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Von köpfenden Kaninchen – Eine kleine Hommage an den Fußball in Mexiko

Der mexikanische Fußball steckt voller Eigenheiten und Kuriositäten, alleine in der vergangenen Saison ergaben sich ein paar schöne Anekdoten, deren Erinnerung die Sommerpause erträglich machte und das Warten auf die kommende Woche beginnende neue Spielzeit verkürzte.

Es war ein Tor mit 100 Metern Anlauf. „Kommt ‚Conejo‘ Pérez?“ fragte Kommentator Andrés Cantor beim Spiel zwischen Pachuca und Cruz Azul Ende April. „Bestimmt“, antwortete Experte Carlos Hermosillo, eine der großen Persönlichkeiten des mexikanischen Fußballs. Und Pérez, das Kaninchen, kam. In der dritten Minute der Nachspielzeit stürmte Pachucas Torhüter für eine letzte Ecke in den gegnerischen Strafraum, stieg zum Kopfball hoch und erzielte, obwohl er den Ball nur mit der Schulter erwischt hatte, den späten 2:2-Ausgleich für den Gewinner der CONCACAF Champions League. Der Treffer eines Torhüters ist immer etwas Besonderes, doch umso größer war das Erstaunen, dass ausgerechnet Pérez sich für den Moment verantwortlich zeigte. Mit gerade einmal 1,72 Metern Größe besticht er schon als Keeper nicht gerade durch ein Gardemaß, noch schwerer ist es da, sich im gegnerischen Strafraum im Luftkampf durchzusetzen. Doch es passte wie die Faust aufs Auge, dass das Tor des vorletzten Spieltags der vergangenen Saison auf das Konto von Oscar Pérez ging. Mit 44 Jahren und damit 24 Jahre nach seinem Ligadebüt war der Treffer dabei nicht einmal eine Premiere für den Glatzkopf. Schließlich traf er bereits vor elf Jahren einmal, ausgerechnet für Cruz Azul, für das er rund zweieinhalb Dekaden zuvor in der ersten Liga debütiert hatte. „Ich erhebe mich für diesen großartigen Spieler“, fasste Hermosillo, der selbst fünf Jahre mit Pérez gespielt hatte, seine Bewunderung zusammen.

Kampf gegen die Windmühlen des Misserfolgs

Und tatsächlich hätte sich der Fußballgott als Opfer für Pérez‘ Treffsicherheit niemand besseren aussuchen können als Traditionsklub Cruz Azul, der sich in den letzten 20 Jahren immer mehr zum Gespött der Fans entwickelt hat. Seit 1997 wartet der ambitionierte Klub nun auf seinen neunten Meistertitel, die Durststrecke war dabei mal von peinlichen Niederlagen, mal von dramatischem Scheitern in letzter Sekunde geprägt. So wie 2013, als man gegen Lokalrivale América in der Nachspielzeit und in Überzahl die Meisterschaft verspielte, erneut verursacht durch ein Kopfballtor des gegnerischen Torhüters. Cruz Azuls Scheitern ließ sich auch im letzten Jahr auf verschiedenen Mikroebenen wieder eindrucksvoll bestaunen: In beiden Halbserien verpasste man den angestrebten Sprung unter die besten Acht, in den letzten drei Jahren haben nun alle 16 Erstligisten mindestens einmal die Meisterrunde bestritten – ausgenommen Aufsteiger Lobos BUAP und eben Cruz Azul. Dabei brachte es die Mannschaft im letzten Jahr sogar fertig, im Derby gegen América ein berauschendes 3:0 zur Halbzeit herauszuschießen, nur um nach 90 Minuten mit hängenden Köpfen und einer 3:4-Niederlage bedröppelt vom Feld zu schleichen. Nicht zuletzt dank derlei Darbietungen umfasst das Vokabular des Fußballs in Mexiko inzwischen das Wort „cruzazulear“, zu verwenden als die passendste Bezeichnung für spektakuläres Scheitern.

Die soziale Komponente in Mexiko

Doch nicht nur die Schicksale einzelner Spieler und Vereine machen den Reiz der Liga MX aus. Der Wettbewerb ist Jahr für Jahr ausgeglichen, durch die Play-off-Runde der ersten Acht wird bis zur letzten Sekunde um die besten Plätze gekämpft. Die anschließende „Fiesta Grande“ ist zum Ende einer jeden Spielzeit ein großes Highlight und hat, wie sollte es anders sein, ihre eigenen Gesetze. So schmeißt für Gewöhnlich der Achte in Mexiko gleich zu Beginn den „Superlíder“ aus dem Rennen, sodass vor jeder Meisterrunde der dadurch geschaffene Fluch des Tabellenführers beschworen wird. Der Verband ist bemüht, die Liga als ein Premium-Produkt zu verkaufen, was beim traditionsbewussten Fußballfan zunächst für Entsetzen sorgen mag, bei genauerer Betrachtung aber durchaus maßvoll umgesetzt werden konnte. So wirbt der Fußball stark für Inklusion und ein gemeinsames Miteinander, vor jedem Spiel verkündet im Mittelkreis ein Kind den Spruch “juega limpio, siente tu liga.“ Besonders oft dürfen dabei Kinder mit Behinderung den Glücksmoment erfahren, das Mantra „spiel fair, sorge dich um deine Liga“ auszurufen.

