in einem Pflichtspiel auf der Trainerbank eines mexikanischen Vereins und stellte damit einen neuen Rekord auf. Nachdem er unter der Woche durch den Einsatz seiner Tigres in der CONCACAF Champions League mit dem legendären Nacho Trellez gleichgezogen war, sicherte er sich am Wochenende nun die alleinige Bestmarke. „Für uns ist es eine Ehre, „Tuca“ als Trainer zu haben. Wir fühlen uns geehrt und wollen ihn so lange wie möglich bei uns haben“, erklärte Linksverteidiger Jorge Torres Nilo, der ebenso wie Ferretti im Sommer 2010 zu den Tigres gewechselt war.

Ohnehin zeichnet sich dessen dritte Amtszeit beim aktuellen Meister durch enorme Kontinuität und große Erfolge aus. Zum damaligen Zeitpunkt im Juli 2010 hatte Ferretti den Klub in ernsthafter Abstiegsgefahr übernommen, seitdem gelangen vier Meisterschaften, ein Pokalsieg und Finalteilnahmen in Copa Libertadores und der nordamerikanischen Champions League. Stand der Universitätsklub vor knapp acht Jahren noch an der Schwelle zum Abgrund, wird inzwischen diskutiert, ihn neben América, Chivas, Cruz Azul und Pumas in die mythische Riege der „vier Großen“ aufzunehmen, den vier populärsten Klubs des Landes. Den Architekten des Erfolgs ließen derlei Diskussionen stets kalt, gewohnt stoisch konzentriert er sich vor allem darauf, die goldenen Jahre so weit wie möglich zu verlängern. „Wir sind ein verhältnismäßig junger Verein, wir wissen was wir machen und wofür wir stehen und wollen unsere Sache einfach gut machen“, äußerte er unlängst.

Dass Ferretti selbst seine Sache gut macht, daran gibt es in Mexiko ohnehin keinen Zweifel. Nicht nur, dass er nun auf 1201 Spiele als Trainer kommt, seit Beginn seiner Karriere als Fußballlehrer 1991 ist er noch nie entlassen worden und steht somit seit inzwischen 9738 Tagen ununterbrochen in Diensten verschiedener Klubs, mit denen er insgesamt sechs Meisterschaften gewann. Inzwischen gehört zu jeder Titelfeier der Tigres das angestammte Ritual, bei dem die Spieler ihrem Trainer den charakteristischen Schnauzbart abrasieren. Dieser gehört seit jeher zu Ferretti, ebenso wie seine knurrige Haltung und die regelmäßigen Wutausbrüche am Spielfeldrand und auf dem Trainingsplatz. Seine wohl größte Schimpftirade ereignete sich 2014 in der Saisonvorbereitung, als eine misslungene Trainingsübung ihm sichtlich auf die Stimmung schlug, was wiederum für Millionen Klicks auf Youtube sorgte.

Seine Schützlinge schätzen an ihm aber vor allen Dingen die väterlichen Ansprachen und den umsichtigen Kurs bei der Führung einer Mannschaft. Immer wieder ist zu beobachten, wie er einzelne Spieler vor ihrer Einwechslung zu sich auf die Bank holt, um minutenlang mit der Taktiktafel in der Hand mögliche Szenarien durchzusprechen und Lösungen mit auf den Weg zu geben. Im aktuellen Kader finden sich noch sechs Spieler, die bereits seit 2010 dabei sind, mit Kapitän Juninho, den mexikanischen Nationalspielern Hugo Ayala und Jesús Dueñas sowie Torres Nilo gehören vier davon auch weiterhin zum unumstrittenen Stammpersonal.

Auch wenn die Mannschaft seit 2010 niemals für den spektakulärsten Fußball im Land stand, ist doch immer eine mehr als klare Handschrift zu erkennen gewesen. Saison für Saison weisen die Statistiken die meisten gespielten Pässe, die beste Passquote und den höchsten Ballbesitz für die Tigres aus. Mit bis ins kleinste Detail geschliffenem Spiel steht die Kontrolle des Spiels über allem, auch wenn die Spieler in einer Schwächephase 2014 ermüdet vom engen Korsett wirkten und es schien, als drohe eine Wachablösung auf der Trainerbank. Dank einer ersten Transferoffensive im Jahr 2015 folgte dann allerdings die endgültige Wende, mit Neuverpflichtungen wie André-Pierre Gignac stieß der Verein finanziell in neue Sphären und ist seitdem der große Dominator im Land.

Zu Gignac pflegt Ferretti auch eine spezielle Beziehung, beide tauschen sich regelmäßig intensiv aus, oft wirkt es, als habe der leidenschaftlich aufbrausende Franzose seinem stoischen Trainer ein wenig mehr Lockerheit im Alltag verliehen. „Für mich ist er genauso cholerisch wie Marcelo Bielsa, aber er pflegt einen familiären Umgang, ist in ständigem Kontakt mit den Spielern und macht auch den einen oder anderen Spaß“, beschreibt der Torjäger seinen Trainer. „Er ist sehr fordernd, schimpft viel, aber vor allem ist er ein großartiger Mensch“, pflichtet Nationalspieler Jürgen Damm bei. Auch abseits des Alltagsgeschäfts zeigt sich der Brasilianer immer umsichtig und aufmerksam.

Mit den berüchtigten Wutausbrüchen ist es aber dennoch nicht endgültig vorbei, so explodierte er 2016 im Rahmen einer Pressekonferenz, als er zunächst um die Fragen der anwesenden Reporterinnen bat, sich dann allerdings ein männlicher Kollege vordrängeln wollte. „Ich werde nicht mit Ihnen diskutieren und sie haben mir verflucht nochmal nicht zu sagen, was ich zu tun habe“, fauchte er den Journalisten an. „Seien Sie verdammt nochmal still“, legte er nach und verließ anschließend wutentbrannt den Saal.

Doch neben den vielen Ausbrüchen gibt es auch zahlreiche launische Auftritte auf Pressekonferenzen, auf denen Ferretti Witze erzählt, ans Handy eines Journalisten geht oder Kuchen an die Runde verteilt. Den jüngsten Auftritt nutzte er dazu, seine Vertragsverlängerung bis 2021 zu verkünden, nachdem es eigentlich geheißen hatte, er wolle 2020 mit dann 66 Jahren abtreten. „Man wird mich keine zwei, sondern noch drei Jahre ertragen müssen“, diktierte er den Medienvertretern mit einem Lächeln in ihre Blöcke.