Universitario de Deportes

Der tiefe Fall von Universitario de Deportes

Universitario de Deportes ist ein stolzer Verein. 26 Titel haben die Cremas, die in Lima im Stadteil Ate beheimatet sind, in 94 Jahren Vereinsgeschichte gewonnen. Damit sind sie Perus erfolgreichster Klub. Laut Umfragen drücken zudem 18% aller Peruaner La U die Daumen – damit liegt man zwar hinter dem Erzrivalen Alianza, aber weit vor allen anderen Vereinen. In ganz Südamerika kennt fast jeder den Verein mit dem U im Logo. Doch der GAU droht: Nur zehn Spiele vor Saisonende steht Universitario auf einem Abstiegsplatz und könnte erstmals in der Vereinsgeschichte in die zweite Liga absteigen. Wie konnte es so weit kommen?

Wer verstehen will, wie tief Universitario de Deportes wirklich gesunken ist, der muss sich die Größenordnungen des Abstiegskampfs im peruanischen Torneo Descentralizado verdeutlichen. Wer hier mitspielt, hat meistens wirklich viel falsch gemacht: Planlose Umbrüche wie bei Comerciantes und Ayacucho, deren jeweils über 20 Neuzugänge im Jahr 2018 zum Teil schon wieder die Koffer gepackt haben. Permanente Trainerwechsel wie bei Comerciantes, Sport Boys und Unión Comercio, die jeweils ihren dritten Chefcoach der Saison beschäftigen. Finanzielle Probleme wie bei Sport Rosario, das mitten in der Saison die halbe Mannschaft verlor. Fehlende Infrastruktur und wirre Vereinsführungen, die Teams wie Ayacucho und Comerciantes zum Ausweichen in weit entfernte Städte zwangen. Und nicht zuletzt allgemeines Desinteresse: Unión Comercio und die Universidad San Martín locken meist nur knapp 300 Zuschauer an, Comerciantes sperrte das Stadion während des Ausweichens nach Guadalupe mangels Interesse nicht mal auf. Und schlechter als alle diese Klubs mit Ausnahme des designierten Letzten Comerciantes ist: Universitario de Deportes, der vielleicht größte Verein Perus, der erfolgreichste Klub des Landes mit Heerscharen an Fans, einer topmodernen Infrastruktur und zahlreichen ehemaligen oder aktuellen Nationalspielern.

Geldnot, Transfersperre und ein solider Kader

Ein gewichtiger Grund dafür hat mit dem Bankkonto zu tun. Universitarios Kader war in den letzten Jahren immer auf den Titelkampf und das Erreichen der Copa Libertadores gepolt und entsprechend teuer. Doch die Art und Weise, wie man die Copa zuletzt in der Qualifikationsrunde verpasste, lässt noch Red Bull Salzburg erblassen: 2017 siegte man auswärts beim paraguayischen No-Name-Klub Deportivo Capiatá mit 3:1 und beschäftigte sich schon mit der nächsten Runde. Lästigerweise musste man aber noch das Rückspiel bestreiten und unterlag dort vor 25000 entsetzten Fans mit 0:3 – das Aus. 2018 wurde es sogar noch absurder: Gegen Oriente Petrolero aus Bolivien verloren die Cremas auswärts 0:2. Kein gutes Ergebnis, doch das Matchglück schien im Rückspiel auf Seiten der Peruaner: Rechtsverteidiger Aldo Corzo machte ein großartiges Spiel, schnürte einen Doppelpack und legte das 3:0 auf. Zwischendurch war Paulo Rosales bei den Gästen vom Platz geflogen, ihm folgte kurz nach dem dritten Tor sein Teamkollege Yasmani Duk. Mit elf gegen neun musste Universitario nun nur das Ergebnis halten – und scheiterte: Ein lächerlicher Fehler von Torwart Raúl Superman Fernández ermöglichte Jorge Paredes das 3:1, das bis zum Ende Bestand haben sollte und La U eliminierte.

