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Cruz Azul vor dem Endspiel: Große Chance für kleinen Klub?

Am letzten Vorrundenspieltag der Liga MX hat Cruz Azul es nächste Woche in der Hand, sich erstmals seit 2014 wieder für die Play-offs zu qualifizieren. Inmitten der Diskussionen um das Prestige des Klubs ist die Chance Balsam für die Seele des einstigen Serienmeisters.

„Wir haben deutlich gezeigt, dass wir keine große Mannschaft sind“, platzte es aus Paco Jémez heraus. Gleich nach der 0:3-Niederlage bei Aufsteiger Lobos BUAP am 14. Spieltag Ende Oktober ging Cruz Azuls spanischer Trainer mit seiner Mannschaft hart ins Gericht und stürzte sich damit auf den heiligen Gral des mexikanischen Fußballs. Denn die großen Vier, so das ungeschriebene Gesetz, sind die Rekordmeister América und Chivas, Universitätsklub Pumas und eben auch Cruz Azul. 39 Meistertitel vereint das Quartett auf sich und selbst Toluca mit insgesamt zehn Meisterschaften oder Tigres, dreifacher Titelträger in den letzten sechs Jahren, schafften es in der allgemeinen Wahrnehmung nicht, die Phalanx der vermeintlichen Großen zu durchdringen. Auch wenn die sportliche Gegenwart den Mythos schon längst eingeholt zu haben scheint, sitzt er noch immer fest in den Köpfen der Fußballfans des Landes, sodass die Aussage von Jémez für regelrechtes Entsetzen und tagelange Diskussionen sorgte. So ergriffen ehemalige Spieler wie Carlos Hermosillo das Wort, äußerten in noch gemäßigtem Ton, dass sie den Verein noch immer als groß ansehen. Direkter wurde einmal mehr der Journalist David Faitelson, erklärter Erzfeind des Coachs. „Cruz Azul ist ein großer Klub, hat derzeit aber leider nur einen kleinen Trainer“, stürzte er sich ein weiteres Mal auf den Glatzkopf.

Die goldenen Jahre liegen lange zurück

Doch wie wenig sich der Status mit aktuellen Leistungen rechtfertigen lässt, zeigt derzeit kein Team besser als Cruz Azul. Zwischen 1969 und 1980 war der Werksklub eines Zementproduzenten siebenfacher Meister, dominierte mit Legenden wie Miguel Marín, Javier Sánchez oder Javier Guzmán die Siebzigerjahre des mexikanischen Fußballs. Doch seit inzwischen dreieinhalb Jahren ist es dem Klub nicht einmal mehr gelungen, sich in insgesamt sechs Halbsaisons auch nur einmal unter den Top Acht für die Play-offs zu qualifizieren. Von den aktuellen 17 Ligakonkurrenten hat lediglich Aufsteiger Lobos in diesem Zeitraum ebenfalls keine Play-off-Teilnahme vorzuweisen, und selbst dort unterlag La Máquina zuletzt kläglich mit 0:3. Sogar das Wort „cruzazulear“ als Synonym für dramatisches Scheitern hat sich inzwischen in den Wortschatz des mexikanischen Fußballs eingeschlichen, der Verein ist in der Gegenwart das Abbild des Misserfolgs.

Als Paco Jémez vor knapp einem Jahr als neuer Trainer vorgestellt wurde, sollte endlich wieder alles besser werden. Zwar war er Monate zuvor in seiner Heimat mit Rayo Vallecano in die zweite Liga abgestiegen und bei seiner folgenden Station in Granada schon nach sechs Spielen als Schlusslicht entlassen worden, dennoch eilte ihm ein guter Ruf voraus, die Verpflichtung galt durchaus als Coup nach zahlreichen gescheiterten Vorgängern. Und nachdem Jémez es im ersten Halbjahr ebenfalls nicht schaffte, den Verein in die Liguilla zu hieven, sah es im laufenden Turnier nun endlich einmal besser aus. Vom ersten bis zum 14. Spieltag standen die Celestes durchgehend auf einem Play-off-Platz, mussten dabei in den ersten neun Spielen keine Niederlage hinnehmen. Doch seit dem zehnten Spieltag hat das große Zittern begonnen, ein 0:4 in Pachuca, ein 1:3 zu Hause gegen Stadtrivale América und das 0:3 beim Aufsteiger haben die mühsam aufgebaute Stabilität wieder ins Wanken gebracht. So kommt es, dass Cruz Azul vor dem letzten Spieltag über die Länderspielpause auf Platz neun und damit außerhalb der Play-offs steht.

Schicksal in der eigenen Hand

Immerhin gelang am letzten Wochenende ein äußerst wichtiger Sieg in Morelia, der dem Hauptstadtklub noch einen letzten Rettungsanker ermöglichte: Das nun folgende direkte Duell zwischen Necaxa und Morelia auf den vorderen Plätzen legt Cruz Azul das Schicksal in die eigenen Hände. Gewinnt die Mannschaft übernächsten Samstag das Heimspiel gegen den Abstiegskandidaten und derzeitigen Vorletzten Veracruz, ist ein Platz unter den ersten Acht garantiert. „So nah und doch so fern“ titelte ESPN mit Blick auf das kleine Finale, denn auch wenn nur noch ein Schritt zur Erlösung fehlt, scheint es einmal mehr genau der richtige Rahmen, um durch eigenes Versagen den landesweiten Spott auf sich zu ziehen. In ähnlicher Situation war das schon einmal gelungen, als man im Mai 2015 den letzten Spieltag noch als Sechster anging und gegen Aufsteiger Leones Negros spielte. Schon ein Punkt hätte Cruz Azul gereicht, doch mit einer 0:2-Heimniederlage blamierte man sich bis auf die Knochen, zumal der Auswärtssieg die Gäste nicht einmal vor dem Abstieg rettete.

„Wir denken an nichts anderes als die Qualifikation. Wir haben Veracruz im Kopf, weil es in diesem Spiel um alles geht“, ließ Rechtsverteidiger Gerardo Flores zu Wochenbeginn keinen Zweifel daran aufkommen, dass die Mannschaft es diesmal besser machen will. 1295 Tage nach dem letzten Play-off-Spiel hat Cruz Azul nun also erstmals wieder die Chance, sich im Konzert der Großen mit Leistungen und nicht mit Worten zurückzumelden. Sportlich wirkt der Klub auch durchaus auf dem Wege der Besserung, das Chaos früherer Tage scheint gelindert, die sportliche Ausrichtung ist die richtige. Doch exemplarisch für die derzeitige Lage bei Cruz Azul ist das Spiel gegen Veracruz kein Endspiel um einen Titel, sondern vielmehr nur ein finale Bewährungsprobe für die derzeitige Feuerpause auf allen Ebenen. Gelingt es nicht, noch unter die ersten Acht zu springen, scheinen neue Turbulenzen und ein weiterer Umbruch vorprogrammiert. Paco Jémez dürfte dann ganz andere Sorgen haben als die Definition von groß und klein.