Giménez

Chaco Giménez – Abgang eines Unvollendeten

Acht Jahre lang bereicherte Christian „Chaco“ Giménez den mexikanischen Traditionsklub Cruz Azul als Leistungsträger, Identifikationsfigur und Publikumsliebling. Im neuen Jahr ist nun aber kein Platz mehr für den Routinier, der den Verein unwürdig durch die Hintertür verlassen muss.

Pedro Caixinha machte es kurz und schmerzlos: „Chaco wird nicht bei uns bleiben. In letzter Instanz ist das natürlich auch eine Entscheidung meinerseits.“ Gleich auf seiner ersten Pressekonferenz als neuer Trainer von Cruz Azul traf der Portugiese vor einer Woche die wohl unpopulärste Entscheidung, die ein Trainer bei Cruz Azul treffen kann und verkündete das Aus einer wahren Vereinslegende. Christian „Chaco“ Giménez hatte seit Januar 2010 die Stiefel für den Hauptstadtklub geschnürt, in 257 Ligaspielen das Trikot der Máquina Celeste getragen und sich mit 62 Treffern zum großen Idol im Estadio Azul entwickelt. Ein Spiel konnte noch so schlecht laufen, die sportliche Situation, wie so oft in den letzten Jahren, völlig hoffnungslos sein. Sobald die Nummer zehn in Strafraumnähe am Ball war oder sich am Spielfeldrand zur Einwechslung bereitmachte, herrschte sofort ein anderer Geist im weiten Rund.

Abruptes Ende

Angesichts seiner bald 37 Jahre war zu erwarten, dass der gebürtige Argentinier, dessen Name über die Jahre so oft in Sprechchören gefeiert wurde und dessen Spitzname auf seine Heimatregion im Norden des Landes zurückgeht, ein Ablaufdatum haben würde. Doch kaum jemand rechnete damit, dass Vereinsführung und sportliche Verantwortliche dieses kurzfristig auf den 31.12.2017 datieren würden. Sportlich gehörte er in der laufenden Saison schon nicht mehr zum Stammpersonal, doch mit zwölf Ligaspielen, vier davon von Beginn an, und weiteren vier im Pokal, fand er unter Trainer Paco Jémez durchaus noch Verwendung. Entsprechend schien es vielmehr denkbar, dass er die laufende Saison noch bis Juni absolvieren würde, um dann, pünktlich zum Auszug des Vereins aus dem Estadio Azul, seine Karriere zu beenden.

Dass es anders kam, war folglich eine große Überraschung. Zwar hatte es in den letzten Jahren auch im Fanlager immer wieder vereinzelte Stimmen gegeben, die die inzwischen 20 Jahre andauernde Durststrecke ohne Meistertitel auch auf vermeintliche „Altlasten“ im Kader wie Giménez zurückführten, doch die überwältigende Mehrheit stimmte weiterhin voller Überzeugung in die „Chaco, Chaco“-Sprechchöre ein, die die Heimspiele in aller Regel begleiteten. Und auch wenn es für die Meisterschaft nicht reichte, gewann er immerhin 2013 den Pokal und ein Jahr später die nordamerikanische Champions League.

Schnelle Einsicht

Doch nicht nur die Trennung an sich sorgte für viel Aufsehen und vornehmlich kritische Kommentare der Öffentlichkeit, vielmehr stieß vielen vor allem das Wie übel auf. Denn als sich Trainer Caixinha am Tag nach seiner Vorstellung an die Arbeit machte und die erste Trainingseinheit absolvierte, drehte Giménez gemeinsam mit dem ebenfalls ausgemusterten Gabriel Peñalba auf einem Nebenplatz einsam seine Runden, nachdem ihm die Teilnahme am Mannschaftstraining verwehrt worden war.

Auf der eigenen Homepage versuchte Cruz Azul am Folgetag zu retten was noch zu retten war, veröffentlichte eine emotionale Hommage an den nach seiner Einbürgerung fünffachen mexikanischen Nationalspieler. „Die Leute, die deinen Wert nicht schätzen, haben sich niemals getraut, dich nach einem Foto zu fragen, sie waren niemals im Estadio Azul und sie haben es selbstverständlich noch nie erlebt, Gänsehaut zu bekommen, wenn sie das Stadion deinen Namen während eines Fußballspiels singen hören.“ Mit dem einleitenden Satz, der Spieler habe „einen anderen Weg eingeschlagen als der Verein“, wurde der Trubel der vorigen Tage gekonnt beschönigt.