Die Gelder aus der eigentlich eingeplanten Copa fehlen Universitario nun – auch, weil man in der heimischen Liga ebenfalls mäßig erfolgreich war. Nur 2013 schaffte man dank eines bemerkenswerten Schlussspurts den Titelgewinn, ansonsten war La U zumeist nicht mal nah dran an ihrem historischen Auftrag. Gemeinsam mit einer desaströsen Klubführung, die bevorzugt auf gealterte vermeintliche Stars wie den Ex-Schalker Carlos Grossmüller setzte und auch ansonsten das Geld geradezu aus dem Fenster warf, bedeutete diese Erfolglosigkeit ein gewaltiges finanzielles Loch. Schon seit 2012 mussten die Budgets der Cremas angesichts der hohen Verbindlichkeiten durch Gläubiger (insbesondere die Steuerbehörde SUNAT) und den Verband abgesegnet werden, doch der Schuldenberg wuchs immer weiter. Momentan wird er auf 155 Millionen Soles (rund 40 Mio. Euro) geschätzt. Weil der Verein 2017 in Zahlungsnot geriet, musste ein Insolvenzverwalter die Geschicke des Vereins übernehmen – und der Verband FPF sprach für den Saisonbeginn eine Transfersperre aus.

Man konnte das Unheil dieser Saison daher schon ein bisschen erahnen: Während nach der auch schon nicht überzeugenden Vorsaison Spieler wie Topscorer Luis Tejada und Nationaltorwart Carlos Cáceda dem Verein den Rücken kehrten, rückten nur Jugendspieler nach. Insbesondere im Angriff verfügte Coach Troglio hinter Ex-Nationalspieler Daniel Chávez nur über blutjunge Talente wie etwa Anthony Osorio und Paulo de la Cruz. Dennoch gab der Kader nominell einiges her: Der frühere Nationalkeeper Raúl Fernández im Tor, Kapitän und WM-Fahrer Aldo Corzo rechts hinten, der frühere Serie-A-Spieler Juan Manuel Loco Vargas auf der linken Abwehrseite, der venezolanische Seleccionado Arquimedes Figuera auf der Sechs, die pfeilschnellen Alberto Quintero und Roberto Siucho auf Außen, der frühere Brügger Chávez im Sturm. So peilte man wieder eine internationale Qualifikation an.

Eine Katastrophe nimmt ihren Lauf

Doch schon das Auftaktturnier Torneo de Verano setzten die Cremas völlig in den Sand: Gerade mal zwei Siege gab es in 14 Spielen, beide gegen Comerciantes Unidos. Der menschlich wie fachlich hochgeschätzte Coach Pedro Troglio zog die Konsequenzen aus dem missratenen Start und dem chaotischen Umfeld und trat die Flucht in sein Heimatland Argentinien an, wo er bei Gimnasia La Plata unterschrieb. Bei La U hörte dagegen noch nicht jeder die Alarmglocken klingen, denn ein missratener Saisonauftakt ist in den letzten Jahren keine Neuheit. Sowohl 2016 als auch 2017 war man ähnlich gestartet, um sich dann jeweils nach einem Trainerwechsel aufzurappeln und bis auf Platz 3 bzw. 4 der Jahrestabelle vorzurücken. Doch diesmal kam es anders: Der Auserkorene für die Aufholjagd, der unerfahrene Chilene Nicolás Cordova, hat deutlich weniger Fortune als in den Vorjahren Roberto Chale und Troglio. In der Apertura war man lediglich einen Hauch besser als im Torneo de Verano und platzierte sich mit 18 Punkten im unteren Mittelfeld, in der für den Abstieg entscheidenden Jahrestabelle damit allerdings immerhin fünf Punkte vor Ayacucho auf Rang 15.

Zur Clausura wurde die Transfersperre aufgehoben. Universitario war entschlossen, den Klassenerhalt nun möglichst schnell unter Dach und Fach zu bringen und vielleicht, wie in den Vorjahren, mit einer Aufholjagd an die internationalen Plätze anzuschließen. Dementsprechend prominent verstärkte man sich: WM-Fahrer Alberto Rodríguez kehrte mal wieder nach Ate zurück, er dürfte einer der teuersten Verteidiger der Liga sein. Weiter vorn soll der Uruguayer Pablo Lavandeira in Schwung bringen, in den letzten Jahren bei Rosario und Municipal einer der besten offensiven Mittelfeldspieler der Liga. Und im Sturmzentrum steht seit einigen Wochen Germán Tanque Denis, ein ehemaliger argentinischer Nationalspieler mit 73 Serie-A-Toren auf der Habenseite. Betrachtet man den Kader von La U unvoreingenommen, vermutet man in der inkonstanten und qualitativ bescheidenen peruanischen Liga nun eher eine Mannschaft, die mit etwas Glück um den Titel mitspielt. Ganz so, wie es der Name Universitario de Deportes verlangt.

