Facebook / Medio Tiempo

Rückenwind nach dem Europa-Intermezzo

Mit einem 3:3 in Belgien und einem 1:0-Sieg in Polen hat Mexiko den Europa-Testlauf vor der WM in Russland erfolgreich gemeistert. Trainer Juan Carlos Osorio sitzt nach den gelungenen Auftritten gegen die Nummer fünf und sechs der Weltrangliste wieder deutlich fester im Sattel, Anlass für Kritik gab es kaum.

„Das wichtigste Spiel der Welt… findet heute in Italien statt“, ordnete TV-Kommentator Christian Martinoli beim Fernsehsender TV Azteca die Bedeutung der Partie zwischen Polen und Mexiko am Montag-Abend schon vor dem Anpfiff richtig ein. Die Begegnung in Danzig war zweifellos kein Duell für die Ewigkeit, doch für El Tri war der 1:0-Sieg gegen die nicht in Bestbesetzung spielende polnische Nationalmannschaft ein wichtiges Erfolgserlebnis. Nach der frühzeitigen WM-Qualifikation und den überzeugenden jüngsten Ergebnissen wird Nationalcoach Juan Carlos Osorio praktisch zum ersten Mal seit seinem Amtsantritt vor zwei Jahren von Kritik und Rücktrittsforderungen verschont.

Lozano und Jiménez als große Gewinner

Verantwortlich für den versöhnlichen Jahresausklang waren vor allen Dingen Flügelstürmer Hirving Lozano, der zuletzt schon auf Vereinsebene für Aufsehen gesorgt hatte, sowie Sturmtank Raúl Jiménez, der mit dem entscheidenden Treffer in Danzig auch etwas für das eigene Selbstvertrauen tat. „Wir verabschieden uns mit einem guten Gefühl, auf diese Art und Weise war es ein positiver Jahresabschluss“, bilanzierte der 26-Jährige. Er kam bei Benfica zuletzt nicht über die Rolle des Jokers hinaus, beendete nun aber immerhin seine Torflaute und zahlte seinem Nationaltrainer das Vertrauen zurück. Deutlich leichter gehen die Dinge derzeit bei Senkrechtstarter Lozano von der Hand. Der 22-Jährige hat den Sprung nach Europa herausragend gemeistert, ist in kürzester Zeit zu den großen Leistungsträgern bei PSV Eindhoven aufgestiegen und knüpfte im grünen Dress nahtlos an diese Eindrücke an.

Beim Remis in Belgien war er mit seinen zwei sehenswerten Treffern der beste Mexikaner, seine Ansprüche auf einen Platz in der Stammformation konnte er damit eindrucksvoll untermauern. Entsprechend kam Osorio nach dem Spiel in Brüssel nicht um ein Sonderlob umhin: „Als wir vor zwei Jahren angefangen haben, Hirving zu nominieren, haben viele diese Entscheidung in Frage gestellt. Ihn jetzt als etablierten Spieler zu sehen freut uns sehr.“

Vorne läuft es rund, hinten noch schleppend

Beim allgemeinen Blick stellte der Kolumbianer die offensive Qualität seiner Mannschaft heraus, kündigte außerdem an, die in Belgien noch stark anfällige Abwehr kontinuierlich zu stabilisieren. Nach einem 4-3-3-System im ersten Spiel sorgte das in Polen angewandte 5-3-2 tatsächlich für sofortige Besserung. Gegen einen zweifellos auch deutlich schwächer besetzten Gegner ohne Torjäger Robert Lewandowski ließ die Abwehr kaum etwas zu. Auch die beiden zuvor ausgemachten Schwachpunkte, Diego Reyes und Héctor Moreno, konnten sich rehabilitieren, nachdem sie in Brüssel noch das ein ums andere Mal ins Schleudern gerieten. Reyes, erst mit knapp 300 Einsatzminuten in Porto, ist als ausgebildeter Innenverteidiger auf seiner derzeitigen Position im defensiven Mittelfeld weiterhin nicht die optimale Lösung, dennoch erhält er derzeit den Vorzug vor „Spezialisten“ wie Jesús Dueñas oder Jorge Hernández, die zwar auf Vereinsebene deutlich mehr Einsätze vorweisen können, aber eben in der Heimat und nicht im europäischen Ausland spielen.

Dieser Umstand schien auch der einzige Grund für die erstmalige Nominierung von Belgien-Legionär Omar Govea zu sein, doch der 21-Jährige, der derzeit aus Porto an Royal Mouscron ausgeliehen ist, wusste als Einwechselspieler in seinen ersten 20 Minuten im Nationaltrikot zu gefallen und dürfte weiterhin im Blickfeld bleiben.

Liga MX versus Europa

Die Personalsituation im Mittelfeldzentrum deutet an, dass auch zum Ende des Länderspieljahres das Thema der Ligazugehörigkeit im Kreise der Nationalmannschaft eine Rolle spielt. Im Kader für die beiden Spiele standen in der Summe zehn Akteure aus der heimischen Liga, darunter zwei Torhüter und fünf Defensivspieler. Lediglich die Tigres-Akteure Javier Aquino und Jürgen Damm sowie Américas Kapitän Oribe Peralta traten auf Seiten der Offensivspieler die Reise über den Atlantik an, obwohl sich in der Liga zuletzt mehrere Akteure durchaus für eine Nominierung empfohlen hatten. Anstelle von Uriel Antuna, der in Groningen bislang gerade einmal drei Ligaspiele absolvierte und letztlich auch nicht zu seinem Länderspieldebüt kam, wäre beispielsweise Elías Hernández von León eine mögliche Alternative gewesen. Auch Víctor Guzmán aus Pachuca, mit acht Treffern torgefährlichster Mittelfeldspieler der heimischen Liga, hatte durchaus Argumente für eine erstmalige Nominierung gesammelt. Etwas überraschend war dafür erneut Jesús Gallardo an Bord, der sich bei Schlusslicht Pumas in einer rabenschwarzen Halbserie nicht wirklich positiv hatte absetzen können.

Auch wenn die Nominierungskriterien in dieser Hinsicht nicht immer ganz klar sind, bleibt in erster Linie die positive Erkenntnis, dass die Liga MX derzeit eine Vielzahl an Alternativen zutage fördert, falls der „europäische“ Stamm nachlässt oder verletzungsbedingt ausfällt. Entsprechend kann der Trainerstab aus einem großen Spielerpool wählen und nun Stück für Stück den Stamm für die WM herausbilden. Guillermo Ochoa im Tor, Héctor Moreno in der Abwehr, Andrés Guardado und Héctor Herrera im Mittelfeld und Chicharito an vorderster Front scheinen ihren Platz sicher zu haben, für die restlichen sechs freien Posten gibt es zahlreiche Bewerber. Ein Fragezeichen stellt weiter Rafael Márquez dar, der bei Atlas inzwischen wieder in den Spielbetrieb eingegliedert wurde und sich in der Rückserie an den finalen 23er-Kader herantasten möchte. Die Rolle des Kapitäns und zahlreiche andere Fragen sind für Juan Carlos Osorio derzeit aber eher Luxusprobleme. Zum Abschluss seines zweiten Amtsjahres kann er nun erstmals wirklich durchpusten und fernab allzu scharfer Kritik die nächsten Schritte auf dem Weg nach Russland planen.