Uruguay
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Saisonvorschau Uruguay: Wer ärgert die Grandes?

Die Grandes

Seit dem gestrigen Samstag rollt der Ball in Uruguay wieder. Dabei kehrt die Liga nach 13 Jahren im europäischen Kalender und dem halbjährigen Übergangsturnier Uruguayo Especial nun zum Kalenderjahr zurück.

Auch das Austragungsformat wurde leicht modifiziert. Neben dem Torneo Apertura und Torneo Clausura gibt es nun auch ein sogenanntes Torneo Intermedio. In diesem wird die Liga in zwei Gruppen eingeteilt, deren Sieger gegeneinander ein Finale ausspielen. Der Gewinner des Torneo Intermedio erhält dann einen Platz für die Copa Sudamericana. Die beiden Sieger von Apertura und Clausura dagegen treten im Halbfinale um den Jahrestitel an. Der Beste der Jahrestabelle (Apertura, Intermedio, Clausura) wartet anschließend im Finale auf den Gewinner des Halbfinals. Das sorgt für komplizierte Meisterschaftsausscheidungen, wenn der Sieger der Jahrestabelle zusätzlich eine Halbserie gewonnen hat: Dann spielt er im Halbfinale gegen den Gewinner der anderen Halbserie. Gewinnt der Sieger der Jahrestabelle dieses Halbfinale, ist er bereits Meister. Verliert er, muss er im Finale erneut gegen den gleichen Gegner antreten. Hat ein Team Apertura und Clausura gewonnen, ist aber wegen eines schwächeren Torneo Intermedio nicht Bester der Jahrestabelle, gilt es dennoch automatisch als Meister.

Für die Copa Libertadores qualifizieren sich die Sieger der Jahrestabelle, der Apertura und der Clausura. Zur Teilnahme an der Sudamericana berechtigt sind die vier besten der Jahrestabelle, die nicht für die Libertadores qualifiziert sind. Der Abstieg folgt einer Punktdurchschnittstabelle, in die die Saison 2017 und das Uruguayo Especial 2016 eingehen. Die  letzten drei dieser Tabelle müssen den Gang in die zweite Liga antreten. Die Zugpferde der Liga sind die beiden Grandes, Peñarol und Nacional, die zu den erfolgreichsten Klubs Südamerikas gehören und mit riesigem Abstand die meisten Fans anlocken. Allerdings haben Gewaltexzesse zuletzt viele friedliche Fans entfremdet. Traditionell ist der Rest der Liga bei Talentscouts fast beliebter als bei normalen Zuschauern – während der uruguayische Fußball regelmäßig große Talente hervorbringt, haben nur wenige Klubs eine halbwegs ernstzunehmende Fanbasis, viele Vereine spielen allwöchentlich vor einer dreistelligen Zuschauerzahl. Auch ist die Liga nur selten etwas für Ästheten – der Niveauunterschied zwischen den Klubs ist gering, und die typische Garra charrúa der Uruguayer sorgt ohnehin für umkämpfte Auseinandersetzungen, in denen das spielerische Element oft hintansteht.

Club Nacional


Der Verein: Im neuen Jahrtausend ist Nacional auf nationaler Ebene der erfolgreichste Klub Uruguays. Der letzte davon wurde in Uruguayo Especial errungen, in dem man Startschwierigkeiten hatte, dann aber exzellente Ergebnisse einfuhr. Der leichte Vorteil ,den man gegenüber Peñarol erlangt hat, hat viel mit seriöser(er) Arbeit auf Klubebene und der guten Nachwuchsschmiede zu tun, die unter anderem Luis Suárez hervorgebracht hat. Allerdings reichte das auch nicht, um international wirklich mithalten zu können – ein großer Dorn im Auge der Tricolores. Nacional gehört zu den zwei Grandes des Landes und gilt dabei als der Klub der oberen Mittelschicht.

Transfers: Der einzige wichtige Abgang nach der letzten erfolgreichen Halbserie ist der des erfahrenen Innenverteidigers Mauricio Victorino. Er wurde durch Alexis Rolín ersetzt, der als beweglicherer Typ ein etwas anderes Profil aufweist, aber ebenfalls auf nationalem Niveau ein herausragender Abwehrspieler ist. Auch der zentrale Mittelfeldspieler Alvaro Tata González, ehemals Lazio, und der Stürmer Rodrigo Aguirre, ehemals Udinese, sind Krachertransfers.

