Das Wunder vom Titicacasee

Fußballverrückt sind sie wie alle Peruaner, die Menschen vom Titicacasee. Eigentlich wäre zu erwarten gewesen, dass die Einwohner von Puno, Desaguadero und Juliaca wie die ganze Welt am vergangenen Samstag vor dem Fernseher sitzen würden, Champions League-Finale, das Spiel der Spiele. Doch stattdessen strömten sie fast zeitgleich in das Estadio Municipal von Juliaca. Und eine knappe Stunde, nachdem Jürgen Klopp den Henkelpott in den Nachthimmel von Madrid streckte, bekam Michael Sotillo eine silberne Schale überreicht, die in ihrer Bedeutung kaum zu ermessen ist.

Das Hochplateau des Titicacasee ist eine bescheidene Region, geprägt von eisigen Winden und schneebedeckten Bergen. So malerisch der See selbst, so wenig pittoresk sind die Lebensbedingungen der hier lebenden Menschen. Juliaca, die Stadt, in der Michael Sotillo jubeln durfte, ist laut Lonely Planet ein „spröder, unfertiger Schandfleck inmitten einer wunderschönen Landschaft“. Desaguadero heißt wörtlich „Abfluss“ (und meint den Río Desaguadero, der aus dem Titicacasee fließt) und ist nicht schöner. Lediglich das koloniale Puno versprüht etwas Glamour, doch auch in der Hauptstadt der Region zeugen die unfertigen Häuser von der fehlenden Finanzkraft des Altiplano.

Der Klub: Neun Jahre, drei Heimspielstätten

In Desaguadero beginnt vor gerade einmal neun Jahren die Geschichte, die letzte Woche ihren vorläufigen Höhepunkt fand. Der Bürgermeister der Stadt, Juan Carlos Aquino, gründete Deportivo Binacional, dessen Name eine Hommage an die zweisprachige Region des Altiplano ist: Das Hochland an der Grenze zu Bolivien ist von der peruanischen Nation ebenso geprägt wie vom kulturellen Erbe der Aymara. In der Region Puno hat der Fußball Tradition, aber besonders hochklassig ist er nicht. Der legendäre Klub Alfonso Ugarte Puno, der mit der Vizemeisterschaft 1976 und der Copa Libertadores-Teilnahme 1977 den mit Abstand größten fußballerischen Erfolg der Region vorzuweisen hatte, trudelt seit Jahren durch die Copa Perú, den größten Amateurwettbewerb der Welt. Die weiteren Klubs wie etwa die Diablos Rojos aus Juliaca sind noch weitaus erfolgloser. Die Struktur des peruanischen Aufstiegs bedeutet, dass der Poderoso del Sur sich nicht lange durch die Ligen kämpfen musste, sondern früh auf Augenhöhe mit den Großen der Region um den Einzug in die nationale Phase kämpfen konnte. Dieser gelingt erstmals 2012, doch in den Folgejahren kamen die Himmelblauen nicht mehr über die Regionalphase hinaus.