Darüber hinaus laufen regelmäßige Kampagnen, um auf gesundheitliche Risiken hinzuweisen. So wird pro Saison mehrere Wochen auf das Thema Brustkrebs aufmerksam gemacht, ein Ball mit rosa Elementen, spezielle Trikots mit kleinen Schleifen am Ärmel oder rosa Rückennummern sind Teil der Kampagne. Auch das Risiko starken Übergewichts wird in Themenwochen behandelt. Um besonders den vielen jungen Zuschauern gesunde Alternativen aufzuzeigen, verlesen die beiden Kapitäne gemeinsam entsprechende kurze Botschaften.

Das Thema Solidarität ergab sich auch nach Ende der vergangenen Saison, als der Zweitligist Murciélagos die nationale Konkurrenz nach der Krebs-Erkrankung von Abwehrspieler Ezequiel Orozco um Unterstützung bat. Nicht nur Vereine wie América und Monterrey, die sich für Benefiz-Freundschaftsspiele anboten, zeigten dabei ihre Unterstützung. Auch zahlreiche Fußballer versprachen Hilfe für ihren Kollegen, so stellten Stars wie André-Pierre Gignac oder auch die in Europa aktiven Chicharito und Guillermo Ochoa allerlei Schuhe und Trikots zugunsten wohltätiger Versteigerungen zur Verfügung, Nationalspieler Yasser Corona versprach, sich um die Organisation eines Spiels unter den Allstars der Liga zu kümmern.

Knurrig und schillernd: Ricardo Ferretti

Und neben derlei schönen Gesten liegt auch in Mexiko das Entscheidende letztlich in den 90 Minuten auf dem Rasen sowie dem Drumherum. Großartige Persönlichkeiten prägten die Liga in den letzten Jahren und sind auch weiter ein wichtiger Bestandteil, ein Beispiel von vielen ist der brasilianische Trainer Ricardo Ferretti von Tigres UANL. Der knurrige 63-Jährige, der wegen seiner optischen Erscheinung auch als Drogenbaron durchgehen könnte, arbeitet seit 26 Jahren ohne Unterbrechung als Trainer in Mexiko, seinen fünf Meistertiteln steht eine weiße Weste in Sachen Entlassungen gegenüber – keine seiner acht Stationen endete mit einem Rausschmiss. Mit seiner impulsiven Art passt Ferretti folglich auch perfekt nach Monterrey, der Heimat von Tigres und in den letzten Jahren die heimliche Fußball-Hauptstadt des Landes. Schließlich gehören seine Mannschaft sowie Lokalrivale Rayados zu den erfolgreichsten Teams der jüngeren Vergangenheit, sportlich und stimmungsmäßig ist gegen die beiden Großmächte aus dem Norden kaum ein Kraut gewachsen. Nicht umsonst besagt die Legende, dass 1984 im „Volcán“, der Heimstatte der Tigres, einst die erste La Ola der Welt über die Betontribünen des weiten Rundes walzte.

Ferretti

Instagram / Club Tigres Oficial

Mit all den Erinnerungen und Randgeschichten, dazu der Doppeleinsatz der heiß geliebten Nationalmannschaft bei Confed Cup und Copa de Oro, ist die Sommerpause für den mexikanischen Fußballfan in diesem Jahr äußerst kurz und erträglich ausgefallen. Und auch die tapferen Anhänger, die sich aus Deutschland und anderen Teilen Europas die Nächste mit mexikanischem Fußball um die Ohren schlagen, besitzen endlich wieder die willkommene Alternative für die Wochenend-Planung. Schon in der nächsten Woche steigt dann wieder die Spannung, wenn Oscar Pérez seine Legende als köpfender Alterspräsident festigen, Cruz Azul endlich wieder Erfolge feiern oder Ricardo Ferretti seinen Nimbus der Unkündbarkeit weiter kultivieren will. Insgesamt 334 Mal heißt es dann wieder “juega limpio, siente tu liga“, ehe es auf dem Rasen temperamentvoll zur Sache geht.