Sebastian Abreu
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25 Vereine und fünf Minuten Weltruhm: El Loco Abreu

Der Uruguayer Sebastián Abreu, genannt El Loco, hat eine der erstaunlichsten Karrieren im Weltfußball hingelegt, und stellt demnächst einen Weltrekord ein. Heute jährt sich zum siebten mal der größte Moment seine Karriere, der in kurz weltweit ins Rampenlicht brachte. Wir zeichnen seine Karriere nach

Als Washington Sebastián Abreu Gallo sich der Welt vorstellen wollte, hatte er keine Eile. Aufrecht, ohne Eile, den Rücken durchgedrückt, die Haare seiner ewigen Hippiemähne zurücksteckend, schlenderte er unbeeindruckt Richtung Tor. Er klopfte den Elfmeterpunkt glatt, legte sich den Ball fein säuberlich zurecht, lief langsam an, sah den Torwart springen und spitzelte mit dem Fuß unter das Leder, ganz sachte. Der Ball stieg kurz an und flog in Zeitlupe in die Tormitte, über den liegenden Keeper Richard Kingson hinweg, der nur noch verzweifelt hinterherschauen konnte. Es war einer der dreistesten Elfmeter der WM-Geschichte, und es war das Tor, das Uruguay das Tor ins Halbfinale einer Weltmeisterschaft aufstieß, das vielleicht wichtigste für Uruguay seit dem Copa-America-Titel 1995. Erzielt hatte es Abreu, wie es seine Art war: Abgezockt, frech, mit riesigem Selbstvertrauen und höchstem Risiko, den lässigsten aller Strafstöße wählend, aber eben auch derjenigen mit der größten Fallhöhe für den Schützen. Nicht auszudenken, wenn Kingson einfach stehengeblieben wäre.

Ein Elfmeter für die Ewigkeit

Es war dies ein Moment, der allen Uruguayern immer in die Herzen eingraviert bleiben, der ins kollektive Gedächtnis dieser fußballverrückten Nation eingeschrieben bleiben wird. Der uruguayische Musiker Me Dicen K-Yaaate hat ihm fünf Jahre nach seinem Treffer ein Video gewidmet, das die Stimmung der Uruguayer wunderbar einfängt, die Beschwörungen: Loco vos no podés errar Loco Loco vos no podés errar Loco, und den ekstatischen Jubel nach seinem geradezu absurden Elfmeter. Dann erzählt er, wie El Loco Abreu, der verrückte Abreu, sich für den Lupfer entschieden hatte:
Le tocaba patear
Ese último penal
Todo el mundo ya sabía que la iba a picar
No paró de preguntarle al Fuci „dónde fue el arquero?“
Que cansado respondió „picála y no rompas los huevos“
La picó porque huevo le sobró
(“Er musste diesen letzten Elfer schießen / Jeder wusste schon, dass er ihn lupfen würde / und doch fragte er Fucile „was macht der Torwart?“ / und der antwortete genervt „lupf jetzt und geh mir nicht auf die Eier“ / Er lupfte, denn Eier hatte er wirklich”).

Tatsächlich hat Abreu die Geschichte ungefähr so selbst erzählt: Wie er gemeinsam mit Jorge Fucile die Bewegungen des ghanaischen Torwarts analysierte, und wie Fucile sehr schnell merkte, woran Abreu dachte: Dass er den Ball in die Mitte lupfen wollte. Am Vortag, beim Elfmeterschießen im Training, hatte Abreu noch vergeben, doch seinem Selbstvertrauen tat das keinen Abbruch. Und während seine Teamkameraden und Landsleute tausend Tode starben, weil sie die Verrücktheiten des Loco Abreu kannten, konnte diesen nichts erschüttern. Ganz locker traf er, später sollte er sagen: Der ghanaische Torwart sei der einzige gewesen, der nicht gewusst habe, dass er den Ball lupfen würde. In der Tat war der Lupfer eine typische Form eines Selbstvertrauens, das Abreu immer besessen hat und das einen guten Torjäger wohl ausmacht. Huevo le sobró, wie Me Dicen K-Yaaate singt, Eier hatte er wirklich. Nie scheut er vor Verantwortung zurück, in fast allen seinen Klubs hatte er exzellente Scorerwerte. Nur bei einem einzigen Verein, bei Beitar Jerusalem, blieb er torlos. Auch für Uruguays Mannschaft, mit der er 2010 bis ins WM-Halbfinale kam und 2011 die Copa América gewann, war Abreu immer wichtig: Zunächst als Torjäger, im Alter dann vor allem für das Mannschaftsklima wichtig, legendär war der Zusammenhalt des Teams um die erfahrenen Führungsfiguren Abreu und Lugano (sozialer veranlagt als das Genie der Mannschaft, Diego Forlán), nie fehlte es an Mate und Musik. Und wenn man Abreus Abgezocktheit brauchte, war er immer zur Stelle.

