Schiedsrichterstreik in Uruguay – wie lange ruht der Ball?

CA Basáñez und CA Platense? Nie gehört: Selbst viele Uruguayer kennen die beiden Klubs aus Montevideo nicht, die beide in der drittklassigen Segunda Divisón B spielen und zusammen auf zwei Jahre Erstligaerfahrung kommen. Doch ein A-Jugendspiel zwischen beiden Vereinen schlägt gerade hohe Wellen und sorgt dafür, dass die erste Liga pausieren muss. Grund ist ein Schiedsrichterstreik.

Der von Gewalt gebeutelte uruguayische Fußball ist mal wieder um ein unschönes Kapitel reicher. Am vergangenen Samstagvormittag war es ein A-Jugendspiel der dritten Liga, in dem die Linienrichterin Anahí Fernández und ihr Freund, der Zweitligareferee und Spielbeobachter Carlos Rocca, vor einer aggressiven Meute aus Zuschauern und Spielern – in der Mehrzahl von Platense – fliehen mussten und dabei mehrere Schläge, Tritte und Steinwürfe abbekamen. Rocca hatte ein Kind gebeten, keine Steine mehr auf die Linienrichterin zu werfen, in der Folge kam es zu drastischen Handgreiflichkeiten, bei denen Zuschauer Rocca als Profischiedsrichter erkannten und offensichtlich für Freiwild hielten.

 

Die unschönen Szenen, von denen Amateuraufnahmen existieren, spiegeln nach Ansicht der Schiedsrichtervereinigung Audaf ein systematisches Problem im uruguayischen Fußball wieder: Fehlender Respekt gegenüber den Referees. Bereits mehrfach wurden Spielleiter in allen Altersklassen von Gegenständen getroffen oder attackiert, und auch die hitzigen medialen Debatten versteifen sich allzu oft – und allzu respektlos – auf die Rolle der Männer mit der Pfeife. Um ein Signal zu setzen, beschloss die Audaf, ab vergangenem Sonntag ausnahmslos alle Spiele zu boykottieren. In der Folge wurden auch die ausstehenden Spiele des sechsten Spieltags des Torneo Uruguayo abgesagt, doch wer nur eine leichte Verzögerung erwartet hatte, der sah sich getäuscht: Der Streik wird bis zum Sportgerichturteil zu dem Spiel am kommenden Mittwoch verlängert. Damit bedeutet der Boykott eine Verlängerung der Saison um mindestens zwei Wochen – oder Spiele unter der Woche, die die Vereine um jeden Preis vermeiden wollen, weil die dann ohnehin meist unterirdischen Zuschauerzahlen nocheinmal um rund die Hälfte sinken. Das würde einen schweren Schlag für die auf Eintrittsgelder angewiesenen Klubs bedeuten.

Platense immerhin hat schon Konsequenzen gezogen: Die komplette U20-Mannschaft samt Trainerstab wurde abgemeldet. Beim Versuch der zivilrechtlichen Verfolgung der Aggressionen kam es dabei zu dem Kuriosum, dass ein vermeintlicher Straftäter aussagte, er habe niemals für Platense gespielt und kenne die Mannschaft gar nicht – offenbar hatte der Klub tatsächlich eine falsche Identität eines Spielers angegeben. Auch Gastgeber Basáñez entließ einige Jugendspieler. Neben der zivilrechtlichen Verfolgung werden aber vor allem die sportrechlichen Konsequenzen mit Spannung erwartet, denn angesichts der Ankündigung der Audaf, bis zur Verkündigung der Strafen zu streiken, kann man damit rechnen, dass die Schiedsrichter sehr harte Urteile erzwingen wollen.

Doch selbst wenn der Schiedsrichterstreik bald beendet werden sollte, schweben weitere Spielabsagen über der Liga: Im Streit mit der Spielergewerkschaft Mutual Uruguaya de Futbolistas droht die Bewegung Más Unidos Que Nunca, der auch einige prominente Nationalspieler wie etwa Diego Godín und Luis Suárez angehören, mit Streiks. Más Unidos Que Nunca denunziert Unregelmäßigkeiten in den Formalia und Abläufen der Mutual und will per Gerichtsentscheid den Vorstand der Gewerkschaft seines Amtes entheben. Am 12. Oktober wird das Urteil erwartet, und Más Unidos Que Nunca will in einer Sitzung am Montag entscheiden, ob sie per bis zu diesem Datum streiken wollen, um der Mutual die Unzufriedenheit mit der Situation deutlich zu machen. Die einflussreiche Bewegung würde wohl den Rückhalt aufbringen, um den Ball weiter ruhen zu lassen, doch die Konsequenzen wären unabsehbar: Zum einen wäre eine solche Verweigerung nicht vom Streikrecht geschützt, da nur die Mutual Uruguaya de Futbolistas als einzig gesetzlich anerkannte Gewerkschaft dieses Recht genießt. Damit könnten die Vereine Spieler theoretisch wegen Nichteinhaltung der Verträge entlassen. Zum anderen würde sich das Saisonende dann noch weiter nach hinten verschieben, vermutlich bis Weihnachten. Einige Verträge von Spielern enden jedoch schon vorher. Egal, wie die Schiedsrichter und Más Unidos Que Nunca entscheiden werden: Der uruguayische Fußball durchlebt harte Zeiten, und die Aussichten auf Besserung sind überschaubar.