Stärken: Nacional hat einen ausgeglichenen Kader mit guter Mischung aus Erfahrenen und Talenten und ohne markante Schwachstellen. Mit Porras, Arismendi, Romero und González ist das zentrale Mittelfeld geradezu überragend besetzt, dazu ist Spielmacher Martin Ligüera der wohl beste Standardschütze der Liga.

Schwächen: Sportliche Schwächen gibt es kaum, am ehesten ist die Last der parallelen Copa Libertadores zu nennen, die ein paar Prozentpunkte Konzentration kosten und Rotation nötig machen dürfte. Allerdings ist auch die Bank der Tricolores stark besetzt.

 Diego Polenta mit dem Meisterschaftspokal

Der Schlüsselspieler: Kapitän Diego Polenta ist ein geborener Anführer, der alle klassischen Qualitäten eines Innenverteidigers mit guter Technik und starkem Aufbauspiel vereint. Darüber hinaus ist er ein exzellenter Elfmeterschütze. Vor der Saison wollte er Nacional eigentlich verlassen, letztlich aber scheiterten alle Bemühungen. Doch der ehemalige Italien-Legionär ist ein Vollprofi und wird alles daran setzen, mit Rolín zusammen eine unüberwindliche Innenverteidigung zu stellen.

Das Talent: Rodrigo Amaral sorgt aktuell beim U20-Südamerikaturnier für viel Furore. Der kreative und schussgewaltige Linksfuß hat die Begabung für eine ganz große Karriere, kam aber im letzten halben Jahr wegen Gewichtsproblemen nur einmal zum Einsatz. Überwindet er seine körperlichen Probleme, könnte er den Durchbruch schaffen.

Der Trainer: Martín Lasarte kehrte im Juli 2016 an seine alte Wirkungsstätte zurück und konnte prompt an alte Erfolge anknüpfen: Sein Titel im Uruguayo Especial war bereits sein dritter mit Nacional. Der erfahrene Coach gilt als hervorragender Taktiker und Motivator.

Die Chefutbol-Prognose: Amtierender Meister, der Kader nur kaum verändert in allen Bereichen exzellent aufgestellt, ein hervorragender Trainer: Momentan kann sich Nacional wohl nur selbst schlagen. Spürbar könnte allerdings die Doppelbelastung werden. Müdigkeit und Ablenkung könnten besonders in der Apertura ein paar Punkte kosten, und im Wesen der Kurzturniere liegt es, dass schon kurze gute oder schlechte Phasen sehr entscheidend sein können.

CA Peñarol

Der Verein: Noch mehr als Nacional ist Peñarol das Emblem des uruguayischen Fußballs. Von der FIFA zu Südamerikas Klub des (20.) Jahrhunderts gekürt, sind die Manyas gnadenlos erfolgsverwöhnt und anspruchsvoll. Die Aurinegros sind für die Heißblütigkeit ihrer Anhänger bekannt, die sich aus allen Gesellschaftsschichten rekrutieren, vor allem aber aus den unteren. Im letzten Jahr schlug diese Heißblütigkeit tragisch in Gewalttätigkeit um: Ein Spiel musste zur Halbzeit wegen eines Schusswechsels auf der Tribüne abgebrochen werden, ein weiteres konnte wegen randalierender Fans und fehlender polizeilicher Garantien gar nicht erst angepfiffen werden. Beide Spiele wurden als verloren gewertet. Dazu kam eine ohnehin desaströse sportliche Bilanz, so dass das stolze Peñarol in die Saison 2017 gemäß Punktedurchschnittstabelle zunächst sogar gegen den Abstieg kämpft. Der wirkliche Anspruch der Fans und Verantwortlichen ist aber natürlich der Titel. Momentan scheinen die Probleme im Verein aber so tiefgreifend, dass auch die Mannschaft in Mitleidenschaft gezogen wird.