Doch nichts könnte aktuell ferner sein als das. Das erste Spiel der Clausura verlor man unglücklich bei Titelkandidat Melgar, dann revanchierte man sich mit einem Last-Minute-Sieg gegen UTC. In den folgenden drei Spielen hätte man gegen direkte Konkurrenz einen Riesenschritt gegen den Abstieg machen können, verlor aber gegen Cantolao und spielte gegen die Universidad San Martin nur Remis. Und am Wochenende, bei Ayacucho, verlor La U ein Spiel, das symptomatisch ist für den aktuellen Lauf der Dinge – und nach dem La U tiefer denn je im Abstiegskampf steckt. Nach gerade mal sieben Minuten flog Torwart Raúl Fernández wegen eines Handspiels außerhalb des Strafraums vom Platz. In Unterzahl geriet die U schnell in Rückstand und kassierte kurz nach der Pause das zweite Tor. Ein eher zufällig entstandener Elfmeter, den Denis zum Anschluss nutzte, wurde durch das postwendende 3:1 sofort zunichte gemacht, ehe Juan Manuel Vargas für eine Notbremse Rot sah. Nachdem beide Teams in der Nachspielzeit trafen, war Universitario mit dem 4:2-Endstand noch gut bedient. Nur der junge Torwart Zubczuk verhinderte ein Debakel. Und auch sonst kann man sich auf nichts verlassen: Außer Ayacucho siegten auch die Konkurrenten Unión Comercio, Sport Boys und Sport Rosario (und sogar Comerciantes Unidos, das zehn Punkte hinter La U aber ein episches Wunder für den Klassenerhalt benötigt). Nun steht zehn Spieltage vor Saisonende das stolze Universitario de Deportes auf Platz 15, drei Punkte hinter dem rettenden Ufer.

Der “Dino” am Abgrund

Natürlich ist noch nicht alles verloren für die Cremas, aber die Vorzeichen sind bedenklich. Die Defensive wackelt extrem, weil individuelle Klasse und taktische Geschlossenheit weitgehend abgehen und der Kader wenig Alternativen bietet. Am Wochenende musste der eigentliche Offensivspieler Javier Núnez den verletzten Kapitän Corzo rechts hinten vertreten und wurde von Gegenspieler Sandoval schwindlig gespielt, ehe er zur Pause erlöst wurde. An seiner Stelle rückte der defensive Mittelfeldspieler Emanuel Paucar auf die Rechtsverteidigerposition und litt dort die gleichen Qualen: Am Ende hatte Sandoval zwei Tore selbst erzielt und zwei vorbereitet. Auch in der Innenverteidigung fehlte ohne den ebenfalls verletzten Rodriguez die Übersicht und Klasse, Benincasa und Schuler waren hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt und sind insgesamt nur biederer Durchschnitt. Das deutet auf eine grundlegende Dysbalance der Kaderplanung von La U hin: Hinter den Spitzenspielern, die oft mit körperlichen Wehwehchen zu kämpfen haben (Quintero, Rodriguez, Corzo) oder meilenweit von ihrer Bestform entfernt sind (Fernández, Chávez, Vargas, Figuera), fehlt es an einem klaren Konzept. Trainer Nicolás Cordova, der bei seiner letzten Station schon den chilenischen Klub Santiago Wanderers in einen überraschenden Abstieg geführt hat, kann bisher weder über die taktische Ausrichtung noch über geschickte Personalwahl gegensteuern – ganz im Gegenteil, die Rotationen der Ersatzspieler scheinen eher für maximale Verwirrung zu sorgen. Sagenhafte 33 unterschiedliche Spieler haben die Cremas 2018 im Ligabetrieb eingesetzt. Dazu kommt eine markante Schwäche gegen die direkte Konkurrenz: Gerade mal zehn Punkte und einen Sieg(!) aus 14 Spielen gab es gegen Rosario, Cantolao, San Martin, Ayacucho und Unión Comercio. So wird der Klassenerhalt zur Herkulesaufgabe. Übrigens: Seit 1928 spielt die U ununterbruchen in der ersten Liga, ist damit der “Dino” des peruanischen Fußballs. Nur einmal stand man vor dem Abgrund: 1947. Damals wurde das Relegationsspiel gegen Sporting Tabaco (das heutige Sporting Cristal) aber kurzfristig abgesagt, weil der Verband doch auf Absteiger verzichtete. Auf ein ähnliches Glück sollte man in Ate 2018 nicht vertrauen.