Mexiko

WM-Voschau Mexiko: Schicksalswochen für Juan Carlos Osorio

Trotz einer souveränen Qualifikation ist in Mexiko die Kritik an Nationaltrainer Juan Carlos Osorio nicht verstummt. Für den Kolumbianer und sein Team wird schon das Achtelfinale ein hartes Stück Arbeit, mehr scheint kaum möglich.

Vorgänger Miguel Herrera bringt sich für eine Rückkehr in Stellung, André Villas-Boas soll in Kontakt mit dem mexikanischen Verband stehen und Matías Almeyda ist der Wunsch zahlreicher Fußballfans im Land. Während Mexiko sich unter Juan Carlos Osorio auf die WM in Russland vorbereitet, wo endlich der Einzug ins Viertelfinale gelingen soll, diskutiert ganz Mexiko bereits über die Nachfolge des Kolumbianers. Selten zuvor haben derart viele Spieler derart offensiv davon gesprochen, gar den Titel holen zu können. Im Land selbst herrscht hingegen eine deutlich negativere Erwartungshaltung, viele erwarten eine kurze Weltmeisterschaft als Abschiedsvorstellung für den ungeliebten Nationaltrainer.

Der Weg nach Russland

Nachdem Mexiko 2014 noch lange zittern musste und erst über die Play-offs gegen Neuseeland das Ticket buchte, war der Eindruck diesmal deutlich besser. Als souveräner Tabellenführer machte man schon mehrere Spieltage vor dem Ende Nägel mit Köpfen, die einzige Niederlage gab es erst am letzten Spieltag, als es bereits um nichts mehr ging.

Mexikos WM-Geschichte

Die WM-Bilanz der Tri ist inzwischen untrennbar mit einer Obsession verbunden: Dem Viertelfinale. Abgesehen von den Heim-Weltmeisterschaften 1970 und 1986 schaffte man es noch nie unter die besten Acht, zuletzt scheiterte man sechsmal in Folge im Achtelfinale. „Eine gute WM für Mexiko würde den Einzug ins Viertelfinale bedeuten“, macht Bundesliga-Legionär Marco Fabián von Eintracht Frankfurt keinen Hehl um die Ansprüche der Mannschaft. Kapitän Rafa Márquez, der nach monatelanger Unsicherheit aufgrund privater Probleme lange Zeit auf der Kippe stand, darf nun seine fünfte Weltmeisterschaft absolvieren und geht zu diesem Zweck deutlicher in die Offensive: Er beteuerte, dass nicht an das „fünfte Spiel“ zu denken sei, sondern vielmehr an den WM-Titel.

Die Mannschaft

Fußballerisch geht Mexiko mit einem seiner besten Kader der letzten WM-Teilnahmen ins Rennen, auf allen Positionen sind Europa-Legionäre mit viel Qualität und Erfahrung vorhanden. Beginnend im Tor mit Guillermo Ochoa, der Abwehr um Héctor Moreno und Miguel Layún, dem Mittelfeld mit Andrés Guardado und Héctor Herrera sowie dem Angriff um Hirving Lozano, Carlos Vela und Chicharito lassen sich überall interessante Akteure nennen. Anders als 2014, als das 5-3-2 von Trainer Miguel Herrera noch das unveränderliche Patentrezept darstellte, können mit einem 3-5-2, einem 3-4-3 sowie einem 4-3-3 drei verschiedene Spielsysteme flexibel verwendet werden. Doch trotz taktischer Möglichkeiten und starken Spielern wirft das Team insgesamt Fragen auf, besonders die Rückwärtsbewegung muss in Russland besser funktionieren als in den Monaten zuvor.

Der Trainer

Juan Carlos Osorio folgte im November 2015 auf Miguel Herrera und stand von Anfang an in der Kritik, da viele Größen im Land lieber einen einheimischen Nationaltrainer gesehen hätten. Nach einem herausragenden Start mit neun Siegen und nur einem Gegentor folgte bei der Copa América 2016 eine historische 0:7-Schmach gegen Chile, von der sich Osorios Stellenwert bis heute nicht erholt hat. Vielen Kritikern sind auch die häufigen personellen Rotationen ein Dorn im Auge. Der 57-Jährige ist ein Fußballverrückter im positiven Sinne, studiert jedes kleinste Detail des Spiels und fordert von seiner Mannschaft aktives Spiel mit sauberer Ballzirkulation. Während Fans und Presse ihn unaufhörlich kritisieren, stehen die Spieler bedingungslos hinter ihm. In Russland haben sie selbst Osorios Zukunft in der Hand: Nur mit dem Einzug ins Viertelfinale und dem Ende des Achtelfinal-Fluchs scheint es überhaupt denkbar, den Trainer zu halten.

Der Schlüsselspieler

Auch wenn er nicht für das ganz große Spektakel steht, dreht sich im mexikanischen Spiel vieles um Mittelfeldspieler Andrés Guardado. Der „kleine Prinz“ ist in der Schaltzentrale dank großer Ballsicherheit, Übersicht und strategischem Geschick nicht gleichwertig zu ersetzen. Nach einer Muskelverletzung musste er sich zu Beginn der WM-Vorbereitung erst wieder in Form bringen. Nach Wochen intensiver Arbeit steht er inzwischen aber wieder voll im Saft, um Mexiko als Kapitän aufs Feld zu führen, da Rafa Márquez in aller Regel nur der Platz auf der Bank bleiben dürfte.

Das Talent

Den Durchbruch hat Hirving Lozano bereits geschafft, mit 22 Jahren ist der Flügelstürmer über das Talentalter aber noch nicht hinaus. Gleich in seinem ersten Jahr in Europa lieferte „Chucky“ in Eindhoven überragende Leistungen und hatte mit knapp 30 Scorerpunkten gewaltigen Anteil an der souveränen Meisterschaft der PSV. Im Klub sowie im Nationalteam beackert er die linke Seite, zieht dort als Rechtsfuß häufig nach innen und sucht dabei den Abschluss. Auch ohne eine gute WM könnte ihm der Wechsel zu einem großen Klub wechseln, ein überzeugendes Turnier würde aber dabei helfen, die Güteklasse des zukünftigen Arbeitgebers noch etwas zu erhöhen.

Die Chefutbol-Prognose

Mit einem guten Kader und einigen Stärken geht Mexiko ins Turnier, aber auch die Schwachstellen sind durchaus ersichtlich. In der Gruppe mit Deutschland, Südkorea und Schweden dürfte es im letzten Gruppenspiel gegen die Skandinavier um das Achtelfinale gehen, mehr scheint nur möglich, wenn der Gegner im Achtelfinale nicht Brasilien heißt.