Transfers: Der wichtigste Neuzugang ist der neue Trainer Leonardo Ramos, doch auch im Kader gab es Bewegung. Prominenteste Neuverpflichtung ist der erfahrene Nationalspieler Cristian Cebolla Rodríguez, der nach zwölf Jahren zum Klub seines Herzens zurückkehrte. Chancen auf einen Stammplatz haben wohl auch die Verteidiger Ronaldo Conceicao, Ramón Arias, Iván Villalba und Lucas Hernández, der Mittelfeldspieler Matías Mier und Stürmer Lucas Cavallini. Unter den Abgängen befindet sich der langjährige Kapitän, Verteidiger Carlos Valdéz. Auch Hernán Novick, Maxi Rodríguez und Miguel Murillo waren 2016 regelmäßig zum Einsatz gekommen.

Stärken: Trainer Leo Ramos hat schon mit schwächeren Teams um den Titel mitgespielt. Er scheint momentan vor Allem auf ein kampfstarkes, diszipliniertes Team bauen zu wollen. Individuell ist die Klasse zwar nicht so hoch wie in früheren Teams, aber dennoch besser als beim allergrößten Teil der Liga.

Schwächen: Eine erschütternde Kreativlosigkeit zog sich in den letzten Jahren wie ein roter Faden durch das Spiel Peñarols, selbst als man im Juni 2016 zuletzt Meister wurde. In der letzten Halbserie zählte man trotz zahllosen durchaus hochklassigen Mittelstürmern sogar zu den angriffsschwächsten Teams der ganzen Liga. Ramos‘ Fokus auf Disziplin und Kampfstärke wird diese Schwäche kaum wirklich beheben können. Die größte Gefahr lauert aber außerhalb des Feldes: Erwischt die Mannschaft keinen guten Tag, dauert es oft keine 30 Minuten, bis sich Unruhe auf den Rängen ausbreitet. Dazu kommen die dauernde Beobachtung durch die Medienlandschaft, die Gewaltprobleme der Fans und eine zuletzt durchweg desaströse Klubführung.

 “Cebolla” Rodríguez (hier noch im Trikot von Independiente de Avellaneda) ist das Aushängeschild von Peñarol

Der Schlüsselspieler: Cristian Rodríguez ist mit großem Abstand der erfahrenste und beste Spieler des Teams. Der frühere Spieler von Atlético Madrid befindet sich im Spätstadium einer erfolgreichen Karriere mit zahlreichen Länderspielen. Sein Körper zollt dem bereits Tribut: Langwierige Muskelprobleme prägten seine letzten Jahre, und die Laufstärke vergangener Zeiten hat er auch nicht mehr im Tank. Dennoch wird er als Integrationsfigur, Führungskraft und starker Passgeber der wichtigste Akteur im Team sein.

Das Talent: Der 18-jährige Stürmer Diego Rossi hat in jungen Jahren schon einmal eine Meisterschaft mitentschieden: Sein Treffer gegen Plaza Colonia rettete die Manyas im Juni 2016 in die Verlängerung des Halbfinales, das sein Team letztlich mit 3:1 für sich entscheiden und so den Titel feiern konnte. Er ist sehr beweglich, antrittsschnell und hat einen guten Torriecher.

Der Trainer: Leonardo Ramos erbt keine leichte Aufgabe, doch an Selbstvertrauen fehlt es dem 5?-Jährigen nie. Für Understatement hätte er auch keinen Grund, schließlich zählt er zu den erfolgreichsten Trainern der letzten Jahre in Uruguay. 2014 machte er Danubio sensationell zum Meister, und auch im Uruguayo Especial spielte er mit La Franja um den Titel mit. Er gilt als Machertyp und hat mit harter Hand schon einige Spieler aussortiert. Im chaotischen Umfeld der Manyas kann eine solch geradlinige Herangehensweise Gold wert sein.

Die Chefutbol-Prognose: Sportlich wie institutionell durchläuft Peñarol eine Krise. Dass der letzte Titel dennoch erst ein halbes Jahr her ist, unterstreicht die Kräfteverhältnisse in der uruguayischen Liga und den Sonderstatus der Grandes. Der Kader ist nicht besonders gut besetzt, dazu kommen zahlreiche Probleme von außerhalb. Wenn Leo Ramos das Team mental neu ausrichten und in der Spitzengruppe etablieren kann, wäre für diese Saison schon viel gewonnen.