Für das Jahr 2016 traf die Klubführung eine weitreichende Entscheidung, die im Kontext des peruanischen Fußballs gar nicht so seltsam klingt, wie es dem gemeinen Mitteleuropäer erscheinen mag: Auf der Suche nach mehr Geld und besseren sportlichen Möglichkeiten zog der Klub in die wohlhabendere Großstadt Arequipa, einige Stunden vom Titicacasee entfernt. Dort fasste der Verein schnell Fuß, qualifizierte sich 2016 für die Endrunde der Copa Perú und schaffte 2017 den Aufstieg. Auch die Debütsaison der Himmelblauen in der ersten Liga verlief alles andere als schlecht, am Ende qualifizierte man sich sogar für die Copa Sudamericana. Doch es gab auch Dissonanzen. Binacional geriet in finanzielle Schwierigkeiten, konnte die Spieler und die Stadionmiete oft nur verspätet bezahlen. So etwas ist in Peru oft der Beginn einer institutionellen Implosion, wie sie etwa 2018 Sport Rosario erlebte. Auch im Falle Binacionals stand so etwas zu befürchten – der Verein sah noch vor wenigen Monaten ganz einfach nicht so aus, als stünden große Erfolge bevor. Immerhin wurde eine Entscheidung rundweg positiv aufgenommen: Binacional zog zur Saison 2019 wieder in die heimische Region Puno, genauer gesagt ins Estadio Guillermo Briceño Rosamedina von Juliaca. Dort suchte man mehr Unterstützung als in Arequipa, wo die Zuschauerzahlen zwar ordentlich waren, die Herzen der Einheimischen aber klar dem etablierten FBC Melgar gehört hatten. Zyniker meinten zudem, die Höhe von Juliaca (3825 Meter über dem Meeresspiegel) spielte eine entscheidende Rolle, um wenigstens die Heimspiele gewinnen zu können.

Der Kader: Wandervögel und viel Durchschnitt

Ganz unrecht hatten diese Stimmen nicht. Denn neben dem jungen Klub mit  dem etwas unsteten Werdegang versprach auch der Kader Binacionals wenig. Er ist praktisch vom ersten bis zum letzten Mann mit mittelmäßigen Wandervögeln besetzt. Repräsentativ sind Spieler wie der 34-jährige Kapitän Michael Sotillo, der in fast zehn Jahren Erstligafußball noch nie mehr als 22 (von in der Regel 44 möglichen) Ligaspiele bestritten hatte, oder Linksverteidiger Jeickson Reyes, der auf seinen beiden vorigen Stationen nach wenigen Monaten aussortiert worden war. Im Angriff stritten sich Marco Rodríguez, Héctor Zeta und Jefferson Collazos um einen Platz, die in der Vorsaison zusammen gerade mal 13 Tore in 93 Einsätzen erzielt hatten. und der größte Name der Mannschaft, Donald Millán, war unmittelbar vor der Saison von Ligarivale Real Garcilaso trotz Vorvertrags abrupt abgesägt worden. Ergänzt wurden dieses Ensemble durch Aufstiegshelden wie Innenverteidiger Eder Fernández und den dribbelstarken Andy Polar. Trainer war Javier Arce, ein 62-Jähriger Schleifer-Typ mit dunkler Sonnenbrille und einer turbulenten Karriere: Bei sechs Trainerstationen in der ersten peruanischen Liga hatte er es nur einmal länger als fünf(!) Monate ausgehalten, dafür aber zwei Abstiege in der Vita.

Javier Arces Binacional gewann zwölf von 16 Spielen, erzielte 14 Tore mehr als die zweitbeste Offensive der Liga, stellte in Mittelfeldspieler Donald Millan (elf Tore) einen der besten Spieler und Torjäger der Liga, brachte in Jungstar Andy Polar einen Nationalspieler hervor und war in der Apertura ganz einfach: Das beste Team Perus. Hinzu kam, dass man in Juliaca schnell eine Heimat fand und regelmäßig zahlreiche Fans anlocken konnte, die ihr Team zu acht Siegen in neun Spielen peitschten. Die Krönung kam mit einem souveränen 2:0-Erfolg über die Sport Boys. So konnte die Region Puno in einem völlig unerwarteten Moment ihren größten fußballerischen Erfolg feiern. Wie bedeutsam das ist, zeigt ein Blick in die Geschichtsbücher: Nur zwei Teams von außerhalb der Metropolregion Lima, Juan Aurich und Melgar, konnten jemals peruanischer Meister werden. Das kleine Binacional hat im Finale am Jahresende die historische Chance, es den beiden Traditionsklubs nachzumachen und die finanziell weit potenteren Teams aus Lima erneut zu düpieren. Der Sieg in der Apertura muss nicht das letzte Wunder vom Titicacasee gewesen sein.