Veracruz
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Veracruz im Abstiegskampf mit dem Rücken zur Wand

In der Nacht auf Sonntag startet das Torneo Clausura und damit die entscheidende Runde für den Abstieg am Saisonende. Anders als in der ausgeglichenen Vorsaison steht mit Veracruz diesmal nur ein Team vor dem Abgrund.

Guillermo “Memo” Vázquez war keine zwei Wochen in Veracruz, da schien er seine Entscheidung bereits bitter zu bereuen. Nach anderthalb Jahren ohne Anstellung hatte sich der frühere Meistertrainer der Pumas Anfang Dezember für den Job bei den Tiburones Rojos entschieden, verbunden mit der Mission, das abgeschlagene Schlusslicht der Dreijahrestabelle in Mexiko noch vor dem Abstieg zu retten. Doch nach ersten Einblicken wurde dem 50-Jährigen schnell klar, dass die Herausforderung weit größer sein würde, als „nur“ die nötigen Punkte für den Klassenerhalt zu holen.

Denn beim halbjährlichen Draft, der einzigen Möglichkeit, ligainterne Transfers vorzunehmen, erhielt er zunächst nicht einen einzigen der so dringend benötigten Neuzugänge. Bei seiner Ankunft am Vormittag wurde ihm gar der Zutritt zu den Veranstaltungsräumen in der Zentrale des mexikanischen Fußballverbands verwehrt, weil dem Verein wegen ausstehender Gehaltszahlungen aus der Vorsaison die Teilnahme untersagt worden war. Erst nachdem der Fernsehsender TV Azteca, der die Heimspiele der Tiburones Rojos überträgt, als Bürge einsprang, erhielt der Klub grünes Licht. So wurde immerhin noch die Leihe von Tolucas Routinier Carlos Esquivel ausgehandelt, der sich in der Offensive als wichtige Verstärkung präsentieren könnte.

Chaos vor und hinter den Kulissen

Mehr war für Veracruz allerdings nicht drin, statt mit neuem Hoffnungsträgern im Gepäck reisten die Verantwortlichen letztlich mit einem weiteren Beleg dafür ab, den großen Chaosklub der letzten Jahre zu führen. Für diesen Ruf sorgte lange Jahre Besitzer Fidel Kuri, der sich wegen zahlreicher Eskapaden schließlich aus dem Tagesgeschehen zurückgezogen und seinem gleichnamigen Sohn die Verantwortung übertragen hatte. Doch auch der sorgte nicht für die erhoffte Beruhigung, womöglich, weil ihm dafür schlichtweg die Kompetenzen fehlen. Die Personalplanung wird Berichten zufolge unter anderem von Mittelsmännern des Telekommunikationsunternehmens Grupo Salinas durchgeführt, das auch hinter TV Azteca steckt. Und Kuri Senior hat bereits einen neuen Vereinsnamen registriert und Fans die baldige Möglichkeit des Anteilskaufs versprochen, um im Falle des Abstiegs zu verhindern, das sämtliche Anteile am Klub in die Hände der Regierung des Bundesstaates fallen. Auch Carlos Slim, einer der reichsten Menschen der Welt, soll zu den Beteiligten des neuen Projekts gehören.

„Ich hatte anderthalb Jahre, also drei Halbsaisons keine Gelegenheit, keine Mannschaft entschied sich für mich. Dann kam die Chance mit Veracruz und für mich ist es eine große Herausforderung“, machte Guillermo Vázquez in einem Interview unlängst keinen Hehl daraus, dass er weniger aus Überzeugung als vielmehr aus Verzweiflung die Mission Veracruz annahm. Selbst der Feststellung, dass er mit dem Engagement seine weitere Karriere gefährde, stimmte er zu: „Lieber riskiere ich meine Laufbahn indem ich etwas tue, als dass ich nichts tue.“ Obwohl er als Trainer durchaus Erfolge vorzuweisen hatte, mit den Pumas 2011 die Meisterschaft gewann und Ende 2015 im Finale stand, mit Cruz Azul 2013 einen Pokalsieg und eine weitere Vizemeisterschaft vorzuweisen hatte, war es um seine Person zuletzt ruhig geworden. Angesichts der vielen neuen Trainer, die in den letzten Jahren aus dem Ausland nach Mexiko strömten, war es für ihn die ersehnte Gelegenheit, wieder auf sich aufmerksam machen zu können.

