Penarol

Uruguay vor dem Clásico: Es geht um alles

Der uruguayische Clásico zwischen Peñarol und Nacional ist einer der ältesten und heißesten des Kontinents. Diesmal geht’s wirklich um alles: Während Peñarol mit einem Sieg den Clausura-Titel fix machen kann, könnte Nacional den Carboneros bei einem eigenen Erfolg wieder auf die Pelle rücken. Und auch in der Jahrestabelle trennt beide nur ein Punkt…

Esa película ya la vi (den Film hab ich schon mal gesehen): So reagierten viele Nacional-Fans auf die jüngsten Punktverluste. Von den letzten vier Ligaspielen gewannen die Albos nur eines, am Wochenende gab’s ein 0:1 gegen Abstiegskandidat Boston River. Der Film, der den Hinchas so bekannt vorkommt, ist folgender: Nacional führt in der Jahrestabelle lange bequem vor Peñarol, bricht aber auf den letzten Metern ein, verliert den Clásico und lässt sich den Titel ausgerechnet vom Erzrivalen wegschnappen. So geschehen 2017. Und 2018 deutet vieles in eine ähnliche Richtung: Nacional gewann zwar Apertura und Torneo Intermedio und führte zwischenzeitlich mit sieben Punkten in der Jahrestabelle, hat aber in dieser nach der jüngsten Formdelle nur noch einen Zähler Vorsprung auf Peñarol. Die Carboneros dagegen liegen drei Spieltage vor Schluss der Clausura vier Punkte vor Nacional. Das heißt: Mit einem Sieg könnte Peñarol den Sieg in der Clausura fix machen und Nacional in der Jahrestabelle überholen – ein großer Vorteil auf dem Weg zum Titel, auch wenn Nacional als Sieger der Apertura bereits mindestens für das Halbfinale qualifiziert ist (im Halbfinale treffen die Sieger von Apertura und Clausura aufeinander, der Gewinner im Finale auf den Ersten der Jahrestabelle). Das heißt aber auch: Wenn Nacional siegt, könnte man Peñarol in der Clausura vielleicht sogar noch abfangen – dann ginge der Titel auf jeden Fall in die Avenida 8 de Octubre. Die Spannung ist auf jeden Fall zum Greifen in Montevideo: Nur auf der Nacional-Tribüne Olimipica gibt es noch ein paar Karten, ansonsten ist das altehrwürdige Estadio Centenario ausverkauft.

Peñarol: Die Punkte stimmen, die Verletzten machen Sorgen

12 Spiele, 29 Punkte – rein bilanziell ist bei Peñarol momentan alles im Lot. In den letzten elf Ligaspielen siegten die Manyas neunmal, auch wenn zwei unglückliche Punktverluste gegen Rampla und Torque die Stimmung etwas drücken. Allerdings schwebt immer noch das blamable Ausscheiden aus Copa Libertadores und Copa Sudamericana über dem Verein – Coach Diego López ist seitdem angezählt, auch wenn seine nationale Punktausbeute hervorragend ist. Seine Manyas haben mit 21 Toren den besten Angriff und mit 8 Gegentoren die beste Defensive der Liga. Die Achse aus Kevin Dawson, Innenverteidiger Fabricio Formiliano, dem Caudillo Cristian Rodriguez und Goalgetter Gabriel Toro Fernández macht trotz fußballerisch oft mäßiger Auftritte in der heimischen Liga fast immer den Unterschied. Allerdings macht die medizinische Abteilung Sorgen: Formiliano und der trotz bescheidener Torquote eminent wichtige Angreifer Lucas Viatri sind angeschlagen. Und Walter Gargano, der Kopf hinter der überragenden Rückrunde 2017, hat nach einem Kreuzbandriss im März gerade mal 45 Minuten Fußball in den Beinen, zu Wochenbeginn gegen Fénix‘ Reserve. Alle drei kämpfen noch um ihren Einsatz im Clásico, wobei es zumindest bei Gargano sicher nicht für die Startelf reichen würde.

Nacional: Ladehemmung in der Offensive

Bei Nacional kann das Pendel noch weit ausschwingen: Es könnte eine brillante Saison werden – im Debütjahr von Coach Alexander Medina steht man im Viertelfinale der Copa Sudamericana, dazu hat man in der heimischen Liga noch alle Karten in der Hand. Doch wenn man dem Druck von Peñarol nicht standhält, wird es wohl mal wieder ein Jahr zum Vergessen für die Tricolores. Deshalb darf der Clásico keinesfalls verloren werden – eine Ehrenrunde des Erzrivalen im Estadio Centenario wäre eine Blamage für das Team aus La Blanqueada. Besonders gut ist dessen Form nicht, besonders die Trefferquote von 15 Toren aus 12 Spielen stimmt nachdenklich – außer dem auch nicht immer glücklichen, aber enorm präsenten Gonzalo Bergessio fehlt es an Torgefahr. Die medienwirksame Rückkehr von Altstar Pierre Webó hat sich bislang noch nicht bezahlt gemacht. Vermutlich setzt Medina daher neben Bergessio diesmal auf den Clasico-erfahrenen Papelito Fernández. Und in der Innenverteidigung hat Nacional nicht das Tempo, um mit einer hohen Abwehrkette zu spielen, was die Innenverteidiger Rodrigo Erramuspe und Rafa García zuletzt öfter in Not gebracht hat. Ihr Abwehrkollege Alexis Rolín ist derweil angeschlagen und dürfte ebenso fehlen wie der langzeitverletzte Guzmán Corujo. Ohne die beiden muss Nacional versuchen, das erste Mal seit Juni 2015 einen Clásico auf dem Spielfeld zu gewinnen – dazwischen steht nur eine Spielwertung zu Gunsten der Albos in den Geschichtsbüchern, als ein Clásico nach Ausschreitungen von Peñarol-Fans gar nicht erst angepfiffen wurde. Topstimmung ist auf jeden Fall zu erwarten, wie dieses knapp sechs Jahre alte Video verdeutlicht.