Aztekenstadion

Mexiko-Exkursion, Teil 1: América x Lobos BUAP

Mexiko hat eine große Tradition im Fußball: Zwei Weltmeisterschaften richteten die Zentralamerikaner aus, zudem sind sie Dauergast bei der WM. Chefutbol war im Land der Azteken und hat sich natürlich zwei Fußballspiele nicht entgehen lassen. Hier lest ihr den ersten Teil unseres Exkursionsberichts vom Spiel América gegen Lobos BUAP.

Der Fußball in Mexiko hat ein beachtliches Niveau erreicht – sportlich wie finanziell. Wechsel wie die der französischen Nationalspieler André-Pierre Gignac (UANL Tigres) und Jéremy Ménez (América) sprechen Bände, aber auch spanische Erstligaspieler schlagen immer häufiger ihre Zelte in Mexiko auf – selbst wenn sie keine so großen Namen haben wie Pep Guardiola, der einst seine Karriere bei den Dorados de Sinaloa ausklingen ließ. Die populärsten Klubs des Landes sind América aus Mexiko-Stadt und die Chivas aus Guadalajara, aber auch viele andere Vereine wie etwa die UNAM Pumas oder Atlas haben große Tradition und viele Anhänger vorzuweisen. Der amtierende Meister sind die UANL Tigres aus Monterrey, das durch die Erfolge der Tigres und von Vizemeister CF Monterrey langsam Guadalajara als heimliche Fußballhauptstadt ablöst.

Das wichtigste Stadion Mexikos hat Weltruhm: Das Aztekenstadion von Mexiko-Stadt ist weltweit das einzige, das zwei Weltmeisterschaftsfinals gesehen hat. Könnten die Tribünen sprechen, sie hätten einiges zu erzählen – von Pelé, der seine Brasilianer 1970 zum Titel führte, ebenso wie von Diego Maradona, der 1986 selbiges mit den Argentiniern tat. Anlass genug, das Stadion zu besuchen – und dabei auch den polarisierendsten Klub Mexikos kennenzulernen: América. Águilas, Adler, nennen die zahlreichen Fans den Rekordmeister – unter den mindestens ebenso zahlreichen Gegnern lautet der Rufname dagegen Gallinas, Hühnchen. Trotz der ruhmreichen Vergangenheit lief es zuletzt nicht immer glatt für den Verein, seit 2006 stehen nur zwei Halbserientitel zu Buche. Immerhin: Der Saisonstart glückte mit acht Punkten aus vier Spielen weitgehend, dazu ließ die Verpflichtung von Jeremy Ménez die Fans träumen – auch wenn der Franzose in seinen ersten Spielen noch nicht traf. Am vergangenen Wochenende stand für die Azulcremas das Duell gegen die abstiegsbedrohten Lobos BUAP an, ein recht anonymer Universitätsklub aus der nahegelegenen Stadt Puebla.

Entspannte Stimmung, lange Schlangen

Das Aztekenstadion liegt etwa 45 Minuten außerhalb des Stadtzentrums, wobei spätestens ab dem Umstieg in den S-Bahn-artigen Tren Ligero die Züge brechend voll sind. Ein Umstand, den Langfinger zu nutzen wissen: Ein im gleichen Zug fahrender Gringo besitzt jetzt ein Handy weniger, Verfolgung zwecklos. Nach rund 15 Minuten Fahrt erhebt sich rechts das Aztekenstadion: Ein imposanter Bau, aber bei Dunkelheit ohne große äußerliche Distinktionsmerkmale. Der Weg zum Stadion wird dann von den kleinen Ständen dominiert, die alle möglichen und unmöglichen Artikel und Dienstleistungen anbieten – von der gelb-blauen Vollschminke über Ringermasken bis zum Aufbewahren von Gürteln. Dieser darf, wie in vielen lateinamerikanischen Ländern nicht mit rein ins Stadion. Die Atmosphäre ist dabei entspannt, vereinzelt sieht man sogar andere Trikots, die nicht mal abschätzig kommentiert werden.

Als ich vor dem Kassenhäuschen stehe, habe ich noch fast 30 Minuten bis zum Anpfiff – vermeintlich früh genug, faktisch aber ein Problem: Von letztlich 18.200 Zuschauern kaufen geschätzte 60% ihr Ticket erst direkt am Stadion. Hinzu kommt, dass jeder Käufer ungefähr fünf Minuten am Kassenhäuschen steht – warum genau, bleibt unklar. Erwartbares Ergebnis: Riesige Schlangen, Wartezeit: Über dreißig Minuten. Zusammen mit Weg zum Stadion, Abgeben des Gürtels, Einlasskontrolle und einem gefühlt kilometerlangen Weg ums Stadion – bei dem ich die Fans der Lobos treffe, die auch nicht früher ankamen oder ankommen durften, dafür aber von einem beeindruckenden Polizeiaufgebot eskortiert wurden – zum Sitzplatz ergibt das eine Verspätung von rund 20 Minuten, ehe ich auf meinem Sitz Platz nehmen darf. Der ist dafür ziemlich gut: Hoch ragen die beeindruckenden drei Tribünen des Stadions über mir auf, denn ich sitze höchstens zehn Meter vom Spielfeldrand entfernt, seitlich hinter der Trainerbank. Kurzer Check auf der Anzeigetafel, auf der das Spiel mit wenigen Sekunden Verspätung gezeigt wird: Noch 0:0, nix verpasst.