Schwere Hypothek vor Saisonstart

Und selbst wenn Vázquez es nur schaffen sollte, den Abstiegskampf noch einmal spannend zu machen, wäre ihm das bereits gelungen. Schließlich geht seine Mannschaft mit satten acht Punkten Rückstand in die letzten 17 Spiele, nur noch Querétaro scheint in Reichweite und schon dafür müsste nahezu alles perfekt laufen. Dass die Gallos Blancos auch noch als Gewinner aus der Winter-Transferperiode hervorgingen und ihren Kader mit den Routiniers Miguel Samudio, Diego Novaretti und Edson Puch hochklassig verstärkten, macht die Aussichten für die Escualos nicht einfacher. Bei Veracruz hingegen kam bisher lediglich ein weiterer Transfer aus dem Ausland zustande, der Brasilianer Alan Santos kommt auf Leihbasis bis Sommer. Warum man angesichts der Situation zudem den peruanischen Torhüter Carlos Caceda verpflichtete, nur um ihn sogleich wieder innerhalb der Liga zu verleihen, ließ sich nach keinem logischen Ansatz nachvollziehen. Noch hofft Trainer Vázquez auf drei neue Leute, jeweils einen Spieler pro Mannschaftsteil, allerdings ohne selbst in die Planungen eingebunden zu sein. „Es könnten noch drei Spieler kommen, es fehlen nur noch Details. Aber ich kann nichts dazu sagen, ich bin darüber nicht informiert“, gab er einen weiteren ungewollten Hinweis darauf, was bei seinem Arbeitgeber derzeit alles schiefläuft.

Drei fühlen sich sicher

Während Chiapas im letzten Jahr als Schlusslicht der Dreijahrestabelle mit insgesamt 117 Punkten abstieg, könnten durch das schwache Abschneiden von Veracruz diesmal schon deutlich weniger Zähler für den Klassenerhalt reichen. Mit ihren derzeit insgesamt 101 Punkten wären Puebla und Atlas in der Vorsaison noch akut gefährdet gewesen, angesichts von aktuell 13 Zählern Vorsprung macht sich das Duo zu Saisonbeginn aber nur bedingte Sorgen um den Existenzkampf. Atlas holte in den letzten zwei Halbsaisons ohnehin satte 14 Punkte mehr als Veracruz, Puebla machte in der diesjährigen Hinrunde noch einmal zwei Punkte auf die Tiburones Rojos gut. Fein raus scheint auch Aufsteiger Lobos BUAP, dessen Punkteschnitt angesichts von nur einer gewerteten Saison deutlich größeren Schwankungen ausgesetzt ist. Doch selbst wenn Veracruz eine Rückrunde mit starken 24 Punkten gelingen würde, müsste der Universitätsklub aus Puebla lediglich 15 Zähler holen, um die Klasse zu halten. Nur ein dramatischer Einbruch des Neulings und eine spektakuläre Aufholjagd des Tabellenletzten könnten also noch einen spannenden Zweikampf gelingen, Veracruz ist in seinem Schlamassel also zweifellos nicht bloß auf sich alleine gestellt, sondern vielmehr auf die unfreiwillige Mithilfe angewiesen, um das Wunder doch noch wahrmachen zu können.

Monterrey will Revanche an der Spitze

Weniger Dramatik als im Keller ergibt sich beim Blick auf die oberen Gefilde, wo erneut die üblichen Verdächtigen in den Schlagzeilen stehen. Apertura-Superlíder Monterrey will nach dem verlorenen Finale gegen Lokalrivale Tigres mit aller Macht den Titel und verfeinerte die Offensive noch einmal mit dem uruguayischen Nationalspieler Urreta von Pachuca. Der vermutete Kauf eines international bekannten Akteurs, wie ihn Tigres vor zweieinhalb Jahren mit André-Pierre Gignac gewagt hatte, blieb hingegen aus. Der Meister selbst baute diesmal auf Kontinuität und verzichtete auf Veränderungen am Kader. Rekordmeister América holte mit Emmanuel Aguilera, Joe Corona und Henry Martin gleich drei Spieler, mit denen Trainer Miguel Herrera bis Sommer in Tijuana gearbeitet hatte, außerdem soll noch ein Hochkaräter für den Angriff verpflichtet werden. Auch Vorjahres-Meister Chivas, das in der Hinrunde enttäuschende Tijuana und Cruz Azul mit dem neuen Trainer Pedro Caixinha starten ambitioniert in die Rückrunde. Hauptstadtklub Pumas will sich nach der blamablen Hinrunde mit nur 13 Punkten unbedingt rehabilitieren und zumindest die Play-offs erreichen. Gibt es ein erneutes Fiasko, droht dem Universitätsverein der bange Blick in die neue Saison: Ohne die dann gestrichenen 35 Punkte der Apertura 2015 würde man in der Dreijahres-Tabelle dramatisch abrutschen und sich zu einem heißen Abstiegskandidaten entwickeln.