Wandervogel und Spitzenstürmer

Wenn vorhin gesagt wurde, dass Abreu sich an jenem 2. Juli 2010 der Weltöffentlichkeit vorstellen wollte, dann ist das nur halb richtig. Man kannte ihn immerhin schon an dem einen oder anderen Ort: Geboren im uruguayischen Hinterland in Minas, spielte er in seiner Jugend und in seinem ersten Jahr für Defensor Sporting, wo er in seinem ersten Profijahr (damals noch mit bravem Kurzhaarschnitt und Jungmänneroberlippenbart) ebenso exzellente Statistiken hatte wie in den darauffolgenden anderthalb Jahren für den argentinischen Verein San Lorenzo. Schon früh schaffte er auch den Durchbruch in die Nationalmannschaft, die legendäre Celeste. In den stärkeren Ligen in Spanien, wo er für Depor aufgelaufen war, und Brasilien, wo er Gremios Trikot verteidigt hatte, blieb ihm dann jedoch der Durchbruch verwehrt. Seine besten Jahre begannen 23-jährig mit einem Wechsel nach Mexiko zu den Estudiantes Tecos. 105 Treffer in 131 Spiele erzielte er in den darauffolgenden vier Jahren, für vier unterschiedliche Klubs in Mexiko (Tecos und Cruz Azul), Uruguay (Nacional) und Argentinien (erneut San Lorenzo), dazu kamen zwei Titel mit Nacional und San Lorenzo und die Auszeichnung als Uruguays Spieler des Jahres 2001. In den Folgejahren lief er für zahllose mexikanische Klubs auf und für River Plate in Argentinien, machte ein paar unglückliche Spiele für Beitar Jerusalem, scheiterte mit Real Sociedad San Sebastián in Spaniens zweiter Liga trotz elf Toren in 18 Spielen am Aufstieg, spielte in Griechenland für Aris Saloniki und in Rio de Janeiro für Botafogo, wo er während der WM 2010 unter Vertrag stand.

Doch trotz all dieser Klubs wusste die Weltöffentlichkeit, die ganz große Bühne nicht, wer dieser groß gewachsene Stürmer mit der Hippiemähne und dem Dreitagebart war, den Uruguay da in der 76. Minute eingewechselt hatte und der nach den Fehlschüssen der Ghanaer Mensah und Adiyiah den Halbfinaleinzug auf dem Fuß hatte. Im Spiel hatte der immer etwas staksig wirkende und nicht eben antrittsschnelle Abreu noch keinen großen Eindruck hinterlassen, doch mit seinem Elfmeter zog er alle Augen auf sich, fünf Minuten Weltruhm für einen Mann, der in seinen besten Zeiten war er einer der besten Stürmer Lateinamerikas wars: Ein klassischer Neuner, physisch stark, zielstrebig, mit dem richtigen Riecher für die Engen der Strafräume. Und er schoss beinahe jeden Elfmeter, darunter mehr als einen Lupfer, à la Panenka. Auch später, als er zusehends langsamer wurde, blieben seine Torquoten immer mindestens gut, dazu ist sein Trophäenschrank mit mehreren nationalen Titeln, einigen Torjägerkanonen und der Copa América 2011 gut gefüllt. Sein Selbstvertrauen war ohnehin unerschütterlich.

Kontroversen und ein Weltrekord

Dennoch schätzt man Abreu nicht überall. Ein argentinischer Fan hat Fotos von Abreu in all seinen Trikots zusammengestellt, mit dem Daumen nach unten: Einer, dem nichts heilig ist außer das Geld, sollte das heißen. Diese Meinung teilen so manche Fans, sogar unter denen, die ihn zuvor verehrt hatten. So etwa die Anhänger von San Lorenzo, seinem ersten Klub im Ausland, die ihm seine späteren Wechsel zu River Plate und Rosario nicht verziehen, oder die von Cruz Azul, für die er eine überragende Saison spielte, dann aber nach einem massiven Streit mit der Klubführung ausgerechnet zum verhassten Erzrivalen América wechselte. Selbst bei Nacional, dem Klub, mit dem Abreu in Uruguay identifiziert wird, grummelten die Fans nach seiner letzten Rückkehr, dass sein Ego mittlerweile seine sportlichen Fähigkeiten deutlich überschritten hätte. Und bei fast allen Klubs konnte man nicht verstehen, warum Abreu nie blieb, wenn es mal gut lief. Nur für Botafogo, wo die Fans ihren Loco bis heute verehren, spielte er zwei ganze Saisons in Folge (von 2010 bis Anfang 2012), alle anderen Klubs verließ er schnell wieder. Amor a la Guita (die Liebe zum Geld), das war das böse Wort, mit dem viele Abreu charakterisierten. Denn so ist Abreu: Selbstbewusst bis an der Grenze zur Arroganz, fokussiert bis an die Grenze zum Egoismus, flexibel bis an die Grenze fehlender Identifikation.

Obwohl nun schon 34, war Abreu auch während seiner Zeit bei Botafogo alles andere als sesshaft geworden: Danach folgten ein halbes Jahr bei Figueirense, ein halbes bei Nacional, anderthalb Saisons für Rosario und wiederum ein halbes für Nacional. Viele gingen davon aus, dass Abreu sich nun wie immer angekündigt bei seinem Jugendklub Defensor zur Ruhe setzen zu wollen, doch nicht so El Loco, der sich stattdessen noch ein paar exotischere Stempel für seinen Reisepass holte: Er ging, immer nur für ein halbes Jahr, nach Ecuador (Aucas), Paraguay (Sol de América) und El Salvador (wo er Santa Tecla zum Titel schoss), dann wieder nach Brasilien (Bangu) und Uruguay (Zweitligist Central Español). Und selbst als er 40-jährig wieder in seinem Heimatland aufgeschlagen hatte, juckte das Fernweh Abreu noch. Vor kurzem unterschrieb er beim chilenischen Zweitligisten Deportes Puerto Montt, ganz im Süden des Landes. Ab Juli soll er das Trikot der Salmoneros tragen, es wird sein 25. Verein im zehnten Land. Damit stellt Abreu den Weltrekord des Deutschen Lutz Pfannenstiel ein, und wenige zweifeln daran, dass er auch noch einen 26. Verein finden wird, der die Tore dieses Stürmers gebrauchen kann, den sie El Loco, den Verrückten, nennen. Und doch: Seine fünf Minuten Weltruhm hat Sebastián Abreu schon gehabt, an jenem 2. Juli 2010 in Johannesburg. Mit mehr Stil hätte er sie nicht nutzen können.