Neue alte Heimat Pachuca

„Ich habe immer gesagt, dass für mich in Mexiko nur zwei Optionen infrage kommen. Entweder ich beende meine Karriere bei Cruz Azul oder in Pachuca. Eine Möglichkeit ist jetzt weggefallen“, betrachtete Giménez am Tag der Trennung nüchtern seine derzeitige Situation. Trotz seiner acht Jahre in der Hauptstadt hatte er eine Rückkehr nach Pachuca zum Ende der Laufbahn nie ausgeschlossen, nachdem er 100 Kilometer nördlich des Distrito Federal seine sportlich erfolgreichste Zeit verlebt hatte. In den dreieinhalb Jahren bei Pachuca hatte er die Copa Sudamericana 2006, die mexikanische Meisterschaft 2007 sowie den CONCACAF Champions Cup, den Vorläufer der Champions League, 2007 und 2008 gewonnen. Als Spieler des Jahres der Saison 2008/2009 wechselte er schließlich im Januar 2010 zu Cruz Azul.

Dort spielte er sich anschließend mit seinen leidenschaftlichen Auftritten und seinen großen fußballerischen Qualitäten in die Herzen der Fans. Freistöße, die krachend den Weg ins Tor fanden, wurden zum Markenzeichen des schussgewaltigen offensiven Mittelfeldspielers. Zum Helden wurde er schon nach knapp einem Jahr, als er im Oktober 2010 mit seinem entscheidenden Treffer die „Malaria“ des Vereins, eine 16 Spiele andauernde Sieglos-Serie gegen Hauptstadtrivale América im Clásico Joven beendete und die Águilas mit einem anschließenden Adler-Jubel persiflierte. Im letzten Jahr ging zudem ein persönlicher Traum in Erfüllung, als er gemeinsam mit seinem damals 15-jährigen Sohn Santiago in einem Freundschaftsspiel gemeinsam auf dem Platz stand.

Auch für América sowie für Veracruz war er vor seiner Leistungsexplosion in Pachuca aufgelaufen, doch erst nach dem Wechsel in den Bundesstaat Hidalgo 2006 entwickelte er sich zu einer der großen Referenzen des mexikanischen Fußballs der letzten 20 Jahre. Und kaum hatte „Chaco“ mit seiner Zukunftsaussage vorsichtig bei Pachuca an die Tür geklopft, präsentierte ihn der Verein auch schon als ersten Neuzugang für die Rückrunde, genau elf Jahre nachdem er mit einem Finaltreffer maßgeblich zum Gewinn der Copa Sudamericana beigetragen hatte.

Trauriger Abschied aus der Hauptstadt

Trotz zahlreicher ähnlich glanzvoller Momente bei Cruz Azul konnte auch er die große Hoffnung auf den ersehnten neunten Meistertitel nicht erfüllen, entsprechend gehörten auch Tiefpunkte zu den insgesamt 96 Monaten bei den Celestes. Im Finale 2013 fehlten gegen América nur wenige Sekunden zum Titel, der dann im Elfmeterschießen doch an den Erzrivalen ging. Drei Jahre zuvor hatte die Mannschaft unter Trainer Enrique Meza in beeindruckender Manier die Hauptrunde dominiert, um dann bereits im Viertelfinale der Play-offs am zweiten großen Lokalrivalen Pumas zu scheitern. Ein halbes Jahr darauf ließ sich Giménez nach dem Viertelfinalaus in Morelia von einem aufs Spielfeld gelaufenen Fan provozieren und musste nach seinem anschließenden tätlichen Angriff sechs Spiele lang aussetzen.

Bevor sich Giménez zurück in die alte Heimat begab, ließ er seinerseits die Gelegenheit eines würdevollen Abschieds nicht ungenutzt und bedauerte neben aufrichtigen Danksagungen auch das eine große Versäumnis seiner achtjährigen Etappe: „Wir haben es tausend und ein Mal versucht und ja, vielleicht haben wir nicht diesen einen Titel geholt, den wir so sehr wollten.“