Ein Platzverweis als Knackpunkt

Dabei geht es durchaus zur Sache. Zunächst scheinen die Lobos durchaus gleichwertig mit ziemlich uninspirierten Gastgebern, bei denen Jeremy Ménez auf der Bank geblieben war. Zahlreiche Freistöße segeln in den Strafraum der Aguilas und scheitern regelmäßig an der gut abgestimmten Abseitsfalle, ein riskanter Einsatz als letzter Mann wird vom Schiedsrichter nach 25 Minuten nicht als Foul bewertet. Doch nur wenige Sekunden später kommt der Knackpunkt, ab dem die Geschichte des Spiels vorhersehbar wird: Der 36-jährige Kapitän der Lobos, Maza – mit 106 Länderspielen auf dem Buckel und einst für den VfB Stuttgart aktiv – begeht ein recht minderwertiges Foul im Mittelfeld, kommt dabei aber von hinten. Die Konsequenz: Glatt rot. Bahn frei für América? In der Tat. Die Lobos stellen auf ein passives 4-4-1 um, doch das Abwarten klappte nicht: Nur wenige Minuten später fliegt Americas Goalgetter Henry Martin nach einer Ecke heran und köpft den Ball in die Maschen. Ab da wird es zum Spaziergang, ohne dass man den Gästen einen echten Vorwurf machen könnte: Der Einsatz stimmt, aber Matchglück, Überzahl und individuelle Klasse sind mit den Hausherren. Insbesondere der immer wieder gesuchte paraguayische Linksaußen Cecilio Dominguez nähert sich dem Kasten nun häufiger an und stellt noch vor der Pause seine Vorbereiterqualitäten unter Beweis: Locker und leicht geht er am Ex-Hoffenheimer Luis Advincula – einer von drei Peruanern in der Startelf der Lobos – vorbei und flankt präzise auf Henry Martin, der seinen zweiten Kopfballtreffer des Abends erzielt. Zeit für den Pausentee – oder die Pauseninstantsuppe, die emsige Verkäufer ebenso wie alle möglichen anderen Speisen und Getränke direkt auf die Sitzplätze bringen. Diese sind nicht besonders gut gefüllt, überall gibt es Lücken. Im Oberrang  sind gar so wenig Menschen, dass man das durch die Farbe der Bestuhlung geschaffene Logo der Biermarke Corona vollständig sieht.

Martins Kopfballhattrick, Ménez’ Traumtor

Americas Trainer, der viel gefeierte Piojo Herrera, macht sich derweil in der Kabine Gedanken – und stellt auf Dreierkette um, um noch ein paar mehr Tore zu schießen und Selbstvertrauen zu schöpfen. Noch wichtiger: Der Einwechselspieler heißt Jéremy Menez, erwartungsvoll begrüßt von der Tribüne. Und der Plan geht auf: Zunächst erzielt Henry Martin Sekunden nach Wiederanpfiff seinen dritten Kopfballtreffer des Abends, das 3:0. América wirkt dennoch etwas bräsig, und das Experiment Dreierkette wird schnell wieder eingestellt. Kapitän und local hero Oribe Peralta, der einen schwachen Tag erwischte, hat dann gar gewaltiges Glück, für ein härteres Einsteigen als zuvor Maza nur die gelbe Karte zu sehen. Auf den Tribünen herrscht lange auch nicht gerade Hochstimmung – laut wird es meist nur, um den Lobos-Keeper Villalpando zu schmähen. Erst in der 70. Minute kommt es zum ersten Rundumgesang. Das etwas eingeschlafene Spiel wacht dann mit Eduardo Terceros Abstauber zum 3:1 – nach dem gefühlt hundertsten Freistoß, den Américas linke Defensivseite verursachte – wieder auf. Und tatsächlich: Americas Stars zeigen nun ihr Können. Kaum eine Minute ist vergangen, da legte Henry Martin nach einem schönen Spielzug auf Renato Ibarra ab, der den Ball per Dropkick ins lange Eck setzt. Nun hallt es von den Tribünen: Aguilas, Aguilas! Und wiederum nur wenig später flankt Ibarra auf Ménez, der den Ball per wunderbarer Direktabnahme in den Winkel schmettert – sehr zur Freude der Bank, die Ménez kollektiv auf dem Platz gratuliert. Der Rest ist Schaulaufen, das der Schiedsrichter pünktlich zur 90. Minute beendet.

Auf der Tribüne sind dabei längst nicht mehr alle Zuschauer – nicht nur die Stimmung, sondern auch die Massenflucht zur 85. erinnerten eher an den FC Bayern. Auch die Olé-Rufe in der Schlussphase des Spiels bringen angesichts des Zustandekommens des Ergebnisses gegen abstiegsgefährdete Gäste keine großen Sympathiepunkte. Hinzu kommt die seltsame Angewohnheit, alle drei Spielminuten Werbedurchsagen für alle möglichen Werbepartner des Vereins zu machen, von Huawei bis Mercedes-Benz. So endet ein interessanter Ausflug mit einem zu früh entschiedenen Spiel nicht unbedingt mit Sympathiepunkten für América.